U.a. Et Kamellestüffche

Mittwoch. Es zieht uns hin, ein Walk durch Ahrweiler muss sein.
Was ist mit den vertrauten Ecken, Kneipen, Menschen? Zuerst fällt der Lärm auf: Überall brummt und knattert es. Die Haus- und Ladeneingänge nur noch teilweise vernagelt, Trockenmaschinen versuchen das Flutwasser aus den Gemäuern zu ziehen. Bei den alten Fachwerkhäusern, wo das Mauerwerk aus einer Stroh-Lehmmischung besteht, ist das ein langwieriges Geschäft. Bis zu einem halben Jahr kann es schon dauern, meint einer der Helfer, die nach wie vor unermüdlich im Einsatz sind. Der Staub weht durch die Straßen und legt sich aufs Gesicht und die Atemwege. Wenigstens stinkt der Schlamm nicht mehr so. Vor manchen Häusern sitzen Leute auf zusammengerückten Stühlen und diskutieren die Lage. Wir machen wieder auf!, verspricht mir der Eigentümer vom Kamellestüffche in der Niederhutstraße. Das war einmal mein Lieblingsladen, sage ich. Meiner auch, meint der Friseur von nebenan, der auch zur Runde gehört. In ganz Deutschland gibt es keine Trockenmaschine mehr, sagt einer. Man könnte sich eine Klimaanlage einbauen lassen, zieht auch die Feuchtigkeit raus, sagt ein anderer.
Fast alle Handwerksbetriebe vor Ort haben ihre Werkstätten und Geräte in der Flut verloren. Die Geschäftigkeit täuscht, viele Betriebe und Läden werden nicht wieder öffnen. 23 Tage gab es kein Wasser, jetzt fließt es wieder, und der Strom auch, allerdings nicht in allen Etagen, was die Arbeiten und das Leben erschwert. Da die Gasleitungen komplett zerstört sind und es voraussichtlich bis März ’22 dauern wird, bis das Netz wieder intakt ist, stehen Flüssiggasbehälter vor den Eingängen. Die Dixi-Klos sind weitgehend verschwunden, die Schuttberge deutlich kleiner, statt dessen überall Container, Bauwagen, Betonmischer. Außer Helfern und Handwerkern ist kein Mensch auf der Straße, wir sind fehl am Platz, die Fotografiererei macht misstrauisch. Nicht gucken, helfen!, ruft uns jemand hinterher, weil er uns für Gaffer hält.
Am schlimmsten steht es um die Ahr. Schlammberge säumen das Ufer, wo früher Bäume und Sträucher wuchsen und Enten nisteten. Ein Baum steckt immer noch in PMs Esszimmerfenster, wie man von Weitem sieht. Die Schulen, von denen mehrere direkt am Fluss stehen, sind in einem trostlosen Zustand, manche müssen abgerissen werden. Das Ahrbett ist voller Müll und Unrat. Eigentlich hätte es schon nach dem Hochwasser von 2016 ausgehoben werden müssen. Ausgerissene Bäume und Geröllberge von damals haben dazu beigetragen, dass die Flutwelle sich vor den Brücken gestaut und manche schließlich zum Einsturz gebracht hat. Die Stadtverwaltung hat lieber in die bevorstehende, wegen fehlerhafter Finanzierung ohnehin schon verschobene Landesgartenschau (LAGA 22) investiert, von der jetzt kein Mensch mehr redet.
Auf die juristische Aufarbeitung sind wir gespannt. Nach einem Kurzauftritt unmittelbar nach der Katastrophe mit am Ende 133 Toten war Landrat Pföhler zehn Tage lang abgetaucht. Als die Medienbeiträge massiver wurden, meinte PM: Ab morgen ist er krankgeschrieben. Einen Tag später hieß es: „Landrat Dr. Jürgen Pföhler kann krankheitsbedingt sein Amt absehbar nicht mehr ausüben.“ 
Zu seinem Haus will PM nicht mehr. In gedrückter Stimmung fahren wir Richtung Tübingen.

