Doch wieder

Freitag. Jule hat gestern schon mal ihre Taschen hier abgestellt. Sie wird für einen Monat meine, unsere neue Mitbewohnerin. Sie ist eine Freundin von T., das heißt, sie ist zuverlässig, kreativ und freundlich. So wie T., so wie mein Sohn. Sie ist sehr groß. Wenn wir miteinander reden, ziehe ich meine hochhackigsten Stiefel an. Davon habe ich mehr als genug. Dr. K. sagt, wer mehr als zehn Paar Schuhe hat, hat Depressionen. Demnach könnte er mich sofort einliefern. Ich habe fünf mal mehr oder noch mehr. Ich liebe meine Schuhe. Wenn ich vor dem Regal stehe, erfreue ich mich an

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Die Als-Ob-Gesellschaft

Warum komme ich mir neuerdings immer häufiger wie ein Heuchler vor? Wieso passiert es mir immer öfter, dass ich nicht sage, was ich denke, sondern meine Gedanken umständlichste Serpentinten erklimmen lasse, ehe ich ihnen erlaube anzukommen  – auf einer als falsch empfundenen Nebenstraße? Willkommen in der Zwei-Maße-Gesellschaft, in der jeder weiß, was zu sagen opportun ist, um sich seinen Teil zu denken. In der kuschelwarmen Als-Ob-Sicherheit. Trump, Putin, Israel, die Flüchtlingspolitik, alles klaro. Daumen hoch, Daumen runter. Noch Fragen? Nö! Wozu? Diese Angst vor der Etikettierung … Die Alleropportunistischsten sind die Grünen. Früher Revolutionäre, heute amerikafreundliche, auf Spur gebrachte, weichgespülte

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Absurdistan

Mittwoch, Tübingen. Vorgestern im Tank-Top rumgelaufen, heute Morgen in Daunenjacke: Es SCHNEIT. Dicke Flocken verwirren dich, die du am Fenster stehst und dir den Schlaf aus den Augen reibst, mit vorweihnachtlichen Gefühlen. Sigmar Gabriel, seit vier Monaten Bundesaußenminister, trifft sich bei seinem Antrittsbesuch in Israel statt mit dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu lieber mit regierungskritischen Aktivisten. Die Absage im Falle einer Zusammenkunft mit NGOs war von Premier Netanjahu im Vorfeld deutlich ankündigt (und, im Falle Belgiens, auch schon einmal praktiziert worden), jetzt markiert Gabriel den Überraschten. Gabriel, der Elefant im israelischen Porzellanladen? Die Türkei, die kürzlich erst (nicht nur) Deutschland

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„Der Trashfilm, den man gewöhnlich Wirklichkeit nennt“

Sonntag, B.N. Lese gerade aus Recherchegründen die Doppelbiografie Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen von Gisela Getty, Jutta Winkelmann und Jamal Tuschick (Weissbooks.w). Selten hat mich ein Buch so angefasst. Inhaltlich überraschend, schonungslos, ärgerlich, faszinierend, tragisch, grenzgängerisch und manchmal urkomisch in einem Atemzug. Sprachlich reduziert, assoziativ, sprunghaft, schillernd – und niemals banal. Es gibt nicht seinesgleichen. Die Kritik von Matthias Matussek im Spiegel / 2008 trifft m.E. den Nagel auf den Kopf (unabhängig von dem, was er gerade über die AfD zum Besten gibt).

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Die intensivste Zeit

Samstag, B.N. U. fragt mich, wann meine intensivste Zeit im Leben war. Sie weiß ihre genau. PM auch, nur M. und ich nicht. Ich überlege lange: Meine intensivste Zeit ist JETZT. Niemand sitzt mehr auf mir drauf, um mich klein zu halten. Eine Mutter, die keine war, und ein Ehemann, der alles andere als ein Ehemann war, gehören der Vergangenheit. Ich musste ziemlich weit laufen, um die reine Luft der Freiheit zu inhalieren. Ich musste auch ziemlich weit laufen, um mir einen Lebensmenschen zuzutrauen, der mir viel zutraut. Vielleicht liegt es daran, dass mir gerade viel gelingt. Wenn da einer

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Über das Vorurteil

Samstag, B.N. „Sie täuschen sich, wenn Sie annehmen, dass überhaupt etwas durch Vernunft erreicht werden könnte. In den vergangenen Jahren habe ich das selbst geglaubt und fuhr fort, gegen die ungeheuerliche Niedertracht des Antisemitismus zu protestieren. Aber es ist nutzlos, völlig nutzlos. Was ich oder irgend jemand anderes Ihnen sagen könnten, sind in letzter Linie Argumente, logische und ethische Argumente, auf die kein Antisemit hören wird. Sie hören nur ihren eigenen Hass und Neid, ihre eigenen niedrigsten Instinkte. Alles andere zählt für sie nicht. Sie sind taub für Vernunft, Recht und Moral. Man kann sie nicht beeinflussen … Es ist

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Tatmotiv Habgier

Freitag, B.N. Die Ermittler brauchten genau 10 Tage. Wie sich heute Morgen herausstellte, kommt der BVB-Attentäter ausgerechnet aus Tübingen – ich werd nicht mehr! Der 28-jährige Sergej W., der am 11. April einen Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus verübt hat, ist als Elektrotechniker in einem Tübinger Heizwerk beschäftigt. Wider alle Vermutungen handelt es sich nicht um eine politische Tat, sondern um einen Anschlag schlicht aus Habgier: Der Deutsch-Russe hatte auf fallende Kurse der BVB-Aktie spekuliert. Bevor er am 11. April den Mannschaftsbus des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund in die Luft zu  sprengen versuchte, hatte er im großen Stil BVB-Aktien & 15.000 Optionsscheine gekauft.

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Arbeiten und Feiertage

Dienstag. B.N. Wieder ein Interview fertig. Gutes Gefühl. Vier konkrete neue Termine & Begegnungen in den nächsten drei Monaten: Berlin – Bonn – Tübingen – München. Bin voller guter Erwartungen und schon sehr, sehr gespannt auf die Personen. Zwei Kontakte sind durch persönliche Empfehlung /Vermittlung entstanden, zwei über die jeweiligen Künstleragenturen. Jetzt also erstmal Recherchearbeit, zwei Bücher, zwei Dokumentarfilme, und für das Feintuning des Fragenkatalogs übernimmt die Googlemaschine. Nächsten Montag ist es dann wieder so weit. Ich denke, das Projekt ist auf einem guten Weg … Über die Feiertage Besuch von J. und A. Nach dem Essen beim neuen Italiener direkt

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Erdowahns Referendum

Ostermontag, B.N. 63 % der in Deutschland lebenden Türkinnen und Türken haben dafür gestimmt, dass die demokratischen Rechte, die sie hier genießen, in ihrer Heimat abgeschafft werden. Man kann dem Sultan zu seiner Auferstehung gratulieren. Und jetzt in die Hände gespuckt und die viel diskutierte, geliebte Todesstrafe eingeführt! Eine der ersten eigenmächtigen Verfassungsänderungen durch das neo-autokratische Präsidialsystem?

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