Mein Leben ohne mich

Man sagt ja immer, Bücher suchen sich ihre Leser. Mich hat eins gesucht und gefunden. Genau das Richtige für mein derzeitiges Mindset, was das Thema Tod angeht, mit dem ich mich wg. des Buchprojektes seit Jahren intensiv beschäftige: Jutta Winkelmann: MEIN LEBEN OHNE MICH. Ein Text von knapp 130 Seiten, der mir von der Mache her gefällt – nicht gefällig, sondern ganz im Gegenteil sperrig, aus sehr speziellen Erfahrungen erwachsen, niemals plattitüdenhaft. Ganz anders als alles andere, was sich in den Medizin- und Psychoabteilungen zu der Thematik sonst so finden lässt. Der Tod ist unakzeptabel! Jede kleinste Besserung, und sei

Weiterlesen

Dunkel

Sonntag. Fahren im unbeleuchteten Zug. Die DB ist manchmal einfach doof. Schwäbische Sparsamkeit, witzelt einer aus der anonymen Schwärze der Nacht. Oder ist das noch eine Auswirkung von dem Hackerangriff gestern? Die Anzeigetafeln auf den Bahnhöfen funktionieren nämlich auch alle nicht. Hier und da das bläuliche Licht eines Mobilphones. Keiner mosert, man gewöhnt sich an alles. Im Tunnel wird es dann strange. Mit so vielen Menschen auf so dichtem Raum in so kompletter Finsternis … Mord im Dunkeln. PM bedrücken irgendwelche Probleme in der Klinik. Manchmal staune ich, wenn er von diesem mir fremden Universum erzählt. Will er es so,

Weiterlesen

Warten

Sonntag. Meine übernächste Interviewpartnerin ist gerade in USA und kommt vielleicht später zurück als ursprünglich geplant. Unser Termin verschiebt sich dann. Auf sowas muss ich vorbereitet sein. Das sind Leute, die leben komplett anders als ich. Ich weiß inzwischen so viel über sie. Seit Wochen bereite ich mich auf sie vor. Jetzt bin ich heiß auf die Begegnung. Während ich für meine eigentliche Arbeit, das heißt, für meinen Brotberuf, gerade so tierisch viel arbeiten muss, dass ich schon ganz dumpf im Kopf bin, ist das andere, die Recherchearbeit, so to say die Belohnung. Abends. Oder eher nachts. Diese Geschichte fasziniert

Weiterlesen

Lechts und rinks

Wer Politiker Marionetten nennt (Xavier Naidoo for example), ist rechts. Alles klar. Was ist dann eigentlich links? Irgendwie stimmen die alten Koordinaten nicht mehr … Könnte bitte mal einer ein Definitions-Update übernehmen? Müsste doch noch so eine Art Konsens herstellbar sein. Ich finde übrigens auch, dass ziemlich viele Menschen wie Marionetten handeln, auch ziemlich viele Politiker. Verdammte Axt, bin ich jetzt auch rechts? Gut, dass ich kürzlich meine FB-Seite (Links und Likes) einer Überprüfung über dieses Test-Dingens unterzogen habe. Da war ich eindeutig dem Lager der LINKEN zugeordnet. Gehör ich jetzt überhaupt noch zu den Guten? Oder sind Linke auch scheiße?

Weiterlesen

Mond

Donnerstag. Weißgolden, scharfkantig, bombastisch hängt der Mond über dem Galgenberg, so dicht überm schwarz gezacktem Horizont, als wollte er gleich runter rollen. Wir bleiben stehen, Thea und ich, kommen aus der Lorettokneipe zurück, wir arbeiten beide zu viel und das Glas Rotwein hat uns nicht wirklich besänftigt, wir bleiben stehen und starren den Mond an, guck mal, sagt Thea, heute ist er ganz voll, ich dachte gestern war Vollmond, aber heute ist er erst echt perfekt. Perfekter Vollmond, du Dramaqueen, du! Musst du einem schon wieder so zusetzen …

