Nie mehr

Mittwoch. In der Nacht auf Montag ist G. gestorben. I. hatte ihn eine Woche vorher nach Hause geholt. Sie schlief neben ihm, und dann wachte sie auf und merkte, dass er nicht mehr lebte. Er soll sehr schön ausgesehen haben, ganz glatt und als würde er lächeln, als würde er denken, jetzt gehe ich und winke euch zu. Das sagt heute Dorle, die ihn am nächsten Tag gesehen hat. I. hat alles richtig gemacht. Besser als sie kann man es nicht machen.
Jetzt wird es nie mehr I. und G. heißen.

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Mirjam Pressler

Samstag. … wenige Wochen nach Amos Oz‘ Tod ist nun auch Mirjam Pressler gestorben, diese richtig gute Kinderbuchautorin und Übersetzerin von über 300 Werken aus dem Hebräischen, Englischen und Niederländischen ins Deutsche. Dazu gehören die Werke von Oz, von Zeruya Shalev und allen voran von Anne Frank. Als ein Hauptwerk gilt die von ihr übertragene Kritische Werkausgabe der Tagebücher von Anne Frank  (800 Seiten stark, sehr lohnend!)
Presslers Jugendroman Dunkles Gold wird posthum erscheinen: Am 13. März 2019, wie auch mein Buch Lass uns über den Tod reden! Dunkles Gold handelt von einer jüdischen Erfurter Familie, die 1341 vor dem Pestpogrom fliehen muss … In Lass uns über den Tod reden porträtiere ich eine der letzten Holocaust-Überlebenden: Ilse Rübsteck, geb. Falkenstein.
Wie traurig ist das, wenn geistige Wegbegleiter*innen plötzlich nicht mehr sind, wenn Weltbeweger*innen der Welt abhanden kommen. Und die Welt ohne sie klar kommen muss.

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Wir

Samstag.
Wir sitzen am Esstisch, der mit Papieren und Stapeln von Papier bedeckt ist. Wir essen im Stehen in der Küche, da gibt es noch freie Fläche. Zurück zu unseren Laptops, schreiben, arbeiten wir weiter wie Besessene. Das denke ich kurz mal: PM und ich sind Besessene. Ich sehe sein Gesicht an, sein Profil, die Linie von seinen Nasenflügeln herab (die ich so mag), er merkt es nicht, ist in Dokumente aus dem Bundesarchiv vertieft, die jetzt endlich, nach monatelanger Zwischenlagerung im Gästezimmer und im Flur, in das umfangreiche Werk eingearbeitet werden sollen. PM hat alles dabei. (Er fährt seit neuestem einen Kombi.) Wir haben Ziele, wir haben Fantasie, Arbeit, Pläne. Wir haben Projekte (mein Lieblingswort). Heute Abend: LTT-Kneipe mit S., ich freue mich.

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Lass uns über den Tod reden – H. Christof Müller-Busch

„Der Suizid ist diejenige Todesart, die am meisten Betroffenheit auslöst und die größten Spuren hinterlässt. Kein Unfall, kein Mord, wo es einen eindeutigen Täter oder Schuldigen gibt, hat vergleichbare Auswirkungen auf die Angehörigen. Suizid hinterlässt enorme Schuldgefühle. Als Angehöriger, als Bruder, sehe ich mich seit dem Ereignis mit der Frage konfrontiert: Hätte ich nicht etwas merken müssen? Mein Bruder hat noch eine Textstelle im Wallenstein markiert. Dann ist er mitten im Lesen aufgestanden, hat sein Zimmer verlassen und ist nicht mehr zurückgekommen.“

… erzählt H. Christof Müller-Busch in meinem im März erscheinenden Buch Lass uns über den Tod reden, Ch. Links Verlag

