Freitag, Kiel. Es ist die Zeit der stillen Feiertage. Zeit, über den Tod zu reden. Das Frauenmagazin Tina möchte über mein Buch berichten und eine längere Reportage machen. Am Spätvormittag rückt das Team an und holt mich ab, zuerst zum Olympiahafen nach Schilksee, dann an den Falckensteiner Strand: Fotos auf dem Steg, auf dem Deich, auf der Düne. Auf jeden Fall mit viel Wind und Strubbelhaaren, verdammt! Die supernette Caren Hodel führt das Gespräch, der supernette Fotograf Gunnar Geller checkt die Lage, macht die Fotogenehmigungen klar und schießt gefühlte zweitausend Bilder. Komplett durchgefroren, schlagen wir in der urigen Strandperle auf,
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Kiel
Dienstag, Kiel. Vor zwei Tagen angekommen – endlich mal wieder in Kiel. Das letzte Mal war ich 2016 hier, alles sehr vertraut und „mein“ Zimmer ist wieder mein Zimmer. Kurzversion: Jerome geht es noch schlechter als damals, Beret tut, was sie kann: Alles! Soweit die Eckdaten ihres gemeinsamen Lebens mit dieser zerstörerischen Krankheit. Gerade heute fällt auch noch die Pflegekraft aus, sodass nicht klar ist, ob Beret am Abend zur Lesung mitkommen kann. Seit Jahren leben die beiden in diesem Modus: Alles kann sich jederzeit ändern. Entscheidungen werden aus dem Augenblick heraus getroffen, der Blick in die Zukunft hat keinerlei
WeiterlesenLesung im Hospiz
Samstag, B.N. Der Veranstaltungsraum im Ahrtal-Hospiz ist gestern Abend erfreulicherweise bis auf den letzten Platz besetzt. Über 60 Zuhörer*innen sind gekommen. Ich sage ein paar einleitende Sätze zu der Bedeutung von B.N. als meiner zweiten Heimat und nenne natürlich auch den Grund: PM, der ja nicht unwesentlich zur Entstehung des Buches beigetragen hat. Das finden alle sehr interessant, nun wissen sie Bescheid. Zum ersten Mal in einer Lesung lasse ich mich auch ausführlich über Ilse Rübsteck aus, auf die ich am 1.1.2017 ja nur durch PMs Erzählung und Vermittlung gekommen bin. PM sitzt vorne, zusammen mit Axel Nacke – ein
WeiterlesenGlotze
Sonntag, B.N. Der Wiesbaden-Tatort mit Ulrich Tukur ist heute eine Mischung aus Tarantino, Western und Horrorfilm. Gleich die ersten Einstellungen zeigen, dass da etwas Besonderes im Gange ist: Das Licht ist weißlich antikisierend, die Kamera fokussiert sich auf Details wie den herabperlenden Schweißtropfen am Hals der Polizistin. Es geht blutig zu – ein Polizeimuseum wird von einem ganzen Heer rechtsradikaler Scharfschützen unter Beschuss genommen. Außerdem spielt ein zufällig dazugestoßener Kannibale eine Rolle, der, nachdem er auf die Seite der Guten gewechselt hat, herzhaft in die Hand eines Widersachers beißen darf. Von da an läuft er mit blutverschmiertem Mund herum. Überhaupt
WeiterlesenVolare – ein italienischer Abend
Samstag, B.N. Die singenden Wirte vom Volare
WeiterlesenBuchpreis und medialer Rufmord
Dienstag. Schon erstaunlich, wie die Journaille die Wutrede von Sasa Stanisic nachblökt, anstatt sich erstmal die Werke von Peter Handke vorzuknöpfen und Stanisics Anwürfe zu überprüfen. Oder haben die alle, die Schreiber*innen von FAZ bis taz, ihren Handke so direkt auf dem Schirm?Soweit meine Werk-Kenntnisse reichen, hat Handke das Massaker von Srebrenica nie gerechtfertigt oder befürwortet, geschweige denn geleugnet. Im Gegenteil hat er es als das schlimmste Massaker auf europäischem Boden nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Auch hat er es nach einem Gespräch mit Milošević abgelehnt, als Zeuge in Den Haag anzutreten. Jedenfalls, und das scheinen alle Dreckschmeißer vergessen zu haben (vielleicht
