Corona Diary, endless

Dienstag, B.N. Über jede Klausur, die ich korrigieren darf, bin ich froh. Ich mache das mit einer grotesken Sorgfalt. Meine Kommentare sind sehr gut lesbar und sehr ausführlich. Auf der Hauptstraße laufe ich von einem Stadtteil in den anderen. Von der gegenüberliegenden Seite durch die Nachmittagsdämmerung blinkt und funkelt ein Schaufenster, das Bild brennt sich durch meine Netzhaut direkt ins Herz. Frühjahrsmode?, wie gezogen überquere ich die beinahe autofreie Straße. Grabsteine! Ihre hellen und dunklen Torsi präsentieren sich auf weißen Samtblöcken unter dem goldenen Licht von tausend Strahlern. Ich trotte wieder zurück und aus irgendeinem Grund schäme ich mich. Plattitüdenhafte Gedanken – wie passend zu dieser Zeit, und so weiter – drängen sich auf. Nach zwanzig Minuten zwischenweltlicher Ödnis endlich die ersten Stadtvillen. Alle Schaufenster sind beleuchtet und bemühen sich lebendig auszusehen. Die Läden sind alle geschlossen. Frühjahrsmode? In der Auslage meines favorite shops tragen die Puppen cremefarbene und marineblaue Outfits, um Fantasien von Strand und Ferne zu wecken, doch das ist Fake, sie tragen ausnahmslos Winterware. Eine geöffnete Apotheke. Brauche ich was? Auch die Tür zum Reformhaus steht weit offen, drinnen gähnende Leere. In der Fußgängerzone zotteln Gestalten hinter ihren Hunden her. Eine geöffnete Metzgerei. Ich flitze rein und kaufe sauer eingelegten Schinken, geräucherten Schinken, gekochten Schinken. Heringssalat, Leberpastete, Brötchen. Die Bezahlung läuft über einen Automaten ab, den die Fleischereifachverkäuferin mir meint erklären zu müssen. Ich bin glücklich, ich habe drei Sätze gesprochen und eine große Tüte in der Hand. Die F. winkt enthusiastisch zum Abschied, ich glaube, sie ist auch glücklich. Zurück laufe ich an der Ahr entlang, es ist dunkel jetzt, der Park ein bisschen gruselig, am Wegrand warten Gestalten hinter ihren kackenden Hunden. Abends staunt PM über die reiche Schinkenauswahl. Ich ziehe eine Klausur ran. Sind ja noch ein paar da, GSD.