Einer meiner Vorgesetzten kann nicht mit Leuten, die den Durchblick haben. Gestern hat er einen jungen, souveränen Typen, der obendrein gefährlich smart gekleidet war, gemobbt. Mit der vollkommen sinnfreien Anweisung, ein Formular noch einmal auszufüllen, weil der Andere über den Rand geschrieben habe (der Rand, die Vorgabe, die Grenze!), hat er ihn gedemütigt. Den handschriftlichen Text hat er anschließend sehr gründlich und mit verächtlich hochgezogenen Brauen nach Fehlern untersucht. Ausgerechnet er! Einer meiner Vorgesetzten hat seine Karriere auf dem zweiten Bildungsweg genommen. Das ist an sich nicht weiter erwähnenswert, doch er erwähnt es jedesmal, wenn er mit einem Fremdwort an seine
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Begegnung aus dem Nichts
Mittwoch. Eine K. Kaskeline hat sich bei mir gemeldet. Sie hat meinen Artikel „Auschwitz ist überall“ auf der Freitag-Seite gelesen, in dem ich den jüdischen Zweig meiner Familie recherchiert habe, die Kaskelines und ihre zum Teil recht prominenten Künstler-Mitglieder. In einem Kommentar zu meinem Artikel hat sie noch einige Ergänzungen hinzugefügt. U.a. behauptet sie, Friedrich Kaskeline sei auf dem jüdischen Friedhof in Weissensee begraben. Das glaube ich aber nicht. Nach familieninternen Informationen ist er „abgeholt worden“ und später im KZ umgebracht. Nach Quellenlage sind Todesursache und -ort unbekannt. Sie schreibt selbst, es sei lediglich eine These (Hoffnung?) ihrer Familie; man habe
WeiterlesenFreunde des Wortes
Montag. bin ich ein Rechtschreib-Nazi? Rechtschreibfehler, Kommafehler stechen mir ins Auge. Ich kann sie nicht nicht sehen. Steht da beispielsweise so ein wunderschöner, klarer Relativsatz, und dem fehlen vorn und hinten seine Kommata, dann stößt mir das auf, dann tut mir das weh, dann frage ich mich: Warum! Am schlimmsten ist es bei den sogenannten Freunden des Wortes: Schriftsteller*innen, Journalist*innen, Verlagsleute, diese Kategorie. Die Freunde des Wortes gehen nicht selten geringschätzig mit Wort und Syntax, mit Orthographie und Interpunktion um. Ich gebe zu, dass mich das wundert. Dass übrigens mit Doppel-S, und davor, vor dass mit Doppel-S, steht immer ein Komma, basta! Und bitte
WeiterlesenBestimmung
Freitag. Auf den Rückenlehnen, den Sitzflächen wächst Moos. Da stehen sie im Regen und bringen Biotope auf kleinstem Raum hervor, auf Tropenraum, diese teuren Dinger aus meinem alten Leben, Tropenholz und Edelstahl, kein Rost, nirgends. Der Stahl hält, was er verspricht, doch das Holz ist unberechenbar, das wuchert und lebt, da tut sich was auf meinen Balkonmöbeln, die stehen im Regen und gedeihen. Weil niemand sie bürstet und schleift und lackiert und ihnen das wohl auch in Zukunft nicht vergönnt sein wird, fragt sich, was im Sommer wird, wenn die Sonne lockt und die Polster herausgeholt werden. Oder sind die
WeiterlesenIm Westen nichts Neues – Pflichtlektüre für Kriegshetzer und Fans des Kalten Krieges
Donnerstag. „Ich bin jung, ich bin zwanzig Jahre alt; aber ich kenne vom Leben nichts anderes als die Verzweiflung, den Tod, die Angst und die Verkettung sinnlosester Oberflächlichkeit mit einem Abgrund des Leidens. Ich sehe, dass Völker gegeneinandergetrieben werden und sich schweigend, unwissend, töricht, gehorsam, unschuldig töten. Ich sehe, dass die klügsten Gehirne der Welt Waffen und Worte erfinden, um das alles noch raffinierter und länger dauernd zu machen. Und mit mir sehen das alle Menschen meines Alters hier und drüben, in der ganzen Welt, mit mir erlebt das meine Generation. Was werden unsere Väter tun, wenn wir einmal aufstehen
