Zu Hause

Dienstag, Tübingen. Wer will denn in Wendlingen aussteigen? Der Mann vor mir, der hätte es fast verpennt und sprintet nach draußen. Wendlingens Kirchturm hat ein rotes Ziegeldach, das sieht man noch lange. Wer will in Nürtingen raus? Zwei Schülerinnen in schwarzem Kopftuch und schwarzen Mänteln laufen zum Ausgang, während sie telefonieren. Bempflingen, Metzingen … die meisten steigen gleich in Reutlingen aus. In Reutlingen konnte man früher einkaufen gehen, wenn man eine Hose brauchte, aber jetzt gibt es keine coolen Läden mehr. Ich bleibe bis Endstation Tübingen. In der Unterführung kenne ich jedes Graffiti. Beim Rauskommen bewundere ich den neuen Übergang

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Familie

Sonntag. Zwei Tage Bonn – Frühlingserwachen – Hochzeit – viele Tränen (komisch, ich habe noch nie auf einer Hochzeit geweint, mich bringen andere Sachen zum Weinen) – Glück – ein glückliches Paar – gute Wünsche und ganz viel Hoffnung – der Blick von außen – Splitter von familiären Abgründen (mehr will ich auch nicht sehen) – BussiHierUndBussiDa (Dankeschön, bin nicht dabei) – der eigenen Wahrnehmung trauen – Abgrenzung und Nähe – ganz schön anstrengend und anstrengend schön: Patchwork-Familiy. Ein gelungenes Fest und zwei überzeugende Protagonist*innen, die ich ins Herz geschlossen habe.

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Neuanfang

Dienstag. Noch eine neue Lerngruppe: Sie sind Ü20, möchten sich beruflich neu orientieren und kommen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. Und trotzdem erlebe ich wieder dieses Klima von Solidarität, von geschlossenem Raum, in dem jeder erzählen und schreiben und vorlesen kann, was ihn/sie umtreibt. Auf das kreative Schreibangebot reagieren sie überrascht und positiv. Zwei lassen in den sechs Vormittagsstunden geradezu göttliche Texte entstehen. Einer kommt nach vorn und sagt, er könne nicht schreiben. Warum nicht, frage ich, weil ich nicht gleich kapiere, dass er Schreiben nie gelernt hat, auch nicht die Schrift seiner Muttersprache. Die sechs Stunden sitzt er am Handy

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Noch ein Krieg

Dienstag. Eben habe ich mit meiner iranischen Freundin H. telefoniert, die mal in Tübingen bei mir gewohnt hat und jetzt witzigerweise in Jena lebt. Es ist Krieg im Iran, und in Deutschland tanzen die Exil-IranerInnen auf den Straßen. Wenn das nur auch ihre Freunde und Familien in der zurückgelassenen Heimat könnten … Wir hier, fernab vom Geschehen, hoffen, dass die iranische Bevölkerung es irgendwie schafft, sich vom religionsfaschistischen Ajatollahsystem zu befreien. Trump hat sie direkt dazu aufgefordert. Aber wer steht den Menschen in diesem weltweit einzigen schiitischen „Gottesstaat“ bei, wer beschützt sie? Leider scheint die Nachfolge ja längst geregelt und

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KI für die Masse, Kreativität für Eliten

Freitag. „Die Leute, die im Silicon Valley arbeiten, stecken ihre eigenen Kinder in Tablet-freie Schulen, an denen sie Kreatives Schreiben lernen. Die reichen Menschen machen ziemlich klar, dass sie weiterhin auf menschengemachte Kultur setzen.“ (Catharina Doria, Expertin für KI-Ethik) Kreativität für die Elite, AI für die Masse? Die Werbekampagnen dreier Großkonzerne geben einen Vorgeschmack, in welche Richtung es gehen könnte – auch für die Musikwelt. Wer will diesen Trash? Wird biobasierte Kunst zum Luxusgut?  

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KI-Fake im ZDF

Donnerstag. Die reine Wahreit im ZDF ist angekratzt. Wenn KI-generierte Bilder im Heute-Journal über die US-Einwanderungsbehörde ICE wieder ein unerhörtes, empörendes Bild von Trumps USA zeichnen, dann ist das mit Sicherheit kein bedauerlicher Fehler, wie ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten suggerieren möchte, sondern vollste Absicht, nur leider schief gegangen. Keineswegs wird das ZDF daraus „klüger werden“ (Schausten), sondern es wird die Methodik verfeinern. Für einen Fehler stimmt die Richtung allzusehr mit der bisherigen Richtung der Öffentlich-Rechtlichen überein: Kräftezehrendes Trump-Bashing – um sich der erhofften Nachfolgeregierung aus den Reihen der Demokraten in vorauseilendem Gehorsam anzudienen? Egal, wie man zu Trump steht: Mit dem

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Nachlese

Dienstag, Kiel. Das Publikum in Kiel ist so freundlich und zugewandt, dass es mir eine Freude ist zu lesen und Fragen zu beantworten. Dazu diese außergewöhnliche Buchhandlung Fördeseiten, die die Kultur in den eher stillen Ortsteil Wellingdort trägt – was wünscht man sich als Autorin mehr. Ich bummle durch die Holtenauer Straße, mein Zug kommt erst gegen Mittag, und über mir kreischen Möwen. Das ist jedesmal wieder verblüffend. Die zwei Tage habe ich bei meinem Bruder gewohnt – so ein Glück, an schönen Orten liebe Menschen zu kennen und zu treffen. Nachher Heimfahrt, morgen muss ich arbeiten. Irgendwie habe ich

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