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RIP Charlie

Mittwoch, Oberdürenbach. OMG! Nachts auf der Rückfahrt von einem superschönen Abend bei A. und K. in St. Augustin hören wir im Radio, dass Charlie Watts gestorben ist. Die Horrorvorstellung, dass mal einer von den Stones stirbt … jetzt ist sie wahr geworden.
Der Sir der Steine, die nie Moos ansetzen, ist tot. Gott segne Charlie Watts …

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Alles weg

Dienstag, Oberdürenbach. Das provisorische Wohnen an zwei Standorten, von denen einer nur Übergang ist und der andere erst noch werden muss, kratzt am Fundament. PMs Heimatlosigkeit schließt mich mit ein. Die Verunsicherung reicht weit: Bremst mich aus bei der Akquise für mein neues Buchprojekt, bei der Kontaktaufnahme mit Verlagen und meinem Agenten. Was soll ich sagen? Woher die Überzeugungskraft nehmen? Wenn mir selbst die Power fehlt?
Ein Abendspaziergang durchs Dorf. Wir laufen durch die Straßen, stellen Vermutungen an, wo hier eine Kneipe sein könnte. Eine Haustür geht auf und ein freundlicher Typ fragt, ob wir etwas suchen. Als wir es ihm sagen, lacht er: Nein, eine Kneipe gibt es nicht. Er fragt, wo wir wohnen und sagt, dass noch mehr Flutopfer im Ort untergekommen seien. Er selbst sei noch nicht in den betroffenen Ortschaften gewesen. Helfen könne er nicht, und nur gucken möchte er nicht. In Dernau und Walporzheim sei sein Sohn als Helfer eingesetzt gewesen, da sei alles weg.
Wir freuen uns über die Spontanität des Mannes. Wer öffnet schon seine Tür, nur weil Fremde vorübergehen?
In so einem Dorf musst du mal nicht ins Altersheim, sagt PM.

Flutkatastrophe im Ahrtal / Walporzheim

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Ungesagt

Montag, Oberdürenbach. Wir vagabundieren so rum, ich muss aufpassen, dass mir die Zeit nicht durch die Finger rinnt. Im Moment sind wir in PMs Ersatzwohnung, die nun aber einfach seine Wohnung ist. Daran müssen wir, insbesondere er sich gewöhnen. Oberdürenbach liegt am A… der Welt. Wenn einer megagestresst ist und sich auf Null runterfahren und niemanden und nichts sehen will außer Wiesen, Felder, Wälder (und den Vulkanpark), dann wäre er in Oberdürenbach gut aufgehoben.
Na ja, wir machen uns ein bisschen lustig, dabei sind wir gottfroh, dass es überhaupt eine Wohnung für ihn gibt.
Ich habe Verschiedenes angeleiert und muss jetzt warten. Das ist das Schlimmste, diese Warterei auf Ab- oder Zusagen.
Ich lese viel:
Eurotrash von Christian Kracht ist mein Top Favorite. Endlich mal wieder ein Roman, auf den man sich so richtig freuen kann. Jede Seite eine Bereicherung sowohl in sprachlicher als auch inhaltlicher Hinsicht: die Dialoge zwischen Sohn und Mutter unübertroffen!, in Sachen Krassheit meiner eigenen Mutter nicht unähnlich! Mit jeder Seite bedauere ich, dass es dem Ende zugeht.
Als die Comics laufen lernten von Herma Kennel ist ein Buch über meinen Großonkel Wolfgang Kaskeline. Geschickt werden die historischen mit den biografischen Ereignissen des Künstlers zusammenfügt, auch die Filmographie ist übersichtlich und vollständig dargestellt. Leider bleibt der Protagonist seltsam unbelebt. Alles, was ihn neben seiner Kunst ausgemacht hat, die Verschwendungssucht, der Fokus auf Äußerlichkeiten, sein Nicht-Verhältnis zur Familie, seine Bisexualität, überhaupt seine vielen Liebschaften bleiben unerwähnt. Die Autorin möchte niemandem wehtun, obwohl die Quellenlage genug hergibt. Das finde ich schade, ich kannte ihn ja noch. Eher Werkschau / -bericht als Biografie.
Der Revolver ist ein Roman von Fuminori Nakamura, der Autor von Der Dieb und Die Maske. Meine Leidenschaft für japanische Literatur wurde mit Banana Yoshimoto geweckt, wie sie beherrscht Nakamura dieses reduzierte Schreiben, das das Eigentliche zwischen den Zeilen sich ereignen lässt. Japanische Autor*innen kommen ohne Ich-Bezogenheit, ohne Geschwätzigkeit aus. Sie genehmigen der Leserin die Freiheit Leerstellen auszumalen, am Buch sozusagen mitzuschreiben. Manche fühlen sich davon gestresst, ich liebe es.
Faserland und später Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten oder Imperium haben Sehnsüchte in mir geweckt. Indem der Autor nicht alles erklärt, öffnet er Türen, die sich bis zum Schluss nicht schließen. Kracht ist für mich Weltmeister der Andeutung. Des Vagen, Ungesagten.

