Briefkastentante

Liebe Juliane, (…) Vor ein paar Monaten traf ich dann im Fitnessstudio meine aktuelle „Beziehung“, alles scheint unkompliziert, schön und leidenschaftlich. Ich weiß nur nicht, wie lange ich diese Leichtigkeit noch ertrage. Verstehst Du das? Wenn die intellektuelle Ebene einfach nicht existiert? Keine inspirierenden Gespräche über Politik, Kultur, Kunst, gesellschaftliche Entwicklungen … Ich schreibe Dir ganz offen … Interesse zu antworten? Liebe Grüße Bernd   Lieber Bernd, don’t panic! Seit ich mich mit dem Thema Leidenschaft auseinander setze, wundere ich mich über nichts mehr. Du schreibst sehr offen – was mir gefällt – über Deine alte, über Deine noch ältere

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Partytime

Montag. Zutaten für eine coole Party: keine allzu homogene Gästeliste, Streit und Eintracht in kalkulierbarer Ergänzung, mehr Singles als Paare, maximal ein Superselbstdarsteller, möglichst niemanden von der Political-Correctness-Front, aber auch niemanden ausgrenzen, führt bloß zu unangenehmen Nachfragen. 1 Kanne Bowle mit in Cognac eingelegten Früchten Prosecco ausreichend Essen, kalte Platten, Kuchen, Nachtisch … Kunst und Kultur, Sketch von und mit Ch. und J., Easy listening, Cross-over Musik/Wort/Darstellung alle Zimmer öffnen, Stühle auf Terrasse und Balkon  

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Mein rosa Handy

Mittwoch. Mein altes, roséfarbenes Handy gibt, glaube ich, langsam den Geist auf. Das finde ich sehr traurig. Ich habe es vor ca. sieben Jahren bisschen prollmäßig bei einem TV-Verkaufssender bestellt. Nokia. Retro, schon damals. Jetzt noch mehr retro. So viele allerliebste, liebenswerte SMSse sind da gespeichert, die schreibe ich jetzt Abend für Abend alle ab. Sieben Jahre im Schnelldurchlauf. Das ist manchmal schlimm und oft anrührend und schön. Mannomann. Es ist viel Arbeit. Ich drucke das dann mal aus, für L. und T., weil die meisten doch von ihnen sind.

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Benjamin Stein: Die Leinwand

Montag. „Ich bin Verleger und Autor. Viele Stunden am Tag … bin ich mit Geschichten beschäftigt, mit Biographien, Vorfällen, unerhört oder alltäglich, in jedem Fall aber mit Material, lauter Fetzen Realität, die samt und sonders verdienen, liebevoll fiktionalisiert zu werden. Oder die bereits fiktionalisiert sind. Niemand wüsste besser als ich, dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion in jeder Erzählung mäandernd inmitten der Sprache verläuft, getarnt, unfassbar – und beweglich. Selbst das Wort ‚Wirklichkeit‘ führt ins Unwägbare. Wer könnte sagen, ob es ein Synonym für Realität ist oder nicht doch vielmehr für all das steht, was wirkt – ein sehr

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Solotänzer

Mittwoch. Die Frage, wie andere mit dem Alleinsein zurecht kommt, mit der ich ursprünglich eine Umfrage starten wollte, weil es mich interessiert, wie sie das hinbekommen, diese Frage ist falsch gestellt. Es müsste heißen (oder zumindest wäre das der für mich interessantere Aspekt): Willst du für immer allein bleiben, oder ist das für dich ein vorübergehender Zustand? Das ist eine Sache der Perspektive, ob du der perfekte Solotänzer werden willst, der sich alleine auf der Bühne verbeugt, weil er alles alleine geschafft hat und dem folglich alleine auch der Applaus zusteht, oder ob du – langfristig gesehen – im Duett

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Die Andere

Montag. Giulia will bei mir Fernsehen gucken. Sie will auch mit ihrem Laptop an meinem Esstisch sitzen. So hatte ich mir das aber eigentlich nicht gedacht. Ich will von deinem Tellerchen essen, ich will in deinem Bettchen schlafen, denke ich böse. Oder ist sie einfach nur anhänglich? Giulia will hier noch ein zweites Regal, da noch mehr Platz für ihre „Ceralien“, wie sie ihr Müslischachteln nennt, und an der Badezimmertür will sie einen eigenen Haken. Für ihren Bademantel. Muss sich alles erst einpendeln, denke ich, als sie mit ihrem Laptop die Treppe raufstiefelt und mich mit ihren dunklen, durch die

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Mein Friseur

Samstag. Mein griechischer Friseur hat eine neue Weisheit auf Lager: Wer arbeitet, kommt nicht auf dumme Gedanken. Er lacht sich halb tot. Hahahahahaaahaahaha! Wer dumme Gedanken hat, arbeitet nicht. Wer dumm arbeitet, denkt nicht, hahaha! Er ist ganz besessen von seinem Spruch. Währenddessen pinselt seine Schwester mir schon mal die Farbe auf den Kopf, pinselt mehrmals über die Konturen raus, so dass meine Stirn schon ganz rot ist. „Mach mal die Konkurrent sauber!“, weist sie ihren Lehrling an. Hahaha, das ist auch superlustig. Konkurrent! In der Bunte lese ich, dass manche Millionärinnen ‚ganz aus Versehen‘ ihren Pelz an der Garderobe

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Sprachbarriere

Freitag. Ich starte das neue Jahr – Hallo 2014! – mit einem Termin bei meinem Anwalt GU. Wie leicht sich die Vorstellung, dass ich ihn mir mit Vielen teilen muss, durch ein winziges Possessivpronömchen verleugnen lässt. Während ich schon vor ihm sitze, spricht GU ins Telefon: “ Moin moin! Ich sollte einen Herrn Kämmler zurückrufen. Schon mach ich das, da geht er nicht dran. Würden Sie ihn mal bitte … Selbstverständlich, ich warte.“ GU rollt genervt die Augen: „GSCHWIND!“, zitiert er das andere Leitungsende. „Wie man gschwind warten kann, das ist mir bis heute ein Rätsel!“

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