Donnerstag. Mann in türkischem Schlafrock, Professortyp, Schimmer von Gold am Kragen und an den Manschetten, Orient, würdig, würdig soll er aussehen, so stelle ich ihn mir vor, diesen Professor in seinem Schlafrock, von dem ich annehme, er ist türkis. Das ist die Farbe des Orients: Türkise Stoffe, Türkise an den Schmuckständen in den Bazaren, türkisblaues Meer. Ein Professor in türkisem Tuch. Das Gold ist nur Beiwerk, um seine Würde zu unterstreichen. Seine Weisheit. Unbedingt ist der Professor ein weiser Mann. Andere fragen ihn um Rat, wenn einer in Verdacht steht, die Waage zu fälschen oder irgendeine Cousine geschwängert zu haben.
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Sind Sie Peter Härtling?
In memoriam P.H. – Ein Flashback Dienstag. Einmal hab ich Peter Härtling im Real getroffen, im Schleifmühleweg, er lief mit seinem Wagen zur Kasse, ich war mir nicht ganz sicher, ob er es ist, weil er mir so alt vorkam, ich las gerade den Hölderlin und fand es aufregend, ihn da zu sehen mit seinen Milchtüten und Tomaten und hab ihn gefragt: Sind Sie Peter Härtling? Ich wollte ihm sagen, wie sehr mir der Hölderlin in seiner, Härtlings, Interpretation gefällt, aber er sah mich nicht an, sondern sah in die Luft und sagte: Ja! Ich habe mich umgedreht und kam mir
WeiterlesenLeute
Sonntag Morgen. Endlich Regen. Die schwüle Hitze der letzten Wochen, immer nur von kürzesten Gewittern oder Schauern unterbrochen, wenn überhaupt, hat meine Balkonpflanzen dahinkümmern lassen und mir ganze Tage lang die Lebensenergie abgewürgt. 40 Grad wundern inzwischen niemanden mehr. Jetzt, um sechs Uhr morgens, zeigt das Thermometer 23 Grad an. Gestern Stadtfest in Tübingen. PM und ich schieben uns durch die Massen, haben schnell keine Lust mehr und verziehen uns in die GzP, wo man wunderbar spitzwegmäßig in einem Hof mit Ecklaternchen und Blumenkübeln und holprigen Pflastersteinen und gestern Abend sogar mit Blick auf Vollmond sitzt. Die Kneipe soll für Literaten
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Zeugnisse
Warum habe ich das Gefühl, dass irgendetwas passieren wird? Gestern Abend die Veranstaltung hat gut getan. Zeugnisausgabe. Ich hasse Zeugnisse. Hinter fast jedem Zeugnis liegen Verletzungen. (Da bemüht sich einer und öffnet sein Herz, dass du beim Lesen – d.h. beim Korrigieren – mitweinen könntest, und für den Anderen, genannt Zweitkorrektor, ist das banale Ich-Ebene. 1 Punkt, wo du sehr Gutes gelesen hast. 1 Punkt für sechseinhalb Seiten Herzoffenlegen. Soviel zu Notengerechtigkeit.) Jede Veranstaltung ist gut fürs Kontakteknüpfen. Du kommst ins Gespräch. Die Bitte um Gutachten für Stipendien. Aber gerne doch. Die, die dich darum bittet, ist die Richtige. Und
WeiterlesenNach-Denken
Dienstag. Wie nennt man diesen Zustand, wenn du so richtig viel geschafft hast, aber eben noch nicht alles. Für den Augenblick kannst du die Ärmel wieder runterrollen, aber schon demnächst, nächstens, musst die Power remobilisiert werden – stand by, nur ein Knopfdruck. Unser Sommerfest mit 45 Leuten, die ich lange nicht gesehen habe oder noch nie, die Freitag Abend vor der Tür stehen und sich freuen mit ihren Geschenken und Geschichten, auf die bin ich natürlich scharf, das sind Schicksale, die will ich am liebsten alle gleichzeitig hören, und am Samstag ist der Hauptact und dann regnet es ohne Unterbrechung, weshalb
WeiterlesenDie nette Julia Engelmann
Die Poetry Slammerin Julia Engelmann ist im SAT I Frühstücksfernsehen. Ihre Eltern sitzen im Publikum. Der Moderator stellt lauter nette Fragen. Zum Beispiel: Von wem haben Sie denn Ihr Talent? Kameraschwenk ins Publikum, die Mama zeigt auf den Papa, der Papa zeigt auf die Mama. Engelmann trägt ein Gedicht über ihren Bruder vor. Der Moderator fragt, ob der Bruder nichts dagegen habe, dass er hier auf den Bühnen der Welt – Engelmann tourt gerade – vorgeführt wird. Engelmann sagt nein, das sei ja ein nettes Gedicht und sie schreibe überhaupt immer nette Dinge über die Menschen. Über ihre Eltern hat
WeiterlesenHeimat VI
Freitag. Heute Morgen ist mein erster Gedanke, ich muss jetzt mal runtergehen und PM die signierte Autobiographie von K.S. übergeben. Darauf freue ich mich nämlich schon die ganze Woche. Ich will aufstehen und realisiere, dass ich in Tübingen bin und nicht in B.N. Wo ist meine Heimat? (Immer die gleiche Frage.) Aber ich fahre ja tatsächlich nachher wieder los, und es wird ein aufregendes (und anstrengendes) Wochenende mit Sommerfest und vielen Leuten und viel Essen und Trinken und wer alles kommt und wer leider nicht kommen kann. H. und K. auf jeden Fall nicht. Mit K. heute Nacht ein langes
WeiterlesenUngelesen
Da schreibt er eine Mail nach der anderen, und weiß doch, dass ich sie nie lese – nur manchmal weiterleite, an eine Freundin, oder an Dr. K., der dazu einiges zu sagen hat, was er natürlich nicht weiß. Nach wie vor scheint er sich intensiv über mich zu informieren – Stalking, Sadismus, alles ein und dieselbe, nie versiegen wollende Quälquelle …
WeiterlesenKommt eine zu Besuch II
Sonntag. Der hinter mir mit der Sextanerblase quetscht sich zum dritten Mal durch den Mittelgang aufs Klo, meine Nachbarin betüttelt und blamiert ihren weiter vorne sitzenden Mann in einem Atemzug – manche Ehepaare entwickeln mit den Jahren so ein Nurse-Patient-Verhältnis, in dem jeder seine Funktion hat -, ansonsten alles gut. Es geht leise, zivilisiert und einigermaßen komfortabel zu. Gerade stecken wir in einem Stau fest. Ich habe nicht die leiseste Vorstellung, wo wir sind, da ich zwei Stunden geschlafen habe. Schätze, irgendwo in Thüringen. Die Fahrt mit dem Flixbus von Berlin nach Tübingen kriegst du für 19 Euro, das reicht
WeiterlesenBowling
Meine Jungs und Mädels haben mich in die Kunst des Bowlens eingeführt und ich habe Blut geleckt. Bowlen ist ein Sport, der gut fürs standing ist, das spürst du schon in der kurzen Zeit an dir selbst und auch an den Anderen. Du nimmst sie plötzlich ganz neu wahr, nachdem du sie zwei Jahre lang immer nur aus einer zielführenden, zwangsläufig eingeschränkten Perspektive gesehen hast. Anschließend im total überfüllten Neckarmüller, wo noch Andere aus der Stufe waren, um ihren Abschied zu feiern, und Livemusik und Wärme und gute Stimmung. Schön, wenn man so auseinander gehen kann.
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