Samstag. Auch der Herbst kennt noch schöne Momente, wimmert Jerome im Tonfall einer Achtzigjährigen. Keine Ahnung, wen er da gerade wieder imitiert, klingt aber überzeugend. Gib mal bitte das Salz rüber, sage ich zu Beret, die mit ihrem Ei schon fertig ist. Grete, tu mir den Gefallen und iss diesen Stinkekäse auf! Beret hat einen Brie de Meaux gekauft, der seit Tagen die Luft im Kühlschrank und in der Küche verpestet, und dann festgestellt, dass sie ihn nicht verträgt. Ich verteile ein Stück von diesem würzigen Rohmilchkäse auf einer Brötchenhälfte. Habt ihr vor, den neuen Hegemann zu lesen?, fragt Beret. Die
WeiterlesenAutor: Juliane Vieregge
Krankheiten
Freitag. Oh Goooooooooooooooott! Mein Maaagen! Klingt wie der Heilige Stuhl, ist aber Jerome, der ziemlich viel Trüffelschokolade gegessen hat. Wir lesen alle drei die FAZ, diskutieren einen Artikel, der Die Potemkinisierung der deutschen Universität heißt und davon handelt, dass wegen der permanent abverlangten Selbstdarstellung die Professoren in den Produktionsmodus der Unerheblichkeit gezwungen werden. Ich lasse mir das auf der Zunge zergehen. Jerome findet die Formulierung gedrechselt und h.g.g. (hochgradig gestört), Beret stimmt ihm zu. Na ja, sage ich, darauf musst du erstmal kommen … Die beiden gucken mich mitleidig an: Also, ICH muss das nicht, sagt einer von beiden, oder
WeiterlesenEin Tag in Bremen
Samstag. Wenn du dir die Hände gewaschen hast, darfst du das auch anfassen!, sagt Friedrich. Und, nachdem ich meine Hände unter seinen Augen gefühlte zwei Stunden lang im fließenden Wasser abgespült habe: Welches Handtuch du benutzt, ist egal, deine Hände sind ja jetzt sauber. Kaum verbergen können diese kunstvoll verschlüsselten, geradezu beschwörerischen Formeln seine Not. Unklar ist, wen er mehr beschwören möchte: Mich, doch bitte gründlich zu sein, oder sich selbst, locker zu bleiben. Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen und gesagt: Ich weiß doch Bescheid, mein Lieber, mach dir mal keine Sorgen. Friedrich ist nervös, weil ich
WeiterlesenMutterkommentar
Donnerstag. Heute Mittag habe ich ein Telefoninterview mit der freundin!, brülle ich in den Hörer. Seit mein Vater gestorben ist, rufe ich meine Mutter täglich an, da kann einem der Gesprächsstoff schon mal ausgehen. Aber jetzt habe ich was zu erzählen. Die freundin kenne ich vom Friseur!, sagt sie. Ja, sage ich. Und wann kommen die bei dir vorbei? Die kommen gar nicht. Das ist ein Telefoninterview!, brülle ich und sehe durch den Hörer die Enttäuschung das Gesicht meiner Mutter lang ziehen. Am Telefon? Ja. Das ist ja seltsam. Das kenne ich nicht. Und was soll dabei herauskommen?
WeiterlesenLehmanns aus der Lower Class
Montag. Bodo! Wie geht es dir? Können wir was für dich tun? Was? Ach so. Lies mal vor. Nee, nun übertreib es aber nicht. Solche Fragebögen muss man ja nicht überinterpretieren. Die wollen nur wissen, ob du ein BUSCHERMANN bist. Das ist obligatorisch. Du bist ja nicht der klassische Arbeitslose. Sag mal, das Studium geht am 1. Oktober los? Genauso machst du das! Und wenn’s nicht funktioniert, ist Jammern in der Abteilung TRÄNENDRÜSE angesagt. Ziehste dir abgerissene Schuhe an und guckst wie Tante Astrid. Nech? Jerome gibt den Hörer an Beret weiter. Beret: Na mein Kleiner? Willst du was zu
WeiterlesenFrisch abgepackt
Sonntag. Ich hab die Wurst diesmal abgepackt gekauft. Das ist die GLEICHE wie die an der Frischetheke. Beret hält ein luftdichtes Päckchen Leberpastete durch die Küchentür. Kann ich was helfen?, frage ich. Nee, lass stecken, ich meld mich schon. Es klappert und poltert. Es riecht nach angebratenem Hack. Jonas‘ Lieblingsessen: Hackfleischsoße mit Nudeln. Ich könnte doch mal wieder einen Nachtisch machen. Mit Blaubeeren? Erdbeeren? Johannesbeeren? Nö, Grete. Das hatten wir doch gestern erst. So viel Gesundes bekommt uns nicht. Oder einen Salat? Nönö, Grete, echt nicht. Oder eine Gemüsesuppe? Grete, dusselige Kuh, jetzt reichts! Manchmal würde ich gerne die Gedanken
WeiterlesenNomen est Omen
Samstag. Die Leibeigne von Tante Astrid spricht KEIN Wort Deutsch!, sagt Jerome, der sich gerade von einem Telefongespräch mit Tante Astrid erholt. Jonas, schon seit seiner Geburt daran gewöhnt, die Insider seines Vaters erstmal nicht zu blicken, guckt neutral. Es geht um die polnische Betreuerin von Tante Astrid, die in Wirklichkeit nicht Astrid heißt, aber nach Jeromes Meinung so heißen könnte. Jerome beansprucht die Deutungshohheit und damit die Nicknamehohheit über unsere Verwandtschaft. Grete, Kennst du schon Bruno Busch? Ich starre auf das Babyfoto – rosa Gesicht über blauem Strampler – , drehe es um und bin sprachlos: Der arme Zwerg
WeiterlesenEingerieben
Freitag. Hast du dich auch eingerieben?, fragt Beret. Dauernd fragen sie mich, ob ich mich eingerieben habe. Dabei scheint die Sonne in Kiel nicht halb so stark wie in Tübingen, wo ich mich auch nie einreibe. Wer sich nicht einreibt, kriegt Krebs. Das weiß doch jedes KIND! Oder hat sich das noch nicht bis zu dir rumgesprochen? Jerome und Beret sind mal wieder einer Meinung. Willst du Krebs kriegen? Doch wohl nicht, oder? Wer von beiden war das jetzt? Egal. Krebs auch egal. Vielleicht sogar die Lösung? (Das denke ich seit ein paar Monaten zwar manchmal, aber ich meine es
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