Kein Heimweh

Mittwoch. Dorle hat kein Heimweh. Zum ersten Mal seit ihrem Umzug nach Berlin ist sie in Tübingen auf Besuch. Findet es nett, gemütlich, vertraut und so weiter, aber sie verspürt keine Sehnsucht. Darüber ist sie sehr erleichtert, und auch ich finde diese Auskunft beruhigend. PM und ich haben ja auch so unsere Pläne. Die inzwischen sogar ganz konkret sind. (Sage ich hier, um mir Mut zu machen.) Dorle ist mit Isa gekommen, wir quatschen bei Tee und Kuchen, und es ist fast wieder normal. Also wie vor Corona. Einfach schön.

Pfingstrosen und duftende Dichternarzissen
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Standortverteidigung

Dienstag. Wer von denen, die sich so leidenschaftlich gegen Israel oder für die Sache der Palästinenser positionieren, macht sich in gleicher Weise für den von Saudi Arabien ausgebluteten Jemen, für die von Erdogan verfolgten Kurden stark?
Ich nehme mich hier nicht aus. Beim Thema Antisemitismus ist meine Empfindlichkeit ungleich stärker ausgeprägt, das Ungerechtigkeitsgefühl viel mehr getriggert als bei anderen Unrechtsgeschichten.
Ich stelle mal die These auf, dass das emotionale Engagement historisch begründet ist, insofern die eigenen Biografie immer an die Historie gekoppelt ist. Als Kind einer nach Nazi-Terminologie „vierteljüdischen“ Mutter bin ich mit dem Thema Judenfeindlichkeit aufgewachsen und davon sozialisiert. Als Jugendliche habe ich Leute, die mir nicht lagen, und auch solche, die mir lagen, einem Check unterzogen: Hättest du mich verraten oder nicht? Das war die ultimative Testfrage – unbewusst, manchmal durchaus störend, ploppte sie an die Oberfläche, und das tut sie hin und wieder heute noch.
Ich nehme an, dass einige von denen, die so leidenschaftlich gegen den Staat Israel Position ergreifen – und mit Israelkritik kann man wunderbar seinen Antisemitismus kaschieren – von durchaus vergleichbaren biografischen Zusammenhängen motiviert sind. Nur eben von der anderen Seite. Anders ist für mich die Unverhältnismäßigkeit der Standortverteidigung kaum zu erklären. Haben wir uns nicht lange genug geschämt für Gräueltaten, für die wir nicht verantwortlich sind? Der Opa oder Uropa war Nazi (oder SS-Offizier) – das ist schlimm, aber so what? Am Staat Israel sieht man doch, dass mit Juden nicht gut Kirschen essen ist. Könnte solche Argumentation nicht unbewusst einer Haltung geschuldet sein, die eigenen familiären Verstrickungen zu rechtfertigen, zu begründen, gar zu legitimieren?
Auffällig ist bei den Israel-Kritikern die verblüffende Ignoranz gegenüber der Gründungsgeschichte des Staates Israel. Zugegeben: sie ist etwas kompliziert. Aber wer Israel ohne den Kontext Holocaust beurteilt, hat einfach nur nichts begriffen. Wer schon mal in Israel war und sich ein eigenständiges Bild gemacht hat, wird eine andere Perspektive zulassen können. Allein der Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem könnte die Augen öffnen – vorausgesetzt, man traut sich die Auseinandersetzung zu.
Scheuklappen machen das Leben bekanntlich leichter, unter Umständen sogar lebenslang. Wenn man das will …

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Scham

Sonntag. Was für eine Schande, die hasserfüllten Anti-Israel-Demos heute in mehreren deutschen Städten. Ich schäme mich vor unseren jüdischen Mitbürger*innen. Es ekelt mich an, in was für einem ohnmächtigen Staat ich lebe. Brennende Israel-Flaggen, Anschläge gegen israelische Reporter*innen, antisemitische Hetze und gewalttätige Ausschreitungen in den Straßen – alles ganz legal! 93 verletzte Polizisten allein in Neu-Kölln sind das Ergebnis einer schon vor Jahren aus dem Ruder gelaufenen „Integrationspolitik“ (ich bin im Ruhrpott aufgewachsen …).