WeiterlesenEs ist kompliziert
Dienstag. Europa zweifelt die völkerrechtliche Legitimation der türkischen Einmarschs gegen die Kurden in Syrien an. Die Zweifel gehen jedoch nicht so weit, dass die EU-Länder sich auf ein gemeinsames Waffenembargo gegen die Türkei einigen können. Zu sehr sitzt ihnen Erdogans drohende Menschenwaffe im Nacken: 3,6 Mio Flüchtlinge, die nur darauf warten, die türkischen Lager zu verlassen und sich auf den Weg, am liebsten nach Deutschland, zu machen.Die Kurden, die zum großen Teil als Staatenlose vor allem in Nordostsyrien leben, deren Milizen bis vor Kurzem noch mit alliierter Unterstützung der Anti-IS-Koalition den terroristischen „Gottesstaat“ IS erfolgreich bekämpft und zurückgedrängt haben und
WeiterlesenEntschleunigung
Sonntag. Aus dem Frühstück wird dann ein sechsstündiger Quasselmarathon. Meine zwei Mitbewohnerinnen, die ich Sediq und Lisa nenne, haben nicht nur Geschichten auf Lager, sie haben auch was zu sagen. Sie sprechen supergut Englisch, vor allem Lisa, und helfen mir auf sehr liebenswürdige Weise vokabelmäßig auf die Sprünge. Gegen Nachmittag überlegen wir, ob wir jetzt nahtlos zum Abendessen übergehen oder vielleicht doch noch was machen sollten. Wir entscheiden uns für Letzteres, haben auch wirklich keinen Hunger mehr und strecken die eingeschlafenen Glieder, bevor wir uns jede in ihr Zimmer verkrümelt. Ich schreibe mit einer Hand, was sehr langsam geht, und
WeiterlesenVereinigte Proletarier aller Länder
… gibt es ja irgendwie nicht mehr, und Roboter werden kaum ein Klassenbewusstsein entwickeln. Heute spricht man lieber vom Prekariat. Oder neuerdings vom Algorithmenprekariat. Dazu zählen zum Beispiel Regaleeinräumer bei Aldi / Lidl / Ikea. Was das Algorithmenprekariat kennzeichnet, ist die nach Computerprogramm zugeteilte und gemessene Arbeitsleistung. Es ist der Mann im Ohr, der ihnen sagt: Gehe jetzt zu Palette fünf und trage in Ebene 3. Danach gehe zu Palette 1 … Ihr Chef ist kein Mensch, sondern ein Chef-Algorithmus. Er allein bestimmt über Tempo und Toilettenpause, und wenn er keine Pause vorsieht, wird eben in die Flasche gepinkelt. Da
WeiterlesenUnd raus bist du
… ist das so wichtig, ob der Attentäter von Halle ein Einzeltäter ist oder irgendeiner rechtsradikalen Gruppierung angehört? Unsere Gesellschaft produziert Einzeltäter, weil sie sich immer weiter individualisiert. Nicht einmal mit der Kassiererin müssen wir demnächst noch ein überflüssiges Wort wechseln. Ausgerechnet IKEA („Lebst du noch oder wohnst du schon?“) plant in diese Richtung, dass der Kunde seine Waren selber einscannt und per online-banking zahlt. Unsere Gesellschaft besteht aus lauter Einzelwesen, die zunehmend weniger miteinander zu tun haben, zunehmend alleine vor sich hinleben und zunehmend alleine zurechtkommen müssen. Ohne jede soziale Kontrolle haben sie – wir – die besten Chancen,
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