drückdich.com – Das Seidenraupenzimmer

Samstag. Was habe ich hier gelesen? Wer es bis zu den letzten Seiten schafft, dürfte sich auch so fühlen wie ich mich gerade: absolut neben mir, verstört (ist mir zu abgegriffen, heute sind alle immerzu verstört), sprachlos.  Erstmal nichts sagen, Gedanken sammeln. Also: Fast heiter beginnt Seidenraupenzimmer von Sayaka Murata mit Natur, Gebirge, Serpentinen, Autofahrt mit der Familie zu den Großeltern. Steigende Vorfreude auf das Haus, auf das geheimnisvolle Seidenraupenzimmer und noch mehr auf Cousin Yu. Die Protagonistin, Yuki, hat mit ihren zehn Jahren bereits gelernt, sich selbst zu helfen, zum Beispiel, wenn ihr bei den Kurven schlecht wird, im

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Mein Name ist Hase …

Freitag. Dass Islamisten und deren Sympatisant*innen faschistisch und iranische Theokraten faschistisch plus Atombombe & Terror & Frauenhass/Femizide sind, wollen in Deutschland nur wenige wissen … Könnte sehr anstrengende Konsequenzen haben. Mit schlechtem Beispiel allen voran geht Bundespräsident Steinmeier: Jedes Jahr am 11. Februar schickte er dem iranischen Ajatollah ein heimliches Glückwunsch-Telegramm zum Jahrestag der islamischen Revolution im Namen des Deutschen Volkes! Bis ein Reporter die Herausgabe von Kopien der Telegramme einklagte. Er berief sich dabei auf das Informationsfreiheitsgesetz (IFG). Der Klage wurde nicht stattgegeben, doch Steinmeier unterlässt seitdem seine Gratuliererei. Im Mördersystem Iran gab es in 2023  834 Exekutionen.

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Ein Geheimnis von Philippe Grimbert

Donnerstag. Philippe Grimbers Geheimnis schwebt über seinem ganzen Leben. Bis eine wesentlich ältere Freundin endlich anfängt zu reden: 15 Jahre müssen vergehen, damit das Familientabu sich dem Protagonisten in seiner ganzen Tragik offenbart. Erst im Rückblick kann er seine diffusen Phantasien und seine Sehnsucht nach einem älteren Bruder deuten. Dem Buch äußerst zuträglich: Grimbert ist – bei der Familiengeschichte sicher kein Zufall – von Beruf Psychoanalytiker und weiß den Plot von hinten aufzuziehen … Der autobiographische Roman zeigt einmal mehr auf, wie wenig es bringt, Kindern die Wahrheit vorzuenthalten und sie, mit einem Tabu belastet, ins Leben zu entlassen. Die

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Als wäre nichts gewesen

Donnerstag. V., der mir gestern noch wohlgesonnen war, ist heute so aggro und geladen wie eh und je. Die Verbindungen halten nicht oder höchstens für eine Doppelstunde. Danach ist alles weg, als habe es sie nie gegeben. Darin liegt die größte Herausforderung in meinem neuen Job. Was für miese Erfahrungen haben diese Kids bloß gemacht, dass sie so von Misstrauen durchtränkt sind?

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Schwarz oder weiß, das ist hier die Frage

Mittwoch. Als ich meine Mittwoch-Aufsicht mal nicht vergesse und in Slow Motion meine Runden über den Hof drehe, steht V. plötzlich neben mir. Die hat mich ankanackt, sagt er und zeigt gespielt empört auf seinen Fuß. Echt, was heißt das denn?”, stelle ich mich doof. Ich bin Kanacke, grinst das Mädchen mit Kopftuch, das neben V. steht und sich als die Fußtreterin outet. Als ich sie frage, warum sie sich selbst so nennt, meint V., dass er sich selbst auch Nigger nenne, aber das dürfen nur er und sein bester Freund. Weißt du was, V., sage ich zu ihm, ich

