Beautyprogramm

Dienstag. Ich brauche ein paar Pflegeprodukte und gehe zum Müller. Eine Beautyexpertin mit so einer Grundgenervtheitsattitüde zeigt mir vier Tiegel und Tuben, schraubt sie trotz ihrer monstermäßigen Glitterplastiknägel mühelos auf, lässt mich daran schnuppern, derweil ihr Kompetenzblick mein Outfit scannt, und stellt sie schließlich in einer Reihe vor mir auf, um klarzustellen, was fällig ist. Ich sage, ja, also das alles ist mir jetzt eigentlich zu teuer, die Nachtcreme, die bleibt erstmal da, die brauche ich sowieso nicht so oft. Wieso nicht?, fragt sie streng, und ich erzähle ihr, dass ich mich abends ziemlich oft nicht mehr abschminke – Nachtarbeiterin

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Full House

Sonntag. Knallroter Feuerball am Horizont. Noch zwei Stunden Fahrt, dann bin ich zu Hause. Nächster Halt: Mannheim. Und wenn ich nachher in meine Wohnung komme, ist Steve wieder da und Gila, die ihn heute nach Tübingen zurück bringt, weil das Semester bald wieder losgeht. Sie bleibt ein paar Tage, Karinas Zimmer steht ja jetzt leer. Meine umtriebige Mitbewohnerin hat eine Wohnung gefunden und ist ausgezogen. Keine funny Männergeschichten mehr. Schade, einerseits. Andererseits: Ich kann nicht so gut schreiben, wenn die Bude voll ist. Das Zimmer wird vorerst nicht wieder vermietet. Jedenfalls so lange nicht, bis ich mit dem Buch fertig

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Stellenangebot

B. hat ein ganz tolles Jobangebot in der Türkei. Wir müssen uns schnell entscheiden und wahrscheinlich schon nächsten Monat umziehen. Ruf mich doch mal zurück. Ich lese die SMS auf dem Weg nach B.N., wo ich eine DVD für meinen Unterricht am Montag abholen will. Der Schrecken schießt wie ein Stromschlag in mich rein. Gestern war doch alles noch so in Ordnung. Und jetzt? Schwarz, schwärzer, am schwärzesten. Abgründe tun sich vor mir auf. Blicken die denn gar nichts? Wie verrückt tippe ich L.’s Nummer ein. Sie nimmt nicht ab. War ja zu erwarten. Ich tippe nochmal, höre aber mittendrin auf.

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Jetzt in der Sekunde

Freitag, B.N. Den Tag heute bei 24 Grad und Sonnenschein in Köln mit L. verbracht (wärmster März seit Klimaaufzeichnung). Entspannt über alles mögliche gequatscht, gute, peacefulle Stimmung. In der S-Bahn leuchtet plötzlich das Datum auf, 31.03.2017, die roten LED-Ziffern brennen sich in meine Netzhaut, und das ist einer dieser Augenblicke, wo du denkst, jetzt in der Sekunde stimmt irgendwie alles – kein falsches Wort, statt dessen lauter richtige Wörter – die Zeit hält den Atem an, und das willst du dir bis in alle Ewigkeit merken. Abends zum Konzert in die Bonner Harmonie. Weil ich seit Tagen üblen Heuschnupfen habe und

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Menschenmaterial

Der Dieb von Fuminori Nakamura ist wieder mal ein Buch, das Spaß macht. Spaß im Sinne von Genuss. Es ist die Geschichte eines Taschendiebes aus Tokio, der durch Verstrickungen in der Vergangenheit in die Hände eines mächtigen Unterweltmoguls fällt. Für dieses menschliche Monster, hinter dessen Maske des virtuosen Strippenziehers nichts als ein gelangweilter, psychopathischer Sadist zum Vorschein kommt, muss er einen Auftrag ausführen. Mit reduzierter Sprache führt uns der Autor in die Finsternis und Kälte des Metropolen-Undergrounds und zugleich in die Seelenabgründe seiner Protagonisten: eines Diebes, der den Anschluss auf die andere Seite der Gesellschaft verpasst hat, und eines kriminellen

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Tangente

Samstag / Sonntag. Mit PM, T. und J. im Gutenberg zu Abend gegessen – schöne Konstellation. T. und J. erzählen Skurriles aus ihren Arbeitswelten und aus dem Tübinger Underground (sie schaffen diesen Spagat). T. schwer übermüdet, aber zufrieden, nachts und am Wochenende ist er mit Schnitt beschäftigt, noch im Herbst kommt die neue CD auf den Markt. Abschieds-Drink: Nach 46 Jahren schließt die Tangente Jour. Miss you! Gehört die Tangente nicht zu Tübingen wie Rathaus und Stiftskirche, ungefähr? Wie oft haben wir da gesessen, drinnen in der Fensternische oder draußen, wenn es langsam dunkel wurde … PM’s Männerseele. Sitzt in den intensivsten Augen

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Ich bin so frei

Ich ertrage keine Trump-News mehr. Gähnende Langeweile befällt mich, wenn ich eine Seite aufmache oder ein x-beliebiges TV-Programm einschalte, und Trumps jüngste Vergehen werden analysiert, als gäbe es nichts anderes mehr auf dieser Welt. Alle sind sich längst einig. Alle haben ja längst begriffen: Donald ist ein machtgeiler Volltrottel, Egomane, Wahnwitziger. „Die Meinungsvielfalt verteidigen wir, indem alle das Gleiche sagen.“ Schreibt Harald Martenstein in seiner Zeit-Kolumne vom 23. Februar 2017. In die Einstimmigkeit zu verfallen, scheint immer trendiger zu werden. Eine Haltung, geradezu. Ist ja auch sehr kuschelig so im Verein mit vielen, vielen Gleichgesinnten. Zu 100 Prozent ist Schulz

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Ambitioniert

Donnerstag. Würde heute gerne folgende Wörter aktiv anwenden: Ambitioniert Anverwandeln Voll diesseitsorientiert (als Vorwurf) Das kriegen wir hin. 20.30Uhr Ambitioniert no problem, lässt sich überall unterbringen. Anverwandeln hat immerhin einen Disput unter Kolleg*innen angestoßen, ob das Nomen (Anverwandlung) nicht besser funktioniere als das Verb. Volle Diesseitsorientiertheit konnte ich aktuell niemandem unterstellen. Auf morgen verschoben. Das  kriegen wir hin ist der Knaller! Die Leute gucken dich überrascht an – wohl wegen dem Wir – und sind begeistert.

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Die weise Ente

Auf dem Fahrradweg sitzt eine Ente. Vielleicht, jahreszeitmäßig bedingt, auf der Suche nach dem optimalen Nistplatz? Vor ihr liegt die Europastraße, hinter ihr der voll besetzte Parkplatz. Sie bleibt jetzt erstmal da sitzen.

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