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Impressionen

Sonntag, Eisenach. Kommt man in ein Geschäft, setzen die Verkäufer*innen schnell ihre Masken auf – wenn man selbst eine trägt. Was die Besser-Wessi in mir die Stirn runzeln lässt, und gleichzeitig halte ich es für bemerkenswert. Ich glaube, die Leute im Osten lassen sich – egal, worum es geht – weniger bereitwillig Vorschriften machen als wir im Westen, wo beispielsweise vor jedem Geschäftseingang auf die Maskenpflicht und die maximal zugelassene Personenzahl hingewiesen und das in der Regel auch eingehalten wird, weil es den meisten vernünftig erscheint.

Vielleicht gab es in der Vergangenheit zu vieles, was sie tun mussten und nicht tun durften, als dass sie in einem ihnen vor 30 Jahren aufoktroyierten, immer noch „neuen“ System willfährig Gehorsam zu zeigen bereit sind.

Als eine an den muffeligen schwäbischen Tonfall gewöhnte, nach Kommunikation dürstende Ruhrpottpflanze bin ich jeden Tag aufs Neue überrascht, wie liebenswürdig die Menschen hier sind. Nicht auf diese untertänige, unauthentisch wirkende Art, die mich als sog. „Norddeutsche“ in meiner schwäbischen Wahlheimat gelegentlich nervt. Sondern verbunden mit klaren Ansagen: Wir bringen Ihnen das schon bei! oder: So machen wir das hier!

Alles klar. Dann weißte Bescheid. Die Leute, mit denen wir unsere Abende verbringen, sind sehr entgegenkommend, wenn sie merken, dass du kein Angeber und kein Besser-Wessi bist. Sie sind eigenwillig im besten Wortsinn. Belehrungen haben sie nicht so gerne. 

Klaus beim Montagsbier: „Die im Westen glauben ja immer, dass wir nicht reif für die Demokratie sind. Wir im Osten haben durch jahrelange Erfahrung mit einer Diktatur aber gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Wir sind da viel geschulter und reagieren viel sensibler auf Misstöne als ihr (aus dem Westen). Deshalb merken wir auch schneller, wenn wir reingelegt werden. Viele Entscheidungen der Bundesregierung sind nicht das, was wir uns unter demokratischen Entscheidungen vorgestellt haben. Vielleicht ist das naiv. Wir hatten ein Ideal von Demokratie, und was wir sehen, ist deren Anfälligkeit. Zum Beispiel aufgrund der Hörigkeit gegenüber den USA, die uns schwer an die DDR-Abhängigkeit vom Großen Bruder Sowjetunion erinnert. Siehe Afghanistan: Seit 20 Jahren wird uns vorgemacht, es handle sich nicht um Krieg, sondern um einen humanitären Einsatz, was die USA in Wahrheit ja niemals vorhatten.

Der Gesprächsstoff geht uns jedenfalls nicht aus. Es reden nicht alle gleich. Ich stecke meine Fühler aus. Ich habe den Eindruck, ich / wir sind hier willkommen.

Dazu kommen die Ruhe in unserem Häuschen, wo wir sehr provisorisch leben, und die gute Thüringer Luft. Ringsum hohe Bäume, Eichhörnchen und Rotkehlchen – ich habe noch nie so gut geschlafen wir hier.

Provisorische Küche. Aus dem Ahrschlamm geretteter Warhol, Beuys, Sanduhr

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Parallelwelten

Freitag, Eisenach. Supernette Menschen, Kleinstadtklatsch, schöne Kneipen, klare Ansagen und Offenheit – das ist Eisenach. Keiner fragt, woher wir kommen, was wir beruflich machen und schon gar nicht, welches Auto wir fahren (wie in Ahrweiler, wo es sehr wichtig ist, was einer für ein Auto hat).
PM ist dabei, die grüne Hölle rund um unser Häuschen zu bewältigen. R. und Ch. aus Gotha, bei denen wir gestern waren, haben uns verschiedene elektrische Schneidegeräte ausgeliehen. Allmählich kommt Licht in die Sache. Tini und A. bringen gleich zwei alte Stühle und einen Tisch vorbei. Dann können wir in der Sonne sitzen und es uns gut gehen lassen.
Während PM sich gegen die Natur behauptet, gehe ich erste eigene Kontakte knüpfen und stadtbummeln.

