Sonntag, B.N. Für eine Woche entkommen: dem Wahnsinn im „Amt“, den unüberschaubaren Regelungen, der Angst vor Ansteckung, dem Gehetztsein, den irre gehetzten Tagen im Tübinger Corona-Alltag. Wie PM da auf dem Bahnsteig steht mit seinen langen Beinen und auf mich wartet, das spült so eine warme Welle in mein Herz, dass ich sofort alles vergesse. Was für News gibt es aus der Klinik, vom „Amt“, aus B.N.? Während der Autofahrt erzählt er von einem neuen Kollegen, ich von einer infizierten Kollegin, doch da wir seit beinahe sieben Jahren jeden Abend telefonieren, wissen wir im Wesentlichen über das Leben des anderen
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Welche Werte
Freitag. Ein Lehrer ist in einem Pariser Vorort auf offener Straße geköpft worden. Grund: Er hatte über die Freiheit der Presse gesprochen und eine lustige Karikatur gezeigt, welche, das sage ich hier sicherheitshalber nicht. Jedesmal, wenn ich vom „Amt“ nach Hause gehe, muss ich jetzt daran denken, wie ein Zwang ist das. Habe ich alles zur Zufriedenheit aller gemacht, was ja definitiv nicht möglich ist, oder könnte irgendein Irrer auf die Idee kommen, mir den Kopf abzuschlagen?Macron hat zum Glück deutliche Worte für die Tat gefunden: „Ich möchte heute Abend allen Lehrern Frankreichs sagen, dass wir mit ihnen zusammen sind,
WeiterlesenDer Staat observiert
Donnerstag. Die Behörden haben den Mann seit 2017 auf dem Schirm. Gerade erst aus der Haft entlassen, wird er von den Experten als nach wie vor gefährlich eingestuft. Erneute Straftaten sind zu erwarten, weshalb er nach seiner Entlassung gleich doppelt observiert wird: Vom sächsischen LKA und vom Verfassungsschutz.Am 4. Oktober sticht der so Beobachtete auf zwei Touristen in der Dresdener Innenstadt ein. Einer der Touristen stirbt. Bei den Angegriffenen handelt es sich um ein schwules Paar. Zum genauen Zeitpunkt der Observation erfährt man nichts, außer, dass die Behörden sich dazu nicht äußern. Heißt das etwa, die haben zugeguckt? Und die Tat
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Dienstag. Dass sie schützt, ist das eine. Das andere, dass sie unsichtbar macht. Egal, was ich anziehe, ob ich mir die Lippen schminke oder die Frisur style, alles verschwindet hinter dem Stück Baumwollstoff mit den unattraktiven Gummibändern. Keiner sieht mehr keinen an aus der anonymisierten Maskenmasse. Vollkommen egal also, was dahinter steckt.Also muss ich auch nicht mehr freundlich lächeln, wenn mir in Wahrheit grimmig zumute ist, insbesondere heute, wo der Grimm sehr dominant ist, und das empfinde ich eindeutig als Vorteil. Meinen Augen ist nicht abzulesen, dass ich am Morgen das Wichtigste zuhause vergessen habe, obwohl ich es extra auf
WeiterlesenVirologie im 16. Jahrhundert
Sonntag. Luther wieder! Ja, auch zur Epidemie hat er etwas zu sagen gewusst, die damals Pest hieß und im Jahr 1527 Wittenberg erreichte. Ob auch die Pfarrer vor der Seuche fliehen und die Stadt verlassen dürfen, wie es 1525 der Stadtrat von Breslau zum Schutz der Gesunden empfohlen hatte, wollten nicht nur seine Breslauer Amtsbrüder von dem berühmten Reformator wissen. Während die Universität und die Professoren nach Jena übersiedelten, mahnte Luther, nicht allzu zaghaft zu sein. Er selbst blieb in Wittenberg, predigte, hielt Vorlesungen, arbeitete als Seelsorger und passte bei all dem in vernünftiger Weise auf sich und sein leibliches
WeiterlesenPandemiestufe 3
