Schreiben und Kritik

Dienstag. Hab PM das gestern fertig gewordene Kapitel geschickt. Er überfliegt nicht nur, er stellt Fragen. Überdenkt die Struktur, fällt Urteile. Seine Kritik ist immer produktiv, seine Anerkennung wie eine tolles Musikstück. Pink Floyd: Ich hab dann so einen Impuls sofort aufzuspringen und weiterzuarbeiten, auch oder gerade wenn es mitten in der Nacht ist. PM ist mein erster Leser. Ein Vielleser und in Sachen Stil höchst differenziert. (Eine Neuerscheinung zusammen lesen: auch so ein Ding.) Er arbeitet seinerseits gerade einen Artikel über eine neue OP-Methode aus. Er weiß, was es heißt zu veröffentlichen. Er weiß, was es heißt zu schreiben.

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Max Mannheimer

Sonntag. Max Mannheimer ist gestorben. Einer der wirklich allerletzten Holocaust-Überlebenden kann nun nicht mehr die Verbindung zwischen uns und unserer Nazi-Vergangenheit herstellen. Was macht das mit uns? Wie halten wir das Vergessen auf, wenn die Zeugen fehlen? Die eintätowierte Zahl 99 728 auf seinem linken Unterarm sei eine Telefonnummer, hat er seiner Enkelin erklärt. Die Familie habe er mit seiner Geschichte nicht so sehr belasten wollen. Max Mannheimer, der mehrere KZs überlebt hat, war nicht nur Kaufmann, Buchautor und Maler. Seit 1990 war er der Präsident der Lagergemeinschaft Dachau und seit 1995 Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees. Wie wichtig die Arbeit

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Fragen sind sexy

Freitag. Einfach irgendwo klingeln, reingehen, sich umgucken, wie die Person so eingerichtet ist, Fragen stellen: Seit wann lebst du hier? Wo geht dieses Fenster raus? Warst du schon mal oben auf dem Dach? Was ist in dem Schrank drin? Was machst du den Tag über? Womit beschäftigst du dich abends? Was regt dich am meisten auf? Was ist dein Lieblingsduft? An was glaubst du? Was hoffst du? Was hat dich heute zum Lachen gebracht? Wäre doch ein cooles Buchprojekt … Die meisten Menschen mögen es, gefragt zu werden. Fragen sind wie Seele streicheln. Seit fünf Tagen krank wegen übler Zahnbehandlung.

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Heimat V

Wahrscheinlich habe ich hier im Holzparkett, direkt unter meinem Schreibtischstuhl, robustere Wurzeln geschlagen, als ich zu wissen meine. Tübingen. Die Stadt, in der ich lebe, liebe und arbeite. Süddeutsche Unikleinstadt, deren Einwohner einen gewöhnungsbedürftigen Dialekt sprechen … der Anderssprachige, durch ein einziges Wort Gezeichnete ausgrenzt? Gibt sich nach außen locker und gemütlich, ist im inner circle aber eher ungastlich. Meine tieferen Wurzeln sind, logisch, im Ruhrgebiet. Kamen, Dortmund, Essen, sind die Orte meiner Vergangenheit. Fahre ich in die alte Heimat, wird mir warmumsherz und ich fühle mich eins mit den Menschen, ihrer Sprache, den schwarzen Industrieanlagen und den schwarzroten Backsteinsiedlungen. Das ist Altes, Unauslöschliches. Aber

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Attacke auf Hilfskonvoi

Mittwoch. Wer steckt hinter dem Bombenanschlag auf den UN-Hilfskonvoi nach Syrien/Aleppo? Etwa das russische Militär? Heilige Sch…, man blickt nicht mehr durch. Es gibt sie nicht, die Guten und die Bösen, es gibt nur Eigeninteressen, nationale, aber durchaus auch persönliche, das musst du dir immer wieder klar machen als höchst unvollständig informierte Netzleserin. Diese Geschichte jetzt mit dem Konvoi lässt einen so unvermittelt an den „versehntlichen“ Bombenangriff auf Assads Truppen durch US-Streitkräfte vor ein paar Tagen denken, dass ein Zusammenhang zwingend erscheint. So wie es die USA auch interpretieren. No doubt!, für sie stecken Putin oder Assad dahinter. Doch weiß

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Jetzt isch over!

Zahn-OP isch over, halleluja!, und ich lebe noch. Als alte Zahnarztphobikerin fällt es mir schwer das zu sagen, aber: Es war alles nur halb so schlimm. Ich vermute mal, die Leute mit den Schauergeschichten – und davon gibt es reichlich! – haben noch nicht den richtigen Arzt gefunden. Meiner ist Kieferchirurg (er ist sogar Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg), und von den zwei Behandlungsstunden ist nichts in meiner Erinnerung, Sedierung sei Dank! Danach bin ich zu Fuß nach Hause und hab unterwegs in der Apotheke und bei Rewe noch Besorgungen gemacht. Nur ziemlich viel langsamer als sonst, so step by step.

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Aus Versehen

Dienstag. Eigentlich ist ja seit einer Woche Waffenstillstand in Syrien. Die US-Streitkräfte haben trotzdem wieder gebombt. Aus Versehen. Wie jetzt von Seiten der US-Regierung eingeräumt wurde, wurden dabei Assads Truppen getroffen, anstatt – wie eigentlich beabsichtigt – Stellungen der IS-Rebellen. Der Regierungssprecher äußert im Namen seiner Regierung Bedauern über den „Irrtum“. Kann ja schon mal passieren. Es sind ja auch nur 83 syrische Soldaten dem „Irrtum“ zum Opfer gefallen. Und wenn der Regierungssprecher uns das jetzt so erklärt, dass die USA sich weiterhin an die Bedingungen der Waffenruhe halten und zugleich – gemäß der Vereinbarung – den IS nach wie vor

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Samstag im September

8.30 Uhr: Guten Morgen Samstag, was mache ich mit dir? 12.15 Uhr: Wahrscheinlich das letzte Frühstück draußen auf der Dachterrasse für dieses Jahr. Steve kommt aus dem Freibad und unterhält uns mit Anekdoten aus dem Tübinger Nachtleben. 15.00 Uhr: Provencalisch-umbrischer Markt in Tübingen. Relaxed mit PM unterwegs. Zwei prachtvolle, violette Artischockenblüten erstanden. 20.15 Uhr: Im Pool der online-Magazine berichtet nur die Frankfurter Rundschau wohlwollend objektiv über die Großdemos gegen TTIP und Ceta in München, Stuttgart, Hamburg Berlin, Köln, Frankfurt … 23.00 Uhr: Hunderttausende haben heute friedlich gegen die beiden Freihandelsabkommen protestiert. Die Tagesthemen („Zehntausende“) handeln dieses Phänomen als Ergebnis einer guten

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