Gestern mit PM bei Isa zu Besuch. So traurig seit G.’s Tod vor nunmehr zwei Jahren. Jetzt ist PM schon wieder abgereist. An Pfingsten kommen Steve und Gisela nach B.N. Die Impfungen zeigen Wirkung: 1,5 Mio. Dosen allein am Freitag, der Inzidenzwert / die 7-Tage-Inzidenz liegt bundesweit aktuell bei 83,1. Endlich darf man sich wieder mit mehreren Leuten treffen, das Leben scheint sich ganz langsam zu renormalisieren. Seit Freitag sind alle Geschäfte geöffnet, mit einem Schnelltest kann man durch die Läden bummeln und einkaufen (wozu weder ich noch PM Lust haben).

Großen Gemüseeintopf auf Vorrat gekocht, wenn die Kölner in einer Woche kommen. Demnächst soll auch die Außengastronomie wieder öffnen … nach neun Monaten Gastro-Shutdown! Vorhin noch mit PM einen Spaziergang gemacht und Gabriel im neuen Meze besucht … das natürlich Corona-bedingt noch geschlossen hat … wir wünschen ihm viel Glück!

Der sich gesellschaftlich manifestierende Antisemitismus bedrückt mich sehr. Wabert er doch nicht nur durch die propalästinensischen arabischen Communities, sondern auch durch viele Köpfe der Grünen, der Linken, der Rechten sowieso und mit Sicherheit auch durch so manche konservative Hirne. Warum eigentlich? Links sein hieß für mich immer: Nie wieder Auschwitz! Zu den heutigen Vorfällen gab es nur wenig Worte der Solidarität, dafür allenthalben „Entsetzen“ – als sei die antiisraelische Propaganda ein überraschendes Phänomen …

Weggucken, wegducken, wie lange kommt man damit durch? Kanzlerkandidatin Baerbock labert über andere Themen, muss sich wohl erst darin schlau machen, was sie als Teil ihrer Denkfabrik zu Israel sagen darf?

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Fußtritt statt Lesen

Samstag. Die jetzt Boris Palmer für sein leider saudummes Geschwätz aus der Partei werfen wollen, sind dieselben, die zu den gegen Israel gerichteten, islamofaschistischen, mörderischen Dauerkampfeinsätzen der Hamas schweigen.

In Folge seines missglückten FB-Posts bzw. Kommentars vom 07. Mai 2021 hat Palmer, soviel ich weiß, zum ersten Mal die jüdische Herkunft seines Vaters thematisiert. Auch der Sohn war von Kindheit an rassistischen Übergriffen ausgesetzt, erlebte die mehr oder weniger verdeckten Angriffe / Verletzungen des Vaters als eigene Angriffe / Verletzungen. Die dicke Decke des Schweigens, die in den Jahrzehnten nach dem Holocaust über dem Land lag und sicherstellte, dass den Deutschen bis zum heutigen Tag der Antisemitismus im tiefsten Gedankengrund, in den Knochen und auf der Zunge liegt, gehörte zu den Grunderfahrungen, die Palmer sozialisiert haben.

Niemand LIEST das! Niemanden INTERESSIERT das. Ob die kalte Schulter der Öffentlichkeit nur der verbalen Entgleisung in dem Kommentar geschuldet ist? Daran darf gezweifelt werden. Eher hat sie mit unserem Leseverhalten, mit unserer Art der Informationsaufnahme in Zeiten der inflationären Informationsflut zu tun. Klick und weg! – schnelles Bewerten, schnelles Urteilen, schnelles Verurteilen ersetzen die ernsthafte Auseinandersetzung mit Texten – und sei es „nur“ ein FB-Beitrag. Anders ist dessen völlig verquere Rezeption nicht zu erklären: Als gäbe es kein anderes Thema, das die Menschheit angeht, wird Palmers verbaler Griff in die Kloschüssel zur Staatsaffaire hochgejazzt bis hin zum lächerlichen Parteiausschlussverfahren.

Was dadurch tatsächlich passiert, ist eine unsägliche Verharmlosung der von ihm in den Kontext von Rassismusvorwürfen gesetzten Judenvernichtung, des sechsmillionenfachen Mordes dank einer technisch perfektionierten Tötungsmaschinerie deutscher Ingenieure, deutscher Ärzte und deutscher Mitläufer.

Totenstille herrscht bei den Grünen und der Linken über die von Palmer gewährten, sehr intimen Einblicke in seine jüdische Herkunft. Es ist dieselbe Totenstille, die über die rechtsradikale Hamas und ihre in der Öffentlichkeit skandierten „Juda verrecke“-Rufe herrscht.

