Montag. Nochmal zu Getty / Winkelmanns Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen: Je freier von Ängsten du bist, desto größer wird deine künstlerische Ausdrucksform. Ent-fesselt im uneingeschränkt positiven Sinn von Konventionen, von Rücksichten, von Eventualitäten, von kleingeistigen Bedenken, von Dünkeln auch. Getty / Winkelmann waren von Geburt an frei, weil sie frei erzogen wurden, weil man ihnen schon als Kinder viel zutraute, aber auch, weil sie immer zu zweit waren. Deshalb stark. Keiner konnte ihnen was. Sie waren Titanenkinder, Gottesgeschöpfe, Auserwählte. So fühlten sie sich, so lebten und leben, so schreiben sie…
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Wachsen
Donnerstag. Gestern Abend T . und seiner Freundin J. Muffins vom Südstadtbäcker Fischer (der beste!) vorbeigebracht, weil ich gerade keine Zeit zum Essen gehen habe – never ending korrigieren … (Später sind wir dann doch noch in den Ratskeller gezogen, der wieder geöffnet ist und im Wesentlichen verschiedene Burgersorten auf dem Speiseplan hat.) T. hat mir zwei Stücke von seiner neuen CD vorgespielt, die im Herbst rauskommt. Sie sind großartig. Sie können dich nicht kalt lassen. Es war auch großartig, ihn währenddessen zu beobachten. Daran hat er / haben sie zwei Jahre gearbeitet. So superperfektionistisch, so superschwer zufrieden zu stellen,
WeiterlesenKommt eine zu Besuch I
Dienstag. Nach gefühlten zwanzig telefonischen Anläufen bei meiner nächsten – durchaus prominenten und, wie es aussieht, vielbeschäftigten – Interviewpartnerin steht endlich der Termin. Ich bin sehr glücklich: das war gerade eine Zusage, das scheint zu klappen, definitiv werden wir also ein Gespräch haben. Jetzt gehts noch um die Modalitäten. Normalerweise fahre ich zu meinen Gesprächspartnern hin, komme in ihre Wohnungen oder manchmal ins Büro oder ganz selten auch in eine Hotelbar, was ich wegen der vielen Nebengeräusche nicht für besonders günstig halte. Ich sage mein Sprüchlein auf, da unterbricht sie mich: – Wo wohnen Sie denn? – Ähm, in Tübingen,
WeiterlesenNachtmahr
T. sitzt mit seiner Freundin in meinem Esszimmer – das mit der Küche nach Westen und dem Wohnzimmer nach Süden einen einzigen, großen Raum bildet – auf dem Fußboden. Eine Flasche Sprudel kippt um. Ich weiß, dass das Parkett schlecht versiegelt ist und beobachte, wie der Fleck langsam dunkel wird. Als er fast schwarz ist, sage ich, mach doch mal das Wasser weg! Ich lege selber Hand an, fange auf und schöpfe mit Schaufel und Besen, mit Handtüchern wische ich über den Fleck, und auf einmal ist da kein Fleck mehr, sondern eine Mulde. In der Mitte der Mulde kreiselt
WeiterlesenVom Anfang des Endes
Samstag. Ich erzähle Dr. K., dass ich schon noch ein paar Interviewpartner*innen brauche, ehe ich das Buchprojekt zum Thema Tod als beendet betrachten kann. Dr. K. mit seiner leisen Stimme: „Interviewen Sie doch mal Ihren Exmann zum Tod der Moral.“ Wir lachen beide. In letzter Zeit lachen wir oft miteinander. Wenig später erzähle ich Dorle von der kleinen Episode. Wir sitzen in ihrer Küche und sie fällt fast vom Stuhl. Komisch, was man so komisch findet, während / indem / dadurch dass / weil man sich verändert.
