Zeichen und Buchstaben

Montag. Zwischen mein eigenes Buchprojekt schiebe ich das Projekt „Junge Texte aus Eisenach“: Mein Herzensding. Ich möchte, dass meine Jungautor*innen ihre gedruckten Texte in der Hand halten und im besten Fall öffentlich vorlesen. Diese Anerkennung haben sie, haben ihre Arbeiten verdient. Übers WE habe ich alle Texte, die ich in den vergangenen zwei Jahren eingesammelt habe, redigiert und digitalisiert, was die Jugendlichen aus irgendwelchen Gründen nicht hinbekommen. Können zwar auf ihren Konsolen daddeln und das Handy mit beiden Daumen bearbeiten wie die Weltmeister, aber keine zusammenhängenden Texte auf der Tastatur schreiben. 40 Seiten sind es bis jetzt, und ich liebe

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Abi Wallenstein & Co

Samstag. Die legendären Abi Wallenstein & BluesCulture spielen in der Alten Mälzerei auf. Vor zwei Wochen waren Jürgen Kerth und die Bluesrockband Kurz und Lang im Schlachthof. Letztere heizten mit Interpretationen von Muddy Waters, Canned Heat und Joe Cocker ein. Schöne Abende in schöner Location mit tollen Menschen, jedes Mal ein echter Genuss. Die vielfältige Eisenacher Musikszene überrascht mich immer wieder. Es liegt an dem Engagement von Einzelnen, die diese Größen herholen, und die Veranstaltungen sind meistens ausverkauft. Der raue Charme solcher Abende lässt mich wieder ein wenig zu mir kommen. 

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Im Spiegel

Mittwoch, Buß- und Bettag. Der Traum der Menschheit, lästige und fremdbestimmte Arbeit an Maschinen abzugeben, verkehrt sich gegen die Menschheit selbst: KI übernimmt – im Zuge mit vielen anderen – auch genau jene uralten, uns als Menschen wesensmäßig determinierenden, ureigensten Tätigkeiten, die uns statt belasten doch er-füllen. Die uns auf uns selbst besinnen und kreativ werden lassen, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind: Die KI malt, komponiert und dichtet. Auf Tastenklick generierte Texte in der Manier von Shakespeare, Goethe etc. sind gefälliger, glatter als die Originale der Eigendenker. Sie sind frei von Widersprüchen und komplexen Sprüngen. Das

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Begegnung

Mittwoch. Sie ist pünktlich und kommt mit Kuchen. Ihr Mantel ist schwer vom Regenwasser. Ich bin krank und kann nicht raus, GsD!, und auch nicht zum Dienst. Aber Besuch geht. Der ist von langer Hand geplant, der gute Harry hat unser Treffen von Tübingen aus organisiert. Du wirst immer ein Fremdkörper bleiben, fasst sie ihre Erfahrungen im Osten der Republik zusammen. Sie ist Pfarrerin und kommt ursprünglich aus Bayern. Aus dem Westen, wie es hier nach 35 Jahren immer noch gnadenlos heißt. Die aus dem Westen sind komisch. Weil sie herkommen? Weil sie immerzu irgendwas wollen? Das ist meine Interpretation,

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Der Ring

Mein Lieblingsgegenstand ist ein doppelter Ehering. Er gehörte meiner Mutter. Früher war er nicht doppelt. Erst nach dem Tod meines Vaters wurde er aufgestockt, indem meine Mutter ihren eigenen und den Ring meines Vaters zusammenlöten ließ. Der Ring ist aus Gold, und er ist ein bisschen schief. Wahrscheinlich, weil der größere meines Vaters nicht korrekt verkleinert wurde. Er ist auch eine Spur breiter. Am Finger sieht man das nicht, nur wenn ich ihn hinlege, fällt die leichte Asymmetrie auf. Die Ehe meiner Eltern habe ich nie verstanden. Sie stritten fast jeden Tag, mein Vater brüllte dann, meine Mutter stichelte. Normale

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Danke, Kanzler

Dienstag. Egal, was man dem Bundeskanzler alles vorwerfen kann – ich danke ihm ewig, dass er in Sachen Taurus nicht nachgibt. Egal, wie oft Baerbock, Strack-Zimmermann, Hofreiter, CDU-Merz, Pistorius etc. pp. es auch wiederholen: Marschflugkörper bomben uns den Frieden nicht herbei.

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People in the Sun

Sie sieht aus wie Maike, auch wenn ich ihr Gesicht nicht sehen kann. Dieselben schulterlangen Haare, derselbe Gelbton. Und ihr Arm. Maikes schlanke Arme, stundenlang kann sie so sitzen, ohne sich zu regen. Sich aufzuregen. Die Füße nebeneinander auf dem Boden. Auch Maike achtet auf eine gesunde Fußstellung und einen geraden Rücken. Maike ist 800 km weit weg. Dass sie mir bis hierher folgen würde. Das verblüfft mich nun doch einigermaßen. Der erste Tag ist wahrscheinlich der schwierigste. Man muss sich erst eingewöhnen. Sagen hier alle: Erstmal ankommen. Die Speisekarte recht vielversprechend. Ich werde heute Abend eine Rinderroulade essen. Dazu

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Wir können alles. Auch Comedy

Donnerstag. Aufgewacht, und die Welt ist eine andere. Nicht gerade in meiner noch schummrigen Küche, wo ich wie immer hastig ein Frühstück zusammenzimmere, bevor es losgeht. Aber draußen! MAGA als neue Hymne der USA, und  an der Spitze ein talentierter Stand-Up-Comedian mit, wie ich zugeben muss, hohem Unterhaltungswert. Ach, und plötzlich ist ja auch noch die Ampel weg. Der Lotse hat den Leichtmatrosen von Bord geschubst. Und schickt einen auf allen Kanälen fleißig geteilten verbalen Arschtritt hinterher, der an Giftigkeit kaum zu überbieten ist.  (Beschuldigungssalven in the old Style statt Selbstreflexion , genau das, was an der Ampel so unendlich genervt

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Ampeln beim BSW

Samstag. Katja Wolfs pragmatischer Alleingang bei den Thüringer Koalitionsverhandlungen bringt den ersten handfesten BSW-Streit auf den Plan. Und in die Medien, die sich schon die Hände reiben: Ampeln beim BSW, besser kann’s gar nicht laufen. Ob es wirklich um die Corona-Aufarbeitung und die außenpolitischen Positionierungen des BSW geht (mehr Diplomatie statt Waffenlieferungen zur Beendigung des Ukrainekriegs, Nein zur Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Deutschland), oder darum, die CDU vor sich herzutreiben oder als BSW in der Opposition zu bleiben, wissen nur BSW-Interne. Wagenknecht hebt die Zuverlässigkeit und Treue zu ihren Wahlversprechen hervor, die weitreichende Kompromisse wie die des Thüringer Sondierungspapiers ausschließen.

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