Corona Diary – Coronatotengedenktag

Sonntag. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gedachte heute der 79.971 Corona-Toten in Deutschland. Bei der Feierlichkeit in Berlin rief er zum Zusammenhalt auf: „Ihr seid in Eurer Trauer nicht allein“, versicherte er den Angehörigen. Genau dieselben Worte wurden in ungezählten Gottesdiensten nachgebetet.
Was für eine erschütternde Lüge! Was für eine erschütternde Heuchelei. Da sitzen sie alle in Schwarz, und am Abend sitzt die gleiche Riege bei Anne Will, immer noch in Schwarz, und lässt die Krokodilstränen fließen.
Gleichzeitig werden Impfreisen nach Russland, Israel, Serbien u.a. angeboten: Urlaub mit Corona-Pieks für die armen Deutschen, die im eigenen Land keinen Stoff bekommen. Die in ihrer Trauer und möglicherweise in ihrem Sterben sehr wohl allein gelassen werden – bevor die Schwarzträger Impfstoff vom politischen Gegner kaufen.
Das ist der Punkt! Wen wollen die Heuchler darüber hinwegtäuschen – während die Leute am PC hocken und vergeblich auf ihren Impftermin warten?

Veröffentlicht unter 2021

Was zählt

Sonntag. Durch die Pandemie und ihr nicht erkennbares Ende kann man den Bezug zur Wirklichkeit verlieren.
Die klare Sicht auf ein Morgen und der klare Blick zurück sind Voraussetzungen zur Standortbestimmung, zum klaren Bezug auf mein Hier und Jetzt. Wenn ich heute, am Sonntag, den 18. April 2021 zurückblicke, sehe ich eine schier unendliche Abfolge von Tagen, in denen ich zwischen wilder Pflichterfüllung und bodenloser Lethargie zerrieben wurde und werde. Nichts ist klar. Und morgen sieht es auch nicht besser aus.
Niemals habe ich mich öfter gefragt, wer ich bin, als während der Pandemie. Isoliert von meinen Freunden und von lieben Familienmenschen, mit schlechtem Gewissen behaftet bei jedem Zusammentreffen, als ertappte ich mich selbst bei einer kriminellen Handlung, verblassen soziale Beziehungen. Das ständige Abstandhalten katapultiert mich auf einen einsamen Stern. Meine soziale Welt und meine Arbeitswelt sind aus den Fugen.
Was wirklich zählt? Es ist dies: Ich decke den Frühstückstisch für PM und mich.
Wir werden einiges zu besprechen haben: PM fährt gleich zu seinem Vater nach Eisenach. Ich fahre nächste Woche zu meiner Mutter, um ihren Umzug in eine anderes Seniorenheim zu bewerkstelligen. Beide haben uns das Leben nicht gerade leicht gemacht – eine der vielen Parallelen zwischen PMs und meiner Biographie. Trotzdem machen wir das. Wir verschenken unsere rare gemeinsame Zeit an unsere Eltern, die das nicht zu schätzen wissen. Wir überwinden uns selbst. Wir wachsen – hoffentlich – wieder einmal ein Stück über uns selbst hinaus. That’s it. That’s all! (Wie protestantisch!)
Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir eine andere Beziehung zu unseren eigenen Kindern haben, und sie zu uns. Alles darüber hinaus ist Luxus.
Das ist es, was zählt.

Veröffentlicht unter 2021

Leben leben

Mittwoch. Neben Online- und Präsenzbeschallung und zäher Heimplatzsuche finde ich nun seit Ostern jeden Tag bzw. jede Nacht ein bis zwei Stunden, um an meinem neuen Buchprojekt weiterzuarbeiten.
Hart erkämpfte Anderswelt: was sonst ist der tiefere Sinn vom Schreiben, als dass du dich für einen begrenzten Zeitraum rausnimmst und dich erhebst über die atemberaubende Belanglosigkeit, um die dein Leben zu kreisen und es vollzumüllen droht und dich abhält vom Eigentlichen. Das Schreiben relativiert den ganzen Scheiß, den Stress und Schrott wie ein Glas Cointreau, derselbe Effekt, nur ohne Kopfschmerzen. Die viel zu vielen Eindrücke beginnen sich zu ordnen, Scharten und Unebenheiten füllen sich mit mildem Grund …
Ich tauche ein in das Leben einer bisher fremden Person, ich höre ihre Stimme vom Band, den Tonus, der die schriftliche Vorlage ergänzt, finde Fragen und Erklärungen, werde immer neugieriger auf eine Biografie von der anderen Seite der Weltkugel. Messenger-Austausche zwischen New York und Tübingen bebildern und colorieren die noch schemenhafte Vorstellung: Da sitzt eine lebenspralle, über achtzigjährige Holocaust-Überlebende an ihrem Laptop und vergeudet keine Sekunde ihres kostbaren Lebens.
Ich bin glücklich, auch wenn es morgens um vier ist, das ist mir egal. Andere schweißen im Keller Skulpturen oder gehen in den Schrebergarten. Ich schreibe.