*

Zwischen 2015 und 2020 wurden Rüstungsexporte im Wert von rund 56 Millionen Euro aus Deutschland nach Afghanistan genehmigt. Zur Frage, wie viele dieser Waffen und Fahrzeuge sich nun in den Händen der Taliban befinden, „liegen dem Bundesverteidigungsministerium zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Erkenntnisse vor“, erklärt das Ministerium der Welt.
Die US-Armee hat die afghanischen Streitkräfte in den vergangenen Jahren mit Kriegsgerät im Wert von 83 Milliarden Euro ausgestattet: 850 Humvee-Geländewagen, 160 Flugzeuge, über 100.000 M16-Sturmewehre und einige Hubschrauber vom Typ Black Hawk übergab das afghanische Militär nun „friedlich“ den heranrückenden Taliban-Kriegern. Die können ihr Glück kaum fassen. Sind sie doch damit auf einen Schlag die bestausgerüstete islamische Miliz der Welt. (Morning Briefing Gabor Steingart, 19.08.2021)
Nichts also mit Schulen für die Mädchen, Brunnenbau und schrittweisen Demokratisierungsaktionen in diesem superundemokratischen jetzt wieder Scharia-Staat. Wieso maßen wir uns überhaupt an zu beurteilen, wie die Bevölkerung die Segnungen der westlichen Werte einschätzt? In dem 20 Jahre währenden Pseudo-Versuch, dem afghanischen Volk Emanzipation, Fortschritt und Demokratie mit vorgehaltener Knarre beizubringen, ist der Westen ein Mal mehr grotesk gescheitert – falls je irgendwer ernsthaft an einen erfolgreichen Ausgang geglaubt haben sollte …

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Übergänge

Dienstag. Das mysteriöse Lächeln des afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani … Er spricht von einer „friedlichen Übergabe“ der Regierungsmacht an die Taliban. Gestern hat er das Land verlassen und ist nach Tadschikistan geflohen, angeblich um Blutvergießen zu verhindern. Was noch abzuwarten bleibt.

PM ist nach Ahrweiler und später nach Eisenach abgereist. Dass der eine nichts (mehr) hat und die andere alles (na ja, bis auf die Antiquitäten), verschiebt allmählich die Koordinaten im Beziehungsgefüge. Damit müssen wir erst noch umgehen lernen. Ich fürchte um meine knapp bemessene Urlaubszeit. Ist für mich doch immer – auch – Arbeitszeit. Das neue Buchprojekt rumort in meinem Kopf. Es ist jetzt dran!

Aus Ahrweiler erreichen mich traurige Nachrichten von Doris und anderen. Sie alle sind irgendwo untergekommen, bei Verwandten und Freunden oder einfach hilfsbereiten Fremden. Doris kocht täglich für 12 Personen, dafür lebt sie mit M. und ihrer über neunzigjährigen Mutter mit in der Wohnung einer neunköpfigen Family. Anschließend fährt sie zu ihrem zerstörten Haus und räumt es mit Unterstützung freiwilliger Helfer*innen aus. Diese sind nach wie vor zahlreich in der Region. Sie werden vor allem für Aufräumarbeiten und für die Nahrungsversorgung gebraucht. Mit viel Glück findet man eine Truppe, die einem den durchnässten Putz und Estrich von den Hauswänden klopft.
Doris: Habe Tage, da fehlt mir die Kraft und ich denke, ich schaffe das nicht …

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Nichts ist gut …

Sonntag. Wenn Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach den Mord an der Afghanin Maryam H. durch die eigenen Brüder als Familienstreit abwiegelt und den religiös-kulturellen Hintergrund solcher – grundsätzlich im familiären Umfeld ausgeübten – Ehrenmorde leugnet, dann argumentiert hier eine Politikerin der Linken frauenfeindlich.

