Das Märchen vom lachenden Prinzen

Montag. Es war einmal ein Prinz, der war wunderschön und hatte lange goldene Locken. Nur ein Makel störte seine äußerliche Vollkommenheit: Seine Miene war niemals ernst. Immer lächelte er und grinste, lachte oder kicherte, je nach Laune. Eines Tages traf er beim Ausritt auf eine Fee, die sich ihm in den Weg stellte und ihm, als er sein Pferd zum Stehen gebracht hatte, verkündete, er habe drei Wünsche frei. Ach, gute Fee, sprach der Prinz und schmunzelte auf die Fee herab: Was soll ich mir schon wünschen, bin ich ja recht eigentlich glücklich und zufrieden mit mir. Du willst dir

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Nachtgespräche

Sonntag. Begegnung mit Peer. Nach der Kunstausstellung bringt Peer mich nach Hause. Wir haben Hunger, und ich mache meine bewährten Bratkartoffeln mit Spiegelei – roh in Butter langsam erhitzen, mit Salz, Pfeffer und einer Prise Tessiner Kräuter würzen, Paprika auf das Eigelb, Curry auf das Eiweiß, und fertig ist die Laube. Zum Nachtisch finden sich noch tiefgefrorene Erdbeeren. Erdbeeren sind das einzige, wovon Peer eingefallen ist, dass er es gerne mag. Ich erhitze und püriere sie und gebe sie über drei Kugeln Vanilleeis. Peer schmeckt alles oder nichts, er empfindet kein Wohlgefühl beim Schmecken. Er will nur satt werden. Er

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Das Märchen von den drei Rätseln

Samstag. Es war einmal ein Prinz, der war mit der Prinzessin des Landes verheiratet, weil er die drei sehr schweren Rätsel des Königs als einziger Mann im ganzen Lande gelöst hatte, und so ward sein Weg ins Königshaus genommen. Der Prinz war klug und schön und er hatte sich recht angestrengt, die Rätsel zu lösen und die Prinzessin zur Gemahlin zu bekommen. Jeden Abend stieg er auf den höchsten Turm des Schlosses und betrachtete das Land mit den vielen kleinen Dörfern und Städtchen unter sich von oben herab, und er war ganz zufrieden mit sich. Jedoch nach vielen Wochen und

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Das Märchen vom Missverständnis

Freitag. Es war einmal eine alte Hexe, die päppelte ihr ganzes Leben lang Kinder auf, die sich im Wald verirrt hatten, und wenn sie dann dick und rund gefüttert waren, briet sie sie über dem Feuer und aß sie auf. Die letzten Kinder, die ihr auf den Leim gegangen waren, um geradewegs aus dem Verschlag auf ihrem Grill zu landen, waren zwei knusprige Geschwister gewesen. Sie hießen Hänsel und Gretel. Danach mochte die Hexe auf einmal keine Kinder mehr. Als Essen. Sie mochte keine mehr essen, weil sie – ohne ihr Zutun und ganz unfreiwillig – keinen Geschmack mehr an

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Das Märchen vom Froschprinz

Dienstag. Es war einmal ein Prinz, der wusste ganz genau, dass er einmal ein Frosch gewesen war, aber alles, woran er sich erinnern konnte, waren Dunkelheit und Nässe. Er wusste auch, dass eine Prinzessin ihn geküsst und dass er daraufhin einen unvorstellbaren Schmerz empfunden hatte, und dann war er auf einmal ein anderer gewesen. Ein Prinz. An die Prinzessin konnte er sich kaum noch erinnern. Das Einzige, was die verschwommenen Bilder seiner Erinnerung hergaben, waren ihre roten Haare. Manchmal versuchte er, auf seiner samtbezogenen Chaiselongue über sie nachzudenken, denn es war ihm, als sei er durch ein unsichtbares Band mit

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Auf der Müllhalde

Montag. Ich helf dir doch gerne, sagt mein bester Freund. Wir haben meinen Keller ausgeräumt. Unter den Regalen haben wir gewaltige Wollmäuse hervorgekehrt und zusammen mit den Leichen der Kellerasseln im Staubsaugerbeutel beerdigt. Wir haben die Spreu vom Weizen getrennt. Was ausgedient hat, haben wir in das Auto meines besten Freundes gepackt. Wir sind auf die Müllhalde gefahren, haben zwölf Euro bezahlt und alles in zimmergroße Container geworfen: Holzbretter, kaputte Elektroteile, zerbrochene Blumenkübel, Bilderrahmen, Bettzeug, verbeulte Gießkannen, vergammelte Pflanzen, kistenweise Kleinscheiß. Im Glascontainer, hochoben auf einem Gebirge von Scherbenbruch, schwebte eine wunderschöne Schale vom Durchmesser eines Unterarms. Ich hob sie

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Kalendersprüche

Montag. Boulangertime. Horst: Übrigens ist mir der dritte Witz wieder eingefallen. Erzähl!, sage ich und denke an Friedrich, der jetzt wohl gerne dabei wäre. Horst gibt seinen dritten Witz zum Besten. Leider ist er gar nicht lustig, und ich hab ihn schon vergessen. Guck mal, sagt Dorle und schiebt mir ein Sprüchekalenderblatt mit Datum von heute zu. Ich lese: „Persönlich glaube ich nicht, dass Literatur etwas soll. Kunst ist jene Lüge, die uns das Leben ertragen lässt.“                                                                      Rolf Vollmann Rolf, rufe ich, das ist ja von dir! Rolf lächelt. Ich starre auf die beiden Sätze. Besonders auf den zweiten.

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Zwei im Bus

Samstag. Ey, dein Uhr da is voll dem Schrott, ey, voll scheiße, ey, kuckstu meins, ey, war rischtisch teuer, ey, is von Karschtadt, kannstu disch gar nisch leisten, ey, is deins voll schrottisch gegen, kuck dem Schwarz da, voll Plastik, voll schrottisch, ey, hier – das is rischtiges Uhr, ey, alles voll dem Edelschdahl, voll edel, ey … Was ey? Was willstu, ey. Edelschdahl, ey, fick disch, ey. Was fick disch, ey, was fick disch, isch fick dein Mudder, ey. Und isch fick dein Mudder und dein Vadder, ey. Isch fick dein Muder und dein Vadder und dein Schwester ein

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Inspiration

Donnerstag. Manche Menschen sind ja so inspirierend! Die sehen einen bloß an mit ihrem verträumten Blick aus ihren verträumten Augen, und eine ganze Welt geht auf. (Und mein Herz dazu.) Andere sind: Die pure Immanenz. Schlafen, essen, arbeiten. Da geht gar nichts auf, und der Schritt wird einem schwer. Fragt sich nur, ob die verträumten Augen nicht die reinste Projektion sind. Weil ich doch so gerne mal wieder abheben möchte …

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Hoffnung

Donnerstag. Ja klar, sagt der berühmte C.B. Ich bin sprachlos. Der berühmte C.B. sagt einfach ja klar. Er wird mit dem Fahrrad her kommen. Er ist mit allem einverstanden. Er wünscht sich was Gutes zum Essen, da muss ich mich aber mal so richtig anstrengen. Was Gutes zum Trinken wird er sicher auch zu schätzen wissen. Ich werde also C.B. interviewen, bei mir zu Hause, an meinem Esstisch. OmG! Das gibt mir Hoffnung, dass es mit meinem Projekt aufwärts geht.

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