Trumps Läuterung ?

Samstag. Jetzt, wo Trump seinen sinnfreien Hau-drauf-Militärschlag gegen Syrien veranlasst hat, sind die Qualitätsmedien voll des Lobes für seine „Einsicht“, für seine „Läuterung“ oder gar „Kehrtwende zur Vernunft“. Andere, die Trumps eigenmächtige Entscheidung nicht so gut finden, loben Obama und finden ihn nachträglich vernünftig, weil er vor vier Jahren, als es ebenfalls einen Giftgasangriff in Syrien gegeben hatte und Assad sofort als der Schuldige ausgemacht war, nicht gleich losgeschlagen hat. „Vernünftig“ war damals Obamas Nichteingreifen, weil die US-Geheimdienste plötzlich zutage brachten, dass das gerade angewandte Giftgas beileibe nicht aus den Chemieküchen Assads stammte, sondern aus den türkischen, in Kooperation mit

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Wo ist der Deinhart?

Jan Böhmermann alias Jim Pandzko hat mal wieder zugeschlagen. Gegen das deutsche Pop-Liedgut. Gegen die „seelenlose Kommerzkacke“, die „Tiefe vorgaukelt“. Im Klartext: Gegen das Tim-Bendzko-Pseudogeträller und seine inzwischen ununterscheidbare Epigonentruppe (Max Giesinger u.v.m.). Gegen all das singt Böhmermann/Pandzko sich mit „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ gerade an die Spitze der meist geklickten Musikvideos auf Youtube. Der Text ist irgendwie mit Hilfe von Affen per Zufallsprinzip entstanden, und er würde ohne weiteres, zusammen mit der eingängigen Melodie, im Radio, sprich in den Charts, funktionieren. Soviel zur intellektuellen Beschaffenheit der derzeitigen deutschsprachigen Musikszene. Im Videoclip ein eins zu eins damit korrespondierender Böhmi mit tragischem Haarschnitt

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Krieg der Pollen

Samstag. Was ein blöder Frühling! Die volle Dröhnung strahlende Sonne und Blütenpracht, und ich kann kaum aus den Augen gucken vor Heuschnupfen. Und weil die Atmosphäre so pollengeschwängert ist, denke ich dauernd an den ganz besonders strahlenden Frühling 1986: An Radioaktivität. Im April war der Reaktor von Tschernobyl in die Luft geflogen. Ein paar Wochen später bogen sich die Äste der Obstbäume unter der Last der Birnen und Äpfel. An jedem Baum ein Haufen Schneewittchenfrüchte, schön und vergiftet, die durften wir nicht essen. Die blieben einfach hängen. Niemand griff danach. Und ich lasse heute die Tür zu und sehe die

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Was uns ganz besonders nervt …

Eine japanische Kampfmaschine ist sie. Da habe ich ein Akzeptanzproblem, weiß ich selber. In (fast) jeder Disziplin on the top und ihr Kopf always hard at work, immer, immer, keine Abwechslung, kein Spaß, und wenn ich mir mal einen erlaube – irgendwas dazwischen frage: nach der neuesten Ausscheidung bei GNTM oder was die Eiskugel in der Neckargasse jetzt kostet oder wer von ihnen eigentlich alles schon den Führerschein hat -, dann meldet sie sich und fragt, was das mit dem Thema zu tun habe. Ähm, nichts! Hat sie außer Kopf auch Körper? Muss irgendwie. Ihr Schuhwerk, in dem sie stets

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Die den Sturm ernten

Freitag. Auf der Pressekonferenz der Bundesregierung zum US-Militärschlag auf eine syrische Luftwaffenbasis eiern gerade Regierungssprecher Seibert und der stellvertretende Sprecher des AA, Sebastian Fischer, rum. Wie sicher die Bundesregierung überhaupt sei, dass der Giftgasangriff vor zwei Tagen gegen die syrische Stadt Chan Scheichun auf Assad zurückgehe?, werden sie gefragt. Fischer antwortet: „Wir sind uns sehr …, äh, das ist eine Sache der Plausibilität, und es erscheint uns sehr plausibel, dass Assad hinter dem Anschlag steckt.“ Das Wörtchen „sicher“ ist ihm nicht über die Lippen gekommen. Und wer die Ausführungen von Politik- und Islamwissenschaftler Michael Lüders vorgestern Abend bei Lanz gehört oder