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Zum aus der Haut fahren

Freitag. Zwei Tage nach der unheimlichen Begegnung der dritten Art entschließt sich mein Körper zu reagieren. Wird krebsrot, als hätte ich acht Stunden in der prallen Sonne gelegen. Ich habe einen Sonnenbrand, mit allen Symptomen, die dazu gehören, Jucken, Pieksen, Brennen, wie man es kennt. Interessanterweise bleiben Gesicht, Hände und Füße ausgespart, Sonnenbrand also vom Hals bis zu den Fersen. Ich creme, werfe ein Anitallergicum ein, doch was hilft schon gegen Sonnenbrand. Dieser hält sich sogar verdammt lange, länger als üblich. Über die Weihnachtsfeiertage blüht er so richtig auf und bleibt ungefähr zwei Wochen. (An Silvester muss ich BAUMWOLLE tragen!) Bis aus Rot Weiß wird – Schneeweiß. Jetzt ist es soweit: Ich will aus meiner Haut. Dagegen hilft kein Schmieren und Cremen, die alte Hülle ist fällig. Schätze, in wenigen Tagen stehe ich komplett neu da.

Und mit der Häutung schwinden die Fesseln: Wie ein Ballon schwebt die unheimliche Begegnung der dritten Art von dannen. Und – peng – platzt! Diese kleine Träumerei am heimischen Kamin (wenn ich einen hätte) kann ich mir nicht verkneifen …

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Lass uns über den Tod reden – Ulrike Bliefert

„Ich finde es gut, dass man in der Schweiz unter medizinischer Betreuung freiwillig aus dem Leben gehen kann. In Holland kann man das auch. Bei einer Demenz würde ich das zum Beispiel in Anspruch nehmen wollen. Ich habe da überhaupt keine moralischen Bedenken. Neulich habe ich das mit meinem Mann besprochen. Anlass war, dass ich diese Erkrankung jetzt sowohl bei meiner Schwiegermutter als auch bei meiner Stiefmutter erlebe. Das ist ein Zustand, den ich an mir selbst einfach nicht erfahren will. Doch mein Mann sagte: ‚Nein! Wenn du dement werden solltest, dann wirst du sicher eine ganz liebe Demente.‘ “

… erzählt Ulrike Bliefert in meinem im März 2019 erscheinenden Buch Lass uns über den Tod reden, Ch. Links Verlag.

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Lass uns über den Tod reden – Enno Kalisch

Donnerstag, B.N. „Sobald die Spritze zu wirken begann, rief ich meine Schwester an, und dann fiel der Druck von mir ab. Ich merkte, jetzt kehrt er heim. Ich kannte das schon von meiner Mutter und hatte das Gefühl, mich auf vertrautem Terrain zu bewegen. Meine Aufgabe war vollbracht. Eine Aufgabe, an der ich teilweise fast zerbrochen wäre. Unbewusst wollte ich wohl meinen Vater am Leben halten, indem ich den perfekten Pfleger abgab. Lauter perfekte Abschiede! Als könnte ich dadurch die Toten festhalten. Manchmal stand ich kurz vor dem Kollaps. Es war der Hausarzt, der mir in dieser Situation klarmachte, dass auch ich loslassen musste, dass auch ich meinen Pflegedienst abgeben musste.“

… erzählt der Schauspieler und Improvisationskünstler Enno Kalisch in meinem im März 2019 erscheinenden Buch Lass uns über den Tod reden (Chr. Links Verlag).

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Jahreswechsel

Mittwoch, B.N. Silvester bei Freunden in Erfurt – das ist wie nach Hause kommen: Essen, bis in den Morgen rein quatschen, lachen, schweigen, Raketen am Himmel anschauen und sich so seine Gedanken machen, schöne Dinge gesagt bekommen und sie erwidern, Einklang, glücklich sein.

Um die Herausgehobenheit des Abends wissen – obwohl: der Abend davor in Weimar bei F. und K., diesem wunderbaren Pfarrerehepaar und F. ein Alte-Zeiten-Buddy von PM, war genauso schön … es muss an PM liegen …

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