Einmal Kamen und zurück

Sonntag. So ein Reunion-Wochenende könnte auch in eine peinliche Weißt-Du-noch-Litanei abgleiten mit Anekdoten, die man in diesem Leben nicht mehr hören will, stelle ich mir vor.
Indem ich am Nachmittag – nach einem Besuch bei meiner Mutter – meine ehemaligen Wirkungsstätten ablaufe, werde ich immer deprimierter. Der Frust über eine streckenweise nicht besonders glückliche Kindheit und Jugend in meiner, wie man so sagt, Heimatstadt Kamen quillt aus der gammeligen Fußgängerzone, aus den leeren Schaufenstern, aus den sexistischen Macho-Rap-Reimen durch die offenen Fenster direkt in mein Herz. Die sture Unveränderlichkeit des Platzes zwischen den beiden Kirchen – die evangelische ist die ältere und interessantere – gibt mir den Rest.
Mein Elternhaus dagegen ist auf erfreuliche Weise unverändert. Die jetzigen Eigentümer haben sogar noch dieselbe Außenleuchte. Die Tanne rechts vom Haus war einmal unser Weihnachtsbaum, bevor der Gärtner sie in die Erde gepflanzt hat. Jetzt überragt sie das Hausdach, als stünde sie schon eine Ewigkeit dort. Das weiße Haus ist für mich der Prototyp eines Wohnhauses geblieben, wie durch einen Zaubertrick steht es in einem idyllischen Winkel dieser unidyllischen Ruhrpottkleinstadt, kleines, weißes Legohaus.
Ich habe das Mansardenzimmer, das ich schon einmal hatte in dem einzigen Hotel am Ort. Mit Blick auf den Marktplatz. Mit Dachschrägen, wie ich sie liebe. Schräg unter meinem Fenster beschwört ein Junge einen Digga oder Bruder, breitbeinig hält er mit dem Smartphone am Ohr die Stellung vor dem ehemaligen Café Gonnermann als Stellvertreter einer anderen Kultur. Habe ich überhaupt Lust auf das Klassentreffen, ich fühle mich auf einmal fremd, ich ziehe mich um, ich habe zugesagt, ich fühle mich wie früher auf dem Weg zur Schule, ich überlege immer noch und föhne mir die Haare, pünktlich wie nie in der Schule laufe ich bei Kümpers ein, einer urigen und zugleich eleganten Kneipe, und weiß im selben Augenblick, dass ich richtig bin.
Unaufgeregtes Wiedersehen. Erinnerungen, Stories, von denen ich noch nie gehört habe, aber Teil von ihnen war, merkwürdig, habe ich das alles vergessen oder schon damals verschlafen? Die Geschichten ergänzen sich, an einigen herausragenden Punkten treffen alle Erinnerungen zusammen, diese Sache hat niemand vergessen, wie man den damals, und wie die damals …, ja stimmt, das war heftig.
Das Essen ist überraschend gut. Das Lokal hat bis in die Morgenstunden geöffnet. Ich treffe meine ehemals beste Freundin Ulrike wieder. Wir haben uns beide aufeinander gefreut, eigentlich ist sie der Hauptgrund für mein Kommen. Nach so vielen Jahren kann ich ihr endlich sagen, warum ich damals von einem Tag auf den anderen verschwunden bin (und für mich als 15-Jährige eine ziemlich harte Zeit in Essen begann, weil das Weggehen die einzige Alternative war).
Meine Erklärung beruhigt sie, ein Kreis schließe sich endlich, sagt sie, das Verschwinden wichtiger Menschen sei ein Muster in ihrem Leben, und ich bin betroffen, dass ich einer davon war.
Frühmorgens schaue ich aus dem Hotelfenster auf den dunklen Marktplatz. Ein paar Besoffene brüllen, ein vertrautes Geräusch, mit dem ich als Kind eingeschlafen bin, komisch, ist das nur hier so, in Tübingen brüllt nachts niemand. Ich schlafe tief und lang. Zum Frühstück treffe ich Rübe und Ute wieder. Wir ziehen Bilanz – gemeinsame Erinnerungen werfen dich in fast unerträglicher Weise auf dich selbst zurück. Ein guter Abend, bis zum nächsten Mal nicht wieder so lang, und schick mir die Mailliste, und wer hat leider gefehlt, und trotzdem war es toll. Mit Ute laufe ich noch einmal die Hot Spots unserer Jugend ab. Sie hat es auch nicht einfach gehabt, erzählt eine krasse Geschichte von Tod und Verlassenwerden. Vielleicht sehen wir uns einmal wieder.
Mein Herz schweigt auf dem Weg zum Bahnhof, nichts hält mich in dieser von einer grotesken Hochstraße zerschnittenen und zerteilten Kleinstadt, sicher voller Asbest, warum wird die nicht endlich zurückgebaut?
Wer war man damals? Ich glaube, das fragen sich alle nach dieser Veranstaltung, und ich hätte jetzt sechs Stunden lang Zeit, im Zug darüber nachzudenken (wenn ich nicht, reichlich verspätet, Houellesbecqs Unterwerfung dabei hätte). Ein Abend wie ein warmes Bad. Sympathiebad. Das ist das, was bleibt.

