Will ich das?

Samstag. Unser allseits beliebter Außenminister Heiko Maas behauptet gebetsmühlenartig, Deutschland betreibe „eine wertebasierte Außenpolitik“. Doch ich frage mich, wie Big Deals mit Saudi Arabien (Menschenrechte) oder mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (Scharia bes. in familienrechtlichen Angelegenheiten) damit zusammenpassen? Und wie passt dazu die Tatsache, dass die militärischen Übergriffe Erdogans in der Öffentlichkeit immer wieder heruntergespielt werden, bloß weil die Türkei NATO-Mitglied ist? Probebohrungen nach Erdgas im Meer vor Nordzypern, Kampfjet- und Drohnenangriffe auf Armenien, Leugnung des Völkermords an Armeniern, die Verschickung von Söldnern/IS-Kämpfern nach Armenien und Syrien, überhaupt Erdogans Nähe zum IS … Die Wertebasiertheit der deutschen Außenpolitik kommt ganz

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Nach vorne und nach hinten

Freitag. Sören Kierkegaard hat irgendwo irgendwann gesagt: „Das Leben wird nach vorne gelebt und nach hinten verstanden.“ I do my best. Heute Abend kommt PM und wir feiern seinen Geburtstag nach, den ich live – Fernbeziehung eben – nicht miterleben konnte. Schöne Geschenke besorgen, einen Tisch reservieren – das alles verstehe ich unter nach vorne leben. Draußen passiert gerade so viel. Ich fühle mich nicht imstande, darüber nachzudenken. Nach der Arbeit gehe ich auf direktem Weg nach Hause, Tür zu und Hauptsache Ruhe! Stadtbummel, Shoppen mit Freundin, Verabredungen im Café – das war früher. Das Geschrei und Geschwätz, die Sensationen,

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Lesung Ludwigshafen

Donnerstag. Ich glaub’s ja selbst kaum, aber nach langer (Corona-)Zeit gibt es endlich wieder eine Lesung: „Zwischenräume“ – am Freitag, den 09.10.2020, um 18.00 Uhr in der Melanchthonkirche in 67059 Ludwigshafen-Mitte, Maxstraße 38. Kirche ist gut, man kann schön weit auseinander sitzen. Ich mache den Auftakt und lese aus Komm, lass uns über den Tod reden.

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Einmal Kamen und zurück

Sonntag. So ein Reunion-Wochenende könnte auch in eine peinliche Weißt-Du-noch-Litanei abrutschen mit Anekdoten, die man in diesem Leben nicht mehr hören will. Indem ich am Nachmittag – nach Besuch bei meiner Mutter – meine ehemaligen Wirkungsstätten ablaufe, werde ich immer deprimierter. Der Frust über eine streckenweise nicht besonders glückliche Kindheit und Jugend in meiner, wie man so sagt, Heimatstadt Kamen quillt aus der gammeligen Fußgängerzone, aus den leeren Schaufenstern, aus den sexistischen Macho-Rap-Reimen durch die offenen Fenster direkt in mein Herz. Die sture Unveränderlichkeit des Platzes zwischen den beiden Kirchen – die evangelische ist die ältere und interessantere – gibt

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Guter Tag

Donnerstag. Bin wieder im Spiel, Online-Unterricht doch keine so große Sache, Fortbildung erfolgreich, bin sehr erleichtert, alles gut, und das allerbeste: Ich habe mein Fahrrad wiedergefunden. Stand fast am alten Platz, war aber abgeschlossen!, wie krass ist das denn? Hatte einer wohl vorübergehend ausgeliehen …

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Der Gwisdek

Mittwoch. Ach, Michael Gwisdek, das ist wirklich traurig, dass Du uns verlassen hast. Jeder Film, in dem Du mitgespielt hast, war ein Erlebnis. Du hattest tolle Ideen, Inspiration, Witz und Charme. Ich wünschte mir, es gäbe mehr Menschen wie Dich. Gute Reise …

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Mattis war gegen das meiste von dem Zeug

Dienstag. Der US-Präsident verblüfft immer wieder durch seine Sprache. Meint der das ernst?, fragt man sich, und weiß im selben Moment: Yes! Trump sagt, was er denkt. Seine Unverblümtheit hat was von Sitcoms, deren linguistische Grundlage die Verletzung von Sprachnormen ist: Das Brechen von Tabus auf der einen, von Erwartungen auf der anderen Seite. In den Neunzigern war es die postmoderne Ironie, die zuweilen in Nihilismus, Sarkasmus, Misstrauen und Dekonstruktion vertrauter Narrative umschlug, um herkömmlichen Sprachnormen den Garaus zu machen und die Leute aus dem Schlummer der Selbstgerechtigkeit zu reißen (z.B. Harald Schmidt). Weil der verbale Dauerbeschuss dem Fernsehpublikum irgendwann

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Das neue Normal

Sonntag. Wenn wir an einem milden Septemberwochenende durch die Stadt bummeln und es ist gerade Umbrisch-Provencalischer Markt und wir treffen Leute und PM macht das hundertste Foto vom Neckar und die Sonne zwinkert lieblich und wir shoppen bei Risiko jeder ein angesagtes Teilchen, mit dem wir in den Augen des anderen großartig aussehen, dann scheint die Welt in Ordnung.Ich vergesse für einen halben Tag meine Lieblingsfamilie in Köln, die keine Familie mehr ist, und ich vergesse den digitalen Paradigmenwechsel im „Amt“, der mich an meine Grenzen bringt. Diese sind nicht nur technischer, sondern existenzieller Art. Mit Bauchschmerzen versucht mein Körper

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