Privileg

Sonntag. Interview in Mainz. Ich empfinde es durchaus als Privileg und genieße es, durch diese Arbeit so viele wunderbare, spannende, schöpferisch tätige Menschen kennen zu lernen. Querverbindungen herzustellen, ein Netz zu weben. Ich habe dann das Gefühl, es geht weiter. Gesprächsbasis: Wenn einer stirbt, geh ich nach Paris und Mein Vater, sein Vater und ich.  Der erste Film geht unter die Haut bis an die Grenzen des Verstehbaren, der zweite ist poetische Auseinandersetzung mit Männlichkeitsidealen. Der Regisseur ein eigenwilliger Typ mit einer sehr genauen Vorstellung davon, was für Filme er machen will, und genau die Filme macht er dann. Nicht

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Beiß!

Samstag. Dr. K., den ich manchmal Frau Tietze nenne und der mir in einer begrenzten, höchst prekären Situation das Leben gerettet hat, faltet mich mal wieder nach allen Regeln seiner Kunst zusammen. (Er weiß, dass ich mich später wieder ent-falte). Ich bin deprimiert wegen der Sache mit meiner Zahnbehandlung, einer never ending story, und er fängt an: Sie trauen Ihrer Bisskraft nicht, Sie haben Angst zu beißen, Sie opfern lieber Ihre Zähne anstatt zu beißen und so weiter und so fort, das geht ziemlich lange, das setzt mir zu, das macht mich regelrecht sauer: Krankheit als Schuldzuweisung? Das Denken fängt

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Fuck the Future, Willkommen im Augenblick

Freitag. … eines dieser zufälligen Küchenmeetings: Steve macht sich seinen Kaffee mit der Kaffeemaschine, ich bin an meiner Schoko-Spezialmischung und Karina trinkt ihren Kaffee aufgebrüht, ist aber schon fertig und spült ihre Sachen mit der Hand ab, weil sie Spülmaschinen-Tabs für Gift hält. Es riecht so gut, das Dasein ist leicht wie Watte, fuck the future, Willkommen im Augenblick, was mal wieder beweist, dass alles eine Sache der Perspektive ist. Durchs Fenster dringt Morgendämmerung, das stimmt mich froh, denn meine Fahrradlampe ist kaputt. Steve hat’s von seiner Prüfung. Karina weiß noch nicht, ob ihr Seminar zustande kommt. Und ich muss auch

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Macho & Chica

Vermeide Gängiges, vermeide Klischees. Falle Nr. 1 beim Schreiben und im Leben. Oder tritt sie so breit aus, bis dir übel wird. Manchmal mag ich Klischees. Das ist wie nach Hause kommen. Beim Klischee kennst du dich aus, weißt wie es funktioniert. Und, hey!, genauso funktioniert es wirklich. Die Überraschung liegt in der Erfüllung des Erwarteten. Klischees sind pure Bestätigung. Sie enttäuschen dich nie. In der Mühlstraße gibt es einen italienischen Klamottenladen, Macho & Chica. Entsprechend sind die Klamotten. Der Chica nimmt man nichts krumm, dem Macho auch nur wenig. Hallo?, die sind Klischees! Die müssen so sein! Sei selber

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Im Dom

Sonntag, Erfurt. Noch drei Stunden, bis mein Zug geht. Seltenes Gefühl: Ich habe ZEIT. Im Dom nimmt einer donnernd die Orgel durch. Ein Klangteppich – dagegen sind Colosseum und Jethro Tull und Status Quo zusammengenommen Waisenkinder. Sollte dieser Organist stinksauer gewesen sein, müsste es ihm jetzt besser gehen. Direkt unter ihm, in der Bank, spüre ich jeden einzelnen meiner Knochen und sämtliche Eingeweide. Andere Dombesucher stehen wie angewurzelt auf der Stelle. Wenn jetzt alle auf einen Schlag zu weinen oder zu schreien oder übereinander herzufallen anfingen, würde mich das kein bisschen wundern.

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Hauptfriedhof

Samstag, Erfurt. Nun weiß ich also, wie man am Samstag vor Totensonntag der Toten gedenkt ohne jegliche religiöse Rückbindung. Für mich sehr strange. (Erst am anderen wird der eigene Standort deutlich wie nie.) Mein Text kommt gut an. T. hat mir ein phänomenales Hustenmittel empfohlen, mit dem man wirklich über die Runden kommt. Er hat damit schon Konzerte bestritten, bei mir geht es nur um zehn Minuten lesen. Danach zeigt der Veranstalter mir den Erfurter Hauptfriedhof, den ganzen!, und der ist wirklich riesig, indem wir einfach überall mit seinem Auto rumcruisen – die entsprechende Lizenz  hat er vorne an der

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Arbeits-WE

Ankunft Erfurt, Einchecken im Mercure, Blick auf die alte Kaufmannskirche, Stadtbummel, ein bisschen was zu trinken kaufen. Noch einmal den Text durchgehen, den ich morgen in Erfurt auf einer Gedenkveranstaltung lesen werde. Motto: Dem Gedenken einen Namen geben. Bettlektüre: Die Korrekturen, mit über zehnjähriger Verspätung. Franzen seziert Psychen, und an manchen Stellen erkennst du dich wieder, dass dir das Herz stehen bleibt. Anstrengend. Noch halte ich durch …

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Klein

Freitag. Klein aber oho. Klein aber fein. Auch kleine Dinge können uns entzücken? Klein ist doof. Zu klein ist schlimmer als zu groß. Gibt es zu groß überhaupt? Diese Jeans ist mir zu groß – okay, nicht gut. Aber: Dieses Haus ist eigentlich viel zu groß für uns – was sonst als Jammern auf hohem Niveau? „Dann stell ich mich klein und dumm“, war die Essigessenz aller eingelegten Lebensweisheiten meiner Mutter. Ich wollte also groß und klug werden. Groß und klug war sozusagen ein Synonym. Erwachsene waren nicht dumm. Sie waren vielleicht gemein, verlogen, eigennützig, aber dumm nur, wenn sie

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Lachen light

Sonntag. Mit Willkommen bei den Hartmanns von Simon Verhoeven hast du einen entspannten und amüsanten Kinoabend. Mir ist es jedenfalls so gegangen. Der Film ist lustig. Er ist deutsch. Er tut niemandem weh, er überschreitet keine Grenzen. Wir Deutsche schwanken ja immer zwischen Ja, aber und Nein, obwohl. Mit dem Standpunkt-Beziehen haben wir es nicht so. Klare Ansagen empfinden wir als unangemessen. Fünfzehn Jahren knallharter Nazisprache, deren Gewitterleuchten bis weit in die Siebziger reichte, zeigen immer noch ihre Wirkung. Die Abgrenzung vom Faschismus mit seinen pöbelnden Parolen hat vor über fünfzig Jahren die Maßstäbe gesetzt für eine neue Ära der Kommunikation,

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