Grüne für Fracking?

Montag. Die Chefin der einstigen grünen Anti-NATO-Partei, Anna Lena Baerbock, fordert das endgültige Aus der russisch-deutschen Pipeline Nord Stream II zugunsten von US-Fracking-Gas. Kanzlerin geht eben nur als NATO-Abnickerin. Seit Monaten schon bedient Baerbock das US-Wording vom „russischen Regime“, das „in aller Welt Morde“ verübt – ungeachtet der Tatsache, dass das US-Imperium in 170 der knapp 200 Staaten dieser Welt Kriegstruppen stationiert und Folterbasen betreibt. Sonderbar und befremdlich für eine Partei, der die Sorge um das Wohl der Umwelt einst den Namen gegeben hat: Der ökologische Stiefelabdruck vom US-Fracking-Gas ist kein Thema für die Parteispitze. Die Tanker, die das Gas über den Atlantik herschippern sollen, die Erpressung deutscher, am Bau beteiligter Unternehmen – alles kein Thema! Der Grünenspitze sind Fracking-Gase aus den USA lieber – und teurer – als preiswertes, sauberes Erdgas aus einer russisch-europäischen Pipeline. Und leider auch lieber als Frieden mit Russland – 80 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion.

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Wochenstart

Montag, 8.50 Uhr: Bundesweiter (!) Zusammenbruch der Moodle-Plattform! Na prima! Also schnell alle sorgenvollen E-Mails von Eltern und Kids beantworten und – frühstücken.
PM’s Vater, 94 Jahre alt, wartet immer noch auf seine Impfung. Doch es gibt keinen Impfstoff mehr. Heute ist Impfgipfel, BioNTech und AstraZeneca sollen mehr liefern, was ist schiefgelaufen?, die Unternehmen und die EU – sprich Ursula von der Leyen – schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Jens Spahn denkt endlich öffentlich darüber nach, auch die Corona-Impfstoffe aus Russland und China bei uns einzusetzen. Schlimm, wenn das Impfen zu einem Politikum wird, wenn die Verfügbarkeit des Stoffs an politischen Animositäten scheitert.
Ich gehe jetzt ganz analog los, im „Amt“ meine Noten abgeben. Auf Papier, auf meinen eigenen Füßen. Eine Stunde ohne Bildschirm, Freiheit, Körperlichkeit…

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Arik Brauer ist tot

Sonntag. Wie oft ich seine Platten gehört habe! Mein Sohn ist mit diesen Liedern immer auf meinem Arm eingeschlafen. Der österreichische Liedermacher und Maler des phantastischen Realismus ist mit 92 Jahren gestorben. Er war irgendwie nie alt. Menschen wie ihn braucht die Welt.

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PM kommt

Samstag. Am Nachmittag kommt PM. Er schleppt zwei Tüten nach oben und macht sich ans Kochen. Zartes Rindergulasch, saftige Kartoffelknödel, knackige Schwarzwurzeln in Sauce Hollandaise – er zaubert und mir geht es gut. So ist er, der Mann, der aus dem Osten kam …

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Informieren statt Inspirieren

