Babylonisches Deutsch

Die deutsche Sprache verändert sich.

Das kann jeder beobachten, der viel mit Menschen zu tun hat oder einfach mal ab und zu Talkshows sieht. Da geraten manch einem die vier Fälle ganz schön durcheinander, die Tage des bestimmten Artikels scheinen gezählt, und ein reicher Wortschatz kommt einem fast schon antiquiert vor …

Unter dem Einfluss der unter uns lebenden Migranten verschiedenster Nationen geht diese Entwicklung wahrscheinlich um einiges rasanter vonstatten als „früher“. Zum einen ist das nicht weiter verwunderlich. Wo Sprachvielfalt herrscht, herrscht mehr spielerische Kreativität im Sinne der gegenseitigen Anpassung. Das lässt sich schon an mehrsprachig aufwachsenden Kindern beobachten, die eher zu unkonventionellen Sprachgebilden, Neologismen etc., greifen als ihre rein muttersprachlich sozialisierten Spielkameraden. Zum anderen entsteht dadurch nicht unbedingt Verarmung, sondern zunächst mal Veränderung. Die auch keineswegs dauerhaft sein muss.

Vor dreißig Jahren hat man sich über Anglizismen aufgeregt, vor dreihundert Jahren über Gallizismen, die von den Vertretern der Sprachreinigungsbewegung als „Verwelschung“ des Deutschen empfunden und gefürchtet wurden. Vor fünfhundert Jahren wetterten Andreas Gryphius und Martin Opitz gegen die „Sprachverderber“, die ihrer Meinung nach mit lateinischen und spanischen Wortungetümen die teuschte Sprache verunstalteten (Dreißigjähriger Krieg).

Darüber kann man sich trefflich aufregen, man kann es aber auch bleiben lassen. Sprache lebt. Sie kümmert sich nicht darum, ob das irgendwem passt oder nicht. Sie atmet, sie internalisiert, was sich bewährt, und spuckt wieder aus, was für den längeren Gebrauch sinnlos ist.

Sprachhüter wollen etwas festhalten, das von Natur aus flüchtig ist und sich gar nicht festhalten lässt. Andere nehmen jede Veränderung mit Begeisterung auf und fangen im fortgeschrittenen Alter auf einmal an, in Vong-Sprache zu reden. Beide Haltungen sind meiner Meinung nach überflüssig.

Sprache führt ein Eigenleben. Sie entwickelt sich, allerdings nicht danach, wie es den Linguisten gefällt, sondern wie es sich für ihre Nutzer als vorteilhaft erweist. Vielleicht wird die deutsche Sprache gerade nicht unbedingt fehlerhafter, sondern einfacher. Das kann sich aber auch wieder ändern. Vielleicht wirkt sich die Vereinfachung, die vor allem in der gesprochenen Sprache zu beobachten ist, auch irgendwann deutlicher auf die Schriftsprache aus. Für den Rezipienten manches geisteswissenschaftlichen Textes wäre das nicht unbedingt von Nachteil. Die stellenweise künstliche Verquastheit von Wissenschaftssprache besonders im deutschsprachigen Raum ist ja genauso eine Fehlentwicklung wie die falsch angewandte Grammatik, dazu noch eine sehr absichtsvolle, denn sie hat definitiv exklusiven Charakter. (Man beachte, wie einem philosophischen Autor wie R.D. Precht immer wieder von Vertretern seiner eigenen Disziplin die gute Vermittelbarkeit seiner Bücher zum Vorwurf gemacht wird!)

Ohne Genitiv kann jeder, ohne den bestimmten Artikel auch. Das mag schade oder bedauerlich oder sogar ärgerlich sein, aber es ist offensichtlich das, was gerade nützlich und den kommunikativen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts angepasst ist. Übrigens hat man im Ruhrpott schon immer gesagt: „Ich geh getz im Bett!“

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Aufstehen

Samstag. Heute Abend bin ich wieder zu Hause, aber was ist zuhause?, für mich inzwischen ja auch längst B.N., weshalb ich eben zwei Zuhauses habe (und hier voll mal die Freiheiten der zweiten Rechtschreibreform ausschöpfe).

Gestern Abend im Bell’s von D. und M. verabschiedet. Donnerstag einen schönen Tag in Köln bei/mit L.und B. verbracht. Mittlerweile gut vorbereitet aufs „Amt“, manuskripttechnisch alles erledigt, good vibrations, Sonne, neuen Pullover von meinem Lieblingslabel an, jetzt noch Koffer packen und gegen Mittag fahren wir nach Tü.

