Das Schreiben für die Liebe opfern?

Schriftstellerinnen leben wie Kerzen, die von beiden Seiten abbrennen. Das Vorwort zu Stefan Bollmanns Buch Frauen, die schreiben, leben gefährlich (Elisabeth Sandmann Verlag, 2006), hat mich erst jetzt, via Facebook, erreicht. Eigentlich handelt es sich dabei um ein Essay, und geschrieben hat es Elke Heidenreich. Der Text hat mich tief bewegt. Und erschüttert. Ja, es ist alles wahr. Auch wenn es so pathetisch klingt: Frauen, die schreiben, haben es bis heute schwer. Sie müssen für ihre Kunst wirklich und mit hohem Einsatz kämpfen. Nichts wird ihnen geschenkt. Im Gegenteil. Dass du schreibst, erzähle (als Frau!) besser niemandem. Niemand hat Verständnis dafür.

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„Kopftuchurteil“ des Bundesverfassungsgerichts

Montag. Dem Positionspapier von TERRE DES FEMMES zum Kopftuchverbot in staatlichen Einrichtungen (s.u.) von 2006 ist nichts hinzuzufügen. Das aktuelle Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Aufhebung des Verbotes halte ich für ein Fehlurteil. Das Argument, die muslimischen Frauen trügen das Kopftuch freiwillig, ist m.E. irrelevant. Vielleicht gibt es tatsächlich Frauen, die das Unterdrückungssymbol aus freien Stücken tragen, so wie es ja immer wieder Beispiele von Unterdrückten gibt, die ihre eigene Unterdrückung akzeptieren. Die Geschichte ist voll davon. Wer seine Unterdrückung hinnimmt, geht kurzfristig vielleicht den leichteren Weg, gibt langfristig aber die Verantwortung an den Unterdrücker ab. Wer hinnimmt, dass die Hälfte der Menschen

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Vom Essen und Trinken

Sonntag. Mit I. und G. in der Kelter versackt. Zu viele Prosecco und Swimmingpools getrunken. Heute Übelkeit und Kopfschmerzen. PM findet, die Kelter sei schon so etwas wie sein zweites Zuhause. Am Donnerstag Abend war ich dort mit T. und S. essen, aber die beiden fanden einfach nichts auf der Speisekarte. Das „Scherzelstück von der Kalbsschulter 24 Stunden auf Niedrigtemperatur gegart in mediterranen Aromen mit Gerstengraupenrisotto und weißem Speckschaum“ war ihnen ebenso suspekt wie das „Rosa gebratene Striploinsteak vom Dry Aged Beef mit Rotwein-Pfefferzwiebeln, gerösteten Artischocken und gefüllter Maispolenta“. Gerne hätte T. Ente genommen, aber doch keine „Entenbrust mit Honig und Koriander mit Walnuss-Wirsinggemüse, knusprigem

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(Vor)freuden

Samstag. Aufwachen, aufstehen, Kaffee trinken, vom Balkon in den Himmel gucken, den Vögeln zuhören, Wäsche einwerfen, das Kleid, das ich mir gestern bei Marbello gekauft habe (bunt, knackig eng, mit einem roten Bolerojäckchen, beides von FOX) einräumen und mich auf die erste Gelegenheit es zu tragen freuen, das T-Shirt aus dem Second Hand waschen und aufhängen (heute Abend in der Kelter?), Texte für den Wettbewerb ausdrucken, Einkaufsliste machen (PM heute, T. und S. morgen da), ein Lied auf YouTube suchen (Parlami d’amore Mariù by Tino Rossi), vergammelte Orangen entsorgen (scheint so, ich kaufe Obst nur, um es wegzuwerfen), dafür eine

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Achtundneunzig

Mittwoch. 98 scheint ein Alter zu sein, das den Mitgliedern meiner Familie mütterlicherseits zum Sterben geeignet scheint. Mein Großvater schlief wie jeden Tag mittags auf dem Sofa, auf der „Chaiselongue“, ein und wachte nicht mehr auf – er war 98. Er war ein friedlicher Mensch, und friedlich war sein Sterben. Meine Oma, die deutlich jünger war als er, lebte noch viele muntere Jahre allein, bis sie in das obere Stockwerk im Haus meiner Eltern umzog. Sie ging uns allen mächtig auf die Nerven. Sie müsse noch über so vieles nachdenken, behauptete sie, aber in Wirklichkeit musste sie noch so viele