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Guter Tag

Donnerstag. Bin wieder im Spiel, Online-Unterricht doch keine so große Sache, Fortbildung erfolgreich, bin sehr erleichtert, alles gut, und das allerbeste: Ich habe mein Fahrrad wiedergefunden. Stand fast am alten Platz, war aber abgeschlossen!, wie krass ist das denn? Hatte einer wohl vorübergehend ausgeliehen …

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Der Gwisdek

Mittwoch. Ach, Michael Gwisdek, das ist wirklich traurig, dass Du uns verlassen hast. Jeder Film, in dem Du mitgespielt hast, war ein Erlebnis. Du hattest tolle Ideen, Inspiration, Witz und Charme. Ich wünschte mir, es gäbe mehr Menschen wie Dich. Gute Reise …

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Mattis war gegen das meiste von dem Zeug

Dienstag. Der US-Präsident verblüfft immer wieder durch seine Sprache. Meint der das ernst?, fragt man sich, und weiß im selben Moment: Yes! Trump sagt, was er denkt. Seine Unverblümtheit hat was von Sitcoms. Deren linguistische Grundlage ist die Verletzung von Sprachnormen: Das Brechen von Tabus auf der einen, von Erwartungen auf der anderen Seite.

In den Neunzigern war es die postmoderne Ironie, die zuweilen in Nihilismus, Sarkasmus, Misstrauen und Dekonstruktion vertrauter Narrative umschlug, um herkömmlichen Sprachnormen den Garaus zu machen und die Leute aus dem Schlummer der Selbstgerechtigkeit zu reißen (z.B. Harald Schmidt). Weil der verbale Dauerbeschuss dem Fernsehpublikum irgendwann auf den Keks ging, wich er in den 2000ern einem wärmeren, heimeligen Tonfall, mit dem die Leute sich besser zur Nachtruhe begeben konnten (z.B. Dieter Nuhr, Eckart von Hirschhausen). Hierzu gehört auch die zeitgeistige Marotte, das eigene Familienleben einzubeziehen: Das Publikum erfährt vom Windelwechseln und von Schul- und Geschwisterproblemen, um mit WarmumsHerzGefühl festzustellen, dass Luke Mockridge, Lisa Fellner u.v.a. eine der ihren ist.

Wenn nun Trump das familiäre bzw. vertrauliche Register zieht, könnte man meinen, er befinde sich damit textuell im absoluten Zeitgeist. So, wenn er sich in politischen Entscheidungen auf seine Tochter und seinen Schwiegersohn beruft, oder wenn er jüngst nach dem Tod der 87-jährigen US-Richterin Ruth Bader Ginsburg vollmundig verspricht, die nächste Bundesrichterin werde wieder eine Frau. Leute, alles bleibt wie gehabt!, verkündet er damit, und sorgt für einen kurzen Wohlfühlmoment.