Freitag. Nach der freundlichen Privatfortbildung weiß ich jetzt: wissenstechnisch bin ich mit der „Amts“leitung ungefähr auf Augenhöhe. Das ist einerseits beruhigend für mein Ego, andererseits ist es höchst beunruhigend für das politisch und gesellschaftlich gewollte Zukunftsprogramm ‚digitales Lernen‘.
Digitales Wissen ist Macht. Es ist das Wissen der Zukunft. Diejenigen, die uns die Sache beibringen, beherrschen allerdings selbst nur geschätzte 5 % des Gesamtpotenzials z.B. der Moodle-Plattform. Bei Einzelnen mag das mehr sein, aber was an Wissen hinten raus kommt, also bei uns, den Anwenderinnen in der Praxis, sind dann vielleicht noch klägliche 2%. Wie man hört, liegt an manchen Schulen der Unterricht seit dem Lockdown schlichtweg brach. Das pädagogische Personal scheitert am digitalen KnowHow oder hat einfach keinen Bock auf den nicht nachvollziehbaren Paradigmenwechsel im pädagogischen Betrieb. Das bildungsbürgerliche Tübingen mit Uni und Klinikum als Hauptarbeitgeber ist da eine Insel der Glückseligen.
Ich arbeite weiterhin meine 14, 15 Stunden – ja, es ist noch ein bisschen mehr geworden: Noten, Notenkonferenzen, panische letzte Rückläufe, die auch noch bewertet werden wollen, virtuelle Konferenzen, schnelles Einarbeiten so ganz nebenbei auch in diese Techniken.
Inzwischen geht alles etwas routinierter, was nicht heißt, dass Freude am Horizont aufkommt. Eher geistige Erstarrung. Früher kriegte man vom Fernsehen viereckige Augen, wir kriegen viereckige Seelen. Ich frage mich, wie lange meine Tätigkeit noch im Informieren statt Inspirieren besteht. Eine Videokonferenz kann ganz lustig sein, so wie vorgestern: Ausgehend von dem atl. Konflikt zwischen Saul und David diskutieren wir über Eifersucht. Ein Mädchen meint, sie habe da einen 3-Stufen-Plan: 1. Versuche besser zu werden, 2. Rede mit der als überlegen empfundenen Person, und wenn das auch nicht hilft, gehe 3. auf Abstand. Alle Achtung, auch von Zehnjährigen kann man lernen! Das sind die kleinen Highlights, von denen es so unvergleichlich viel mehr im sog. Präsenzunterricht gibt, weshalb ich meinen Job immer geliebt habe.
Unter dem Corona-Lockdown mutiere ich körperlich und geistig zu einem fleischlichen Datenvermittler: Wetware, wie ganz abgedrehte Transhumanisten den – für sie zu überwindenden – Menschen bezeichnen. Auf Umwegen über die Mensch-Maschine-Interaktion, den Cyborg, soll das menschliche Lebewesen in ferner Zukunft in reine Software aufgehen – so das völlig unkritisch übernommene SciFi-Narrativ der Vertreter diese Ideologie (es gibt m. W. keine Frauen unter ihnen).
Ich sehe uns nicht mehr am Anfang dieses Prozesses und male mir aus, was da gerade mit uns passiert. Mit Grausen rekapituliere ich alles, was ich mir über den Transhumanismus angeeignet habe – für einen Vortrag, der im Oktober 2020 stattfinden sollte und natürlich ausgefallen ist.
Dystopische Tagträume plagen mich seither von diesem letzten Schritt der Evolution to become smarter, fitter, healthier, von dem es kein Zurück mehr gibt. Unter dem entsprechenden gesellschaftlichen und politischen Druck meinen wir, das alles gut finden zu müssen, wir sehen nur die Vorteile vom schnellen Konsumieren bei Amazon, vom blitzschnellen Informationstransfer über Facebook, Moodle u.v.a., von unserer körperlichen Abwesenheit – aber was das mit uns macht, mit unserer Menschlichkeit, unserer Leiblichkeit, nehmen wir im Rausch des Game-Changings nicht wahr.
Die gesellschaftliche Konditionierung und Indoktrination erfolgen nicht gewalttätig, aber totalitär. Deshalb merken wir sie nicht. Sie kommt nicht mit großer Fanfare, sondern tröpfchenweise unermüdlich. Hier eine kleine vorgebliche Arbeitserleichterung, da ein Wissen, das wir angeblich nicht mehr brauchen, das uns abgenommen wird, alles unter dem Deckmäntelchen der Optimierung unseres Arbeitsalltags bzw. der Befreiung von unnötigem Ballast (Hitler: „Ich befreie den Menschen von dem Zwange … einer Gewissen und Moral genannten Chimäre!“)*.
In Wirklichkeit erlebe ich diesen Prozess als Verarmung. Ich weiß eben gern selbst viel. Ich lasse mich nur ungern von einem Algorithmus definieren und mir meine Handlungsoptionen vorgeben. Ich will nicht nur informieren, sondern inspirieren – und inspiriert werden. Das Jahr 2020 war das uninspirierteste, unsexyeste Jahr ever! Auf unheilvolle Weise beschleunigt das Corona-Virus den längst eingeschlagenen Kurs. Nutznießer, Gewinner, Förderer ist die Avangarde der Evolution (Max More), die künstliche Superintelligenz, die Kontrolleure und Vollstrecker im Silicon Valley, die uns zu subalternen Benutzern von Systemen degradieren, die nur die Allerwenigsten durchschauen.
Nichtwissen geht mit Autonomieverlust einher. Genau das ist es, was ich gerade so schmerzlich empfinde.

