Die Tür zur Synagoge von Halle

Aus der Narkose erwacht und dank der Medikation fast keine Schmerzen an der frisch operierten Hand, lese ich erst am Abend im Smartphone von dem Zweifachmord in Halle. Wenn ich viele Quellen zusammennehme, ergibt sich für mich folgendes Bild:Ein Schwertbewaffneter in Kampfanzug und mit Stahlhelm versucht gegen Mittag, in die Synagoge einzudringen. Dort feiern gerade 70-80 jüdische Gemeindemitglieder Yom Kippur, was der Versöhnungstag, ähnlich unserem Buß- und Bettag, ist und der abschließende der zehn ehrfurchtsvollen Tage, mit denen das jüdische Jahr beginnt.Merkwürdigerweise steht die Synagoge von Halle nicht unter Polizeischutz. Ihre Tür hält aber auch so: Trotz selbstgebastelten Mollotow-Cocktails und

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Gestern, heute, morgen

Dienstag. Die Tübinger kommen mit ihren eigenen Erfahrungen um die Ecke, sodass ich gar nicht viel lesen musste. Das war eine intensive Veranstaltung in der Begegnungsstätte Hirsch. Überhaupt ist der Hirsch eine fabelhafte Institution, nicht nur für Ältere. Das Publikum überraschend gemischt. Ein sehr offenes Publikum, zwei Männer erzählten von Todesfällen in ihren Familien, es flossen Tränen und es wurde gelacht, besonders, als ich aus dem Kapitel von Axel Nacke und dem Würstchenbudenbetreiber vom Eintracht-Braunschweig-Stadion vorlas.Meine neue Mitbewohnerin ist eine echte Bereicherung. Sie ist Physikerin. Sie denkt mit, was sich an Kleinigkeiten bemerkbar macht, z.B. wie sie meine etwas komplizierte

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Freude im Herbst

Samstagmorgen. Mieterwechsel. Den Tag der deutschen Einheit habe ich genutzt, beide Gästezimmer samt Fenster und Balkon zu putzen, zusätzliches Bettzeug aus dem Keller zu holen und die Betten zu beziehen – diesmal kommen gleich zwei. Nachdem Dario wieder nach Venezuela abgezwitschert ist, ist meine Wahl auf eine Physikerin aus dem Iran gefallen – ich arbeite mich international durch. Bin sehr gespannt auf sie. Heute Nachmittag kommt sie an. Hoffe, dass es keine ideologischen Kollisionen gibt. Das andere Zimmer bekommt eine Pharmazie-Studentin aus Mainz, die am Montag direkt vom Bahnhof in die Uni rauscht und am Nachmittag mit ihrem Rucksack einigermaßen

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Einheitsjubiläum

Donnerstag. „Im Osten fand keine Entnazifizierung statt …“ – lese ich gerade in einem Social Media Post. Abgesehen davon, dass Entnazifizierung etwas anderes ist als die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, was hier wohl eigentlich gemeint ist, ließe sich zu der Behauptung so einiges anmerken.Einer meiner Vorfahren war Anwalt mit Spezialgebiet Entnazifizierung. Glaube bloß keiner, dass mit diesem Vorgang eine tiefergehende Gesinnungsprüfung einhergegangen sei! Wer den Persilschein bekam, war startklar für die Karriere in der BRD, aber der nationalsozialistische Virus war deshalb noch lange nicht ausgerottet – er saß tief und zudem gab es kaum einen, der damit nicht infiziert war. Dagegen hat

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Technik

Zufällig festgestellt: Unter „Texte und Einblicke“ ließ sich keine einzige Seite anklicken. Wie lange schon? Ich hasse diese technischen Ausfälle … sehr blöd … Alle Texte sind jetzt jedenfalls wieder online …

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Ach wie gut, dass niemand weiß –

Sonntag, B.N. Wir hören von der überwachungsstaatlichen Entwicklung in China und denken, Gott!, wie schrecklich, und gut, dass uns das nicht passieren kann! Bei den Chinesen scheint die digitale Technik als Herrschaftsinstrument längst Einzug gehalten zu haben in Gestalt der sog. Versager-App, die Gescheiterte, Verarmte, Ermüdete usw. kenntlich macht. Man bekommt zum Beispiel angezeigt, wer dem Staat noch Geld schuldet, und soll dann zu ihm hingehen und ihn „ermuntern“, seine Schulden zu begleichen. Wenn er es nicht tut, darf er nicht fliegen, sich nicht auf Dating-Foren anmelden, seine Kinder kommen nicht aufs Gymnasium und so weiter. Ein Belohnungs- und Strafsystem

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Die Augen des anderen

Freitag, B.N. Als Frau Lüllich vom gleichnamigen Geschäft mir demonstriert, wie man den Sarah-Pacini-Pullover tragen kann, als Rollkragenpulli mit Schlitz über einer Schulter, als V-Ausschnitt mit weggeklapptem Rollkragen, im Carmenlook über eine oder beide Schultern gezogen, so dass die BH-Träger rausblitzen, weiß ich schon: das ist mein Stück. Ein It-Peace zum Herumspielen, im Internet findet man so was nicht, das muss einem jemand – ein Mensch – zeigen. Und als ich in die Bahn steige, nach so langer Zeit mal wieder, weil PM die letzten Wochenenden mit seinem Vater in Eisenach beschäftigt war, da fühle ich mich großartig. Ich trage

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