Freitag. Die landesweite 7-Tage-lnzidenz von 35 Fällen pro 100.000 Einwohner ist erreicht: Wir haben Pandemiestufe 3. Heißt Maskenpflicht im Unterricht. Obwohl noch nie ein „Amt“ Hot Spot war. Da kommen einem solche Maßnahmen sehr unsinnig vor. Wie sich vor 30 Kindern/Jugendlichen mit Maske verständlich machen? Wie die Jugendlichen, die auch ohne Maske oft zu leise sprechen, verstehen? Das wird eine lustige Woche, und dabei sind alle froh, dass das „Amt“ überhaupt offen ist. Droht der 2. Lockdown?, wie eine dunkle Wolke hängt die Frage über einem, während man sich in digitale Unterrichtsformen einarbeitet und nebenher sein übliches Pensum abarbeitet. In
WeiterlesenSendbrief vom Dolmetschen
Dienstag. Wochen und Monate haben er und seine Mitarbeiter oft gebraucht, um gemeinsam nach einem einzigen passenden Wort zu suchen – und es manchmal doch nicht zu finden. So klagt Martin Luther in seinem Sendbrief vom Dolmetschen aus dem Jahr 1530, in dem er die Mühen der Bibelübersetzung aufs Anschaulichste beschreibt.Dolmetschen hieß für Luther Auslegen. Erst wer den Sinn eines Textes erfasst, kann die passenden Wörter wählen. Luther und sein Expertenteam überdachten und überarbeiteten die biblischen Texte deshalb immer wieder. Jede neue Erkenntnis über die Geschichte und Kultur des Nahen Ostens, jedes bessere Verständnis des Griechischen und Hebräischen ermöglichte ihnen
WeiterlesenJetzt anstatt zu spät – cooles Statement von den Fake Fakts*
*ehemals The Savants Text: STR 1Großes Geschrei und dabei gibt es zwei oder dreiMenschen, die wie verrückt um sich gröhl‘nWeil ein Stofffetzen sie, die sehr leiden und das wie,seit Wochen schon verstörtTut es wirklich so weh, dass ich dich so leiden seh‘?Mundschutz stranguliert und kastriertnur Egoisten und Narzisten, die in Selbstmitleid nistenalle andern ham‘s kapiertBRIDGE 1Zukunft hat, wer Demut zeigtsie stirbt durch falsche EitelkeitREFDieser Tag kann anders seinals jeder bisherSchreien hilft nicht mehrSTR 2Eigentlich spinnefeind, in der Sache dann vereintVom Hippe bis zum Fascho lautes Jammern, Kopf an KopfJeder Arzt, „heilandsack“, trägt die Dinger jeden Tagund keine Lunge wird verstopftWenn
WeiterlesenLanger Abend
Samstag. Das war ein schöner Abend. Lesung in Ludwigshafen (Protestantische Melanchthonkirche) mit meinem Buch Lass uns über den Tod reden. Da die Veranstaltung wg. Corona nicht so reichlich besucht war, ergab sich anschließend ein tolles Gespräch. Alle haben ausgepackt: Gibt es ein Leben danach? Gibt es Kontakt zu unseren Verstorbenen? Gibt es ein Ende der Trauer? Geschichten so kostbar und intim, dass ich sie hier nicht ausbreiten will, dass ich sie am liebsten mitgeschnitten hätte. Alle hatten Zeit mitgebracht, und so fand der Abend einschl. Signierung erst nach drei Stunden ein Ende. Einmal mehr zeigte es sich, dass gelungene Veranstaltungen
WeiterlesenImpro im Blindflug
Mittwoch. Online-Fortbildungen sind eine gute Sache: Man kann sich unsichtbar stellen und nebenher das Bad putzen. Oder eine vegetarische Hackfleischsoße zubereiten. Sehr zeitökonomisch. Der meditativ-kreative Aspekt, den eine Tätigkeit wie Putzen oder Kochen durchaus für mich hat, fällt damit natürlich flach. Nun, man soll nicht zu viel erwarten. Doch in den letzten zwei Wochen sind meine Tage so eng getaktet, dass mir schwindelig wird. Morgens laufe ich um halb acht im „Amt“ ein, um erst abends oder – wie gestern – nachts wieder rauszukommen. Anschließend Vor- und Nachbereitung für den Unterricht, nicht selten bis in die Morgenstunden. Mit jedem Tag
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