Weg damit

Montag. Ein Paar abgelatschte Treter, dahinter eine unversehrte Shopping Bag von Breuninger – Größe 39, hat jemand mit dickem Marker draufgeschrieben.
Überall Haufen von Zeugs: Vor den Hauseingängen, auf den Bänken der Bushaltestellen, auf der Steinlach-Brücke in Tüten sortiert und ans Geländer gehängt: Leute, nehmt! Wir brauchen das nicht mehr.
Ein gutes Gewissen ist das beste Ruhekissen. Und so funktionieren wir unsere Entrümpelungsaktionen, unseren Wohlstandsmüll, unser Doppelt- und Dreifach-Haben in Mildtätigkeit um.
Ich erinnere mich gut an zwei, drei Fehlkäufe, die ich vor vielen Jahren heimlich in den Hauseingang einer Flüchtlingsfamilie gestellt habe, unter anderem eine teure Hose aus einer teuren Boutique, ich war Referendarin und hatte plötzlich Einkommen. Second-Hand-Läden gab es im verschnarchten Tübingen noch nicht, und Kleiderkreisel war Zukunftsmusik. Ich erinnere mich an meine Erleichterung, dass die Sachen nun doch noch einen Sinn haben würden.
Klar, wenn ich bedürftig wäre – und als Studentin war ich es und hatte mir meine gesamte Zimmereinrichtung vom Sperrmüll zusammengesucht –, würde ich die ausrangierten, vor den Eingängen deponierten Sachen auch mitnehmen, nichts gegen die sinnvolle Idee der Wiederverwertung. Ich würde mich über das gesparte Geld freuen oder über Dinge, die ich mir selbst nie leisten könnte. Dankbarkeit, gar freundschaftliche Gefühle für die Geber würde ich nicht entwickeln. Machen wir uns nichts vor: Mit dem Weg-Schenken tun wir uns selbst den größten Gefallen.