King Biller

Mittwoch. Maxim Biller ist einer der Größten, und mit Der falsche Gruß (Kiepenheuer Witsch, 2021) wird er noch ein bisschen größer inmitten des deutschsprachigen Nichtssager-Einerleis.Die Handlung: Ein Schriftsteller mit DDR-Vergangenheit fasst im wiedervereinten Deutschland Fuß auf dem glatten Parkett der untereinander schwer konkurrierenden Intelligenzia. Mit Chuzpe navigiert er sich und sein brandaktuelles Werk durch das Gestrüpp aus Missgunst, Autorenneid, Männerneid und Skrupellosigkeit, das die Verfeindeten wider ihren Willen miteinander verbindet. Der falsche Gruß leuchtet bitterböse das Dunkel der bundesrepublikanischen Tabus aus, löst wenig, sagt aber viel. Vieles bleibt unverständlich, Biller wieder als Meister der Anspielung, der zahllosen, rasant sich jagenden

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Langweilig

Mittwoch. Das langweiligste Buch ever ist August von Peter Richter (Hanser, 2021). Woher die vielen positiven Kritiken kommen, keine Ahnung. Einzige Erklärung: keine(r) der Verfasser*innen ist über Seite 5 rausgekommen. Schlimmster Fehler ever: Langweilig über Langeweiler zu schreiben – und damit zum Inhalt: Zwei reiche Paare langweilen sich beim „sommern“ – der einzig originelle Einfall auf insgesamt 251 Seiten und alle Kritiker erwähnen ihn, ach ja, er kommt auf Seite 5 – in den Hamptons auf Long Island. Die kleine Gesellschaft wird aufgemischt von einem durchtriebenen Achtsamkeits-Guru und einem geilen Kindermädchen. Die Unterhaltungen drehen sich um fette Autos versus Globuli.

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Keine Fragen

Sonntag, Oberdürenbach. Mutterbesuche immer schwerer zu verkraften. Vor wenigen Jahren gab sie uns einen Korb: Ausgeschlagen alle drei Angebote, in unseren jeweiligen Wohnorten ver-/umsorgt zu werden. Ein Fehler. So viele Fehler. Kein Raum mehr für Fragen, nur noch Mitleiden. Abends zu Anne und Jacek (so gemütlich), später zurück in PMs Ersatzwohnung am Fuß der eisigen Eifel …

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Connecten

Donnerstag. Werde immer dünnhäutiger. Das „Amt“ frisst mich. So viele Blicke, so viele Erwartungen. Sie suchen Zuwendung und Interesse, was ich in dem Maß nicht geben kann, niemand kann das dreißig und nochmal dreißig und nochmal dreißig Mal am Tag. Stückwerk. Sie suchen ein Vorbild, ein gutes Beispiel, da werde ich wütend. Ich will kein Beispiel sein, will mir aussuchen, wem ich Vorbild bin, ich weiß um die Bedeutung und schrecke gleichzeitig zurück. Meine Schreibwerkstatt ist der Freiraum. Sie finden ihre Texte cringe, sie winden sich in ihren oversized Pullovern und ziehen die langen Ärmel weit über ihre Hände. Mit

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Verstrahlt

Dienstag. Morddrohungen auf Telegram Messenger gegen Politiker*innen, Fackelauflauf in Grimma vorm Wohnhaus der wunderbaren Petra Köpping, Missbrauch des Davidstern-Symbols, krude Theorien über magnetische Einstichstellen nach der Impfung, über Chips im Impfstoff und eine Verbrüderei von US-Techunternehmen, Pharmaindustrie und der Berliner Politikerriege zum Zweck der Menschheitsvernichtung – ich spitze die Ohren bei den Impfgegner*innen in meiner unmittelbaren Umgebung und schwanke zwischen Neugier und Grusel. Ein aufgeheiztes Kraut und Rüben von Aberglaube, rechtsradikalem Gedankengut, Uninformiertheit, Opfermentalität und Großmannssucht sorgt für schrille Töne in den Medien und auf den Straßen. Der neue Gesundheitsminister Karl Lauterbach, kein Bankkaufmann, sondern endlich mal ein Mann vom Fach, hat

