Herrschaftswissen

Am Bahnsteig fragt ein Typ – leere Augen, Bierflasche in der Hand, kaputte Leopardenleggings – , ob der Zug bis Bonn fährt. Ich weiß es nicht und drehe mich zu der Frau neben mir auf der Bank um – ältere Lady mit auffälligen Ohrclips. Sie schweigt, Blick ins Nirgendwo. Fährt der Zug bis Bonn?, frage ich sie, und da nickt sie. Blickt immer noch ins Nirgendwo. Sagt nix. So sind sie, die Leute in diesem katholischen Kurstädtchen. Lassen sich keine Sonntags-, keine Feiertagsmesse entgehen, aber behalten ihr Wissen für sich.

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Fegen für Buddha?

Freitag, B.N. Auf dem Weg zum Bahnhof komme ich an einem Typen vorbei, der die Einfahrt seiner Autowerkstatt fegt. Schaufel in der einen, Besen in der anderen Hand, hockt er am Boden und fegt mit geduldigen Bewegungen – von der Schaufel weg. Buddhistische Übung? Bekifft?

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Explosionen im Kopf

Donnerstag, B.N. Das Buch von Alexander und Margarete Mitscherlich (Die Unfähigkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens) lässt mich nicht mehr los. Es ist keins, um sich damit auf den Balkon zu hauen und dann drei Stunden am Stück darin zu versinken. Der Lesevorgang ist hier ein anderer. Einer in kleinen, geradezu homöopathischen Dosierungen. Ich lese immer nur so weit, bis ich von einem Satz oder Gedanken so angefixt bin, dass ich durchatmen und das Buch weglegen muss. Dann warte ich auf die Explosionen im Kopf. Und die kommen … (Was meine große historische Verspätung erklärt: Das Buch hat mir

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Selbsttäuschung

Mittwoch, B.N. Freud sagt: Die Neurose verleugnet die Realität nicht, sie will bloß nichts von ihr wissen. Die spezifisch gehegte Selbsttäuschung zu erkennen und zu überwinden, ist die intellektuelle Aufgabe jedes Einzelnen oder jedes Kollektivs, das von solchen Abwehrvorgängen betroffen ist. Ist die Abwehr zunächst doch eine allgemein menschliche Reaktionsform … (nach: Die Unfähigkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens, von Alexander und Margarete Mitscherlich.)

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Eros kommt bis nach Heimersheim

Montag, B.N. Gestern Abend: Weinfest in Heimersheim. Dorothee, eine Freundin von PM, hat mich überredet … Weinfeste sind sonst nicht gerade meine Art von Freizeitvergnügen, also mit Vorbehalten los, in einer aufgekrempelten Hose von PM und hohen Stiefeln und mit schnell nach hinten gegeelten Haaren fürs Coolheitsfeeling. Da ist dann das ganze Dorf in so ein Fest involviert, die Einwohner öffnen ihre Innenhöfe und du kannst essen und trinken oder wie im Mittelalter Messer, Pfeile, Bögen und Lederschmuck kaufen, es gibt eine Bühne, auf der eine Dudelsackkapelle aufspielt, und auf dem Dorfplatz steht ein Holzkohlengrill und lange, mit Sonnenblumen und

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Bewältigung

Sonntag, B.N. Mit Bewältigen ist eine Folge von Erkenntnisschritten gemeint. Freud benennt diese Schritte: Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten (Ges. Werke X, S. 126 ff). Mir ist das sehr sympathisch. Es bedeutet Gründlichkeit. Ich bin sehr für Gründlichkeit. Weil ich nicht so dafür bin, sich selbst in die Tasche zu lügen. Es bedeutet auch, dass Bewältigung Zeit braucht. Gut genutzte Zeit. Und ist damit das Gegenteil von hohlen Positiv-Thinking-Appellen, die in ihrer Sinnlosigkeit bloß nerven (ich weiß, wovon ich rede …).

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Die Ölstimme

Freitag, B.N. Was jetzt wohl die Ölstimme macht?, fragt PM beim Aufwachen. Die Ölstimme war ein Typ im Hotel mit einer Stimme wie Elmar Gunsch, Gott hab ihn selig. Jeden Morgen warf er Handtücher über zwei Liegen und betrachtete diese damit als sein Privateigentum. Einmal flippte er fast aus: Eine junge Mutter mit zwei Kindern hatte seine Handtücher weggenommen und sich die Liegen unter den Nagel gerissen. Die Ölstimme schrie so lange herum, bis die Frau samt ihren Kindern sich verkrümelte. Am Morgen darauf folgte die Rache von ganz oben. Als die Ölstimme an den Pool kam, war keine Liege

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Portugiesische Steigerung

Donnerstag, Lissabon. Ein letztes Bad unter der portugiesischen Sonne. Dann ab zum Frühstück, ab ins Taxi, ab zum Check-in, ab zum Gate, ab ins Flugzeug, ab zur Gepäckausgabe, ab in den Rewe-Store, ab ins Parkhaus, ab ins Auto und ab nach Hause. Nach B.N., was PM’s Zuhause ist. Am Abend – nach dem Genuss einer von der portugiesischen Küche inspirierten Gemüsepfanne – DVD geguckt: Die Unbestechlichen. Statt: Eine Nacht in Lissabon, die sich nicht finden lässt. PMs porugiesische Steigerung: Fado – Fadissimo! Und der Fado-Fan ist, logo, ein Fadist!

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Der Raum

Mittwoch, Lissabon. Der Raum ist für dich gemacht. Niemand sonst sitzt in den Sesseln oder auf dem anderen Sofa gegenüber. Nie sitzt jemand dort. Der Raum ist groß und hell. Konsequenter Sixiesstyle. Cremefarbene Bodenfliesen, cremefabene bodenlange Stores über die gesamte Fensterseite, dahinter zeichnen sich die Umrisse der Palmen wie Schatten ab. An der Stirnseite eine niedrige Sitzgruppe in Braun und Stahl. Gegenüber, am anderen Ende, dieselbe Sitzgruppe noch einmal. Als würde ein Spiegel dazwischen stehen. In Wirklichkeit stehen da aber zwei tragende Säulen von beachtlichem Umfang, braun auch sie. Auf den flachen Tischen, vor den Sofas, steht jeweils ein rechteckiger

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Belem und Erich Maria Remarque

Das Abendessen findet heute auf dem Balkon statt: Frische, noch warme Brötchen, Käse, Wurst, Schinken und Weintrauben, dazu ein portugiesischer Sekt, alles aus dem Supermarkt. PMs iPhone spielt Pink Floyd, die Wellen schlagen schaumweiß am Ufer des Tejo auf, Autos flitzen über die Uferstraße, ein Fastnochvollmond beleuchtet hinter der Palmengruppe den nachtschwarzen Park, und dann Daisy Door: Du lebst in deiner Welt. Hilfe, hab ich das lange nicht gehört! PM hat den Titel gespeichert. Ich wüsste niemanden sonst, der ihn noch kennt. Vor gefühlten hundert Jahren war das der Titelsong einer Kommissar-Folge und hat mich damals so angefixt, dass ich

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