Durch

Dienstag. Dass sie schützt, ist das eine. Das andere, dass sie unsichtbar macht. Egal, was ich anziehe, ob ich mir die Lippen schminke oder die Frisur style, alles verschwindet hinter dem Stück Baumwollstoff mit den unattraktiven Gummibändern. Keiner sieht mehr keinen an aus der anonymisierten Maskenmasse. Vollkommen egal also, was dahinter steckt.
Also muss ich auch nicht mehr freundlich lächeln, wenn mir in Wahrheit grimmig zumute ist, insbesondere heute, wo der Grimm sehr dominant ist, und das empfinde ich eindeutig als Vorteil. Meinen Augen ist nicht abzulesen, dass ich am Morgen das Wichtigste zuhause vergessen habe, obwohl ich es extra auf die Kommode im Eingang gelegt habe, wo es jetzt immer noch liegt, sinnlos und vergeblich und später zu nichts mehr zu gebrauchen. Nicht abzulesen, dass ich im Aufzug panisch berechne, ob ich mitten in den Aerosolen des gerade Ausgestiegenen stehe und dass ich meine Rechnerei im selben Augenblick total bescheuert finde und mich – vergeblich – zu mehr Gelassenheit ermahne. Nicht abzulesen, dass ich mich über die Kinn- und Unter-der-Nase-Träger*innen ebenso aufrege wie über die, die an der Rewe-Kasse lautstark „Bitte etwas mehr Abstand!“ von mir einfordert, weil ich schon wieder in Eile und im Abflug und der Vorderfrau etwas zu nah auf die Pelle gerückt bin – das alles sieht niemand hinter meiner Maske, und das ist wirklich gut so.
Die 3. Pandemiestufe gibt mir den Rest, ich sehe da nicht mehr durch, am wenigsten bei mir selbst. Außer dass ich gerade ziemlich durch bin.