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Entscheiden

Samstag in Eisenach. Trauriger Anlass, schönes Beisammensein, resümiert Tov und klopft, schon im Mantel, auf den Tisch. Es ist vollbracht, das Versenken der Urne in die Erde, das Festhalten des Alten, der Weg zurück – das war das Schlimmste an dem Tag.Frieders Predigt, von der jeder Satz, jedes Wort in die Wirklichkeit eines Zerrissenen, mit sich und der Welt Kämpfenden wohlwollend hineinleuchtet – Vater, Bruder, Freunde, Exfreundinnen verstehen jeweils auf ihre Weise, worum es geht, und füllen das Ungesagte mit ihrem Wissen. F. Kranich, Pfarrer aus Weimar, ist der Prediger lutherischen Abbildes, den jeder sich einmal an sein Grab wünscht,

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Du hast den Farbfilm vergessen

Freitag. Angela Merkels Liedauswahl für ihre Verabschiedung mit Großem Zapfenstreich am 02. Dezember verdient Respekt: Knefs 1968er Emanzipations-Hit „Für mich soll’s rote Rosen regnen“; das spätbarocke Kirchenlied „Großer Gott wir loben dich“ und – Überraschung: Nina Hagens Gassenhauer „Du hast den Farbfilm vergessen“. Letztes handelt von einem Urlaub des lyrischen Ichs, das mit Nina Hagen identifiziert werden kann („Landschaft und Nina und alles nur Schwarz/Weiß“). Es verbringt ihn mit Freund Michael, genannt Micha, auf Hiddensee. Dieser hat vergessen, den Farbfilm für die Kamera mitzunehmen, weswegen die Urlausfotos nun alle schwarz-weiß sind. Seine Wut darüber bringt das lyrische Ich / Nina

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Impfstoff

Donnerstag. Boosterimpfung in einer fast menschenleeren Praxis – der Impfstoff geht aus! Von einem Brandbrief der Hausärzte erfahre ich von meinem Dr. D., während er die Nadel in meinem Arm versenkt. Manchmal versteht man die Welt nicht mehr. Da setzt die Regierung alle Hebel in Bewegung, Impfunwillige zum Impfen zu tragen, und dann vermasselt sie’s mit der Nachbestellung. Jede(r) wieder heimgeschickte Herbeigerufene ist Wasser auf die Mühlen der Skeptiker*innen …

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Nacht

Schnee an den Fahrbahnrändern. Minutenlange Leere auf der B28, auf der heute Nachmittag PM davongefahren ist. (Seine ausgestreckte Hand.) Jetzt spiegeln sich die gelben Lichter der Straßenlaternen auf dem kalt glitzernden Asphalt.

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… dass etwas Großes passieren würde

RND Redaktionsnetzwerk Deutschland, 26.11.2021 Die Flutkatastrophe vom Juli hat allein in Nordrhein-Westfalen 49 Menschen das Leben gekostet. Mit einem Untersuchungsausschuss sollen mögliche Versäumnisse untersucht werden. Wetterexperte Kachelmann und eine Professorin machten deutlich: Es gab frühe Warnsignale. Schon Tage vor der Flutkatastrophe zeichnete sich nach Einschätzung des Wetterexperten Jörg Kachelmann (ich zitiere ihn nur ungern) ein extremes Wetterereignis für den Südwesten von Nordrhein-Westfalen ab. Am Montag, den 12. Juli, sei nach den Wettermodellen eigentlich bekannt gewesen, dass etwas Großes passieren würde, sagte Kachelmann am Freitagabend bei seiner etwa zweistündigen Befragung als Zeuge im Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags zur Flut in Düsseldorf. Die Wettermodelle hätten bereits

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