Mein Agent

Donnerstag. Ich habe jetzt einen Agenten. Bisher habe ich alles allein gemacht, doch die Zeiten ändern sich. Verlage reagieren nicht mehr auf unaufgefordert eingesandte Manuskripte. Der Agent ist der Filter, der ihnen die ganz üblen Sachen vom Leib hält. Einen Agenten für sich zu gewinnen, ist nicht gerade einfach. Viele winken von vorn herein ab, sie nehmen niemanden mehr. Andere wollen nicht, weil sie mit dem Manuskript nichts anfangen. Meiner will. Er mag meinen Roman. Seit der Vertragsunterzeichnung, mit der alles unter Dach und Fach ist sozusagen, höre ich allerdings nichts mehr von ihm. Das kann mehrere Gründe haben. Die Literaturszene ist so gut wie tot. Was auf dem Buchmarkt gerade noch geht, sind Kochbücher. Und Bücher über das Coronavirus. Oder Corona-Kochbücher. Die Auswahl ist groß. Offenbar schreiben manche schneller als sie denken können, oder wie lässt sich eine Situation reflektieren, während man noch mitten drin steckt? Mein Agent liest meine E-Mails nicht zuende, das merke ich an seinen Antworten. Ich nehme es als Zeichen, dass er sich auf das Wesentliche fokussiert, das steht ja immer am Anfang. Er ist zugewandt. Und sehr busy. Wie man sich das so vorstellt bei einem Agenten.

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Programmatisches. Eigentlich

Mittwoch … merkt man es sofort. Wenn einer sich selbst belügt, kannst du das Interview direkt knicken. Lebenslügen lassen sich nur schwer umgehen. Zu pietistisch, zu demütig, zu frömmelnd, um sich im gleichen Atemzug von der Religion zu distanzieren, aber nicht von Gottvater in Gestalt des übermächtigen Vaters – da merkst du gleich, das kann nichts werden.
Große Persönlichkeiten müssen sich oft gegen übermächtige Eltern behaupten, nicht selten ist ihre Größe erst aus diesem Widerspruch entstanden. Das Interview mit Jochen Busse aus Lass uns über den Tod reden ist ein wunderbares Beispiel dafür. Busse weiß, dass die erdrückende Lebenslüge seiner Eltern sein Lebensthema ist. Er hat genug kritische Distanz zu sich selbst, um sie als Triebfeder seiner Arbeit zu erkennen und ironisch damit zu spielen. So einen zu interviewen, ist die pure Inspiration.
Schlecht ist, wenn Du als Interviewer den Kern siehst, den der Interviewte jedoch nicht sieht oder sehen will. Wenn etwa alles, was einer getan hat, dazu dient, den Alten zu entthronen, wenn sein ganzes Leben ein Ätschibätschi gegen die dominante Vaterfigur ist und du ihn direkt darauf ansprichst, und er schlägt entsetzt die Hände vors Gesicht und schreit: Nein!, mit dem Vater sei er immer großartig ausgekommen!, ein großartiger Mensch und so weiter blabla, dann weißt du, dass du ins Schwarze getroffen hast.
Genau hier fängt die Geschichte an spannend zu werden, von hier aus entrollt sich das Lebensdrama. In jeder Biografie gibt es dieses Ereignis oder diese Begegnung oder diesen Unfall oder diesen Zusammenfall eindrücklicher Faktoren, aus dem heraus sich die vergangene wie die zukünftige Entwicklung erklärt. Gibt es aber ausgerechnet an dem Punkt kein Weiterkommen, wird die Spur gekappt und die Worte werden immer vager, solltest du aufhören, deine Sachen einpacken und gehen. Es kommt nichts mehr außer Worte. Leider bist du zu höflich oder hast zu große Erwartungen an einen großen Namen. Der Typ hat ja auch echt was erreicht. Ein riesiges Firmenareal, und überall sind sie präsent: die alten und die neuen Heroen: Drei Generationen stehen hinter diesem Momument der Macht. Du staunst, du bewunderst ihn, du kitzelst ihn: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie aus dem Fenster auf Ihr Werk schauen?
Nein, kein Stolz! Das weist er weit von sich. Er hat es lieber mit der Demut. Noch nie ist dir das Wort so inflationär um die Ohren geflogen wie an diesem Nachmittag.
Schade! Das ist keine Geschichte. Oder nur eine halbe, eine unehrliche. Wenn ich die ganze Geschichte schreiben würde, von einem Sohn, der sich mit neuen Ideen vom Gedankengut des Alten absetzt und die Firma erst so richtig groß gemacht, von einem Sohn, der sich emanzipiert und den Vater überflügelt und weit hinter sich gelassen hat, fachlich und vielleicht sogar menschlich, dann hätte er genau diese Passagen gestrichen oder mir die Veröffentlichungsrechte komplett entzogen. Ich habe das schon einmal erlebt, mit einer Lady der obersten bundesrepublikanischen Gesellschafts- und Finanzliga. Viel Gutes tut sie, viel Einfluss übt sie mit ihren Stiftungen und ihren Millionen aus. Ihr freimütig bekanntes Lebensgeheimnis auf Papier geschrieben zu sehen, ging über ihre Kraft. Lebenslügen sind dazu da, Lebenslügen zu bleiben, sonst bricht das ganze System zusammen.
Als Interviewende merkst du das – und spürst eine gähnende Langeweile in dir aufsteigen. Nicht eigentlich. Sondern echt!

