Freiwillige

Donnerstag. 40 Helfer hat PM zusammengetrommelt, um das Haus leerzuräumen.
Wie hast du das gemacht?, frage ich ihn verblüfft. Es ist Mitternacht durch, den ganzen Tag habe ich nichts von ihm gehört.
Einzelne haben WalkieTalkies, die mit der Leitstelle verbunden sind. Sie laufen durch die Straßen und fragen, was man braucht, um in kürzester Zeit eine gut ausgerüstete Truppe zusammenzuziehen, erzählt PM und fügt mit direkt hörbarem Grinsen an: „Früher bei uns waren das Dispatcher!“
Sie sind bestens organisiert. Einer ist extra aus Tübingen, ein anderer sogar aus Freiburg angereist – Männer und Frauen aller Altersgruppen, die bereit sind, sich in die betroffenen Gebiete auf den Weg zu machen, wo sie dringend so benötigt werden. Es sind die vielen Freiwilligen, die den völlig überforderten Menschen in ihren zerstörten Häusern und in ihrer katastrophalen Lage helfen.
Von ihren Arbeitgebern werden die Helfer*innen für die Einsätze freigestellt. Für PMs Truppe ist es das achte Haus, das sie räumen! Sie haben alles dabei: Werkzeug, Spaten, Schubkarren, Pumpen. Sogar für Essen und Trinken für die ganze Mannschaft ist gesorgt. Diese überlebensnotwendigen Sachspenden kommen von Firmen und Geschäften aus der Umgebung. Sie werden zu Sammelstellen gebracht und dort verteilt. Wer auch immer das alles koordiniert, THW oder Feuerwehr oder das BKK (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe) – die Zusammenarbeit von Profis und Freiwilligen funktioniert entgegen mancher Medienberichten sehr gut. Es ist für alle eine noch nie dagewesene Situation, hinterher ist man immer schlauer als vorher.
Sie arbeiten in Etappen, immer nach einer halben Stunde wechseln sie sich ab wegen der Giftstoffe, die der Schlamm ausdünstet. Im stockdunklen Keller tragen sie Helmlampen und hängen Akkuleuchten auf. Sie bilden eine Kette vom Keller bis zur Straße hoch. Zuerst ist das Gerümpel dran, dann der Schlamm. Indem sie die vollen Eimer über vierzig Hände nach draußen weitergeben und die leeren wieder zurück, ist die meterhohe Dreckschicht in wenigen Stunden nach draußen geschafft.
Zuvor haben sie den Keller leergepumpt. Wider früherer Ansagen hält das Haus doch; bei der Ansage schöpfe ich neue Hoffnung für meine Uhr …
Als sie den schweren, vom Schlamm getränkten Teppich aus dem Wohnzimmer auf die Straße ziehen, blitzt auf einmal der Modigliani-Kopf auf, den ich im Metropolitan Museum für PM gekauft habe. Er hat das Unglück unbeschadet überstanden. Solche Dinge gewinnen plötzlich eine neue Bedeutung. PMs Stimme klingt am Telefon zufrieden, so paradox das scheint. Er hat wahnsinnig viel gearbeitet, hat mit den Jungs & Mädels Bier getrunken und gelacht, Haus und Keller sind jetzt BESENREIN, meint er, und: „Besser du siehst dir deine Möbel nicht mehr an, sie sehen schrecklich aus!“
Er schickt Fotos von leeren, schlammverschmierten Räumen. Das Wohnzimmer erkenne ich kaum wieder. Das Parkett ist weg, statt dessen kommt ein hässlicher Linoleumboden zum Vorschein… PM hat richtig was gerissen. Auf seine Weise hat er Abschied von dem Haus genommen, in dem er über 20 Jahre gelebt hat.
Er spricht aus einer anderen Welt zu mir. Ich bekomme Angst: spüre die Entfernung zwischen uns sich verzehnfachen.
Noch immer gibt es keinen Strom, kein Gas und kein Wasser, Wasser auch in PMs Klinik nicht. Die Angst vor Ratten und Seuchen wächst.
In den Medien gibt es nur noch ein Thema: Das Klima. Rekordhitze in Lappland, brennende Wälder in den USA, Flutkatastrophe bei uns. Es ist apokalyptisch, immer wieder fällt der Satz von der zurückschlagenden Natur. (Thomas Bernhard: „Ich hasse die Natur …“)