„Aufstehen“ hat gestern ihren Gründungsaufruf versendet, Thesenpaper oder Grundsatzprogramm hätten wir es genannt, aber ein Programm ist es ja eben noch nicht. Jetzt sollten Ortsgruppen o.ä., jedenfalls was Konkretes daraus entstehen…

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Was ist ein Rebell?

Donnerstag, B.N. Idlib ist die letzte noch verbliebene Terroristen-Hochburg in Syrien. Bei den Terrortruppen, die die Stadt in ihren Fängen halten, handelt es sich um radikal-salafistische Al Qaida-Kämpfer. Jeden Tag hängen sie Menschen auf, deren Einstellung ihnen nicht passt, sei es, dass sie zu modern denken oder aber, dass sie pro Assad sind. Auch Andersgläubige werden in Idlib gehängt oder hingerichtet. Kleinen Mädchen wird die Vollverschleierung aufgezwungen, Frauen haben keine Rechte. Die Bevölkerung ist ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

‚Rebellen‘ nennen unsere Medien diese Terrortrupps, gerne auch ‚gemäßigte Rebellen‘. Und die sind jetzt irgendwie die Guten. Das macht die Bundesregierung, die Al Qaida einfach mal umwertet, ummünzt, mit neuem Etikett versieht – so wie Big Brother das in George Orwells 1984 ständig tut, um seine politischen Machenschaften vor der immer dümmer werdenden Bevölkerung als gerecht hinzustellen.

Die deutsche Regierung und die deutschen Medien wissen zwar, dass in Idlib überwiegend Al-Qaida-Terroristen am Werk sind, aber die sind immerhin gegen Assad. Und Assad muss weg, da ist sich der Westen ja einig. Deshalb ist Al Qaida jetzt nicht mehr so schlimm und deshalb stellt die BRD sich auch gegen die Befreiung Idlibs durch das syrische Militär mit Unterstützung Russlands. Merkel, bzw. ihr wackeres Sprachrohr Seibert behauptet allerdings, dass es ihnen um die Zivilisten der Stadt gehe, das soll die Haltung des Westens plausibel machen.

Da reibt man sich als Nachrichten-Guckerin die verschlafenen Äuglein. Al-Qaida  – waren das nicht diese schrecklichen Typen mit den wilden Bärten, gegen die die USA wirksam zu Felde zogen, als sie beispielsweise deren Oberboss und den Drahtzieher des Terroranschlages vom 11. September 2001 (3000 Tote), Osama bin Laden, öffentlichkeitswirksam hinrichteten?

Am 2. Mail 2011 war das. Da wurde der legendäre Islamisten-Anführer von US-Soldaten in Pakistan erschossen. Während das Kommando von Navy-Seal-Einheiten in der Nacht das Versteck bin Ladens erstürmte, saß der damalige US-Präsident Barack Obama zusammen mit Beratern, Militärs und seiner Außenministerin Hillary Clinton im „Situation Room“ des Weißen Hauses. Live beobachteten sie die Tötung des meistgesuchten Terroristen der Welt.

Wenn die damals schon gewusst hätten, dass Osama bin Laden in Wahrheit ein Gemäßigter … Haben sie ja eigentlich den Falschen erschossen … oder wie jetzt?

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Alchemist von Donnersmarck

Mittwoch, B.N. „Als Künstler ist man Revolutionär und Freiheitskämpfer“ – ich bin megagespannt auf Florian Henckel von Donnersmarcks neuen Film Werk ohne Autor, dem dieser Satz leitmotivisch zugrunde liegen soll. Anhand der Biografie von Gerhard Richter soll der Film thematisieren, wie sich private Traumata in ein Kunstwerk, in goldene Kunst, verwandeln können – ein Prozess, für den von Donnersmarck das wunderbare Wort ‚Alchimie‘ reanimiert hat.

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down and up and straight ahead

Dienstag, B.N. Und jetzt kommt dieses Loch. Wie jedesmal, wenn man mit einer großen Arbeit fertig ist. So ungefähr wie nach dem Staatsexamen… Die Literaturliste stand noch aus, die ist jetzt auch fertig.

Heute startet AUFSTEHEN.

Heute erstmal Mutterbesuch.

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Süß

Montag, B.N. In einem türkischen Gemüseladen frische Datteln als Süßigkeiten entdeckt. Sehr froh darüber, war auf dem besten Weg zur Schokosucht. Am liebsten esse ich Datteln mit Ayran.