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Lass uns über den Tod reden

Lass uns über den Tod reden, 2019 im Ch.Links Verlag Berlin erschienen.

Über Tod und Trauer reden – das habe ich gemacht mit:

Joe Bausch, Katrin Sass, Jochen Busse, Christopher Buchholz, Dieter Thomas Kuhn, Hans Jellouschek, Roland Kachler, Boris Palmer, Monika Ehrhardt Lakomy, Ilse Rübsteck-Falkenstein, Enno Kalisch, Arsène Verny, Hans Christof Müller-Busch, Ulrike Bliefert und anderen.

Sie alle haben einen geliebten Menschen verloren und erzählen davon, wie sie mit der Trauer umgehen und ins Leben zurückgefunden haben. 

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Worte, Repräsentanten

Samstag, B.N. Die obersten Repräsentanten der beiden großen Kirchen zeigen sich erschüttert angesichts des jüngsten Amoklaufs in Trier. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, beklagt auf Facebook „Abgründe von Leid“. Er betet, dass die Angehörigen der Opfer Stärkung erfahren und die Verletzten wieder gesund werden.

Der stets wie aus dem Ei gepellte Bedford-Strohm ist ein Meister des wohlplatzierten Wortschwalls. Für Menschen außerhalb der Kirchenhierarchie, also für den Normalo, der einfach Antwort auf eine konkrete Frage haben will, muss sich das unerträglich anhören. Kleine Kostprobe aus seinem Zukunftspapier Kirche auf gutem Grund:

„Parochiale Strukturen werden sich wandeln weg vom flächendeckenden Handeln hin zu einem dynamischen und vielgestaltigen Miteinander wechselseitiger Ergänzung. Das Gottesdienstangebot wird insgesamt kleiner, aber es wird auch vielfältiger und darum nicht ärmer werden …“ und so weiter und so weiter (Kirche auf gutem Grund – Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche, 03. Juli 2020)

Was Bedford-Strohm sagen will: Die ortskirchliche Gemeindestruktur wird ausgedünnt zugunsten digitaler Vernetzungsmöglichkeiten. Davon vor allem handelt sein Papier der Zukunft, an dem er und seine kirchliche Zukunftstruppe drei Jahre lang gebosselt haben (2017-2020). Ob diese Reform von oben geeignet ist, den dramatischen Mitgliederschwund aufzuhalten? Zum Glück wehrt sich das verbliebene Kirchenvolk gegen eine aufoktroyierte Reform. Gegen das Establishment, gegen die Hierarchie. Und plädiert für die Parochie und für den/die Pfarrer*in vor Ort. Nachzulesen etwa in dem schönen Beitrag vom Münchner Theologieprofessor Reiner Anselm im Sonntagsblatt.

