Freitag, Mailand. In Mailand ist alles BIG! Du kommst aus dem Staunen nicht mehr raus. Der schönste Dom der Welt direkt gegenüber der luxuriösesten Shoppingmall, der liebreizendste Hotelpool der Welt mit Blick auf die himmelhöchsten, filigransten Domdachspitzen, die längste Einkaufsstraße und das bedeutendste Opernhaus der Welt, die stylischsten Dachrestaurants mit den aggressivsten Stechmücken der Welt, die besterhaltene Renaissancekirche mit Rundumfreskenbemalung (San Maurizio al Monastero Maggiore, geheimster Geheimtipp!) und das bekannteste Fresko der Welt, da Vincis Letztes Abendmahl, für das wir die einzigen noch zu habenden Tickets des Tages dank dem hilfsbereitesten Hotelportier aller Hotelportiers ergattern, was in dem Moment zweifelsfrei
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Toskanisches
Donnerstag, Italien on the Road. Pinien, die wie dunkle Schirme in der Landschaft stehen, Zypressen wie schwarze Ausrufezeichen vor dem Himmel am Saum einer Allee oder manchmal auch eines Friedhofes, Sonnenblumenfelder, Olivenhaine, Mais- und Weinplantagen, Tomaten, die beim Anfahren und Bremsen aus Lastwagen kollern, am Straßenrand das verschwenderische Magentarot des Oleanders, der landeinwärts in meterhohes Schilf übergeht, unerreichbar und in weiter Ferne die Dörfer, geschachtelte Kompositionen an den Berghängen oder on the Top mit einer wehrhaften Burg und immer schön um den unhinterfragten Mittelpunkt, die Kirche, angeordnet, was wäre die Toskana, was Italien ohne Kirchen, wir fahren über fast ausgetrocknete
WeiterlesenBorderline
Dienstag, Follonica. 20 Jahre lang mit einem Borderliner zusammen, da driftest du zeitweise selber vom Weg des Gesunden, Normalen ab. Genau so. Weil dir die Maßstäbe abhanden kommen. Was ist schon normal?, war seine Lieblingsfrage. Die mich todsicher und jedesmal wieder zur Verzweiflung brachte. Ja, das weiß der Borderliner nicht. Mit einer totalen, totalitären Selbstsicherheit macht er sehr häufig und in vielfacher Hinsicht sehr viele seltsame/nicht normale Dinge. Die Realität ist dem Borderliner keine feste Größe, sondern Knetmasse, die er nach seinem momentanen Interesse auseinanderzieht, zusammendrückt oder platt haut. Es gilt kein ethisches System, keine Verlässlichkeit, kein Versprechen. Keine Moral.
WeiterlesenFerragosto
Montag, Follonica. Heute ist Feiertag in Italien, Ferragosto, und alle am Strand scheinen verrückt geworden zu sein. Sie schreien, singen, lassen Ballons fliegen, verteilen Obststückchen, fordern uns zum Mitspielen auf, quietschen und schreien noch lauter, schwenken Fahnen und rennen in Klamotten in den Nationalfarben herum. Alle meine mitgebrachten Bücher hab ich durch – zuletzt So ist es gewesen von Natalia Ginsburg, für mich immer noch eine der Größten. Jetzt muss ich auf PMs Lektüre zurückgreifen: Nichts ist je vergessen von Wendy Walker, Lesetipp der Frankfurter Rundschau. Eigentlich mag ich keine Krimis. Sie langweilen mich schnell, zielen auf meine Stimmung (auf meine Fremdbestimmung) ab,
WeiterlesenAngelika Schrobsdorffs Mutter
Sonntag, Follonica. Die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff ist ja nun gestorben, vor zwei Wochen, als ich gerade in Berlin war. Komisch, ich kannte sie gar nicht, sah mit H. und K. abends die RBB-Nachrichten, und da wurde ihr Tod bekannt gegeben. Am nächsten Tag schenkte K. mir Du bist nicht so wie andere Mütter (A. Schrobsdorff). Zuerst dachte ich, noch eine, der nichts Besseres einfällt, als über ihre Eltern zu schreiben (am besten garniert mit einer Demenzerkrankung, Sujet mit hoher Bestselleraffinität), doch seit ich das Buch auf der Rückfahrt von Berlin angefangen habe, lässt es mich nicht mehr los. Nun im Urlaub, wo ich endlich