Weiterlesen

Titanenkinder

Montag. Nochmal zu Getty / Winkelmanns Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen: Je freier von Ängsten du bist, desto größer wird deine künstlerische Ausdrucksform. Ent-fesselt im uneingeschränkt positiven Sinn von Konventionen, von Rücksichten, von Eventualitäten, von kleingeistigen Bedenken, von Dünkeln auch. Getty / Winkelmann waren von Geburt an frei, weil sie frei erzogen wurden, weil man ihnen schon als Kinder viel zutraute, aber auch, weil sie immer zu zweit waren. Deshalb stark. Keiner konnte ihnen was. Sie waren Titanenkinder, Gottesgeschöpfe, Auserwählte. So fühlten sie sich, so lebten und leben, so schreiben sie…

Weiterlesen

Wachsen

Donnerstag. Gestern Abend T . und seiner Freundin J. Muffins vom Südstadtbäcker Fischer (der beste!) vorbeigebracht, weil ich gerade keine Zeit zum Essen gehen habe – never ending korrigieren … (Später sind wir dann doch noch in den Ratskeller gezogen, der wieder geöffnet ist und im Wesentlichen verschiedene Burgersorten auf dem Speiseplan hat.) T. hat mir zwei Stücke von seiner neuen CD vorgespielt, die im Herbst rauskommt. Sie sind großartig. Sie können dich nicht kalt lassen. Es war auch großartig, ihn währenddessen zu beobachten. Daran hat er / haben sie zwei Jahre gearbeitet. So superperfektionistisch, so superschwer zufrieden zu stellen,

Weiterlesen

Kommt eine zu Besuch I

Dienstag. Nach gefühlten zwanzig telefonischen Anläufen bei meiner nächsten – durchaus prominenten und, wie es aussieht, vielbeschäftigten – Interviewpartnerin steht endlich der Termin. Ich bin sehr glücklich: das war gerade eine Zusage, das scheint zu klappen, definitiv werden wir also ein Gespräch haben. Jetzt gehts noch um die Modalitäten. Normalerweise fahre ich zu meinen Gesprächspartnern hin, komme in ihre Wohnungen oder manchmal ins Büro oder ganz selten auch in eine Hotelbar, was ich wegen der vielen Nebengeräusche nicht für besonders günstig halte. Ich sage mein Sprüchlein auf, da unterbricht sie mich: – Wo wohnen Sie denn? – Ähm, in Tübingen,

Weiterlesen

Nachtmahr

T. sitzt mit seiner Freundin in meinem Esszimmer – das mit der Küche nach Westen und dem Wohnzimmer nach Süden einen einzigen, großen Raum bildet – auf dem Fußboden. Eine Flasche Sprudel kippt um. Ich weiß, dass das Parkett schlecht versiegelt ist und beobachte, wie der Fleck langsam dunkel wird. Als er fast schwarz ist, sage ich, mach doch mal das Wasser weg! Ich lege selber Hand an, fange auf und schöpfe mit Schaufel und Besen, mit Handtüchern wische ich über den Fleck, und auf einmal ist da kein Fleck mehr, sondern eine Mulde. In der Mitte der Mulde kreiselt

Weiterlesen

Vom Anfang des Endes

Samstag. Ich erzähle Dr. K., dass ich schon noch ein paar Interviewpartner*innen brauche, ehe ich das Buchprojekt zum Thema Tod als beendet betrachten kann. Dr. K. mit seiner leisen Stimme: „Interviewen Sie doch mal Ihren Exmann zum Tod der Moral.“ Wir lachen beide. In letzter Zeit lachen wir oft miteinander. Wenig später erzähle ich Dorle von der kleinen Episode. Wir sitzen in ihrer Küche und sie fällt fast vom Stuhl. Komisch, was man so komisch findet, während / indem / dadurch dass / weil man sich verändert.

Weiterlesen