Wo war die Kirche eigentlich in den vergangenen zehn Monaten während der Coronakrise? Wieso schlossen sich in beiden Lockdowns sofort die Kirchenpforten (als wären die Sonntagsgottesdienste gerammelt voll!), ohne flächendeckend nach Alternativen zu suchen? Wieso ist beispielsweise in Tübingen das gesamte Haus der Kirche – in dem sich u.a. auch das Schuldekanat befindet – geschlossen und der Eingang dramatisch mit rot-weißen Bändern abgeriegelt, während wir im „Amt“ unterrichten – unter anderem das Fach Religion?

„Die Kirche der Zukunft wird eine sich wandelnde Kirche sein, damit sie auch zukünftig ihrem Auftrag gerecht werden kann. Der Weg der evangelischen Kirche wird eine Haltung aller Beteiligten brauchen, die getragen ist vom Mut voranzugehen und zugleich von Gelassenheit und Zuversicht, denn nur dies macht ein „Segeln-hart-am-Wind“ möglich. …“ (Schlusswort der elf Leitsätze)

Hart am Wind? Wo bleibt die Kirche, wenn einer abstürzt, aus der Gesellschaft fällt und nicht mehr weiß, wohin? Wenn einer mit dem Gedanken spielt, aus lauter Wut und Hass Amok zu laufen, weil ihm der Blick verstellt ist? Was hilft dem das Floskeltum der Bischöfe, was die zunehmende Vernetzung? Ist die im konkreten Fall nicht vielmehr ausgesprochen kontraproduktiv? Wenn jemand einen Menschen, menschlichen Zuspruch sucht, und er findet nur noch einen Link?

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Lockdown

Freitag, B.N. Im Bahnhofsaufzug. Die Tür schließt sich, schnell springt noch eine Frau rein, und ehe die Tür ganz zugeht, noch eine. Zu viert – ein Mann ist schon drin, als ich einsteige – drängen wir uns zusammen.
Ich zu Frau 2: Das hat jetzt mit Abstand aber nicht mehr viel zu tun.
Frau 2: Ja, das sind die Widersprüche bei der Bahn. Zwischen draußen und drinnen. Drinnen ist es immer zu eng.
Frau 3 (sieht auf den Boden): – – –
Mann (sieht an die Decke): – – –
Ähm. Ja. Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts. Und die Aerosole lassen schön grüßen.

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Fort Führen

Donnerstag. „Man ist Fort-Fortführer – oder es gibt einen gar nicht. Der Dichter führt vorangegangene Dichter fort. Der Dichter führt aber auch Leser fort, entfernt sie aus ihren Umständen, Belangen und Geschäften.“ (Botho Strauß)

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Ein Mal

Mittwoch. Wenn der Bürgermeister von Trier mit anklagendem Blick in die Kamera sagt: Ich verstehe nicht, wie man einen Van gezielt in Menschen fahren kann!, dann verhält er sich genauso wie die Medien, die unisono seit dem schrecklichen Vorfall nach dem WARUM fragen: Warum tut einer so etwas?
Zur Sache: Ein Mann hat gestern wahllos und brutal Passanten in der Fußgängerzone von Trier an- und überfahren, fünf dabei getötet, 18 weitere schwer verletzt und mehrere Hundert zufällige Augenzeugen für ihr Leben traumatisiert. Er fuhr einen SUV der Marke Land Rover, der ihm nicht gehört. Da er keinen Wohnsitz hat, lebte er seit Wochen in dem Auto.
Allein diese Tatsache hätte doch ausgereicht, sich über einen Mitmenschen / Bruder / Nachbarn / Freund ernsthaft Sorgen zu machen. Wem hilft jetzt die Feststellung, dass er wohl psychisch krank sei, weiter? Natürlich ist einer, der so einen Plan durchzieht, psychisch krank, viele Menschen sind psychisch krank, es werden immer mehr. Brave new world. Jeder ist eine Insel. Der Einzelne zählt nichts. Solange er funktioniert, konsumiert, nicht auffällt, passiert ihm nichts. Wer austickt, gar Aufruhr / Kosten / Schäden verursacht, kommt weg. Und morgen redet keiner mehr von ihm, und übermorgen setzt sich der nächste in sein Auto und gibt Gas. Wenigstens ein Mal im Leben. Egal wo. Egal, wen es trifft.