WeiterlesenItalienische Reise – Pasta und Paläste
Samstag, Follonica. Drei Tage Gardasee/Desenzano (7.-10. August) braucht es, um sich überhaupt erst in den Urlaubsmodus einzufinden. Per Schiff fahren wir verschiedene Städte an. Mit Abstand die schönste finde ich Lazise. Die Häuser sind bis in den See reingebaut, direkt am Hafen steht das alte venezianische Zollhaus und daneben eine kleine romanische Kirche mit Fresken aus dem 12. Jh. Den Boden des unverhältnismäßig großen Marktplatzes ziert ein dekoratives Schachbrettmuster. Schöne Läden. Flippiges, khakifarbenes T-Shirt gekauft. Abends in Desenzano innovativ biologischdynamischneoitalienisch gegessen und reichlich ProSecco getrunken. Vorwärts, und nicht vergessen, sagt PM irgendwann. Haben wir auch gesungen, sage ich. Zum 1. Mai auf
WeiterlesenOrtsWechsel
Freitag. Jetzt also wieder Tübingen. Und dabei sitzt mir die Hauptstadt noch ganz schön im Nacken. Lässt sich nicht einfach so abschütteln. An allen Ecken und Enden produziert sie Gefühlsaufwallungen und weckt Phantasien mit ihrem historischen Overkill, mit ihren architektonischen Sensationen, mit ihren Menschenmassen und ihrem babylonischen Sprachengewirr, mit ihrer gierigen Präsenz, die dich verschluckt und schmatzend verdaut, was du geschehen lässt, weil du high bist von der Inanspruchnahme, weil sie dich keine Sekunde aus den Augen lässt, weil sie deine Ruhe stört. (Das letzte Mal, als ich in Berlin war, hab ich eine Horde von Pubertierenden eine Woche lang
WeiterlesenWörter
… Statuskonform zum Beispiel. Finde ich ein enorm brauchbares Wort. Hab es kürzlich im Zusammenhang eines Berichts über Doping und die gruseligen körperlichen und psychischen Auswirkungen auf die Konsumenten – bis hin zur genetischen Manipulation und damit Missbildungen der nachgeborenen Kinder – mitgenommen. Manchmal fühle ich mich von einem Wort wie angefixt. Oder vom Anblick zweier Farben, die aufs Wunderbarste harmonieren. Khaki und Pink. Grün und Senf. Oder von der Stille des Augenblicks. Das ist Adrenalin pur. Das sind die Momente, in denen Entscheidungen fallen. Auch, wenn du es gerade nicht merkst.
WeiterlesenVibrations
Mittwoch, Berlin. Interview im Kasten. Sehr charmanter Gesprächspartner. Good Vibrations. Er hatte auf das eigentliche Thema nicht so wirklich Lust, was eine gewisse Herausforderung darstellte (Verwendbarkeit?). Viele Hintergrundgeräusche, Geklapper, Geklirr, Interview fand bei Dressler, seiner Lieblingslocation, statt. Anschließend aßen wir gemeinsam zu Abend und er erzählte noch ein bisschen außer der Reihe, bis seine Vorstellung begann. Als wir zusammen auf die Straße traten, stand da schon die Schlange vor der Theaterkasse, und alle glotzten. An dieses Gefühl ist er gewöhnt, ich nicht. Er ist ein unangepasster Typ. Lebt anders, redet anders. Interessiert sich für anderes. Soweit ich das beurteilen kann.
WeiterlesenHaus an der Havel
Sehr ergiebiges Arbeitstreffen zu viert in der sehr sehenswerten Wohnung der Schriftstellerin Herma K. und ihrem Mann in Charlottenburg. Pralinen von Café Fester – am Spandauer Marktplatz – mitgebracht. Sie wurden überschwänglich gelobt und sofort aufgegessen. Für fünf Tage wohne ich jetzt in Berlin-Spandau bei H. und K. Ihr Haus steht direkt an der Havel in einer Sackgasse, die parallel zur Straße verläuft. Dahinter liegt, aus Bad- und Küchenfenster einsehbar, ein wilder Garten mit haushohen Birnbäumen. Noch weiter hinten eine alte, von Pflanzen größtenteils verdeckte Mauer. Das Haus ist irre groß. Es geht über drei Etagen und hat komplizierte Anbauten mit beängstigend niedrigen Dienstmädchenkammern. Es hat auch
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