WeiterlesenKZ-Gedenkfeier Ravensbrück – hochnotpeinliche Symbolik
Die 90 geladenen Überlebenden des KZ Ravensbrück standen nicht im Zentrum des Interesses. Die Feier zum 70. Jahrestag der Befreiung verkam zur Polit-Farce Hannah Rainer und Jakob Wischniowski, beide Studenten und beide vom ehrenamtlichen Helfer-Team, empfanden die Situation am Mittagstisch als zynisch (Spiegel-online, 25.04.15): Geholfen hatten sie bei der Gedenkfeier am vorigen Sonntag auf dem Gelände des ehemaligen KZs Ravensbrück. Gedacht wurde der Befreiung des Lagers vor 70 Jahren. Eingeladen neben den üblichen (verdächtigen) Ehrenträgern waren auch die wenigen ehemaligen Häftlinge, die heute noch am Leben sind, 90 an der Zahl. Insgesamt nahmen 1000 Gäste teil. Wir kennen die
Weiterlesenohne Pläneschmieden
Montag. Dass der AugenBlick zählt (oder das Vertrauen in den AugenBlick), ohne Pläneschmieden und Zukunftsgrübelei, das macht PM.
WeiterlesenRose Ausländer – „Die Vergangenheit / hat mich gedichtet“
Samstag. Es waren Rose Ausländer im Besonderen und die Beschäftigung mit der deutschen Exillyrik im Allgemeinen, die mir die Tür zur Welt der Lyrik geöffnet haben. Ausländers Sprache ist einfach und gewaltig. Man wird süchtig danach, und ihre mit Sprache gezeichneten Bilder wird man nie mehr los. Wieviel Arbeit hinter der Reduktion steht, kann man spüren, wenn man sich dem Sog ihrer Gedichte hingibt. Ihre Wirkung ist geradezu körperlich. Es ist das Versinken in einer vollkommen fremden und dennoch vertrauten Anrede. Ausländer verzichtet auf Effekte. Aber mit hintergründiger Spontanität kombiniert sie scheinbar einander ausschließende Wörter/Assoziationen, um dieses Gefühl von Verblüffung und luftiger
WeiterlesenZu viel, zu viel
Sonntag, B.N. Unsere Väter – unsere Mütter. Eine never ending Story. Mit dem Schritt über die Schwelle ihres Hauses ist da dieses starke Gefühl der Unvollständigkeit, Unattraktivität, Unakzeptanz in jeder Hinsicht. Wie hältst du dem Angriff diesmal stand? Wie erfüllst du deinen Teil der Verpflichtung, sprich: Pflege, ohne emotionale Beteiligung? Wie bekommst du deine Unschuld zurück? Übrigens ein Ost-West-übergreifendes Thema. Und immer wieder geht es um das zu viel*. Was begründet diese tiefsitzende elterliche Aversion? Neid? Angst vor dem Anderssein der Tochter, des Sohnes? Etwas, das viel früher zurückliegt und nun nicht mehr fassbar ist? (Der Krieg?, ach ja, dieses
WeiterlesenStratfor, George Friedman und die US-Strategie in Sachen Ukraine – und Illner!
Freitag, B.N. Das youtube-Video „Stratfor – George Friedman“ (www.kla.tv/5586) muss man leider gesehen haben. Eigentlich gibt es kein wichtigeres Thema als dieses, wenn die Auseinandersetzung damit nicht so deprimierend wäre. Friedman gibt in einmalig unmissverständlicher Weise die US-Strategie in Sachen Ukraine und US-Weltmacht preis: „Die Deutschen haben ein sehr komplexes Verhältnis zu den Russen. … Die Hauptbefürchtung der USA ist, dass deutsches Kapital und deutsche Technologien mit russischen Rohstoff-Ressourcen und russischer Arbeitskraft sich zu einer einzigartigen Kombination verbinden, die DIE USA SEIT EINEM JAHRHUNDERT ZU VERHINDERN SUCHEN.“ Friedman rechtfertigt Nato-Aktionen übrigens ausdrücklich auch, wenn sie moralisch nicht vertretbar sind… Ich
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