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Beautyprogramm

Dienstag. Ich brauche ein paar Pflegeprodukte und gehe zum Müller. Eine Beautyexpertin mit so einer Grundgenervtheitsattitüde zeigt mir vier Tiegel und Tuben, schraubt sie trotz ihrer monstermäßigen Glitterplastiknägel mühelos auf, lässt mich daran schnuppern, derweil ihr Kompetenzblick mein Outfit scannt, und stellt sie schließlich in einer Reihe vor mir auf, um klarzustellen, was fällig ist. Ich sage, ja, also das alles ist mir jetzt eigentlich zu teuer, die Nachtcreme, die bleibt erstmal da, die brauche ich sowieso nicht so oft. Wieso nicht?, fragt sie streng, und ich erzähle ihr, dass ich mich abends ziemlich oft nicht mehr abschminke – Nachtarbeiterin

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Full House

Sonntag. Knallroter Feuerball am Horizont. Noch zwei Stunden Fahrt, dann bin ich zu Hause. Nächster Halt: Mannheim. Und wenn ich nachher in meine Wohnung komme, ist Steve wieder da und Gila, die ihn heute nach Tübingen zurück bringt, weil das Semester bald wieder losgeht. Sie bleibt ein paar Tage, Karinas Zimmer steht ja jetzt leer. Meine umtriebige Mitbewohnerin hat eine Wohnung gefunden und ist ausgezogen. Keine funny Männergeschichten mehr. Schade, einerseits. Andererseits: Ich kann nicht so gut schreiben, wenn die Bude voll ist. Das Zimmer wird vorerst nicht wieder vermietet. Jedenfalls so lange nicht, bis ich mit dem Buch fertig

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Stellenangebot

B. hat ein ganz tolles Jobangebot in der Türkei. Wir müssen uns schnell entscheiden und wahrscheinlich schon nächsten Monat umziehen. Ruf mich doch mal zurück. Ich lese die SMS auf dem Weg nach B.N., wo ich eine DVD für meinen Unterricht am Montag abholen will. Der Schrecken schießt wie ein Stromschlag in mich rein. Gestern war doch alles noch so in Ordnung. Und jetzt? Schwarz, schwärzer, am schwärzesten. Abgründe tun sich vor mir auf. Blicken die denn gar nichts? Wie verrückt tippe ich L.’s Nummer ein. Sie nimmt nicht ab. War ja zu erwarten. Ich tippe nochmal, höre aber mittendrin auf.

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Jetzt in der Sekunde

Freitag, B.N. Den Tag heute bei 24 Grad und Sonnenschein in Köln mit L. verbracht (wärmster März seit Klimaaufzeichnung). Entspannt über alles mögliche gequatscht, gute, peacefulle Stimmung. In der S-Bahn leuchtet plötzlich das Datum auf, 31.03.2017, die roten LED-Ziffern brennen sich in meine Netzhaut, und das ist einer dieser Augenblicke, wo du denkst, jetzt in der Sekunde stimmt irgendwie alles – kein falsches Wort, statt dessen lauter richtige Wörter – die Zeit hält den Atem an, und das willst du dir bis in alle Ewigkeit merken. Abends zum Konzert in die Bonner Harmonie. Weil ich seit Tagen üblen Heuschnupfen habe und

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Menschenmaterial

Der Dieb von Fuminori Nakamura ist wieder mal ein Buch, das Spaß macht. Spaß im Sinne von Genuss. Es ist die Geschichte eines Taschendiebes aus Tokio, der durch Verstrickungen in der Vergangenheit in die Hände eines mächtigen Unterweltmoguls fällt. Für dieses menschliche Monster, hinter dessen Maske des virtuosen Strippenziehers nichts als ein gelangweilter, psychopathischer Sadist zum Vorschein kommt, muss er einen Auftrag ausführen. Mit reduzierter Sprache führt uns der Autor in die Finsternis und Kälte des Metropolen-Undergrounds und zugleich in die Seelenabgründe seiner Protagonisten: eines Diebes, der den Anschluss auf die andere Seite der Gesellschaft verpasst hat, und eines kriminellen

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