Dienstag. Klemens findet, dass ich ein Rückführungsseminar machen soll. Lilli findet, dass wir schon lange nicht mehr joggen waren. Olli findet, dass ich mal wieder meine berühmte Bowle machen könnte. Wolfgang findet, dass ich einen Scanner brauche. Heidi findet, dass wir uns morgen treffen sollen. Julia findet, dass wir uns die Arbeit teilen können. Susanne findet, dass ich mich mit Knäckebrot zufrieden gebe, statt Vollkornbrot zu verlangen. Johannes findet, dass ich Flashplayer neu installieren muss. Claudia findet es Scheiße, dass ich die Kehrwoche vergessen habe. Helmut findet meine Augen schön.
WeiterlesenAutor: Juliane Vieregge
Zimmer zu vermieten
Donnerstag. Hallo, ach, das hier? Ist das das Zimmer? Schön, darf ich mal raus, auf den Balkon? Is ja nich gerade das Paradies der Ruhe, klar, Hauptverkehrsader, und diese Verbrennungsmotoren, das ist die Geißel der Menschheit, die Verbrennungsmotoren, gucken Sie sich das doch mal an, menschenfeindlich ist das mit der Straße, darüber schreibe ich, nee, nich in der Zeitung, schon eher für mich so, ich schreib Hasspamphlete, über Verbrennungsmotoren zum Beispiel, über Kernkraftwerke, das ist auch so ein Thema, also eigentlich suche ich schon mein ganzes Leben nach einem ruhigen Zimmer, dahinten bin ich übrigens aufgewachsen, da in der Siedlung
WeiterlesenRadiointerview
Mittwoch. „P.S: Wenn ich Dich einlade, dann, weil Du toll gesprochen hast!!!“ Schreibt Heinz Koch mir auf facebook, nachdem er mich für das Kulturradio auf Radio Free FM interviewt hat. Das freut mich sehr, dass er meine Stimme mag und mich zur Lesung einlädt, und überhaupt bin ich einfach glücklich, dass es solche Menschen wie Heinz Koch gibt.
WeiterlesenNachts telefonieren
Sonntag. Hallo Juliane! Wahnsinn! Bleib bitte dran. Ich komme gerade aus Berlin zurück. Ich bin sozusagen nackt. Einen Moment, ich ziehe mir was über. Es raschelt, dann ist Friedrich wieder da: Fabelhaft, oder wie du sagen würdest, farrrbelhaft war es! Meine vierundneunzigjährige Mutter ist in Brandenburg, genauer: in Müllrose, in einen Kahn gestiegen, hat abgelegt, ist rückwärts gerudert, dann vorwärts, und los ging’s. Mit vierundneunzig! Ich hab mir diese Gene ja leider kaputt gesoffen. Jaja, jetzt sagst du wieder, ich soll nicht alles pathologisieren. So, jetzt habe ich auch ein Hemd an. Was sagst du zur Wahl? Das ist doch
WeiterlesenKeine Helden
Samstag. Dorle: Weißt du, dass ich mal ein Verhältnis mit einem Antonio hatte? Ja, das habe ich dir noch nie erzählt. Der hatte eine Freundin, aber wir haben ab und zu miteinander geschlafen, das war immer so undefiniert. Und dann hat der mich zu sich nach Hamburg eingeladen, und ich bin dahin gefahren und habe in seinem Zimmer übernachtet und seine Freundin auch, und dann haben die beiden miteinander gevögelt, und ich war in dem Zimmer und habe alles mitgekriegt. Das war doch Scheiße, oder? Ja, das war Scheiße, das war so was von richtig Scheiße!, von so einer Nummer
WeiterlesenEine Meinung