„Palmer raus“ prangt auf dem Titelbild des Spiegel-Artikels: Der grüne Rassist. Auch der Fußtritt gegen eine Palme fehlt nicht und erinnert damit schwer an eine im Dritten Reich kursierende Ansichtskarte. Absicht? Blödheit? Juden raus! war ein Ende 1938 bei Günther &Co. in Dresden erschienenes antijüdisches Brettspiel aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Der Spiegel kann stolz sein auf sein Nazi-Zitat.

Off Topic: Die schwarzen Stiefel der Palmer-raus-Schreier …

Ist möglicherweise ein Bild von eine oder mehrere Personen, Personen, die stehen, außen und Text „PALMER KEIN PLATZ RAUS! FUR DISKRIMIN ERLING IN TUBINGEN !!!“
Spiegel 19/2021
Antisemitische Postkarte: „Das einzige judenfreie Hotel in Frankfurt am Main” (1897)
© Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz
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Lock-Down

Freitag. Die Idee, dass die Person, die wir normalerweise sind, durch den Blick der Anderen geprägt ist und dass wir, wenn wir komplett allein sind (wie gerade durch Corona), dieses Konzept der eigenen Identität verlieren – ist ein Gedanke, den eine Jungautorin aus meiner Schreibwerkstatt in den Raum stellt.
Der Blick der Anderen – dass sie damit den Kerngedanken der Philosophie Sartres aufnimmt, weiß sie nicht. Deshalb fasziniert mich ihr Denkansatz so. Er ist eigenständig, brandaktuell und doch durch unsichtbare Fäden mit längst Gedachtem verbunden.
In Die Eingeschlossenen bestimmt der fremde Blick der jeweils beiden Anderen das Sein der dritten Person – alle drei sind für die Ewigkeit in der Hölle eingeschlossen, ohne Spiegel, ohne Schlaf (d.h. ohne die Möglichkeit die Augen zu verschließen).
Der Andere ist von existentieller Bedeutung, um meine eigene Identität zu begründen – that’s it, was die Leute gerade verrückt macht: Der Andere ist nämlich nicht da, hockt auch allein in seiner Bude im Homeoffice, am PC, ist ein Eingeschlossener wie ich.

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Wolke, Raumschiff, Himmelfahrt

Donnerstag. Christi Himmelfahrt ist so ungefähr der sinnloseste Feiertag ever. Friedrich II. von Preußen, der seinen Staat bekanntlich nach den Prinzipien der Aufklärung gestaltete und u.a. den Kartoffelanbau anordnete, um das Volk satt zu machen, schaffte diesen vernunftwidrigen, sinnlosen und mit dem modernen Denken unvereinbaren Feiertag kurzentschlossen ab. Leider wurde er 1789 wieder eingeführt – warum? Wer braucht die Vorstellung des 40 Tage nach seinem letzten irdischen Erscheinen zum Himmel Aufgehobenen noch in dieser Konkretion?
Ich nicht.

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Bombenstimmung

Mittwoch. Die Freigabe der Impfstoff-Patente durch Joe Biden bringt der Welt keine einzige zusätzliche Dosis. Die Lizenzen und Produktion hochzufahren, daran jedoch hat Biden überhaupt kein Interesse. Deshalb gibt es afrikanische Staaten, die bis heute über keinen Impfstoff verfügen. Als ließe sich die Pandemie dadurch in den Griff bekommen, dass man nur für Amerika, nur für Europa, nur für Deutschland den begehrten Stoff bunkert …

Die Stimmung im „Amt“ ist dermaßen im Keller, dass man nicht mal mehr so tut als ob. Der Lack ist ab, die dünne kulturelle Schicht der Höflichkeiten bröckelt. Allen steht es bis oben. Die enorme zusätzliche Arbeit durch den Wechselunterricht (jede Stunde muss in doppelter Version konzipiert und abgehalten werden: als Fern- und als Präsenzunterricht), die Flut an Informationen, die nicht selten direkt am selben Tag revidiert werden, die kaum mehr einzuhaltenden Vorschriften, der Druck der Verantwortung – zuvielzuvielzuviel. Schluss und aus! – davon phantasiere ich jeden Morgen. Manche setzen es um, Burn Out leider zu Lasten der anderen, die durchhalten … die sich durch den Tag quälen und durch den nächsten und übernächsten auch noch … Wie lange soll das so gehen?, stöhne ich, und eine graugesichtige, gebeugte, abgemagerte Amtsleitung flüstert: Bis zum Sommer. Mindestens.

Wo bleibt der Hoffnungsschimmer?