* Herrmann Rauschning: Gespräche mit Hitler, Europa-Verlag 1939

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Corona Diary – Luxus analog

Mittwoch. Zwischen Videokonferenzen, Material einscannen, Einstellungen optimieren, 30 Lösungen korrigieren, 30 Feedbacks geben, Noten ausrechnen, E-Mails beantworten, Beschwerden abfedern, Termine checken, nochmal 30 Lösungen korrigieren – auch mal essen. Oder schlafen (überschätzt, I know). Oder sich richtig anziehen (s.o., I know). Oder in einem ZEITFENSTER my best ever Vinyl – Baba O’Riley von The Who – auflegen, einfach so … Luxuswünsche aus der analogen Welt …

Neue Erfahrung: Videokonferenzen können – in Grenzen – direkt Spaß machen … erster Schritt zur Anpassung?

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Step by Step

Völlig unkritisch, aber informativ:

Microsoft plant, eine eigene Kryptowährung zu schaffen, die Körperaktivitätsdaten anstelle von Rechenleistung für das Mining verwendet. Dies würde es Einzelpersonen ermöglichen, Kryptos abzubauen und den Bedarf an ASICs zu ersetzen. Das öffentlich zugängliche Patent mit dem Titel „Kryptowährungssystem, das Körperaktivitätsdaten verwendet“ wurde am 26. März veröffentlicht.

Gemäß dem Patent können verschiedene Arten menschlicher Körperaktivitäten für das Mining genutzt werden. Ein Beispiel wäre die Körperwärme, die ein Benutzer ausstrahlt, wenn er eine bestimmte Aufgabe online ausführt, wie das Ansehen einer Werbung oder die Nutzung bestimmter Internetdienste. Es könnten sogar Gerhinwellen für das Mining verwendet werden. Man wird in der Lage sein, komplexe Rechenprobleme unbewusst zu lösen, ohne auf teure und energieintensive Hardware angewiesen zu sein.

„Körperaktivitätsdaten können auf der Grundlage der wahrgenommenen Körperaktivität des Benutzers generiert werden. Ein Kryptowährungssystem, das kommunikativ an das Gerät des Benutzers gekoppelt ist, kann überprüfen, ob die Körperaktivitätsdaten eine oder mehrere Bedingungen erfüllen, die vom Kryptowährungssystem festgelegt wurden, und dem Benutzer, dessen Körperaktivitätsdaten verifiziert sind, Kryptowährung vergeben.“

Patent-Ausschnitt

Microsoft hat noch nicht erklärt, ob diese neue Kryptowährung auf einer bestimmten Blockchain basiert. Es ist auch nicht sicher, ob sie tatsächlich eingeführt wird. Sollte sie jedoch gestartet werden, dann könnte diese Art von Aktivität die „massive Rechenleistung“ ersetzen, die derzeit von einigen traditionellen Krypto-Systemen benötigt wird. Eine BTC-Transaktion erzeugt bspw. soviel CO2 wie 780.650 Visa-Transaktionen. Bitcoin verbraucht mehr Strom als Chile. Hinzu kommt, dass 98% der veralteten ASICs direkt auf eine Mülldeponie wandern, was zu massiven Haufen von Elektroschrott führt.