Wenn er dagegen dem Chef der US-Gesundheitsbehörde CDC, Robert Redfield, in dessen Einschätzung der Pandemie-Bekämpfung widerspricht, begibt er sich auf eine weniger heimelige Sprachebene. Der Präsident zieht zwar sein treuherziges Gesicht, doch das bedeutet nichts anderes als Achtung, gleich gehts los! Er sagt: „Ich denke, er war verwirrt!“ Zu Redfields fachlicher Einschätzung hat er Sätze drauf wie: „Ich denke, er hat vermutlich die Frage falsch verstanden“, oder: „Vielleicht kennt er sich nicht mit dem Verteilungsprozess aus.“ Trump möchte glauben oder glauben machen, Corona-Impfstoffe seien in absehbarer Zeit verfügbar. Während Redfield schätzt, dass es Mitte bis Ende 2021 soweit sein könnte, verspricht Trump seinem Wahlvolk: „Ich denke, dass es sehr bald sein wird.“

In diesem Zusammenhang erinnert man sich auch an Trumps Äußerung zu den steigenden Infektionszahlen, er habe seine Leute angewiesen, „verlangsamt bitte die Tests.“ „Wenn wir mehr testen, finden wir mehr Fälle!“

Ist das lustig gemeint? Referenziert Trump hier postmoderne Ironie, Sarkasmus, Misstrauen und Dekonstruktion vertrauter Narrative, um von einem bösen Thema abzulenken? Das hieße allerdings, dass er sich dieser Stilmittel bewusst bedient. Es hieße außerdem, dass der Präsident selbst nicht an einen schnellen positiven Ausgang der Pandemie glaubt, was er doch allem Anschein nach tut.

Auch mit seinen jüngsten Aussagen zu Assad scheint Trump sich intertextuell auf zuvor Dagewesenes zu beziehen, das den meisten Menschen bekannt und deshalb leicht dekodierbar sein dürfte: Indem er den Cowboy, den gesellschaftlich Unangepassten mimt, darf er auch verbal entgleisen und erweist damit dem klassischen Western seine Referenz: 2017 habe er die Ermordung Baschar al-Assads geplant, erzählt er freimütig. Doch der damalige Verteidigungsminister James Mattis habe die Operation verhindert. „Ich hätte ihn lieber ausgeschaltet“, präzisiert der US-Präsident sein Anliegen noch einmal überdeutlich, und das hätte genauso Clint Eastwood knurren können. Alles sei vorbereitet gewesen, doch „Mattis wollte es nicht tun.“ Dieser sei nämlich ein „hoch überschätzter General“ gewesen, den er später gefeuert habe, ätzt Trump weiter. Die Entscheidung, Assad nicht zu töten, bereue er jedoch nicht: „Ich hielt ihn sicher nicht für einen guten Menschen, aber ich hatte die Chance, ihn auszuschalten, wenn ich gewollt hätte, und Mattis war dagegen. Mattis war gegen das meiste von dem Zeug.“

Bei den letzten beiden Sätzen muss man unwillkürlich lachen. Warum? Was – neben der Anmaßung, zwischen guten und bösen Menschen zu unterscheiden – komisch ist, ist der Widerspruch zwischen der sprachlichen Saloppheit und dem todernsten Thema. Wer über einen politischen Auftragsmord mit Stammtischvokabular daher palavert, zeigt sich als ein Meister der Inkongruenz – ein das Referenzieren weiterführendes Mittel, das Verblüffen und Lachen evoziert: Wenn zwei Ebenen nicht zusammenpassen, aber zusammengezwungen werden, ist das ein logisches Paradox, was seinerseits den Kern des Humors ausmacht.

