Montag. Das Interview, das ich im Juni gemacht habe, ist für die Katz, basta! Deshalb brauche ich es auch nicht zu wiederholen, wie ich mir seither, um die Sache irgendwie zu retten, einzureden versuche. Auch im zweiten Anlauf kann es nicht besser werden. Fakt ist, dass die gegenseitige Inspiration ausblieb, da gibt es nichts zu deuteln. Heute Morgen die Idee für einen neuen Ansatz. Ich greife danach und wickle frische Gedanken drumherum, ehe sie einknickt, ehe sie wieder verblasst. Unter Corona verblasst soviel, Corona nimmt Kraft und Leben aus meinem Gehirn. Große Namen sind nicht per se von Vorteil, eigentlich
WeiterlesenAutor: Juliane Vieregge
Jakob Augstein twittert nicht mehr
Mittwoch. „Ich twittere nicht mehr. Aber ich denke noch“, sagt der Publizist im Interview mit Marvin Schade:„Die Corona-Krise hat mir den Rest gegeben. Die Mischung aus Dummheit, Aggression und Mangel an Fantasie, die die Debatte geprägt hat, hat mich erschreckt. Wir erleben in dieser Krise wieder einmal eine große Gleichrichtung der Medien.“Und weiter: „Es ist nicht die Aufgabe der Medien, die Regierungsentscheidungen unters Volk zu bringen, sondern sie zu kritisieren und auf den Prüfstand zu stellen. Das ist in den ersten Monaten viel zu wenig geschehen. Selbst heute hat sich daran kaum etwas geändert.Bei Twitter war es so: Wenn Sie die
WeiterlesenMag ich
Dienstag. Jugendliche, die ihre Zeit investieren, um Texte zu schreiben, sind besonders. Sie bleiben eine Stunde länger, als sie – und ich – eigentlich müssten. Um 17 Uhr sind sie nämlich noch lange nicht fertig. Und bis dann alles aufgeräumt ist, kann es auch mal 19 Uhr werden. Das macht mir nichts aus. Ich mag meine Schreibwerkstatt. Ich freue mich, wenn sie über ein „grimmiges G“, über „Löcher in der Wand“, über „Schemen der Nacht“ und immer wieder über Tod und Selbstmord schreiben. Ihre Geschichten sind skurril bis abgefahren. Nie banal. Wir essen Kekse, trinken Heiße-Liebe-Tee, schreiben weiter, lesen uns
WeiterlesenWeg damit
Montag. Ein Paar abgelatschte Treter, dahinter eine unversehrte Shopping Bag von Breuninger – Größe 39, hat jemand mit dickem Marker draufgeschrieben.Überall Haufen von Zeugs: Vor den Hauseingängen, auf den Bänken der Bushaltestellen, auf der Steinlach-Brücke in Tüten sortiert und ans Geländer gehängt: Leute, nehmt! Wir brauchen das nicht mehr.Ein gutes Gewissen ist das beste Ruhekissen. Und so funktionieren wir unsere Entrümpelungsaktionen, unseren Wohlstandsmüll, unser Doppelt- und Dreifach-Haben in Mildtätigkeit um. Ich erinnere mich gut an zwei, drei Fehlkäufe, die ich vor vielen Jahren heimlich in den Hauseingang einer Flüchtlingsfamilie gestellt habe, unter anderem eine teure Hose aus einer teuren Boutique,
WeiterlesenWeiter geht’s
Samstag,B.N. Nach B.N. zu fahren, in einem coronabedingt angenehm leeren Zug, von PM abgeholt zu werden und in ein warmes Haus mit liebevoll zubereitetem Abendbrot zu kommen, das ist schön. Eine Auszeit, um die Dauerstresssituation im „Amt“, die obernervigen Fortbildungen in Sachen Digitales Lernen, das Alleinsein kurz mal zu vergessen. Heute gehts weiter nach Köln zu meiner Lieblingsfamilie, die nun halbiert ist, und diesmal ist es die väterliche Hälfte. In meinem Gepäck sind Laternen und Stöcke, das ist mein Abendprogramm mit Mini-L.chen und Mini-T.chen. Aus der Traurigkeit das Bestmögliche machen und die eigene Traurigkeit wegdenken … Dranbleiben auch wenn es
WeiterlesenCorona Diary – Spreu & Weizen
Donnerstag. Nicht, dass sich in der Pandemie die Spreu vom Weizen groß unterscheiden würde. Vielmehr sind alle zusammen ein verstörter, dünnhäutiger Haufen. Der Coronagegner möchte den Maskenträger, der einen weiten Bogen um ihn schlägt, am liebsten erwürgen, während der Maskenträger sich den Coronagegner schon ans Beatmungsgerät fantasiert – da wo er hingehört, siech und sterbend.Corona trennt Familien, best friends, Arbeitsteams. Maria sitzt, die Maske demonstrativ unter der Nase tragend, im Schnittpunkt mehrerer böser Kolleg*innen-Blicke, die sie mit beseeltem Märtyrerlächeln erträgt. Ich ertrage das Maß ihrer Selbstauslieferung dagegen nicht. Mach mal Maske hoch!, sage ich zu ihr. Wie auf Befehl zieht
WeiterlesenJung
Dienstag. Wenn einer so lacht und sagt, ich bin wohl eher introvertiert, und auf seine Füße starrt und sich in den Schultern dreht und wieder so nett lacht, dann weiß ich, warum ich meine Arbeit mit Jugendlichen liebe. Sie sind einfach toll. Nicht unbedingt die, die kreischen und schreien und sich von morgens bis abends bemerkbar machen – okay, die haben auch was und fangen dich ein mit ihrem Charme – , sondern die stillen, die kein Geheimnis aus sich machen, aber trotzdem eins sind. Sie sind Elfen und Prinzessinnen und Pokerfaces und Könige, aber sie wissen es nicht. Sie
WeiterlesenViel
Sonntag. Manchmal tut es gut, über Essen oder Klamotten oder so zu schreiben, wenn die Gedanken seit Wochen und Monaten um nichts als Corona kreisen. Das ganz normale Leben wird zum Luxus. Samstag Abend also. PM hat eine Martinsgans mitgebracht, dazu gibt es Rotkraut und Thüringer Klöße. Wie gut, dass er so gut kochen kann – noch nie im Leben habe ich eine Gans gemacht. T. und E. sind da, ich schaue mir meinen Sohn an und mir wird warmumsherz. Da ist ein großes Ein-Verständnis. Noch viel schöner wäre es, wenn meine Tochter, meine liebe L., auch dabei wäre. Man
WeiterlesenErwartung
Samstag. In der Stille der Nacht bis halb vier korrigiert. Von Sonne und penatenblauem Himmel sanft geweckt. Mein Schlafanzugoberteil als Kombipartner zur superedlen Raffaello-Rossi-Hose entdeckt, die ich direkt schon bei Kleiderkreisel einstellen wollte – aus uralt mach neu. Schnell einkaufen, aufräumen, gleich kommt PM.
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