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Sex und Ohrfeigen

Samstag, B.N. Gestern stellte mein Kollege R. mir ein Bein, als ich ziemlich nah an ihm vorüberlief. Ich stolperte, spürte eine aufschießende Wut und knallte ihm eine. Das war ein Reflex. R. war ziemlich verblüfft, aber er lachte. Ein bisschen. Er musste Haltung bewahren. Wahrscheinlich wusste er plötzlich wieder, dass sich Erwachsene kein Bein stellen. Außerdem stand seine aktuelle Affäre daneben und guckte zu. Mein Kollege R. kann sehr nett sein. Meistens ist er ein Arschloch. Er hat noch eine 25 Jahre alte Rechnung mit mir offen. Die wird auch nie beglichen werden. Ich habe sein eindeutiges Angebot abgelehnt, wie

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Von Karten und Achsen (Heimat IV)

Mittwoch. Die Rheinebene also*, abergläubische Reflexe durchzucken mein Gehirn, kann kein Zufall, kann kein Zufall, und sogar Sankt Augustin, dieses Mininest, ist deutlich zu erkennen, daneben Siegburg, Troisdorf – Namen, die ich vor einem Jahr nicht mal kannte, jetzt fahre ich alle zwei Wochen daran vorbei. Hier erscheinen sie unter dem Stichwort Landschaftsplanung: Sogenannte Siedlungs-, Gewerbe- und Verkehrsflächen sind rosa, sie sind in der Überzahl, Grün weist die Erhaltung eines bestehenden, vielfältigen Landschaftsteiles aus, Gelb markiert die Wiederherstellung eines geschädigten, vernachlässigten Landschaftsteiles, u.s.w. Weiter südlich käme irgendwann Bad Neuenahr. Das sagte mir vor einem Jahr auch noch nichts, und jetzt bin ich fast

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Von hässlichen Dingen

Dienstag. Mit Dorle eine halbe Flasche Fernet Branca geleert, das Leben diskutiert und speziell ihren Umzug nach Berlin. Sie will es tatsächlich tun. Sie will hier weg. Ihr aktuelles Argument: Die neue, sehr hässliche Eingangstür ihres Hauses: weißer Kunststoff, asymmetrische Glaseinsätze im Achtzigerjahre-Design. Die Tür passe eher in eine Neubausiedlung auf der Schwäbischen Alb als zu dem dunklen Tuffsteingebäude in der Südstadt. Dorle empfindet eine abgrundtiefe Abscheu vor dieser Tür. Und vor Sonja Faber-Schrecklein. Die war ihr vorletztes Argument. Nomen est omen, sagt Dorle und sagt auch, wenn sie Frau Faber-Schreckleins grelles Schwäbisch im Fernsehen hört, dann weiß sie, dass sie

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Seismische Ereignisse

Sonntag. Es kommt vor, dass du dein Herz schlagen fühlst, und du wartest noch einige Augenblicke, aber das nützt dir nichts. Du weißt genau, dass etwas passiert ist, das nicht wiedergutzumachen ist. Von da an ist das Ereignis eine seismische Welle, die lautlos bis in die untersten Erdschichten deiner Existenz hineinwirkt. Es kommt aber auch vor, dass dein Herzschlag aussetzt und dein Bewusstsein auf höchstem Level arbeitet, und du starrst da hin und willst den Augenblick hinausziehen, weil du intuitiv erkennst, dass gerade etwas mit dir geschieht, das alles gutmachen wird, ein stetiger Wind, der die Asche wegfegt und Blüten

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Wirklichkeit kann einpacken

Samstag. In den alternativen Medien finden sich immer mehr Berichte von gefälschten Bildern, die in Nachrichtensendungen frechen Einsatz finden. (Und immer wieder dabei: ZDFs Heute-Journal.) Wie kann man diesen Dreck von sich fern halten? Alles abschalten – geht nicht, ich will ja Teil davon sein, will wissen! Ab sofort also immer nur noch mit hochkritisch eingeschaltetem Bewusstsein. Statt mit Vertauensvorschuss. BILD ist überall. Nur wenige Ausnahmen, die zuverlässig scheinen (die NachDenkSeiten. Das Blaue Bote Magazin. Telepolis/heise.de. Hintergrund.de. Netzfrauen. Die jüdische Allgemeine, Manchmal der Freitag). Das ist wahrlich ein deprimierendes Kapitel, Ende nicht absehbar. Im Gegenteil. Die Wirklichkeit kann mit Photoshop eigentlich einpacken.

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