Doch Trump ist kein Komiker, der alle Register seines Könnens zieht. Weder zitiert er aus alten Werken noch parodiert er irgendwen oder irgendwas noch bedient er sich bewusst der sprachlichen Inkongruenz. Trump verletzt Sprachnormen, indem er gerade das feine Besteck außer Acht lässt und mit groben Stiefeln über Normen des Anstandes, des Feingefühls, der Aufrichtigkeit, der Bildung und Herzensbildung hinwegtrampelt. Trump unterscheidet keine Sprachebenen. Auf seine merkwürdige Ausführung zu den Corona-Tests angesprochen, versicherte er: „Ich scherze nicht.“ Trump ist nie ironisch. Schon gar nicht selbstironisch. Trump meint alles ganz eindimensional genauso, wie er es sagt. Mit seinen verknappten, militaristischen, immer polarisierenden Slogans, die er der Welt am liebsten per Twitter verkündet, bestätigt er sein eindimensionales Weltbild. Das ist das Besondere an ihm. Das besonders Schreckliche.



Baschar al-Assad: Der damalige Verteidigungsminister James Mattis und Donald Trump
Der damalige Verteidigungsminister James Mattis und Donald Trump © Brendan Smialowski/​AFP/​Getty Images
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Fremdes Script

Montag. Ist immer die Frage, ob man gerade ein fremdes Script abarbeitet, oder ob man sein eigenes Script umschreiben muss. Das erste heißt Krankwerden, das zweite Leben.

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Das neue Normal

Sonntag. Wenn wir an einem milden Septemberwochenende durch die Stadt bummeln und es ist gerade Umbrisch-Provencalischer Markt und wir treffen Leute und PM macht das hundertste Foto vom Neckar und die Sonne zwinkert lieblich und wir shoppen bei Risiko jeder ein angesagtes Teil, mit dem wir im Spiegel und vor allem in den Augen des anderen großartig aussehen, dann scheint die Welt in Ordnung.
Ich vergesse für einen halben Tag meine Lieblingsfamilie in Köln, die keine Familie mehr ist, und ich vergesse den digitalen Paradigmenwechsel im „Amt“, der mich an meine Grenzen bringt.
Diese sind nicht nur technischer, sondern existenzieller Art. Mit Bauchschmerzen versucht mein Körper sich aufzulehnen. Mit Fortbildungen versuche ich, den Anforderungen von außen professionell entgegenzutreten. Das, was mir abverlangt wird, verlange ich auch von mir selbst. Ich weiß, dass Veränderung das neue Normal ist, ich predige das schon lange, ich habe das komplett internalisiert. Jetzt aber: Ein paar lächerliche Buttons legen mich lahm. Jagen mir Angst ein. Weil ich sie mir nicht merke, weil sie sich mir nicht von selbst erklären, weil ich mir ihre Reihenfolge notieren muss, um dann umgehend den Zettel zu verschlampen. Nicht die Furcht, mich als Pädagogin selbst abzuschaffen, lähmt mich, sondern das umfassende Gefühl von Überforderung. Nie hätte ich das für möglich gehalten. Eine durch und durch fiese Situation. Die sich, anders als die temporäre kognitive Überforderung, nicht einfach durch Lesen und Sich-schlau-Machen aufheben lässt. Das hier ist ein Change, der alles durchdringt. Es geht um nicht weniger als die existenzielle Frage, ob ich ein fremdes Script abarbeite, oder ob ich mein eigenes Script umschreiben muss.
Ich trinke Kamillentee – PM: Du hast eine ausgewachsene Gastritis! – und angle das Heizkissen aus dem Schrank. Jahrelang habe ich Optalidon eingeworfen, um im „Amt“ zu funktionieren, um die Scheißkrankheit auszuschalten, die mir jeden Monat drei Tage meines Lebens geraubt hat, die mich am Denken und am Leben hinderte, weswegen ich mich am liebsten in ein abgedunkeltes Zimmer verkrochen hätte. Kaum jemand hat von meiner Migräne was mitbekommen, und das fand ich auch gut so. Migräne war die peinliche Weiberkrankheit, die andere lahm legte, mit der ich nichts zu tun haben wollte. Eine bleibende Niereninsuffizienz ist das Resultat davon. Die stellt mich nun hin und wieder vor ungeahnte Herausforderungen ganz anderer Art. Die ich natürlich in den Griff kriege, wozu sind Herausforderungen da.
Optalidon ist inzwischen aus o.g. Grund vom Markt genommen. Ich melde mich zur nächsten digitalen Fortbildung an, und am Abend gehen PM und ich im Ludwig’s essen. Meine Lieblingslerngruppe hat mir zum Abschied einen Gutschein geschenkt, den lösen wir jetzt ein.
Das sind aber nette Schüler, sagt die Kellnerin. Ja, finde ich auch. Und deshalb würde ich ihnen auch in Zukunft lieber face to face begegnen, ihre Stimmen und ihr Lachen auf dem direkten Weg hören, anstatt sie mir mir Moodle auf den Bildschirm zu klicken.
PM hält mich mit den Infektionszahlen auf dem Laufenden. In Israel gibt es den zweiten Lockdown. Bis bei uns einer kommt, muss ich das alles draufhaben, wogegen ich mich innerlich wehre, und das ist jetzt die Frage, ob ich die innere Stimme umstimme oder meinen Hut nehme. Was natürlich überhaupt nicht infrage kommt – ist doch Veränderung das neue … okay, schon klar!