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Angekommen

Sonntag, B.N. Heute Morgen einen politisch superkorrekten Traum gehabt. Hier die Schlüsselwörter: Champagnerglas, Badezimmer, Putzhilfe, Klassenbewusstsein, weiße Schürze, Angeberleben.

Gestern Abend spielte im Radio eine traurige Ballade, davon wurde ich zuerst trübsinnig, dann bekam ich den Moralischen. Mutter noch nicht besucht. Vorarbeiten fürs „Amt“ noch nicht mal angefangen. A. und St. nicht auf ihre so liebenswürdige E-Mail geantwortet …  . Und fängst du erstmal damit an, übernimmt ruckzuck dein Über-Ich und grast großflächig deinen kompletten Bewusstseinsboden nach sämtlichen kleineren und größeren Vergehen ab, lässt keine dunkle Ecke aus (brauchst du das?) und wird – klar doch! – immer fündig.

Dabei könnte ich sehr zufrieden sein mit mir. Habe ich doch meine ganzen schönen, langen Ferien fast ausschließlich dazu genutzt, dreihundert Manuskriptseiten noch einmal komplett durchzuarbeiten. Freitag abgeschickt – erstmal zu Marcel! (Erstmal zu Penny, Dann geht doch zu Netto, Scheißwerbeslogans, wird alles boykottiert.) Der, also Marcel, soll nochmal drüberlesen. Im Gegenzug habe ich seinen demnächst veröffentlichten 35-Seiten-Essay Der Radikale Konstruktivismus und seine Rezeption korrekturgelesen, eine echte intellektuelle Herausforderung.

Wie wichtig ist ein Buch? Für mich, im Moment, das Wichtigste.

Trotzdem gab es auch: Einen schönen Abend bei Familie B. aus der wunderbaren gleichnamigen Ahrweiler Gaststätte. Einen lebendigen Abend mit A. uns St., die ich noch nicht so gut kenne, aber jetzt schon mag. Einen lustigen Abend mit PMs Tochter und Freund. Einen durchgequatschten Mittag bei J., was eine Nachbarin von PM ist, und einen ganz irrlichterlichen Abend mit M. und D. in o.g. Gaststätte, wo M. sozusagen den abendlichen Schließdienst macht. Nachdem er durch Lichtausmachen alle Gäste raus hatte bis auf ein paar Jugendliche, die im Hintergrund noch irgendwie zugange waren, und wir die riesige Gaststube für uns alleine hatten, ließ PM seine gestreamte Musik laufen und wir tanzen zu viert. Zu dritt, M. verkrümelte sich an die Theke. Keiner beobachtete uns, wir konnten machen, was wir wollten. Tanzen, singen …

… und irgendwann standen wir alle an der Theke und träumten davon, eine Gaststätte zu übernehmen. Am besten gleich diese hier: D. und ich am Tresen, PM macht die Bedienung und M. überwacht die Technik. „Das wäre …“, „ich würde …“, „wir würden / könnten …“ Es lebe der Konjunktiv!

„Gib nochmal ein Weizen rüber, und für mich einen Birnenschnaps. Ist hier noch irgendwo Brot?“

Gegen zwei Uhr morgens geht’s durch die laternenbeschienen Altstadtgassen nach Hause mit einem guten Gefühl im Kopf und laufender Handymusik in PMs Jackentasche.

PM hat seinen Zweiwochenurlaub zuhause verbracht, weil er keine Lust hatte, alleine wegzufahren. Danke Dir, liebster PM!, nicht nur dafür.

Anfangs habe ich mal gedacht, ich sei entkommen. Jetzt merke ich, ich bin angekommen.

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Hans Georg Maaßen – V-Männer unter sich

Hätte die Polizei das Lkw-Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz  im Dezember 2016 verhindern können?

Hans Georg Maaßen, Chef des „Verfassungsschutzes“, sagt: Nein!

Er sagt auch: Es habe nie einen V-Mann im Umfeld des Breitscheidplatz-Attentäters Anis Amri gegeben. Er sagt das sogar immer wieder. Und belügt damit immer wieder den Bundestag bzw. den parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Fall Amri!

Tatsache ist:

  • Maaßen hatte sehr wohl einen V-Mann in Amris Umfeld eingesetzt (darüber wurde in verschiedenen Medien längst berichtet wie zum Beispiel bei RBB, bei ARD-Magazin Kontraste und auf Welt-investigativ-Blog),
  • der V-Mann besuchte dieselbe Moschee wir Amri,
  • die Sicherheitsbehörden hätten mit diesen Kenntnissen das Lkw-Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt mit zwölf Toten und zahlreichen Verletzten wohl verhindern können.

