Falsch lieben

Samstag, Tübingen. Ich mag das Buch nicht. Mag die selbstgefällig gedrechselten Sätze nicht. Ich finde das Kapitel Ihr Brief zur Hochzeit, wegen dem es mir jemand, wahrscheinlich wohlwollend, vor über zehn Jahren geschenkt hat, sogar ganz besonders fürchterlich. Sogar ein bisschen krank. Eine Psychoanalyse hätte der Frau die Augen geöffnet über ihre fehlgeleitete Liebe, über ihr falsches Lieben – ja, das gibt es, wie in ihren frühen Jahren missbrauchte Frauen sich immer wieder in missbrauchende Männer verlieben, weil ihnen das Muster vertraut ist. Vielleicht wäre die Protagonistin geheilt worden. Wenn sie sich hätte heilen lassen. Dieser fiktive Brief ist jedoch

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Einjähriges

Donnerstag, Tübingen. Wir feiern unser Einjähriges. Ich hätte nicht daran gedacht, aber sie haben Wein, Pralinen und ein wunderschönes, selbstgestaltetes Büchlein mitgebracht. Ich bin be- und gerührt. Das ist meine Schreibwerkstatt, wegen der ich ein Mal im Monat so gern aus Eisenach anreise. Sie haben Pläne im Gepäck. Dafür bin ich ich sehr zu haben …

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Resonanzfrei fremdbestimmt

Mittwoch, im Zug. Die Pandemie hat einen neuen Menschentypus generiert. Seine meist unförmige Silhouette weist keine spezifisch männlichen bzw. weiblichen Merkmale auf. Die Wirbelsäule ist vorgebeugt und ohne Körperspannung. Nur selten erhascht jemand einen Blick in sein Gesicht, und wenn doch, trägt der zu keinerlei weiterführender Erkenntnis bei. Unterstützt werden die äußerlichen Kennzeichen durch verblüffend übereinstimmende Verhaltensmuster: Zum Wärmen und Bedecken bevorzugt dieser neue Typus maximal praktische, großformatige Bekleidungsstücke, die Haare trägt er konturlos. Er verhält sich unaggressiv, was nicht mit Freundlichkeit zu verwechseln ist, und nichtinitiativ bis passiv. Die Frage, ob er sich als Teil seiner Umwelt versteht oder

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Im Nebel

Mittwoch. Ich lese ihnen Im Nebel von Hermann Hesse vor. Es ist ganz leise in meiner 9. Hauptschulklasse. Niemand brüllt dazwischen, niemand lässt sich vom Stuhl fallen, niemand rennt türknallend raus, schießt Stiftepfeile auf seinen Gegner / seine Gegnerin oder Papierbomben ins Waschbecken (weil sie den Papierkorb nie treffen). Gerade habe ich die letzte Zeile gelesen: Jeder ist allein, da sagt mein Problemschüler S. in die Stille: Das kenne ich. Huch!, es wird noch stiller, da hat sich jetzt aber einer geoutet. Ich sage: Das kennen wir wahrscheinlich alle, dass man sich allein fühlt, manchmal sogar wenn man mit der Familie

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Der Schuster

Dienstag. Mit einem WarmumsHerzGefühl betrachte ich die Reihen der Highheels, Sneakers und Stiefeletten in unserem neuen Schrankregal. Klar bin ich Schuhfan. Und leide, wenn eins meiner Schätzchen Schaden nimmt. Wie meine linke, schwarze Stiefelette, mit der ich an irgendeiner Betonstufe entlanggeschrappt sein muss, jedenfalls erhebt sich das abgeschürfte Lederdreieck wie Haut über einer frischen Wunde. Immer wieder ziehe ich es lang, überlege es festzukleben, aber das würde die Sache nur verschlimmbessern. Als ich vor wenigen Tagen ein anderes Paar beim Eisenacher Schuster abhole und seine zweifellos bewundernswerte Arbeit lobe, erzähle ich ihm von der armen Stiefelette. Wie es der Zufall

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Keine Wehmut

Montag. Hier war ich schon oft. Ich setzt mich auf die Steinbank an dem künstlichen See und esse mein Käsebrötchen. Jedes Jahr sind wir vom Bahnhof durch das neue Bankenviertel zur Stadtbibliothek gelaufen, meiner Schreibwerkstatt und ich, eine fröhliche Meute.  Siegesgewiss zogen wir ein: wir waren immer die Besten und werden es wieder sein. Ein Besuch in der Markthalle oder im Kunstmuseum oder beides lag hinter uns und natürlich der obligatorischen Stadtbummel, im Laufen zeigten wir uns unsere Einkäufe von Pylones, New Yorker oder dem Museumsshop. Der Weg auf die Bühne war die letzte Hürde zum Battle, dann legte sich

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Kafkas Türen

Freitag, Tübingen. Vor wenigen Monaten, genauer: im Oktober, war ich zum Vorstellungsgespräch an einer Fachschule in E. eingeladen. Wir brauchen Sie!, hörte ich in diesen zwei Stunden mehrmals – wie oft im Leben bekommt man das gesagt? – und fand mich inmitten eines intellektuellen Pingpongs der allerfeinsten Art wieder. Der Chief der kirchlichen Einrichtung hatte sich auf unser Gespräch vorbereitet, meine bisherigen Tätigkeitsfelder recherchiert und eigens für mich ein neues Fach kreiert: Bibelwerkstatt – ein Zusammenschnitt von Kreativem Schreiben und Religionsunterricht. Ich war begeistert, entflammt. Unmittelbar nach unserem Gespräch begann ich, Ideen für die Probestunde, die im Februar stattfinden sollte,

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Krokanteier

Karfreitag, Tübingen. Das Wetter entspricht dem Feiertag. Viel Organisatorisches, u.a. der verhasste Lohnsteuerjahresausgleich. Aber auch viel Schönes: Ostern mit Familie. Gestern Großeinkauf für das gemeinsame Essen. Das erste Osterfest ohne Schokoladeneier. Verrückt, oder? Alle entsagen dem Zucker und dem Fett. Hm, ich auch … Als ich es PM sage, meint er: Na ja, wenn du noch Krokanteier findest, die würde ich schon essen. Phantastisch, der Stadtbummel morgen hat eine Legitimation. Mal sehen, ob Marbello & Co so was führen;-) Und morgen Abend kommt PM …

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Städtetour

Sonntag. WE in Weimar mit T. und A. Abends Theater, Übernachten im schönen Elefant. Sonntagsfrühstück ausgefallen, Riesengrundsatzdebatte mit PM, Verzweiflung, Abgrund, Zukunftsfragen. Überschatteter Vormittag, Stadtbummel alleine. PM später: Da ist ja einiges gewaltig schiefgelaufen. Seine Stimme, wenn er wieder aufmacht … 

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