Beerencrumble

Samstag, Tübingen. I. hat gekocht. Ihre Rezepte nimmt sie jetzt aus dem Kochbuch gegen Krebs. Es gibt Kürbis-Ingwer-Suppe, Gemüserisotto mit Fisch und zum Nachtisch ein feines Beerencrumble. „Krebszellen mögen keine Beeren.“ So heißt ein anderes Kochbuch gegen den Krebs. G. sagt, er isst, worauf er Lust hat. Er ist schwach und anrührend und lacht über PM’s Geschichten von der Armee: Vom Transport mit der Eisenbahn von Erfurt nach Ascherlug, vom Zähneziehen auf der zehntägigen Zugfahrt als 22-jähriger Medizinstudent, von Bier- und Schnapsrationen, von Fliegerabwehrraketen, von der Brutalität des russischen Militärs, von Fahnenflucht, von unsinnigen Befehlen. G.’s Krankheit kann man jetzt

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VP-01 – Rollenspiel

Freitag. Der Weihnachtsmarkt-Attentäter Anis Amri hatte einen Begleiter, eine Bezugsperson, einen Vertrauten: Den V-Mann mit dem Decknamen VP-01. Was soll ich machen, wenn ich einen Anschlag plane?, soll Amri seinen Vertrauten gefragt haben, mit dem er häufig im Auto unterwegs war, zu seinen Unterkünften und später auch nach Berlin. Rasier dir erstmal den Bart ab, sonst fällst du auf!, soll der V-Mann ihm oder auch Anderen aus der bundesdeutschen Islamisten-Szene geraten haben, und man fragt sich, ob sie da noch Observierte oder schon so was wie Gleichgesinnte waren. Amri rasierte sich. Wenig später, am 19.12.2016, rammte er den Lkw in

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Zeugnisse, Teil II*

Freitag. Und passiert ist tatsächlich etwas. Bloß nicht, was ich mir gewünscht hätte. Da ist ganz klar ein Unrecht geschehen, weniger an mir als an Anderen, in meiner Verantwortung Stehenden. Aufgrund meines heftigen, wiederkehrenden Protestes – „Sie wollen doch kein zweiter Kohlhaas werden?“ – „Oh no!, da halte ich mir lieber Augen und Ohren und Mund ganz fest zu …“ – kam es immerhin zu Verhandlungen, Meetings, Ermahnungen, Entschuldigungen. Auch an mich ist so eine Entschuldigung ergangen. Schriftlich. Eine Entschuldigung, die das ganze Ausmaß der Unprofessionalität, der Unfähigkeit dieser Person offenbart. Die Person will anonym bleiben. Logo, das würde ich

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Zum Glück zu faul

Nummer 1 Die Schrift ist noch nass, ein leeres Tintenfass Vor mir liegt ein Meisterwerk. Ein neues Lied ist geboren und es klingt in meinen Ohren so toll wie keins bisher. Dann schau ich im Internet, ob’s dort andre Lieder hätt, die so gut sind wie meins. Nach langer Suche stell ich feste, dass sich keines finden lässt. Und dann erscheint doch eins. Irgendwo gib’s immer jemand, der was besser macht als ich’s kann Neid und Pein Wann bin denn ich mal Nummer eins? Ich kann ganz toll mit Motorsägen jongliern, und kann freihändig ne Kugel Eis frittiern, Dann kommt

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Wochenstart

Montagmorgen. Wenn es T. schlecht geht oder T. und J., geht es mir schlecht. Endlich mal wieder lange mit ihm geredet. Sie wohnen jetzt auf dem Berg in einer schönen Wohnung. Lebensabschnitte. T. wächst an den Problemen, die sich den beiden gerade stellen. Wenn nur J.’s OP schon vorbei wäre! Mein neues Lieblingsbuch ist „Kitchen“ von Banana Yoshimoto. Dabei ist das Buch alles andere als neu, ist mir nur bisher entgangen. Federleicht geschrieben und tiefgründig. Banana Yoshimoto, literarischer Shooting-Star der Neunzigerjahre in Japan, wurde mit ihrer ersten Erzählung Moonlight Shadow an der Uni Tokyo promoviert. Auch interessant! Yoshimoto schreibt jung

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After Work*

Freitag. Ich ziehe mir jetzt schon ziemlich warme Sachen an und steige auf mein Fahrrad. Es ist ein in kühles Licht getauchter Freitagmittag, der jeden Zweifel daran nimmt, dass der Herbst da ist. Der Wind bläst mir ins Gesicht, das tut gut. Von den Bäumen fällt das gelbe Laub herab, wird von den vorbei rauschenden Autos aufgewirbelt und bleibt am Straßenrand liegen. Das helle Blau des Himmels ist wie mit einem Schleier bedeckt, der reicht bis weit ans Ende der Stadt. Die Helligkeit spiegelt sich auf der Oberfläche wie auf einer Seifenblase. Ich stelle mein Fahrrad ab und gehe in

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Abgehört II (Zuggespräche)

Ich krieg auch schon graue Haare. Hahahaha! Doch, ehrlich, hab schon welche gefunden. So fünf oder sechs Stück! Hahahahaha! Wie alt bist’n du? Zweiunddreißig. Echt jetzt? Siehst viel jünger aus … Ja, wenn ich meine Haare so schneide, so nach hinten … Hahahaha! Und du? Fünfunddreißig. Ich komme gerade aus der Reha. Wegen was, wenn ich fragen darf? Ach, das sieht man nicht. Sensibilitätsstörungen. Meine Hand, meine Finger, ganz taub. Thrombus … Ablagerungen in den Venen, da kannste Pech haben, dann biste links gelähmt. Kommt vielleicht vom Rauchen. Ich habe zwanzig Jahre krass geraucht. Mehr geraucht als nicht geraucht in

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Wirklichkeit …

… ist: Das Flattern des Vorhangs vor dem offenen Fenster, PM’s Atem, rosa Wolkentupfen auf blauem Morgenhimmel, der Landeanflug der Taube auf der Antenne gegenüber, die Konturen von PM’s Geburtstagstisch, die Einkaufstüten neben dem Sessel, das wundersame Heimatgefühl, das ein Hotelzimmer zu vermitteln in der Lage ist, die Melancholie des Abschieds, die Ungewissheiten, die vielleicht nur als Ungewissheiten wahrgenommen werden. Buchenwald, gestern. Die verwirrende Größe / Weite des Mahnmals – wie groß muss ein Mahnmal sein, um diese Schuld zu tilgen? Jedem das Seine – Die Inschrift ist noch zynischer als Arbeit macht frei. Die Kahlheit des vergangenen Grauens, das

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Kate Millet ist tot

Freitag, B.N. Kate Millet ist vorgestern im Alter von 82 Jahren gestorben. Die Pionierin in Sachen Sex und Macht hat in den frühen Siebzigern mit ihrer bahnbrechenden Analyse Sexus und Herrschaft einen Diskurs ausgelöst, der wirklich Lebensperspektiven verändert, bzw. neue eröffnet hat. Bis heute bin ich meiner Frauengruppe an der ev.-theol. Fachschaft Tübingen dankbar für viele intellektuelle Upgrades: Millet, Steinem, Firestone, Beauvoir haben wir gemeinsam gelesen und diskutiert … und uns in Folge jede für sich alleine daran gemacht …

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