Ahmad Mansour auf Twitter: „Es macht mich sprachlos, wütend, wie naiv, plan- und konzeptlos die Politikerin aus Berlin mit dem Thema umgeht. Diese Politik hilft keinem Migranten, keinem Flüchtling, sondern dient nur dem Zufriedenstellen der eigenen Ideologieanhänger. #Ehrenmord.“

Im Tagesrhythmus fällt eine afghanische Provinz nach der anderen an die Taliban zurück. Das afghanische Militär scheint – jahrelangem NATO-Coaching zum Trotz – strategisch und vor allem moralisch nicht in der Lage zu sein, Widerstand gegen die Talibanhorden auf ihren Mofas und Pritschenwagen zu leisten. Leidtragende sind, allen voran, die Frauen. Die Wurzeln des heutigen Übels liegen bereits in den 1990iger Jahren, als die USA die Warlords / Taliban mit Waffen und Geld unterstützt und groß gemacht haben, um den sowjetisch gestützten Präsidenten Mohammed Nadschibullah zu stürzen. Al Kaida wurde mit Billigung der USA gegründet, und die Deutschen als US-Getreue mussten sich nach dem 11. September 2001 unbedingt da reinhängen. Wir erinnern uns alle an den bekloppten Spruch von Verteidigungsminister Struck: „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt.“

Ein sinnloser Krieg mit sinnlos Getöteten auf allen Seiten. „Nichts ist gut in Afghanistan“, sagte Margot Käßmann 2010. Sie hatte einfach nur Recht.

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Geisterstädte

Samstag. Ahrweiler und Bad Neuenahr sind Geisterstädte.
Die Schuttberge vor den Häusern sind beseitigt, die Straßen geräumt. Fast alle Häuser stehen leer. Wo einmal Türen und Fenster waren, gähnen schwarze Löcher. Menschenleer auch die Straßen, nur vereinzelt ein paar Leute, die den Putz von den durchnässten Wänden ihrer Häuser schlagen in der Hoffnung, sich den gewohnten Lebensraum zurückzuerobern. Der Staub auf ihren Kleidern hat dieselbe Farbe wie die Schlammrückstände auf Straßen und Vorgärten. Es gibt keine Geschäfte mehr. Keinen Bäcker, keine Kneipe, keinen Imbiss. Keine Weinhandlung! Wo welche waren, sind die Türen rausgerissen, die Eingänge zugenagelt. Schon fünf Kilometer vor der Ortseinfahrt schlägt einem der üble Geruch von Heizöl und Verwesung auf den Magen. In irgendeiner Grube sind tonnenweise Schlamm- und Schuttberge versenkt worden. Zertrümmerte Einrichtungsgegenstände, Fäkalien, Lebensmittel, tote Tiere und sonstiger Unrat von Tausenden Menschen dünsten in der Sommerhitze vor sich hin und halten die Erinnerung an die Katastrophe lebendig.
Wir haben mittlerweile drei Standorte:
PM’s kleines Appartement in der Nähe von Ahrweiler, meine Wohnung in Tübingen und – ein Haus in Eisenach, das PM im Winter erworben hat und das nun auf gewaltige Umbaumaßnahmen wartet.
In PMs Behelfswohnung fließen warmes Wasser und Strom, insofern geht es ihm besser als vielen anderen Flutopfern.
In dem Eisenacher Haus haben wir diese Woche schon ein paar Tage auf Campingplatz-Niveau gewohnt. Obwohl es zwei Jahre lang leer stand, funktioniert das Bad. Liebe Freunde haben uns ein paar Übergangsmöbel zur Verfügung gestellt, sodass es für einen begrenzten Zeitraum geht. Das Haus steht auf einem Waldgrundstück in Stadtnähe, liegt also fußtechnisch günstig. Das empfindet offenbar auch das Spinnenvolk so, das sich zahlreich in sämtlichen Räumen angesiedelt hat. Damit muss ich als Spinnenphobikerin erstmal klarkommen.
Mit einem Wasserkocher, einer Kaffeemühle und einem Staubsauger (das wars, liebe Spinnen!) haben wir haushaltstechnisch den Start hingelegt. Die neuen Geräte teilen sich mit Brot, Milch und Marmelade ein Fensterbrett, das als Küche dient. Erste Handwerkergespräche gab es auch schon. Im Herbst geht es los – angefangen mit Bäume-Fällen in großem Umfang. Eine Einfahrt muss gebaut werden. Die jetzige teilt sich das Haus mit einem Mehrfamilienhaus. Da wohnt, neben vielen freundlichen Menschen, ein knorriger Typ („Ich hatte eine leitende Funktion bei der Sparkasse!“), der erstens dauernd angewackelt kommt und zweitens Stress wg. der Verlängerung des Pachtvertrags macht (und drittens passioniert sein Umfeld beobachtet – wüsste zu gern, was der vor seinem Sparkassenjob gemacht hat …). Stress / Streit ist das, was PM momentan am wenigsten braucht, und so kam er auf die Idee mit der neuen Einfahrt von der anderen Seite her. Besagte Bäume sind ausnahmslos kranke oder tote Nadelbäume. Obendrein rauben sie dem Haus Tageslicht, je mehr davon weg kann, desto besser.
In Lüneburg haben wir den 90. Geburtstag meines Patenonkels gefeiert und anschließend zwei Tage bei meiner Schulfreundin Veronika verbracht. Wir sind ständig in Bewegung, planen höchstens von heute auf morgen, und PM kommt auch innerlich nicht zur Ruhe. Er hat nachts Schweißausbrüche und tagsüber heftige Melancholie-Attacken. Die Bilder des Grauens verfolgen ihn.
In meinem Wunsch, mich noch einmal von Ahrweiler zu verabschieden, wo auch ich sieben Jahre lang zuhause war, habe ich unterschätzt, wie schwer es für ihn ist, diesem Anblick standzuhalten. Er hat seelisch einen viel größeren Schaden genommen, als er wahrhaben will. Es ist nicht einfach, auch für mich nicht. Der Verlust seiner Heimat löst eine universelle Verunsicherung bei uns beiden aus. Das Eisenacher Projekt kann da – noch – kein Ersatz sein. Zu tief wirkt der Schrecken eines vertrauten Heims, einer zerstörten Landschaft nach …