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Entseelt

Freitag. Strange: Der Wecker klingelt, dass ich pünktlich an meinem Esstisch eintreffe – Standort Laptop. Wie jeden Corona-Morgen schalte ich ein und starte sechs Stunden entseelten Pseudounterricht. Entstanden sind die heute Nacht bis in die Morgenstunden. Das dauert nämlich, bis so eine digitale Doppelstunde im Kasten ist. Langsam werde ich blöd dabei. Beim Einschlafen sehe ich Klicks und Buttons aufblitzen, beim Aufwachen sind sie immer noch da. Mann, wie ich die Normalität vermisse. Wie ich MENSCHEN vermisse!
Mecki schreibt fleißig Beschwerde-Mails an alle möglichen Politiker. Doch wir jammern auf hohem Niveau. Wir arbeiten 13, 14 Stunden am Tag bzw. in der Nacht, sind aber wenigstens finanziell abgesichert.
Was anderes ist das mit den durch Corona befeuerten digitalen Anforderungen. Noch nie bin ich mir so unfähig vorgekommen. Meine Inkompetenz wird mir stündlich, halbstündlich, viertelstündlich vor Augen geführt. Ich hechle hinterher und schaffe es doch immer nur gerade so. Souverän ist was anderes. Dystopisches Szenario: Hätten wir jetzt schon 1984, würde ich bald zu den Proles gehören, zu den Restkräften, die irgendwie auch noch da sind. Digitalisierung heißt gnadenlos aussieben. So wie die Alten, die aktuell versuchen einen Corona-Impftermin zu ergattern und an der Online-Anmeldung scheitern. Und raus bist du! Das macht mir jetzt schon Angst. Ich versuche solche Vorstellungen wegzudenken. Ich kann viel, davon bin ich bisher jedenfalls immer ausgegangen. 30 Lernende haben ihre Arbeiten auf die Moodle-Plattform gestellt, sie warten auf ein Echo, das werde ich jetzt geben (bevor die nächsten 30 kommen), während sie Hobbes und Rousseau beackern.
Ist das noch irgendwie relevant? Grundsatzzweifel an meiner Arbeit, immer häufiger …
Meine Waschmaschine hat den Geist aufgegeben. Seit dem Erdbeben vor ein paar Wochen haben einige Wände und die Wohnzimmerdecke Risse bekommen, ein Gutachter checkt das nächste Woche. Pakete müssen weggebracht werden. PM kommt heute Abend, und der Kühlschrank ist leer.
Leben!, du versickerst in diesem Corona-Moodle-Schwachsinn, und nichts passiert, was irgendeinen Belang hätte …

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Corona Diary – Feedback

Donnerstag. 85 % aller Bundesbürger glauben, dass das Lehrpersonal nicht ausreichend für den Fernunterricht fortgebildet ist. Wie kommen die restlichen 15 % denn bloß darauf, dass dem so sei?
Auf meine Beschwerdemail ans „Amt“ nach zwei Wochen Dilettieren und Nachfragen bei anderen dilettierenden Kolleg*innen und gemeinsamem Weiterdilettieren bekomme ich heute eine verblüffende Antwort: Die „Amts-„leitung höchstpersönlich bietet mir kommende Woche eine Solo-Nachhilfe an.
Nicht gerade das, was ich unter einer professionellen IT-Fortbildung verstehe, maile ich zurück. Darauf klingelt das Telefon. So was gibt es nicht, so was brauchen wir nicht, und ob ich das Angebot nun annehme?
Klar, mach ich. Dilettieren wir uns fröhlich weiter durch den Lockdown. Den Preis zahlen andere.

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