Sicher öffnen

Mittwoch. Tübingerin zu sein macht mich manchmal direkt stolz. Wir sind gerade Modellstadt für Coronalockerungen zu Beginn der 3. Welle der Pandemie geworden. Schnelltests sind die Lösung! Überall in der Stadt kann man sie durchführen, auch bei uns im „Amt“ wird regelmäßig mittwochs und freitags getestet (nun gut, Lehrer*innen sind jetzt nicht nur IT-Spezialisten, sondern auch Testfhelfer). Im Gegenzug erhalten die Getesteten das Tübinger Tagesticket, das den Einlass in Geschäfte, Museen, FitessCenter, in die Außengastronomie und zum Friseur gewährleistet. Nicht die Stadtverwaltung kontrolliert, sondern die Betriebe selbst; die Stadt setzt auf Einsicht und Eigenverantwortung. Das Infektionsgeschehen wird täglich beobachtet und

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Fehler

Montag. … noch dieses eine Dokument hochladen, den Haken setzen, das richtige Datum für die Fälligkeit … Jeden Tag die Angst im Nacken, irgendwas zu verwechseln, zu vergessen, nicht zu checken. Morgens schlage ich die Augen auf und habe direkt eine der Optionen auf dem Schirm. Das ist Stress pur, Überforderungsstress, der Stress nicht zu genügen. Ich hasse das System, die Algorithmen, die Pandemie, die mich zu derart sklaventreiberischer Tätigkeit degradiert. Alles, wozu ich in meinem Beruf fähig und willens bin, ist obsolet. Heute, beim Zuteilen der virtuellen Räume, unterläuft mir ein FEHLER. Klick – die Sitzung ist plötzlich beendet,

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Wahlsonntag

Sonntag. Vor dem Wahllokal reihen wir uns in die lange Schlange maskentragender, in der Kälte bibbernder Leute ein. Den Rückweg treten wir im Wissen um den allwöchentlich anstehenden Abschiedsschmerz in Herz und Worten an. Vorwärtsschauen, Pläne machen sind das ist das Einzige, was hilft. Und dann verschwindet PMs Auto in der langen Kurve der B27, und ich gehe hoch und schalte den PC ein: Stunden für morgen vorbereiten, 4 Stunden Fernunterricht, 2 Stunden Präsenzunterricht. Mit Mecki und Jérome/Beret in Kiel telefonieren … willkommene Unterbrechungen … Austausch … die Wahlergebnisse analysieren …

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Verachtung

Freitag. „Ach, es wird ein kurzes Intermezzo sein. Die Inzidenz steigt auch hier. Wenn unser Lebensinhalt nur aus Shoppen besteht, dann sollen die Infektionen halt wieder steigen. Ist mir wurscht! Weltweit ne Pandemie, und am wichtigsten Fußball & Shoppen…“Ich kenne den Typen nicht und auch nicht den, dem sein verächtlicher Kommentar gilt, aber innerlich gehe ich auf Verteidigung. Dabei ist mein Interesse für Fußball durchaus mäßig, und meine Shopmania hat spätestens die Pandemie mir ausgetrieben. Ich ärgere mich über die Eindimensionalität seines Statements, that’s it! Shoppen und Fußball sind doch Synonyme für Leben. Ich habe Sehnsucht nach Leben, während die

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Herz

Samstag, B.N. Mutterbesuch unter Coronabedingungen (Plexiglastrennwand) mit meiner lieben L, dem Lchen und dem Tchen. Einfach nur schön: mitzuerleben, wie sie sich freut. Wie der wache Blick vom Lchen und der skeptische vom Tchen ihr Herz aufschließen. Wir ignorieren die Trennwand. Meine Mutter gehört zu den 2,8% Deutschen, die schon zwei Mal geimpft sind. Wer fasst einen alten Menschen sonst noch an? Ihre zunehmende Verwirrung ist m.E. nichts anderes als eine Reaktion auf null Input, auf Abgeschiedensein, Ausgeschlossensein. Vorwürfe helfen nichts, egal in welche Richtung. Man kann nur versuchen, für sich selbst daraus zu lernen …

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Wie glücklich sind Sie?

Donnerstag. Journalist*innen fragen nicht mehr: Wie geht es Ihnen jetzt nach diesem Erfolg? sondern: Wie glücklich sind Sie?Ich bin sehr glücklich!, sagt der Spieler des Gewinnerteams.Wie stolz sind Sie? Ich bin sehr stolz!, sagt die Schauspielerin, die einen Filmpreis abgeräumt hat, und klappert uninspiriert mit den Wimpern, weil sie merkt, dass das Interview eigentlich schon vorbei ist.Was in einer dunklen Stunde im Interesse der Zeitökonomie von keine Ahnung welcher ausgebufften Institution ersonnen wurde – immerhin muss die/der Interviewte nicht mehr von selbst auf die Zustandsbeschreibung glücklich und stolz kommen –, entpuppt sich als Gesprächsblockade. Seit Jahren schläfert uns dieser Mist

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Corona Night

Der Vollmond denkt sich seinen Teil, ich trabe mit Wäschekorb und Waschpulver zu W. rüber, weil meine Waschmaschine immer noch nicht funzt, im hell erleuchteten Friseurladen gegenüber wird hinter halb herabgelassenen Jalousien heimlich geschnippelt, dummerweise lugen des Meisters Sneakers und der Frisierumhang des Kunden oder der Kundin drunter vor, was solls, ab Montag haben Friseure sowieso wieder geöffnet, während die Infektionszahlen schon wieder steigen, weil frühlingsmäßige Temperaturen die Leute auf die Straßen und an die Flussufer locken, wo sie sich zusammenrotten und auf Abstand und Maskenpflicht pfeifen, der Mond, der große Schweiger, sagt zu dem ganzen Theater nichts, er ist

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