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Schneller

Mittwoch. Na super, ich komme aus der Post, und das Fahrrad ist weg! Dabei war ich höchstens fünf Minuten drin. Es sah abgeschlossen aus, das Schloss zugesteckt, nur die Zahlen nicht verstellt. Ich war in Stress, hatte einen Termin in der Handchirurgie – und wie jetzt dorthin kommen? So blöd! Ich hab noch gedacht, ein Restrisiko ist dabei, aber hier ist ja keiner, und ich bin schnell wieder zurück. War ich auch. Bloß, der andere war noch schneller.

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Die Grenze

Dienstag. Im Urlaub hatte ich ein seltenes Naturerlebnis. Ich stand auf dem Balkon und schaute in den Regen. Der Regen war nur rechts. Links war alles trocken, und dazwischen, genau auf der Grenze, stand ich. Das war total irreal. Wie in der Truman Show, als Truman dem Regenschauer hinterherläuft und plötzlich realisiert, dass alles Fake und seine Welt eine Kunstwelt ist.

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Wer kriegt die 1,9 Billion?

Samstag. Während der Staat sich zu Tode rettet, dümpeln unsere Schulen, Kliniken, Altenheime und Kindergärten wie gehabt vor sich hin. Nach Einschätzung der Deutschen Bank hat der Finanzminister zur Stimulierung der deutschen Volkswirtschaft ca. 1,9 Billionen Euro investiert. Eine Billion hat für mich eher den Charakter des Abstrakten als den einer Zahl, man weiß gerade noch, wieviele Nullen sie hat (zwölf!), vorstellen kann man sie sich kaum mehr.
Als Beschäftigte einer nicht subventionierten, pädagogischen Einrichtung reibe ich mir die Äuglein und bedaure, dass ich nicht bei Lufthansa, auf der Aida, in der Autobranche oder irgendeiner Bank meine Brötchen verdiene. Dahin fließt nämlich ein beträchtlicher Teil der eben zitierten, unvorstellbar hohen Summe öffentlicher Gelder.
Dann müsste ich mich nicht in unzulänglich zusammengestoppelte Plattformen einarbeiten, die irgendwelche Nichtfachkräfte in vielen Überstunden kostenneutral installiert haben, um sie in unsäglichen Schnellkursen, die ebenfalls nichts kosten (dürfen), an das Fußvolk, also an mich, zu bringen. Die Frage, wo eigentlich die Geräte bleiben, die für den Digitalisierungsprozess (nur darum geht es seit Corona) doch irgendwie notwendig sind, wird geflissentlich überhört. „Kauf sie Dir!“, lese ich in den bösen Augen des angesprochenen Hobby-Digitalisierers: „Öffentliches Geld ist dafür nicht da.“
Als Bankerin oder Lufthansa-Mitarbeiterin müsste ich mich auch nicht auf zu eng bemessenen Arbeitsplätzen drängeln und den rein theoretischen Pflichtabstand von 1,50 m abnicken, um ihn dann in der Anwendung pflichtschuldig schnellstens wieder zu vergessen: Das Haupt meiner werten Kollegin und Sitznachbarin befindet sich ca. 50 cm von meinem entfernt, und anders geht es auch gar nicht, waren die Arbeitstische doch schon vor Corona viel zu klein, um sie sich jeweils zu acht (!) zu teilen. Wir grinsen uns an und schlucken alles, was wir gerade in Endlos-Sitzungen zur Kenntnis genommen haben, runter in unsere leeren Mägen. Denn die Cafeteria ist coronabedingt geschlossen, und einfach mal eben einen Brötchenstand zu installieren anlässlich der überraschenderweise 9-stündigen Veranstaltung für die ca 100 KollegInnen wäre ja kostenneutral kaum zu bewerkstelligen. Dafür haben wir natürlich Verständnis.