Veröffentlicht unter 2021

Kein Moodle

Montag. 7.50 Uhr erste Videokonferenz – doch nicht.
Moodle Ausfall in ganz Ba-Wü! Wofür habe ich heute Nacht nach meiner Rückkehr aus B.N. sechs Online-Stunden vorbereitet? Um drei Uhr in der Frühe war ich fertig und sehr zufrieden mit meinem Output. Wecker gestellt für den Start in eine neue Woche …
Findet jetzt heute nichts mehr statt? Verlängerte Ferien? Was für ein total verkorkstes Schuljahr! Man sollte es bundesweit einfach wiederholen … alles andere wäre/ist Schönmalerei.
Derweil unsere Oberhäuptlinge mit der Kanzlerfrage beschäftigt sind …

Veröffentlicht unter 2021

Sofagate

Donnerstag, B.N. Gerade ist die Türkei aus der Istanbul-Konvention des Europarates zum Schutz von Frauen und Kindern vor Gewalt ausgetreten, da zeigt Erdowahn der Welt, wie er sich die gesellschaftliche Ordnung vorstellt: Frauen auf die Ersatzbank! So geschehen beim Treffen der EU-Spitze mit dem türkischen Oberhaupt in Ankara aus was weiß ich welchen Gründen, und Erdo hat nichts Besseres zu tun als Madame von der Leyen weit ab auf ein Sofa zu platzieren. Absicht? Versehen? Erdogan kennt die Macht der Bilder. Von der Leyen reagiert ungläubig, EU-Ratspräsident Charles Michel bietet ihr seinen Platz auch nicht an, er und der Machthaber thronen nebeneinander auf ihren Prunksesseln, während die EU-Kommissionspräsidentin die Beine im Abseits übereinanderschlägt und ihr geschäftiges Lächeln aufsetzt.
Und nichts tut, um sich in dieser entwürdigenden Lage zu behaupten.
Ist die immer so drauf? Solange die Medien sich über Sofagate aufregen, gerät auch das EU-Versagen in Sachen Impfkampagne vorübergehend ins Abseits … Doch die Macht des Bildes entfaltet auch bei uns seine Wirkung, vor allem bei uns Frauen. Frauenpower sieht anders aus!

Veröffentlicht unter 2021

S.i.n.n.

Mittwoch, B.N. Einer von diesen sinnlosen Tagen, wie es sie seit Corona ungezählt gibt. Am frühen Morgen gibt H. mir ihre Weltsicht zum Besten. Da ist alles dabei, Verschwörungen, Ehebruch, das Blut von kleinen Kindern zur Verjüngung von reichen Amerikaner*innen (zum Glück sagt sie nicht von reichen Juden), die Ermordung ihres Schwiegersohns vor zwei Jahren … Die nächsten sechs Stunden verbringe ich am Telefon. Mutter muss da raus, seit die Einrichtung von Alloheim übernommen wurde. Alloheim ist der Konzern, der sich gerade Haus um Haus einverleibt, um sie innerhalb kürzester Zeit in der Kostendruckspirale zu verwursten und als leere Hülle wieder auszuscheißen. Wer seine Angehörigen nur halbwegs liebt, bringt sie nicht bei Alloheim unter, schreibt jemand bei Google-Bewertungen. H. klappt unter einem Hexenschuss zusammen, es muss tierisch schmerzhaft sein, ich hatte sowas noch nie, ich bringe sie zu ihrem Auto und frage mich, ob sie simuliert, tut sie aber bestimmt nicht. Korrekturen, weitere Telefonate und unerfreuliche Mails vom „Amt“. Am Abend kommt PM völlig erledigt nach Hause, die Covid-Infizierung einer Mitarbeiterin hat den kompletten Tagesablauf durcheinandergebracht, trotz Impfung, das will mir nicht in den Kopf, dass sich so wenig ändert, nur abgemildert wird der Krankheitsverlauf durch das Mittel, alles andere bleibt, es wird nie aufhören, das kommt mir gerade so sinnlos vor.

