Virologie im 16. Jahrhundert

Sonntag. Luther wieder! Ja, auch zur Epidemie hat er etwas zu sagen gewusst, die damals Pest hieß und im Jahr 1527 Wittenberg erreichte.
Ob auch die Pfarrer vor der Seuche fliehen und die Stadt verlassen dürfen, wie es 1525 der Stadtrat von Breslau zum Schutz der Gesunden empfohlen hatte, wollten nicht nur seine Breslauer Amtsbrüder von dem berühmten Reformator wissen. Während die Universität und die Professoren nach Jena übersiedelten, mahnte Luther, nicht allzu zaghaft zu sein. Er selbst blieb in Wittenberg, predigte, hielt Vorlesungen, arbeitete als Seelsorger und passte bei all dem in vernünftiger Weise auf sich und sein leibliches Wohl auf.
Und verfasste die Schrift Ob man vor dem Sterben fliehen möge* (1527).
Antwort gibt er darin in zweifacher Weise: Wo jemand in Not ist, „sind wir alle aneinander gebunden, dass keiner den anderen in seinen Nöten verlasse.“ Zum anderen sei unnötige Todesgefahr zu vermeiden. Das Fliehen sei gerechtfertigt, sofern genügend Leute da sind, sich um die Kranken und Sterbenden zu kümmern. Auch wer sehr ängstlich sei, solle besser weggehen. Denn sein Leben zu schützen sei natürlich, und ’natürlich‘ heißt bei Luther immer „von Gott eingepflanzt“. In jedem Fall sollen die Ängstlichen nicht verdammt werden von denen, die sich stark fühlen. Wo das Leid hinkommt, da gilt es, sich selbst zu rüsten und den anderen zu trösten.
Außer Frage steht es für Luther, dass die Pest eine Strafe Gottes ist, doch eher in dem Sinn, den Glauben und die Liebe auf die Probe zu stellen. Andererseits heißt es für ihn Gott auf die Probe zu stellen, wenn man sich der Gefahr allzu „vermessen und keck“ ausliefert. „Denn Gott hat … die Vernunft gegeben, dem Leib vorzustehen und ihn zu pflegen, dass er gesund sei und lebe.“ Es geht also um den Weg der goldenen Mitte zwischen Fürsorge, die das persönliche Todesrisiko abwägt, und Vorsicht, sofern der Nächste nicht vernachlässigt wird.
Luther wäre heute eindeutig Masken- und Quarantänebefürworter. Vorsicht und Rücksichtnahme gehen ihm über Leichtfertigkeit: „Zudem ist das noch greulicher, dass einer, der seinen Leib so vernachlässigt und die Pest nicht abwehren hilft, soviel er kann, auch viele andere beschmutzen und anstecken kann, die sonst wohl lebendig geblieben wären, wenn er seinen Leib gepflegt hätte. … Fürwahr, solche Leute sind gerade, als wenn ein Haus in der Stadt brennt, dem niemand wehrt, sondern man lässt dem Feuer Raum, dass die ganze Stadt verbrennt.“
Diesen Gleichgültigen sagt er den Kampf an: „Nicht so, meine lieben Freunde, das ist nicht fein getan!“ Vielmehr sollen die Leute alles tun, was hilft: Das Haus „räuchern, die Luft reinigen helfen, Arznei geben und nehmen, Orte und Personen meiden, … damit ich mich selbst nicht vernachlässige und dazu durch mich vielleicht viele andere vergiftet und angesteckt werden und ihnen so durch meine Nachlässigkeit eine Ursache des Todes entsteht.“
Letzteres könnte direkt von Prof. Christian Drosten sein. „Wo ein jeder das Gift abwehren hilft, … ist gewiss ein geringes Sterben in solcher Stadt“, resümiert der spätmittelalterliche Theologe ganz wie ein moderner Virologe, dem auch das Phänomen der Superspreader nicht unbekannt ist: „Sie gehen, wenn sie die Pest heimlich haben, unter die Menschen.“ So verhielten sich offenbar manche seiner infizierten Zeitgenossen, weil sie glaubten, das Virus dadurch loszuwerden: „Sie gehen also auf die Gassen und in die Häuser, damit sie die Pest anderen oder ihren Kindern und ihren Leuten an den Hals hängen und sich [selbst] damit erretten.“
Noch schlimmer erachtet Luther diejenigen, die aus reiner Bosheit ihre Krankheit unters Volk bringen: “ Sie wollen sie dahin bringen, gerade als wäre die Sache ein Scherz, als wenn man jemandem zum Spaß Läuse in den Pelz oder Fliegen in die Stube setzt. Ich weiß nicht, ob ich’s glauben soll. … Sie gehen lachend dahin, als hätten sie es gut gemacht. Bei dieser Weise wäre es besser, bei wilden Tieren zu wohnen als bei solchen Mördern.“
Ganz praktisch rät Luther: wer die Krankheit hat, soll sich von anderen Menschen absondern, um Ansteckung zu vermeiden, und sich schnellstens mit Arznei Hilfe suchen, „damit so das Gift beizeiten gedämpft wird.“ Dies käme nicht nur dem einzelnen Kranken, sondern der ganzen Gemeinde zugute: „Denn so ist jetzt unsere Pest hier zu Wittenberg allein aus der Ansteckung hergekommen. Aus lauter Tollkühnheit und Versäumnis hat sie einige, und nur wenige, vergiftet.“
Diesen Rücksichtslosen brauchen auch die Sterbesakramente nicht gegeben zu werden, denn das sei wie Perlen vor die Säue geworfen: „Man findet leider so viel unverschämten, verstockten Pöbel, der weder im Leben noch im Sterben für seine Seele sorgt. Sie gehen hin und liegen, sterben auch dahin wie die Klötze, in denen weder Sinn noch Gedanken sind.“
Den Gläubigen rät Luther, sich rechtzeitig zu versöhnen, ein Testament zu machen und für die Seele zu sorgen. Seine Pest-Empfehlungen münden in einem Ratschlag, der eine entscheidende Wende in der Bestattungskultur einleiten sollte: Die Toten mögen nicht länger auf den Friedhöfen neben der Kirche, sondern jenseits der Stadtmauern bestattet werden. In dieser Angelegenheit fordert Luther die „Doktoren der Arznei“ zu einer Stellungnahme auf, „ob aus den Gräbern Dunst oder Dampf ausgeht, der die Luft verpestet. Wenn dem aber so wäre, so hätte man gemäß den oben erwähnten Warnungen Grund genug, den Kirchhof außerhalb der Stadt zu haben. Denn wie wir gehört haben, sind wir allesamt schuldig, dem Gift zu wehren, womit man es eben vermag.“
Abschließend erbittet Luther göttliche Hilfe gegen die überall hochkommenden Sekten und die „Schwarmgeisterei“.
Was? Verschwörungstheoretiker gab es damals auch schon? Und ob! Am besten, so der Gottesmann und Freund der klaren Ansage, ignoriert man sie. Denn sie seien wie eine „Wanze, die schon an sich stinkt. Je mehr man sie reibt, um so ärger stinken sie.“

*Martin Luthers Schriften Band 2, Insel Verlag 1990