Nähe

Sonntag, B. N. Warum seit einigen Jahren massenhaft Züge ausfallen, wenn die Temperaturen gegen Null gehen, weiß niemand. Wegen Wetter, heißt es am Stuttgarter Hauptbahnhof, Fällt aus, fällt aus, verkünden die Anzeigetafeln an den Bahnsteigen. Was ist denn mit dem Wetter? Strahlende Sonne und knackige Kälte, na ja, minus 4 vier Grad, und die deutsche Ingenieurskunst bricht zusammen. Der Zug, der es dann doch schafft loszufahren, ist gerammelt voll. Damit kann man nicht mehr umgehen, Menschen und Menschengerüche aus nächster Nähe, ich krame die medizinische Maske raus, die sowieso Vorschrift ist, und kriege meinen Unwillen kaum in den Griff. Ich sitze im Speisewagen an einem Einzeltisch, zwei Frauen werfen sich in die Bank gegenüber, befördern belegte Brote aus ihren Handtaschen, reißen sich die Masken vom Gesicht und mampfen keine 50 cm von mir weg los. Der Bordkellner guckt indigniert und zieht Leine. Ich wechsle ins Großraumabteil, wo es auch nicht besser ist. Wie hat man das früher, vor Corona, ausgehalten? Menschen dünsten Krankheit aus, sind fremde und zu meidende Wesen, so hat Corona bzw. der never ending Lockdown unsere / meine Wahrnehmung verändert.
Der ist nämlich von der Regierung gerade um drei Wochen verlängert worden. Mitte März, heißt es jetzt. Bevor der Inzidenzwert nicht auf 35 runter ist, wird über Lockerungen nicht nachgedacht. Hat man uns bisher die magische 50 vorgehalten wie der Maus ein Stück Speck, wovon wir auch gar nicht mehr so weit weg sind, sorgt die neue Virusmutation für eine neue Panikwelle und schreit nach neuen Maßnahmen.
Nicht nur Kinder und Jugendliche brechen zusammen. Der familiäre und gesellschaftliche Crash treibt die Sensibelsten in die Psychiatrien des Umlandes, Tübingen ist nämlich schon voll, und auch aus meinen Lerngruppen mailen die Ersten von abgelegenen psychiatrischen Einrichtungen aus, um mir zu versichern, dass sie beim Homeschooling dranbleiben. Als wäre das das Allerwichtigste, OMG!, solche Geschichten treiben einem die Tränen in die Augen.
Meine liebe L. ist in Köln mit den Kindern in Quarantäne – eine der Kita-Betreuerinnen wurde positiv getestet. Alle 80 Kinder der Einrichtung werden vom Gesundheitsamt zuhause durchgecheckt, solange kommt keins aus der Bude raus und die Eltern auch nicht. Dass an der erstickenden Nähe Ehen, Familien, bewähre Strukturen zerbrechen, kann keinen verwundern. An einem der heute leider zahlreichen Umstiegbahnhöfe dreht sich plötzlich ein Typ vor mir um und prügelt brüllend mit einer leeren Plastikflasche auf einen asiatisch aussehenden Vater mit Kleinkind ein. Der erstarrt vor Schreck, auch das Kind vergisst zu weinen, bis ihm eine Frau zur Hilfe eilt. Die Leute ticken langsam aus, ein falsch verstandener Blick bringt das Fass zum Überlaufen.
Die Friseure dürfen nach neuesten Informationen ab dem 1. März wieder öffnen, die übrigen Geschäfte wie auch Restaurants etc. bleiben geschlossen. Die Geschäfte haben auf online-Versand und Straßenverkauf direkt aus dem Schaufenster umgestellt. Auf die Weise habe ich in Tübingen einen weißen Pullover erstanden. Als ich in der offenen Tür mit Karte zahlen will, bittet die Ladeninhaberin mich um Barzahlung. Sie sieht mich so verzweifelt an, dass ich ihr eine Packung BioKekse dazulege, die ich gerade für ein Trost-Paket für L. gekauft hatte. Den Pullover gibt es zum Einkaufspreis, verdient hat sie damit nichts. Welche Geschäfte werden überleben? Wie sehen die Städte „nach Corona“ aus? Vorstellungen, die man sich nicht geben mag.
PM wartet am Bahnsteig. Er guckt in die falsche Richtung, vollführt eine elegante Drehung, und ich laufe ihm auf seinem Lächeln direkt entgegen. Klick, alles Bedrückende wie gelöscht. Er verstaut meinen Koffer, auf der Rückbank liegen feine Sachen vom türkischen Stand, gleich kommen J. und A., es gibt viel zu erzählen, wir haben gemeinsame Pläne, das Haus ist warm und duftet nach Kaffee und Kerzen.