Was passiert mit einem Spitzenpolitiker wie dem Oberguru des „Verfassungsschutzes“, wenn er das Parlament anlügt?

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Rhetorische Unfähigkeit und bedrückende Langweiligkeit

Donnerstag, B.N. Während die Chemnitzer die Welt aus den Angeln heben, ist Merkel in Ghana und versucht Afrika zu retten. „Schöne Maid, hast du heut für mich Zeit“ spielt die ghanaische Militärkapelle für sie auf. Ja, hat sie, danach gehts weiter nach Nigeria. Der Bundespräsident besucht derweil eine Schule in Köln.

Sachsens CDU-Ministerpräsident Kretschmer und die Chemnitzer SPD-Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig suchen am Abend auf einer Großveranstaltung den Dialog mit der Chemnitzer Bevölkerung im sog. „Sachsengespräch“ – das einzig Richtige angesichts der aufgeheizten Stimmung in ihrem Bundesland. Leider stehen die beiden wie ein Schluck Wasser da vorne auf dem Podium des Chemnitzer Stadions mit ihrer geballten rhetorischen Unfähigkeit und ihrer bedrückenden Langweiligkeit – und Ahnungslosigkeit? Sie sind „entsetzt“, haben sie Hoyerswerda, Lichtenhagen, Mölln, Solingen, Heidenau, Köln … eben mal vergessen? Fassungslos hockt die Fernsehkonsumentin vor der Glotze. Ich merke, wie das Gelaber bei mir zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus geht. Kein Satz, kein Wort brennt sich ins Gedächtnis. Das ist wirklich bemerkenswert: Den Politikern fällt nichts zu sagen ein.

Immerhin gibt es einen Brennpunkt (ARD) zu dem Thema, sogar mit Live-Schaltung ins Chemnitzer Stadion. Brennpunkt-Moderator Robert Burdy (MDR) merkt an, dass ja nun niemand Steinmeiers gesalbten Worten (zur o.g. Kölner Schule) widersprechen könne, weil sie wohl wahr, aber schlichtweg inhaltsleer seien. Ich finde, das ist als Fortschritt zu vermerken, dass die Öffentlich-Rechtlichen sich direkt mal kritisch zu unseren Regierungsvertretern stellen …

Die Unruhen draußen gehen weiter: Demonstrant*innen von ProChemnitz, Rechtsradikale, Hooligans und waschechte Nazis, die die Gunst der Stunde nutzen und die Hand zum Hitlergruß heben, versus Gegendemonstrant*innen (in den Medien gerne als „Linke“ bezeichnet), die nicht zulassen möchten, dass ihre Stadt in Verruf gerät. Was der Aufmarsch mit dem ermordeten Chemnitzer zu tun hat? Wohl eher nichts. Der 35-jährige Familienvater mit kubanischen Wurzeln, der der Punk-Szene zugeordnet wird, hat im Leben ganz sicher nichts mit dem rechten Mob am Hut gehabt.

By the way erfahren wir, dass seine mutmaßlichen Mörder, ein 22 Jahre alter Iraker und 23 Jahre alter Syrer, als Tatverdächtige in Untersuchungshaft sitzen.

Der festgenommene Iraker ist nach Angaben des sächsischen Innenministeriums in Deutschland nicht geduldet. Damit widerspricht das Ministerium anderslautenden Meldungen. Nach den Unterlagen der Landesdirektion Sachsen sei noch ein Asylverfahren beim Bundesamt für Migration (Bamf) anhängig. Der Iraker lebe seit Oktober 2015 in Sachsen. Den ersten Antrag habe das Bamf im März 2017 als unzulässig abgelehnt. Rechtsmittel gegen diese Entscheidung seien aber erfolgreich gewesen, weshalb es ein neues Verfahren gibt.

Scheint also irgendwie sehr schwer feststellbar zu sein, warum der Mann überhaupt noch da ist. Ich stelle mir gerade vor, wie es wohl für die Frau des Ermordeten ist, von diesen ganzen Hintergründen zu erfahren …

Chemnitz und Berlin stehen in direktem Zusammenhang, auf mehrfacher Ebene. Wenn Merkel ihr Ding in Ghana erledigt hat, fährt sie dann vielleicht auch mal weiter nach Chemnitz.

Veröffentlicht unter 2018