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Beben

Dienstag. Wenn dich um Mitternacht ein Bombenknall aus dem Sessel reißt und der Boden unter deinen Füßen schwankt und der Schrank schwankt gleich mit und die Vasen auf dem Schrank kippeln und die Fensterscheiben geben nie gehörte Geräusche von sich und du weißt nicht, ob du spinnst oder ob das gerade wirklich passiert, dann erkennst du schlagartig mitten in deine Angst rein, dass du nur eine kleine Laus, ein winziges Stäubchen bist, das im nächsten Moment unter einem Berg Betonbrocken begraben liegen könnte, ohne dass ein Hahn danach kräht. Ich ziehe mich an, schnappe Schlüssel und Handy und renne auf die Straße runter. War das nur unser Haus oder ein Erdbeben?, das muss ich wissen. Meine Nachbarin taucht im Gang auf. Was machst du?, flüstert sie weiß vor Schreck. Sie will warten, bis ich wieder oben bin. Auf der Straße ist niemand. Ich rufe W. an, weil ich von hier unten Licht in seinem Arbeitszimmer erkenne. W. lacht mich aus. Das ist der Zollerngraben, sagt er. Leg dich wieder hin.
In dem Moment fallen weiße Graupelkörner vom Himmel. Ein kaltes Knistern erfüllt die Luft und lässt die Konturen verschwimmen. Der Vollmond hat sich verpisst. Ich fahre nicht mit dem Aufzug. Meine Wohnung ist warm, aber ich traue ihr nicht. Das Erdbeben hatte die Stärke 3,7.

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Klarheit

Montag. Das Interview, das ich im Juni gemacht habe, ist für die Katz, basta! Deshalb brauche ich es auch nicht zu wiederholen, wie ich mir seither, um die Sache irgendwie zu retten, einzureden versuche. Auch im zweiten Anlauf kann es nicht besser werden. Fakt ist, dass die gegenseitige Inspiration ausblieb, da gibt es nichts zu deuteln.
Heute Morgen die Idee für einen neuen Ansatz. Ich greife danach und wickle frische Gedanken drumherum, ehe sie einknickt, ehe sie wieder verblasst. Unter Corona verblasst soviel, Corona nimmt Kraft und Leben aus meinem Gehirn. Große Namen sind nicht per se von Vorteil, eigentlich habe ich das schon damals gewusst.
Mir sollen Flügel wachsen! Nur so wird es etwas mit dem neuen Projekt.

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Jakob Augstein twittert nicht mehr

Mittwoch. „Ich twittere nicht mehr. Aber ich denke noch“, sagt der Publizist im Interview mit Marvin Schade:
„Die Corona-Krise hat mir den Rest gegeben. Die Mischung aus Dummheit, Aggression und Mangel an Fantasie, die die Debatte geprägt hat, hat mich erschreckt. Wir erleben in dieser Krise wieder einmal eine große Gleichrichtung der Medien.“
Und weiter: „Es ist nicht die Aufgabe der Medien, die Regierungsentscheidungen unters Volk zu bringen, sondern sie zu kritisieren und auf den Prüfstand zu stellen. Das ist in den ersten Monaten viel zu wenig geschehen. Selbst heute hat sich daran kaum etwas geändert.
Bei Twitter war es so: Wenn Sie die Frage gestellt haben, ob alles, was von der Regierung beschlossen wurde, sinnvoll, angemessen und alternativlos ist, dann wurden Sie niedergemacht.“
Augsteins Fazit: „Ich habe nicht mehr Zeit. Aber bessere Laune. “

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Mit meiner Laune steht es nicht zum Besten. Wie lang dauert der Teil-Lockdown noch? In welchen Bereichen werden die Maßnahmen verschärft, und wo gehen die Laxheiten weiter? Wieso sinken die Infektionszahlen nicht? Fragen über Fragen …

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