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Chick Corea ist nicht mehr

Freitag. Auf seiner Facebook-Seite hinterließ Corea eine Botschaft an seine Fans: „Ich möchte mich bei allen auf meiner Reise bedanken, die geholfen haben, die Feuer der Musik hell erleuchtet zu halten. Es ist meine Hoffnung, dass die mit Ahnung vom Spielen, Schreiben, Performen oder etwas anderem, dies tun. Wenn nicht für Euch selbst, dann für den Rest von uns. Die Welt braucht nicht nur mehr Künstler, sondern es macht auch einfach viel Spaß.“

Leider hatte er enge Verbindungen zu Scientology, verehrte L. Ron Hubbard, dem er mit jedem Album dankte – und da ist sie wieder, die unbeantwortete Frage nach der Trennung von Werk und Künstler …

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Heißer Schrecken

Dienstag. Vor drei Wochen hat meine Waschmaschine den Geist aufgegeben. Frühester Reparaturtermin: 09. Februar, also heute. Drei Wochen sind entsetzlich lang, wie soll ich so lange ohne Waschen auskommen?
Von der Sache her nicht schlimm, ich kann bei meiner Nachbarin Lilli waschen. Vom Zeitgefühl her empfinde ich diese drei Wochen im Rückblick als Katastrophe. Plötzlich sind sie um, die vielen, vielen Lebenstage, und mir fällt nichts ein, was ich in dieser Zeit gemacht habe außer am Laptop gesessen. Der Lockdown macht einen anderen Menschen aus mir, einen, der ich nicht sein will. Am schlimmsten finde ich diese permanente Angst vor Fehlern. Ein Mal danebengegriffen, und du bist draußen, blickst es nicht mehr, kommst nicht mit, kommst nicht mehr rein. Zehn Mal am Tag überfällt mich ein heißer Schrecken, um sich dann GSD meistens in Luft aufzulösen. Trotzdem – das sind die Momente, in denen ich schlagartig um drei Jahre altere.
Ich befinde meinen Status als menschliche Maschine für menschenunwürdig. Und doch gibt es erste Anträge im „Amt“, in Zukunft nur noch virtuell zu arbeiten: „Weil man sich den Weg spart.“
Heilige Scheiße, was ist so schlimm an einem Weg?

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Pijökel und Saharastaub

Sonntag. Der bedrückend gelborangebraune Himmel gestern – das war Staub aus der Sahara! Gegen Mittag tauchte er die Welt, zumindest den Süden Deutschlands, in ein trübes Licht, der perfekte Rahmen für den gesamtgesellschaftlichen coronadepressiven Seelenzustand. Die Atmosphäre war unwirklich wie kurz vorm Weltuntergang.

Mit Dorle gestern abend bei PMs formidabler Fischpfanne ein neues Getränk getestet und für gut befunden: Pijökel 55! Das Rezept stammt vom Apotheker-Opa des Firmengründers: Ein Herbal-Elixier (weder Schnaps noch Likör!) aus Berlin – sehr zu empfehlen gerade in diesen unsäglichen Zeiten. Heizt gut ein und hinterlässt keinen Kopfschmerz.

Dorle zieht nächsten Monat nach Berlin um, schnief. Sie fehlt mir jetzt schon.