Das L.chen ist positiv getestet. Das bricht mir das Herz. In zwei Wochen wollten sie kommen, meine kleine Lieblingsfamilie. Auch das jetzt also infrage gestellt.

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Urteil und Folgen

Sonntag, B.N. Solange die Pandemie mit allem, was dazugehört, das einzig beherrschende Thema ist, verliert man die Relation. Am Coronavirus sterben die wenigsten, vom Klimawandel und den katastrophalen Folgen dagegen ist die Weltbevölkerung bedroht. Insofern ist das wegweisende Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Klimaschutzgesetz ein Fortschritt: Bestätigt wurden darin die Klagen, dass es in dem Gesetz an ausreichenden Vorgaben für die Minderung der CO2-Emissionen ab 2031 fehle. Den Karlsruher Richtern zufolge ist das Klimaschutzgesetz teilweise verfassungswidrig, weil Lasten auf die Zeit nach 2030 verschoben und so Freiheitsrechte der jüngeren Generation verletzt würden. Kläger waren u.a. der BUND, Greenpeace und Fridays for Future.
Auf das Urteil hat die Bundesregierung nun mit erhöhten Klimazielen reagiert und einen Entwurf vorgestellt, nach dem die Emissionen im Land bis 2030 statt wie bisher um 55 Prozent jetzt um 65 Prozent sinken sollen, bis 2040 sogar um 88 Prozent (jeweils gegenüber dem Niveau von 1990). Außerdem soll Deutschland statt im Jahr 2050 schon 2045 klimaneutral sein. Damit wird die Problemlösung endlich auf die Generation übertragen, die für den sorglosen Umgang mit dem Klima verantwortlich ist – meine Generation. Und dies, obwohl wir seit den 70-er Jahren im Bewusstsein der Klima- und Umweltbedrohung aufgewachsen sind.
Mit den neuen Beschlüssen wird auch das Ziel des Pariser Klimaabkommens greifbarer: Die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu reduzieren und die ganz großen Katastrophen noch abzuwenden (aktuell steuern wir auf eine Erwärmung von 3 Grad zu).
Wie die überlebensnotwendigen Ziele im Konkreten erreicht werden, ist noch weitgehend offen. Im Jahr 2020 konnte Deutschland dank der Pandemie die aktuellen Klimaziele kurzfristig sogar übertreffen: Im Vergleich zu 1990 sanken die Emissionen um 40,8 Prozent, anvisiert war ein Gesamtrückgang um 40 Prozent.
Also ist eigentlich klar, wohin die Reise gehen muss: Weniger industrielle Produktion, weniger Konsum, weniger Verkehr, weniger Tierwirtschaft, mehr Ökostrom … I’ll do my best!

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… vorwärts immer

Montag. Mein Agent schickt mir eine Absage – von dtv. Es geht um meinen Roman, und er meint, es sei keine 0815-Absage, sondern eine mit Begründung. Also eine, auf die ich mir was einbilden kann.
Ich öffne den Anhang und versuche ihn emotional unbeteiligt zu überfliegen: … Eine interessante Autorin, aber … laberrhabarber.
Die interessante Autorin merke ich mir, für den Rest stelle ich auf Durchzug. Trotzdem. Hm.
„Manchmal suchen Verlage auch ein bisschen, um Absagen zu begründen“, tröstet mich mein Agent. Und: Ich soll einfach weitermachen.
Ja, Mann! Was sonst?

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Inge Auerbacher II

Donnerstag. Meine Lieblingsstelle – Interview mit der wunderbaren Inge Auerbacher:

„Ich habe die Stärke, aus etwas Bösem etwas Gutes zu machen. Ich bin kein Judenstern. Ich bin ein positiver Mensch. Für mich sind alle Menschen Stars, Sterne. Das ist meine Stärke. Meine Eltern haben mir das Gefühl gegeben, mich zu beschützen. Das hat mich durchs Leben getragen. Zum Beispiel jetzt – wir haben Corona, und die Leute drehen durch! Sie können nicht raus – na und? Sie haben zu Essen, sie haben ein warmes Zuhause, Fernsehen, Telefon, sie haben alles! Aber sie halten es nicht aus. Herrgott, wenn die in so ein Lager kämen – sie würden verrückt werden! Die Amerikaner sind sehr spoiled, sehr verwöhnt. Okay, ich habe zu essen, ich habe mehr als genug, und ich kann mit der ganzen Welt kommunizieren. Ich habe Bekannte in der Türkei, in Schottland, in Deutschland. Ich fühle mich nicht alleine …“

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