WeiterlesenDoch wieder
Freitag. Jule hat gestern schon mal ihre Taschen hier abgestellt. Sie wird für einen Monat meine, unsere neue Mitbewohnerin. Sie ist eine Freundin von T., das heißt, sie ist zuverlässig, kreativ und freundlich. So wie T., so wie mein Sohn. Sie ist sehr groß. Wenn wir miteinander reden, ziehe ich meine hochhackigsten Stiefel an. Davon habe ich mehr als genug. Dr. K. sagt, wer mehr als zehn Paar Schuhe hat, hat Depressionen. Demnach könnte er mich sofort einliefern. Ich habe fünf mal mehr oder noch mehr. Ich liebe meine Schuhe. Wenn ich vor dem Regal stehe, erfreue ich mich an
WeiterlesenDie Als-Ob-Gesellschaft
Warum komme ich mir neuerdings immer häufiger wie ein Heuchler vor? Wieso passiert es mir immer öfter, dass ich nicht sage, was ich denke, sondern meine Gedanken umständlichste Serpentinten erklimmen lasse, ehe ich ihnen erlaube anzukommen – auf einer als falsch empfundenen Nebenstraße? Willkommen in der Zwei-Maße-Gesellschaft, in der jeder weiß, was zu sagen opportun ist, um sich seinen Teil zu denken. In der kuschelwarmen Als-Ob-Sicherheit. Trump, Putin, Israel, die Flüchtlingspolitik, alles klaro. Daumen hoch, Daumen runter. Noch Fragen? Nö! Wozu? Diese Angst vor der Etikettierung … Die Alleropportunistischsten sind die Grünen. Früher Revolutionäre, heute amerikafreundliche, auf Spur gebrachte, weichgespülte
WeiterlesenAbsurdistan
Mittwoch, Tübingen. Vorgestern im Tank-Top rumgelaufen, heute Morgen in Daunenjacke: Es SCHNEIT. Dicke Flocken verwirren dich, die du am Fenster stehst und dir den Schlaf aus den Augen reibst, mit vorweihnachtlichen Gefühlen. Sigmar Gabriel, seit vier Monaten Bundesaußenminister, trifft sich bei seinem Antrittsbesuch in Israel statt mit dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu lieber mit regierungskritischen Aktivisten. Die Absage im Falle einer Zusammenkunft mit NGOs war von Premier Netanjahu im Vorfeld deutlich ankündigt (und, im Falle Belgiens, auch schon einmal praktiziert worden), jetzt markiert Gabriel den Überraschten. Gabriel, der Elefant im israelischen Porzellanladen? Die Türkei, die kürzlich erst (nicht nur) Deutschland
Weiterlesen„Der Trashfilm, den man gewöhnlich Wirklichkeit nennt“
Sonntag, B.N. Lese gerade aus Recherchegründen die Doppelbiografie Die Zwillinge oder Vom Versuch Geist und Geld zu küssen von Gisela Getty, Jutta Winkelmann und Jamal Tuschick (Weissbooks.w). Selten hat mich ein Buch so angefasst. Inhaltlich überraschend, schonungslos, ärgerlich, faszinierend, tragisch, grenzgängerisch und manchmal urkomisch in einem Atemzug. Sprachlich reduziert, assoziativ, sprunghaft, schillernd – und niemals banal. Es gibt nicht seinesgleichen. Die Kritik von Matthias Matussek im Spiegel / 2008 trifft m.E. den Nagel auf den Kopf (unabhängig von dem, was er gerade über die AfD zum Besten gibt).
WeiterlesenDie intensivste Zeit
Samstag, B.N. U. fragt mich, wann meine intensivste Zeit im Leben war. Sie weiß ihre genau. PM auch, nur M. und ich nicht. Ich überlege lange: Meine intensivste Zeit ist JETZT. Niemand sitzt mehr auf mir drauf, um mich klein zu halten. Eine Mutter, die keine war, und ein Ehemann, der alles andere als ein Ehemann war, gehören der Vergangenheit. Ich musste ziemlich weit laufen, um die reine Luft der Freiheit zu inhalieren. Ich musste auch ziemlich weit laufen, um mir einen Lebensmenschen zuzutrauen, der mir viel zutraut. Vielleicht liegt es daran, dass mir gerade viel gelingt. Wenn da einer
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