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Corona Diary – Vorübung

Freitag. An eine existenzielle Katastrophe wie die Pandemie können wir wohlstands- und sicherheitsverwöhnten Europäer uns nicht so ohne Weiteres gewöhnen. Wir haben die Wissenschaft, die Technik und eine hochentwickelte Medizin auf unserer Seite – was soll da schon passieren? Unsere größte Sorge gilt der Ausbildung der Kinder, dem Berufsalltag, den Hobbies, den Urlaubsreisen.
Und plötzlich kommt ein Virus aus dem Nichts und stellt alles infrage. Unser gesellschaftliches, kulturelles und wirtschaftliches Leben liegt am Boden, Wissenschaftler*innen und Mediziner*innen kommen an ihre Grenzen, jeder ist mit sich allein. Corona-Alltag: Man bewegt sich nicht mehr, man sieht niemanden mehr, man spricht mit seinem Bildschirm. Wie soll es weitergehen? An den Sieg über das Virus glaubt niemand mehr. Dass Corona in Zukunft zu unserem Leben gehört, ist die bittere Pille, die wir uns noch zu schlucken weigern. Wir ahnen aber schon, dass sich unser Verhalten im Alltag grundlegend verändern wird, weil es in einer globalisierten Welt nicht bei dieser einen Pandemie bleiben kann. Und dass die Pandemie nur eine Vorübung für weitere Katastrophen ist: für den drohenden Klimakollaps zum Beispiel, der uns durch Corona kurz mal aus dem Blick geraten ist.
Der Lockdown ist bei Weitem nicht das Schlimmste. Es ist die Ungewissheit über unsere Zukunft, die jedem einzelnen an die Nieren geht. Wir haben die Zuversicht verloren. Die Pandemie zieht uns den Zahn, dass alles gut werden wird.

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Grüne für Fracking?

Montag. Die Chefin der einstigen grünen Anti-NATO-Partei, Anna Lena Baerbock, fordert das endgültige Aus der russisch-deutschen Pipeline Nord Stream II zugunsten von US-Fracking-Gas. Kanzlerin geht eben nur als NATO-Abnickerin. Seit Monaten schon bedient Baerbock das US-Wording vom „russischen Regime“, das „in aller Welt Morde“ verübt – ungeachtet der Tatsache, dass das US-Imperium in 170 der knapp 200 Staaten dieser Welt Kriegstruppen stationiert und Folterbasen betreibt. Sonderbar und befremdlich für eine Partei, der die Sorge um das Wohl der Umwelt einst den Namen gegeben hat: Der ökologische Stiefelabdruck vom US-Fracking-Gas ist kein Thema für die Parteispitze. Die Tanker, die das Gas über den Atlantik herschippern sollen, die Erpressung deutscher, am Bau beteiligter Unternehmen – alles kein Thema! Der Grünenspitze sind Fracking-Gase aus den USA lieber – und teurer – als preiswertes, sauberes Erdgas aus einer russisch-europäischen Pipeline. Und leider auch lieber als Frieden mit Russland – 80 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion.

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Wochenstart

Montag, 8.50 Uhr: Bundesweiter (!) Zusammenbruch der Moodle-Plattform! Na prima! Also schnell alle sorgenvollen E-Mails von Eltern und Kids beantworten und – frühstücken.
PM’s Vater, 94 Jahre alt, wartet immer noch auf seine Impfung. Doch es gibt keinen Impfstoff mehr. Heute ist Impfgipfel, BioNTech und AstraZeneca sollen mehr liefern, was ist schiefgelaufen?, die Unternehmen und die EU – sprich Ursula von der Leyen – schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Jens Spahn denkt endlich öffentlich darüber nach, auch die Corona-Impfstoffe aus Russland und China bei uns einzusetzen. Schlimm, wenn das Impfen zu einem Politikum wird, wenn die Verfügbarkeit des Stoffs an politischen Animositäten scheitert.
Ich gehe jetzt ganz analog los, im „Amt“ meine Noten abgeben. Auf Papier, auf meinen eigenen Füßen. Eine Stunde ohne Bildschirm, Freiheit, Körperlichkeit…

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Arik Brauer ist tot

Sonntag. Wie oft ich seine Platten gehört habe! Mein Sohn ist mit diesen Liedern immer auf meinem Arm eingeschlafen. Der österreichische Liedermacher und Maler des phantastischen Realismus ist mit 92 Jahren gestorben. Er war irgendwie nie alt. Menschen wie ihn braucht die Welt.

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PM kommt

Samstag. Am Nachmittag kommt PM. Er schleppt zwei Tüten nach oben und macht sich ans Kochen. Zartes Rindergulasch, saftige Kartoffelknödel, knackige Schwarzwurzeln in Sauce Hollandaise – er zaubert und mir geht es gut. So ist er, der Mann, der aus dem Osten kam …

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