Samstag. „Guck mal, da ist Andreas‘ Mama!“, ruft das Kind und presst die Nase ans Fenster. Der Zug steht im Stuttgarter Bahnhof und warten auf die Abfahrt nach Tübingen. „Wo isch dem Andreas sei‘ Mama?“ Die Mutter des Kindes beugt sich zum Fenster vor. „Da, Andreas‘ Mama!“, wiederholt das Kind. Die Mutter guckt intensiv: „Tatsächlich, dem Andreas sei‘ Mama“, sagt sie. Als unter Schwaben lebende, sogenannte Norddeutsche bin ich ein wenig geschädigt, was mein Verhältnis zum Dialekt angeht. Manchmal gebe ich das auch zu. Auch, wenn ich mich auf die Weise nicht gerade beliebt mache. Ich bin der Meinung, dass
WeiterlesenDrei Witze von Horst
Montag. Ein Mann geht ins Café und sagt: Ich hätte gerne einen Kaffee, aber ohne Sahne. Der Kellner nimmt die Bestellung auf, kommt jedoch gleich wieder zurück und sagt: Es tut mir sehr leid, aber heute haben wir keine Sahne. Darf es auch Kaffee ohne Milch sein? Erzählt Horst im Boulanger, und wir liegen unterm Tisch vor Lachen. Ich kenne nur drei gute Witze, sagt Horst. Erzähl sie alle!, betteln wir. Gut! Horst: Ein Mann geht ins Café – also ein anderer jetzt – , und bestellt ein Erdbeertörtchen mit Sahne. Als der Kellner das Erdbeertörtchen bringt, sagt der Mann:
WeiterlesenQuerdurchsland
Donnerstag. „Hab ne schwarze Jogginghose an, schwarzes langärmeliges Shirt, grauen Rucksack und einen schwarzen Koffer … (Smiley) Bist du schon da??? LG Dennis.“ Soweit Dennis‘ SMS. Ich warte in Kiel auf Bahnsteig 6 auf ihn, und da kommt er schon grinsend um die Ecke, ein Anfang zwanzigjähriger, bildhübscher Typ, der mir mit dem Smartphone in der Hand lässig zuwinkt. In Hamburg warte noch ein Pärchen, klärt Dennis mich auf. Dem Namen nach müsste es sich um Chinesen handeln. Das Mädchen trage einen pinken Blumenstrauß und eine giftgrüne Tasche. Und dann sei da noch eine, die sich nicht näher beschrieben habe.
WeiterlesenSchlecht geträumt
Montag. „BITTE, BITTE, dann fangen wir eben wieder beim QUINTENZIRKEL an!“, schreit Jerome, irgendeinen namenlosen, sogar Nickname-losen Musiklehrer aus grauen Vorzeiten zitierend, weil ich ihm nicht zugehört habe (wie er seinerzeit seinem Musiklehrer nicht zuhörte, der dann mit diesem Quintenzirkel-Satz um die Ecke kam, siehe oben). Nicht zugehört, als Jerome sich daran macht, mir irgendwas zu verklickern – Merkel habe was behauptet, Steinbrück was anderes beim großen Kanzlerduell gestern Abend im Fernsehen – , ich habe so schlecht geträumt heute Nacht. Von dem Phantom, dessen Namen ich nicht mehr denken, dessen Gesicht ich nicht mehr sehen, dessen Stimme ich nicht
WeiterlesenTäuschung
Sonntag. Es gibt diese Filme, da wird der Held verfolgt, gehetzt und gejagt von einem oder mehreren Gegnern, bis endlich einer auftaucht, ein Deus ex machina, der helfen könnte und bestimmt auch helfen wird und an den der Gejagte sich von nun an hält. Hoffnung breitet sich aus, seiner grässlichen Lage doch noch zu entkommen, nicht nur bei dem bedauernswerten Helden, sondern auch beim mitleidenden Zuschauer. Und plötzlich kippt was in der Geschichte und du merkst, dass du aufs Glatteis geführt worden bist und der Gejagte auch, aber der merkt es (noch) nicht. Der vertraut weiterhin dem vorgeblichen Freund, der
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