Der Raum

Mittwoch, Lissabon. Der Raum ist für dich gemacht. Niemand sonst sitzt in den Sesseln oder auf dem anderen Sofa gegenüber. Nie sitzt jemand dort. Der Raum ist groß und hell. Konsequenter Sixiesstyle. Cremefarbene Bodenfliesen, cremefabene bodenlange Stores über die gesamte Fensterseite, dahinter zeichnen sich die Umrisse der Palmen wie Schatten ab. An der Stirnseite eine niedrige Sitzgruppe in Braun und Stahl. Gegenüber, am anderen Ende, dieselbe Sitzgruppe noch einmal. Als würde ein Spiegel dazwischen stehen. In Wirklichkeit stehen da aber zwei tragende Säulen von beachtlichem Umfang, braun auch sie. Auf den flachen Tischen, vor den Sofas, steht jeweils ein rechteckiger

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Belem und Erich Maria Remarque

Das Abendessen findet heute auf dem Balkon statt: Frische, noch warme Brötchen, Käse, Wurst, Schinken und Weintrauben, dazu ein portugiesischer Sekt, alles aus dem Supermarkt. PMs iPhone spielt Pink Floyd, die Wellen schlagen schaumweiß am Ufer des Tejo auf, Autos flitzen über die Uferstraße, ein Fastnochvollmond beleuchtet hinter der Palmengruppe den nachtschwarzen Park, und dann Daisy Door: Du lebst in deiner Welt. Hilfe, hab ich das lange nicht gehört! PM hat den Titel gespeichert. Ich wüsste niemanden sonst, der ihn noch kennt. Vor gefühlten hundert Jahren war das der Titelsong einer Kommissar-Folge und hat mich damals so angefixt, dass ich

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Portugiesische Impressionen

Dienstag, Lissabon. Gestern haben wir Lissabon erkundet. Die Eindrücke sind überwältigend. Angefangen beim Bahnhof von Paco de Arcos: Eine kalte, futuristische Anlage, menschenleer. Auch die Siebziger-Jahre-Hochhäuser hier im nördlichen Teil des Ortes sehen verwaist aus, ihre Fassaden ramschig und verratzt. Wie eine Geisterstadt, nur eben eine hypermoderne. Wie auf dem Mond ausgesetzt kommst du dir aber vor, wenn du erstmal dahinter gestiegen bist, was es mit dieser durch die Luft gelegten, silbernen Schienenspur auf sich hat, die in das hoch gelegene Neubauviertel von Paco de Arcos führt und einem halbierten Schlauch nicht unähnlich ist. Wir spähen durch die verglaste Station

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Essen und Trinken in Portugal

Wir sind angekommen. Paco de Arcos ist ein stiller, untouristischer Ort mit engen Straßen, unrenovierten oder sogar verfallenen Häusern, wilden Stränden, keiner Promenade, keinen Diskotheken etc., dafür gibt es kleine, nützliche Läden und ein Fischlokal erster Güte – das Restaurante Astrolabio. Wir werden überaus freundlich kulinarisch beraten und bekommen dann jeder ein großes Stück gegrillten Fisch mit gedünstetem Gemüse und kleinen Kartoffeln. Der Nachtisch ist eine Spezialität des Hauses, süß und fein! Wir hauen eine Flasche Sekt weg – die Gläser sind weiß beschlagen vom Eis, was PM begeistert – und noch eine kleinere Flasche Vino Verde. Wir sitzen im

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Palacio dos Arcos

Sonntag, Lissabon. Gestern um 11.30 Uhr hob der Flieger ab und kurz darauf konntest du weit unter dir den Kölner Dom sehen – was L. wohl gerade macht, aufstehen?, arbeiten?, ist sie an diesem WE überhaupt in Köln? -, den Rhein, dann eine weiße Wolkenschicht unter dir und den blauen Himmel über dir, und knappe drei Stunden später liegt da unten der Atlantik und wie ein durcheinandergeratenes Webmuster die Stadt, deren Außenränder kein Ende zu nehmen scheinen: Lissabon. Nach der Landung und dem Warten auf das Reisegepäck fährt das Taxi nicht nach Lissabon rein, wie es der Taxifahrer wohl gewöhnt

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Hinrichtungsvideo

Freitag, B.N. Ich habe gerade ein Hinrichtungsvideo gesehen. Völlig ungetarnt, brüllt das erste Bild dir entgegen, kaum hast du dich bei FB eingeloggt. Wild schreiende, arabischsprachige Männer stehen in einer Reihe hinter einer Reihe kniender, anderer Araber (Iraker? Syrer?), schießen zuerst in die Luft, dann vor den Knienden in den Sandboden und dann in ihre Köpfe. Das Blut schießt nach vorne raus, wie wir es aus Filmen von, sagen wir, Quentin Tarantino kennen. Die knienden Männer fallen alle zur Seite und rühren sich nicht mehr. Aber das reicht den Blutrünstigen nicht, dass die Hingerichteten – die Gottesfeinde? – tot sind.

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Im Sudhaus mit Axel Prahl

Sonntag. Im Sudhaus auf der Waldbühne spielten gestern Abend Axel Prahl und das Inselorchester rockige und balladige Songs. Prahl hatte viele eigene Kompositionen und Texte im Gepäck, in denen sich, wie man seinen Kommentaren entnehmen konnte, Autobiographisches niedergeschlagen hat. Demnach hat er beziehungstechnisch so einiges hinter sich. Weshalb das Balladige im ersten Teil überwog. Kurz vor der Pause krachten Donnerschläge, und dann begann es auch schon zu prasseln. PM: Das ist nur eine Husche! Weil es aber nicht nur eine Husche war, sondern ein richtig schönes Gewitter, rannten alle vom Biergarten in den kleinen Saal und von dort in den

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2. August

Samstag. Schöner Abend gestern im Meze mit Chris, Susanne, Anne, Georg und Inge. PMs Platz noch frei. Draußen unter den Bäumen im lauen Wind. Gefüllte Blätterteigrollen mit Honig und Orangensoße. Chris und seine Geschichten … Ouzo auf Eis. Orangefarbene Mondsichel über Derendingen, und dann, gegen 22 Uhr, kommt PMs Auto um die Ecke … Heute wäre Papa 90 Jahre alt geworden. Und so vieles, alles eigentlich, blieb bis zum Schluss ungesagt. Wenigstens war ich bei ihm, als er starb. Ein Privileg.

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Tanja, Andreas und ich

Freitag. Das autobiographische Buch Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend von Andreas Altmann ist ein Koloss. Kein Roman, sondern eine verwüstete Seele kotzt sich aus. Schonunsglos. Stellt sich die beunruhigende Frage: Wie weit lassen sich mit Hilfe des Verstandes die Erkenntnisse der Psychoanalyse integrieren, um aus dem Schlamassel aus Hass und Brutalität einigermaßen heil hervorzugehen? Um frei zu werden? Um die Untaten von monstermäßigen Erwachsenen – Vater, Mutter, Stiefmutter, Pfaffen, Lehrer – abzustreifen, einer wie der andere hirnlose, gedankenlose, gefühllose, unfähige Schweine? Die zu nichts anderem auf der Welt zu sein scheinen, als mit ihren

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