Veröffentlicht unter 2021

Liebe

Ostermontag, B.N. Ostern mit meiner lieben L, dem Lchen und Tchen ist einfach nur schön. Und dann sind sie wieder weg und ich weiß, dass ich mich wieder auf mich selbst beziehen muss, auf meine Arbeit, und gut dass PM da ist.

Veröffentlicht unter 2021

Versetzt

Gründonnerstag. Mit Corona ist das Leben Slow Motion. Ich bin eher Typ (Typin?) Zeitraffer, mache gern drei Sachen auf einmal, kommuniziere lieber mit fünf als mit einer Person, nutze kleine Zeitfenster für große Sachen und freue mich, wenn es klappt. Under Pressure ist mein Lieblingsmodus. Jetzt ist der Druck weg, weil ich mir selbst keinen mehr mache. Antriebslos und uninspiriert, komme ich auch in Sachen Buchprojekt nicht vorwärts. Das Virus hat mich ver-setzt. Ich bewege mich sogar langsamer; verstehe mich selbst nicht mehr, das ist das Schlimmste.
Heute Nachmittag kommen Marcel und Susanne. Anlass, endlich meine Terrasse frühlingsfertig zu machen. 10 Tage „Amt“-frei, das ist doch was, das wäre was, wenn …. Ich glotze verschreckt auf 240 Stunden meines Lebens und bin fest entschlossen, sie nicht zu verplempern.
Lotte am Bauhaus ist ein schöner Film. Vor 1 1/2 Jahren hatte ich eine Lesung in Dessau und habe u.a. die Meisterhaus-Siedlung von Gropius besichtigt, einer der Drehorte. Ich liebe Filme, die sich nicht sofort vergessen lassen, die etwas mit mir machen, mich im guten Sinn versetzen.

Veröffentlicht unter 2021

Mittagssonne

Mittwoch. In Annas Garten ist Urlaub. Eine blühende Kirsche beugt sich über den Tisch. H. hat Risotto mit Birne und Gorgonzola gekocht. Ein leichter Sekt verquirlt uns die Sinne, wir vergessen Corona und reden über Essen und Kunst und Berlin und uns. Anna malt nicht mehr. Auf meine Nachfrage sagt sie, dass sie nicht darunter leidet oder nicht so stark. Anna und H. wissen, wie es geht.

Veröffentlicht unter 2021

Corona Diary – Über

Nie oder selten gebraucht: eine Daunenjacke, Sektgläser, Bücher, Schuhe, eine Handvoll Lidschatten. Ich stelle die Sachen vor die Haustür und gehe weiter zur Post und zu Rewe. Als ich eine halbe Stunde später zurückkomme, ist schon alles weg. In der Kiste nur ne leere Bäckertüte. Ich fische sie raus und knülle sie zu einem wütenden Ball zusammen. Ich bin so gekränkt, dass ich am liebsten losjumpen und der Absahnerin – es kann nur eine Frau sein – die Meinung geigen würde. Meinung? Wegreißen würde ich ihr die Jacke, meine Jacke, mit böser Freude die Gläser, meine Gläser, auf der Straße zertrümmern, mich umdrehen und ab! Ich kriege kaum Luft, ich pfeffere den Papierball in die Biotonne auf stinkende Essreste und schlage den Deckel zu, ich muss mich abregen, ich reagiere über, sage ich mir, hallo, du reagierst über, ich schließe die Haustür auf und reagiere immer noch über und bin sauer auf den langsamen Fahrstuhl und auf die Kuh, die alles mitnimmt und mir ihren Müll hinterlässt, ich bin sauer auf mein Sauersein, auf meine miese Laune und auf den Abend, der kein guter Abend mehr wird.

Veröffentlicht unter 2021