HAL 9000

Mittwoch. Wechselt man die Batterie des Rauchmelders, der mir seit zwanzig Minuten mit seinem durchdringenden Piepen auf die Nerven geht, aber ich komme einfach nicht vom PC weg, weil der Satz noch nicht stimmt, und nimmt man also endlich die verbrauchte Batterie raus und das Ding liegt da mit aufgeschraubtem Deckel und nichts drin außer dem Kabel, das jetzt ins Leere geht, dann piept es weiter. Das ist jedesmal so und erinnert mich jedesmal an den sterbenden HAL 9000 vom Raumschiff Discovery aus 2001 – Odyssee im Weltraum. Es ist ein bisschen gruselig, und HAL ist ja auch immer neurotischer

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Begegnung

Dienstag. Im Zinser treffe ich m. lb. Koll. M-L, die wg Krankheit seit über zwei Jahren fehlt. Sie hat eine Bluse mit pinken Flamingos gefunden, ich einen penatenblauen Blazer, ab zur Kasse, und dann ins Ludwig’s, wo wir fast drei Stunden quatschen. Sie hat eine harte Zeit hinter sich. Wir kennen uns seit meinem 1. Semester in Tübingen, wir waren Pionierinnen in Sachen Feminismus am Theologicum, wir haben viel gestritten, gnadenlos diskutiert und uns immer gemocht. Sie sieht aus wie früher. Es hat sie heftig erwischt, aber sie ist zurück ins Leben. So viel Krankheit ist um mich herum …

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Saturday Morning Fever

Samstag Morgen. Der CVJM klingelt, um den Weihnachtsbaum abzuholen und die Gebühr einzukassieren. Vor zwei Tagen hab ich ihn abgeschmückt u. mit Steves Hilfe nach draußen verfrachtet, wo er für kurze Zeit mit anderen traurigen Bäumen den Straßenrand gesäumt hat – der alljährliche, kleine Abschied. PM brachte gestern Abend mit einem orangefarbenen Blumenstrauß den Frühling in die Bude. Er brachte mir auch meinen schwer vermissten Liebeskind-Mantel und meine Liebeskind-Tasche, die ich von ihm zu Weihnachten bekam und die nicht mehr in den Koffer passten und deshalb bei ihm bleiben mussten. Anfang Oktober hatte ich die beiden Teile im Schaufenster in Erfurt entdeckt,

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Ungerecht

Freitag. J. wieder im Krankenhaus, schon operiert, und mein lieber T. in allerhöchster Alarmbereitschaft. Es ist ein Elend. Jetzt also noch Verdacht auf Lymphdrüsenkrebs. Zwei so schwere, voneinander vollkommen unabhängige Krankheiten, und das in ihrem Alter, wie kann das sein, fragt man sich und findet keine Antwort, außer dass es ungerecht ist, brutal und maßlos ungerecht. Verlagsentscheidung immer noch nicht gefallen. Mit jedem neuen Angebot wird die Sache schwieriger (Luxusproblem, ich weiß). Auch die Bedingungen ändern sich so leicht, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Plötzlich ist die Seitenzahlbeschränkung aufgehoben, plötzlich doch Hardcover statt Broschur, plötzlich doch ein

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Ohne Maschine

Mittwoch. „Es ist Wahnsinn zu glauben, daß die Maschine uns auf dem Wege zur inneren Freiheit ein äußeres Mittel sein wird … Je mehr wir uns ihr anvertrauen, desto sicherer wird der Arbeiter unser Zar sein.“ Schreibt Alma Mahler-Werfel am 7. September 1927, und fährt fort: „Ich sah es am 15. Juli. Mein Haus ist jetzt elektrifiziert. Der Generalstreik war proklamiert, und wir erwarteten jeden Abend, plötzlich im Dunklen zu sitzen. Als wir noch mit Kerzen arbeiteten, konnte uns von außen her so leicht nichts geschehen.“ Die „Arbeiter“ „von außen“ sind heute die Programmierer, die Hacker, die Insider, die sich

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Guten Tag, neues Jahr

Samstag, B.N. Das alte Jahr hat mit den Weihnachtsfeiertagen mit Familie aufgehört – das neue fängt mit Familie an: Einen Tag in Köln bei L. und B., die sich in ihrer neuen Wohnung mit Kreativität und Fröhlichkeit eine gemütliche Umgebung geschaffen haben, und einen Tag, gestern, in der alten Heimat (unkreativ und unfröhlich). Fazit: Meine Vorstellung, dass ein Besuch niemals Zumutung (Zwang / Gewissensdruck), sondern immer Gewinn (Freude / Wohlwollen) für beide Seiten sein sollte, gelingt mir nur bei L. und B. Dazwischen Arbeiten fürs „Amt“, was sich auch gut im Zug erledigen lässt. Dass ich Montag wieder im „Amt“

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Fondue und Bowle

Montag, B.N. Silvester nur zu dritt, weil Jacek plötzlich (oder auch nicht so plötzlich) schwer erkrankt ist und sechs Tage auf der Intensivstation gelegen hat und vorgestern, als wir ihn und Anne in Hennef besuchen, so zart und zerbrechlich aussieht, wo er doch eigentlich ein Schrank ist, dass du einen Schrecken bekommst und sofort klar ist, dass da an gemeinsames Feiern, Feiern überhaupt, nicht zu denken ist. Sabine für zwei Tage aus Erfurt angereist. Bei Fondue und Bowle bis drei Uhr morgens gequatscht über alte und ganz alte Zeiten. Kein leeres Abwarten auf den Jahreswechsel, sondern die Fülle von drei

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FAZ vs. Precht

Sonntag, B.N. Der Wirtschaftsjournalist Sebastian Balzter hat am 30. Dezember in der FAZ einen Artikel über Richard David Precht geschrieben, der so ärgerlich wie durchschaubar ist: Reich durch Philosophie. Balzters geballte Jahresend-Entrüstung entfaltet sich schon hinlänglich in der im Titel suggerierten Unverträglichkeit dieser beiden Begriffe: Philosophie und Reichtum schließen sich gegenseitig ebenso aus wie körperliche Schönheit und Philosophie, das wissen wir ALLE, seit wir einst Kants Konterfei in irgendeinem Schulbuch entdeckt und vor lauter Langeweile seine lange Nase mit einer Brille versehen haben. Balzters Ausrichtung ist ausschließlich von Neid und Missgunst diktiert, oder besser: Davon durchtränkt. Das ist das einzig

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Die päpstliche Weihnachtsbotschaft

Dienstag. Die Predigt gestern von Papst Franziskus in der Christmette überrascht wirklich niemanden. Seine Botschaft ist so abgegriffen, wie sie an den realen Problemen der Gläubigen und Ungläubigen sämtlicher Kontinente vorbei geht. Das Fossil Franziskus spult erwartbare Worthülsen ab, anstatt wirklich ins Herz zu treffen. Nach Jahrtausende altem Judenhass der katholischen Kirche, nach Jahrtausende altem Vorwurf des Jesusmordes (der ohne die römische Besatzungsmacht nicht stattgefunden hätte), nach Jahrzehnten immer noch ausbleibender Entschuldigung und Wiedergutmachung für den Holocaust und für die aktive wie passive Beteiligung der christlichen Kirchen an diesem entsetzlichen Auswuchs mörderischen Rassenwahns hätte ich als Nichtkatholikin von einem Papst

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