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Time Goes On

Donnerstag. Die Flutkatastrophe rückt von der ersten auf die zweite oder dritte Seite der Tageszeitungen.
Was für die einen als tiefer biografischer Einschnitt, vielleicht sogar als lebenslanges Trauma bleiben wird, verblasst für die Nichtbetroffenen auf dem Hintergrund nachjagender Ereignisse. Die Öffentlichkeit hat sich ausgiebig damit beschäftigt, viel gespendet, nun soll das Leben bitte weitergehen. Über Laschets unpassendes Gelächter während einer Solidaritätsrede von Bundespräsident Steinmeier in einem der Flutkatastrophen-Gebiete und dessen nicht einschätzbare Auswirkung auf die Bundestagswahl im September lässt sich noch eine Weile spekulieren. Tagesaktuelle Ereignisse wie der furchtbare Mord am belarussischen Widerstandsaktivisten Witalij Schischow in seiner Exilheimat Kiew/Ukraine wühlen verständlicherweise mehr auf als ein Ereignis, das nun schon drei Wochen zurückliegt. Die Corona- Infektionen nehmen wieder zu, und in Hessen gab es einen schrecklichen Unfall mit mehreren Toten durch irgendwelche hirnamputierten Kampf-Raser. Mehr als das alles zusammen berühren einen jedoch die Bilder von brennenden Wäldern und Dörfern in der Türkei und in Griechenland:
Weinende Menschen mit Handys säumen die Landstraßen und machen letzte Fotos von ihren niedersengenden Häusern. Ihnen geht es wie PM – es ist nichts mehr da.
Auch sie werden sich zahlreich anhören müssen oder sie sagen es gleich selber, dass sie leben und dass das die Hauptsache sei. Ja, schon klar, doch wer will in einer eindeutig beschissenen Lage hören, dass es noch viel beschissener sein könnte?
PM hat Glück, er ist in einem 1-Zimmer-Appartement untergekommen, wo es fließendes Wasser und Strom gibt. Das ist mehr, als viele Betroffene in der Ahr-Region haben. Am WE haben wir überlegt, wie unsere Wunschküche aussehen könnte. Wir haben Küchenseiten aufgerufen und Esstische und Stühle angeschaut, irgendwo muss man ja anfangen. Ich sage: Wir können doch deinen Kühlschrank mitnehmen, und realisiere im selben Moment, dass es den ja nicht mehr gibt. Komisch, wie lange es dauert, bis intellektualistisches Wissen in Verstehen transformiert.
Im Retour, einem Gebrauchtwarenlager bei mir um die Ecke, steht ein ähnlicher Biedermeier-Esstisch wie der abgesoffene von meinen Eltern. Lassen Erinnerungsstücke sich nachkaufen?

Veröffentlicht unter 2021