Sonntag. Durch die Pandemie und ihr nicht erkennbares Ende kann man den Bezug zur Wirklichkeit verlieren.
Die klare Sicht auf ein Morgen und der klare Blick zurück sind Voraussetzungen zur Standortbestimmung, zum klaren Bezug auf mein Hier und Jetzt. Wenn ich heute, am Sonntag, den 18. April 2021 zurückblicke, sehe ich eine schier unendliche Abfolge von Tagen, in denen ich zwischen wilder Pflichterfüllung und bodenloser Lethargie zerrieben wurde und werde. Nichts ist klar. Und morgen sieht es auch nicht besser aus.
Niemals habe ich mich öfter gefragt, wer ich bin, als während der Pandemie. Isoliert von meinen Freunden und von lieben Familienmenschen, mit schlechtem Gewissen behaftet bei jedem Zusammentreffen, als ertappte ich mich selbst bei einer kriminellen Handlung, verblassen soziale Beziehungen. Das ständige Abstandhalten katapultiert mich auf einen einsamen Stern. Meine soziale Welt und meine Arbeitswelt sind aus den Fugen.
Was wirklich zählt? Es ist dies: Ich decke den Frühstückstisch für PM und mich.
Wir werden einiges zu besprechen haben: PM fährt gleich zu seinem Vater nach Eisenach. Ich fahre nächste Woche zu meiner Mutter, um ihren Umzug in eine anderes Seniorenheim zu bewerkstelligen. Beide haben uns das Leben nicht gerade leicht gemacht – eine der vielen Parallelen zwischen PMs und meiner Biographie. Trotzdem machen wir das. Wir verschenken unsere rare gemeinsame Zeit an unsere Eltern, die das nicht zu schätzen wissen. Wir überwinden uns selbst. Wir wachsen – hoffentlich – wieder einmal ein Stück über uns selbst hinaus. That’s it. That’s all! (Wie protestantisch!)
Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir eine andere Beziehung zu unseren eigenen Kindern haben, und sie zu uns. Alles darüber hinaus ist Luxus.
Das ist es, was zählt.