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Falsch lieben

Samstag, Tübingen. Ich mag das Buch nicht. Mag die selbstgefällig gedrechselten Sätze nicht. Ich finde das Kapitel Ihr Brief zur Hochzeit, wegen dem es mir jemand, wahrscheinlich wohlwollend, vor über zehn Jahren geschenkt hat, sogar ganz besonders fürchterlich. Sogar ein bisschen krank. Eine Psychoanalyse hätte der Frau die Augen geöffnet über ihre fehlgeleitete Liebe, über ihr falsches Lieben – ja, das gibt es, wie in ihren frühen Jahren missbrauchte Frauen sich immer wieder in missbrauchende Männer verlieben, weil ihnen das Muster vertraut ist. Vielleicht wäre die Protagonistin geheilt worden. Wenn sie sich hätte heilen lassen. Dieser fiktive Brief ist jedoch

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Einjähriges

Donnerstag, Tübingen. Wir feiern unser Einjähriges. Ich hätte nicht daran gedacht, aber sie haben Wein, Pralinen und ein wunderschönes, selbstgestaltetes Büchlein mitgebracht. Ich bin be- und gerührt. Das ist meine Schreibwerkstatt, wegen der ich ein Mal im Monat so gern aus Eisenach anreise. Sie haben Pläne im Gepäck. Dafür bin ich ich sehr zu haben …

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Resonanzfrei fremdbestimmt

Mittwoch, im Zug. Die Pandemie hat einen neuen Menschentypus generiert. Seine meist unförmige Silhouette weist keine spezifisch männlichen bzw. weiblichen Merkmale auf. Die Wirbelsäule ist vorgebeugt und ohne Körperspannung. Nur selten erhascht jemand einen Blick in sein Gesicht, und wenn doch, trägt der zu keinerlei weiterführender Erkenntnis bei. Unterstützt werden die äußerlichen Kennzeichen durch verblüffend übereinstimmende Verhaltensmuster: Zum Wärmen und Bedecken bevorzugt dieser neue Typus maximal praktische, großformatige Bekleidungsstücke, die Haare trägt er konturlos. Er verhält sich unaggressiv, was nicht mit Freundlichkeit zu verwechseln ist, und nichtinitiativ bis passiv. Die Frage, ob er sich als Teil seiner Umwelt versteht oder

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Im Nebel

Mittwoch. Ich lese ihnen Im Nebel von Hermann Hesse vor. Es ist ganz leise in meiner 9. Hauptschulklasse. Niemand brüllt dazwischen, niemand lässt sich vom Stuhl fallen, niemand rennt türknallend raus, schießt Stiftepfeile auf seinen Gegner / seine Gegnerin oder Papierbomben ins Waschbecken (weil sie den Papierkorb nie treffen). Gerade habe ich die letzte Zeile gelesen: Jeder ist allein, da sagt mein Problemschüler S. in die Stille: Das kenne ich. Huch!, es wird noch stiller, da hat sich jetzt aber einer geoutet. Ich sage: Das kennen wir wahrscheinlich alle, dass man sich allein fühlt, manchmal sogar wenn man mit der Familie

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Der Schuster

Dienstag. Mit einem WarmumsHerzGefühl betrachte ich die Reihen der Highheels, Sneakers und Stiefeletten in unserem neuen Schrankregal. Klar bin ich Schuhfan. Und leide, wenn eins meiner Schätzchen Schaden nimmt. Wie meine linke, schwarze Stiefelette, mit der ich an irgendeiner Betonstufe entlanggeschrappt sein muss, jedenfalls erhebt sich das abgeschürfte Lederdreieck wie Haut über einer frischen Wunde. Immer wieder ziehe ich es lang, überlege es festzukleben, aber das würde die Sache nur verschlimmbessern. Als ich vor wenigen Tagen ein anderes Paar beim Eisenacher Schuster abhole und seine zweifellos bewundernswerte Arbeit lobe, erzähle ich ihm von der armen Stiefelette. Wie es der Zufall

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