Dienstag. Schon erstaunlich, wie die Journaille die Wutrede von Sasa Stanisic nachblökt, anstatt sich erstmal die Werke von Peter Handke vorzuknöpfen und Stanisics Anwürfe zu überprüfen. Oder haben die alle, die Schreiber*innen von FAZ bis taz, ihren Handke so direkt auf dem Schirm?Soweit meine Werk-Kenntnisse reichen, hat Handke das Massaker von Srebrenica nie gerechtfertigt oder befürwortet, geschweige denn geleugnet. Im Gegenteil hat er es als das schlimmste Massaker auf europäischem Boden nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Auch hat er es nach einem Gespräch mit Milošević abgelehnt, als Zeuge in Den Haag anzutreten. Jedenfalls, und das scheinen alle Dreckschmeißer vergessen zu haben (vielleicht
WeiterlesenKategorie: 2019
Es ist kompliziert
Dienstag. Europa zweifelt die völkerrechtliche Legitimation der türkischen Einmarschs gegen die Kurden in Syrien an. Die Zweifel gehen jedoch nicht so weit, dass die EU-Länder sich auf ein gemeinsames Waffenembargo gegen die Türkei einigen können. Zu sehr sitzt ihnen Erdogans drohende Menschenwaffe im Nacken: 3,6 Mio Flüchtlinge, die nur darauf warten, die türkischen Lager zu verlassen und sich auf den Weg, am liebsten nach Deutschland, zu machen.Die Kurden, die zum großen Teil als Staatenlose vor allem in Nordostsyrien leben, deren Milizen bis vor Kurzem noch mit alliierter Unterstützung der Anti-IS-Koalition den terroristischen „Gottesstaat“ IS erfolgreich bekämpft und zurückgedrängt haben und
WeiterlesenEntschleunigung
Sonntag. Aus dem Frühstück wird dann ein sechsstündiger Quasselmarathon. Meine zwei Mitbewohnerinnen, die ich Sediq und Lisa nenne, haben nicht nur Geschichten auf Lager, sie haben auch was zu sagen. Sie sprechen supergut Englisch, vor allem Lisa, und helfen mir auf sehr liebenswürdige Weise vokabelmäßig auf die Sprünge. Gegen Nachmittag überlegen wir, ob wir jetzt nahtlos zum Abendessen übergehen oder vielleicht doch noch was machen sollten. Wir entscheiden uns für Letzteres, haben auch wirklich keinen Hunger mehr und strecken die eingeschlafenen Glieder, bevor wir uns jede in ihr Zimmer verkrümelt. Ich schreibe mit einer Hand, was sehr langsam geht, und
WeiterlesenVereinigte Proletarier aller Länder
… gibt es ja irgendwie nicht mehr, und Roboter werden kaum ein Klassenbewusstsein entwickeln. Heute spricht man lieber vom Prekariat. Oder neuerdings vom Algorithmenprekariat. Dazu zählen zum Beispiel Regaleeinräumer bei Aldi / Lidl / Ikea. Was das Algorithmenprekariat kennzeichnet, ist die nach Computerprogramm zugeteilte und gemessene Arbeitsleistung. Es ist der Mann im Ohr, der ihnen sagt: Gehe jetzt zu Palette fünf und trage in Ebene 3. Danach gehe zu Palette 1 … Ihr Chef ist kein Mensch, sondern ein Chef-Algorithmus. Er allein bestimmt über Tempo und Toilettenpause, und wenn er keine Pause vorsieht, wird eben in die Flasche gepinkelt. Da
WeiterlesenUnd raus bist du
… ist das so wichtig, ob der Attentäter von Halle ein Einzeltäter ist oder irgendeiner rechtsradikalen Gruppierung angehört? Unsere Gesellschaft produziert Einzeltäter, weil sie sich immer weiter individualisiert. Nicht einmal mit der Kassiererin müssen wir demnächst noch ein überflüssiges Wort wechseln. Ausgerechnet IKEA („Lebst du noch oder wohnst du schon?“) plant in diese Richtung, dass der Kunde seine Waren selber einscannt und per online-banking zahlt. Unsere Gesellschaft besteht aus lauter Einzelwesen, die zunehmend weniger miteinander zu tun haben, zunehmend alleine vor sich hinleben und zunehmend alleine zurechtkommen müssen. Ohne jede soziale Kontrolle haben sie – wir – die besten Chancen,
WeiterlesenGeneral-Anzeiger Bonn
Freitag. Der General Anzeiger Bonn hat ein schönes Interview mit mir gemacht: https://www.general-anzeiger-bonn.de/region/ahr-und-rhein/bad-neuenahr-ahrweiler/hospiz-im-ahrtal-lesung-mit-juliane-vieregge-ueber-den-tod_aid-46389493
Weiterlesender Freitag
der Freitag hat ein schönes Interview mit mir gemacht: https://www.freitag.de/autoren/jan-c-behmann/wir-marionetten
WeiterlesenDie Tür zur Synagoge von Halle
Aus der Narkose erwacht und dank der Medikation fast keine Schmerzen an der frisch operierten Hand, lese ich erst am Abend im Smartphone von dem Zweifachmord in Halle. Wenn ich viele Quellen zusammennehme, ergibt sich für mich folgendes Bild:Ein Schwertbewaffneter in Kampfanzug und mit Stahlhelm versucht gegen Mittag, in die Synagoge einzudringen. Dort feiern gerade 70-80 jüdische Gemeindemitglieder Yom Kippur, was der Versöhnungstag, ähnlich unserem Buß- und Bettag, ist und der abschließende der zehn ehrfurchtsvollen Tage, mit denen das jüdische Jahr beginnt.Merkwürdigerweise steht die Synagoge von Halle nicht unter Polizeischutz. Ihre Tür hält aber auch so: Trotz selbstgebastelten Mollotow-Cocktails und
WeiterlesenStationäres Hospiz im Ahrtal – Lass uns über den Tod reden
Mittwoch. Interview im Blick aktuell: https://www.blick-aktuell.de/Berichte/Lass-uns-ueber-den-Tod-reden-413925.html
WeiterlesenGestern, heute, morgen
Dienstag. Die Tübinger kommen mit ihren eigenen Erfahrungen um die Ecke, sodass ich gar nicht viel lesen musste. Das war eine intensive Veranstaltung in der Begegnungsstätte Hirsch. Überhaupt ist der Hirsch eine fabelhafte Institution, nicht nur für Ältere. Das Publikum überraschend gemischt. Ein sehr offenes Publikum, zwei Männer erzählten von Todesfällen in ihren Familien, es flossen Tränen und es wurde gelacht, besonders, als ich aus dem Kapitel von Axel Nacke und dem Würstchenbudenbetreiber vom Eintracht-Braunschweig-Stadion vorlas.Meine neue Mitbewohnerin ist eine echte Bereicherung. Sie ist Physikerin. Sie denkt mit, was sich an Kleinigkeiten bemerkbar macht, z.B. wie sie meine etwas komplizierte
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