Wir begreifen: Die ganzen Maßnahmen, die uns ins Hirn gepflockt werden, haben nichts mit uns zu tun. Es geht darum, sie zu kennen, nicht mehr und nicht weniger. Die Leitungsetagen aller Ämter im Lande haben damit ihre Pflicht erfüllt, haben abgeladen und ausgekotzt, auflöffeln dürfen es die anderen. Die, die sie umsetzen sollen. Und die kapieren ganz schnell: Die Maßnahmen sind überhaupt nicht zum Umsetzen konzipiert, das ist die versteckte Fußnote. Es geht einzig um die Einhaltung der Form. Nach der Praxis fragt (hoffentlich) kein Schwein.
Bei dieser Erkenntnis bleibt es aber leider nicht. Eine viel weitgreifendere kommt noch hinzu: Der Staat ist die Wirtschaft! Das haben wir natürlich längst gewusst, aber so deutlich wie in diesen Monaten wurde es uns noch nie vor Augen geführt. Wir PädagogInnen freuen uns, dass unser Finanzminister die Gießkanne über den Großbetrieben ausschüttet, die brauchen das nämlich viel nötiger als wir. Sie sind die Säulen unseres Systems. Was sind Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten, Altersheime und so weiter denn schon gegen Lufthansa? Oder gegen Aida?
Umfragen, wofür die Deutschen seit der Coronakrise ihr Geld ausgeben, bringen es übrigens zutage: Für Möbel. Während das Coronavirus gewütet hat, haben die Bundesbürger ihre Wohnzimmer neu eingerichtet. Auch Garten- und Balkonmöbel sind gerade der Renner bei Amazon und Otto.de. My Home is my Castle, wozu benötigt man da noch die große Bühne? Die dürfen sich Scholz/Angie und ihr Stab getrost teilen.
Die Botschaft ist voll und ganz bei uns angekommen: Klappe halten und die Pakete mit dem Grinsemund auspacken! Je mehr, desto besser. Nur der konsumierende Bürger ist ein guter Bürger. Und ich will endlich meine Hollywood-Schaukel. Die wünsche ich mir fast schon ein Leben lang. Und Kettler hätte auch was davon. Wäre das jetzt nicht genau der richtige Zeitpunkt?

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Stillstand und Bewegung

Freitag. Im „Amt“ auf dem harten Boden der Realität aufgeschlagen. Viele Maßnahmen, die nicht gerade mit Sinnhaftigkeit überzeugen, viel vertane Zeit bis in den Abend hinein – das schmerzt. Jede verlaberte Stunde ist eine Stunde Lebenszeit, das muss man sich mal in seiner ganzen Tragweite vor Augen führen.
Am Abend kommen die Tochter von PMs Freunden und deren Freundin aus B.N. zum Übernachten. Sie machen eine Deutschlandtour und bringen einen mit ihren Geschichten auf andere Gedanken. Lange mit einem ehemaligen Klassenkameraden telefoniert. Übernächstes WE ist Klassentreffen in der alten Heimat, in Kamen, ich bin megagespannt, habe seit Jahren keinen Kontakt mehr, freue mich darauf.

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