Samstag. Beim Einschlafen lese ich Das Trio von der unglaublich guten schwedischen Autorin Johanna Hedman. Auf der Terrasse liegt Barbara Noacks „Eine Handvoll Glück“, in Tübingens Straßen ausgesetzter Schmöker im Siebzigerjahre-Look. Und im Wohnzimmer erwartet mich Sally Rooney’s brandneues, seitenstarkes Werk Intermezzo, wenn ich mich abends am liebsten mit einem Kissen unterm Arm auf den Teppich lege. Ich schreibe viel und lese viel. In Thüringen sind gerade die erstaunlich langen Herbstferien, und ich habe unterrichtsfrei. Offensichtlich richte ich mich im Eskapismus ein. Anders sind Selenskis Forderungen nach immer neuen Waffensystemen („… dasselbe, was Israel bekommt!“), dem Rausschmiss von Lang und
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Alles gut
Montag. Ich schreibe. Wenn ich die Varianten eines Satzes oder Wortes gerade nicht zu entscheiden weiß, putze ich bei Radiomusik die Küche, hacke Unkraut aus meinem Beet oder gehe ins Städtchen auf die Post oder Sparkasse oder einkaufen. Manchmal treffe ich mich mit Leuten, die ich kennengelernt habe, zum Kaffee. Dann gehe ich wieder zurück und schreibe weiter, und das Satz- oder Wortproblem löst sich ganz leicht, wie wenn ein Nebel sich aus meinem Kopf verzogen hätte. So könnte ich hundert Jahre leben. Und bin ich ganz bei mir und glücklich. Und darf es auch sein: Meine liebe L. hat
WeiterlesenHeute pünktlich
Mittwoch. Lennart* wartet vorne auf mich. Lächelt vorsichtig und sagt: Ich bin heute pünktlich. Ich freue mich, dass du da bist, erwidere ich und freue mich wirklich. Lennart kommt in der Regel eine Stunde zu spät oder gar nicht. Wenn er dann da ist, sackt er in sich zusammen und hängt wie ein Schluck Wasser in seinem Stuhl. Er kann nicht anders. Seine Körperhaltung drückt die Überforderung aus, die ihn Tag für Tag erwartet. In letzter Zeit habe ich mich oft neben ihn gesetzt und die Aufgaben mit ihm zusammen gemacht. In seiner Muttersprache kann er nicht schreiben, auf Deutsch
WeiterlesenDynamisches Mindset
Donnerstag, im Zug. Die Sommerwärme ist zurück, golden herbstlich eingefärbt. Mein Auge ruht sich auf den vorbeiflitzenden Feldern aus, ich genieße die Vorfreude. Im Koffer brandneues Arbeitsmaterial und die legendären Eisenacher Canaches von Brüheim – nahrungstechnisch ist in jeder Hinsicht für die Schreibwerkstatt heute Abend vorgesorgt. Wenn der Zug nicht jetzt schon 100 min Verspätung hätte, wäre mein momentanes Mindset als uneingeschränkt positiv zu bezeichnen. So wächst die Befürchtung, dass ich den Termin nicht schaffe: die zweistündige Pufferzone ist bereits ausgeschöpft und das stets bösartige Überraschungspaket am Horror-Hbf Stuttgart steht noch bevor. Ich aktualisiere mein Mindset und erkenne die Notwendigkeit, Strategien
WeiterlesenFaschistin und Kriegstreiberin?
Samstag, Tübingen. Jährlicher Höhepunkt des Tübinger Stadtlebens: Der umbrisch-provencalische Markt! Mit A. und später auch noch mit M. durch die menschengeflutete Stadt gebummelt, Exotisches gegessen, viele Leute getroffen und viel gequatscht. Tübingen wird immer voller, bin ich gar nicht mehr gewohnt. Die unsägliche Frau Strack-Zimmermann muss zwei Niederlagen vor Gericht hinnehmen: Man darf sie nun offiziell als Faschistin (was sie natürlich nicht ist) und als Kriegstreiberin (was sie ist) bezeichnen. Das Urteil beruht auf der Meinungsfreiheit. Die Tatsache, dass die Massenmedien über den Fall schweigen, darf als Indiz für eine selektive Berichterstattung gedeutet werden. Wer sich dennoch auf die Suche
WeiterlesenAls Wessi im ostdeutschen Bildungssystem
Samstag. Eine Gesellschaftsanalyse, die mir die Augen öffnet: Andreas Petersen spricht in seinem Buch Der Osten und das Unbewusste aus, was bisher nur diffus meine Wahrnehmung tangiert hat. Das westliche Denken, Kunst und Kultur und damit auch die Sprache, sind durchdrungen von Freuds Theorie über die Psyche, über das Unbewusste, das Individuum mit seinen Trieben und Wünschen und Begehrlichkeiten und nicht zuletzt über die Tatsache, dass der Mensch „nicht Herr im eigenen Haus“ ist. Damit haben wir uns – im Interesse der individuellen und der gesellschaftlichen Heilung – intensiv auseinandergesetzt. Und uns daran abgearbeitet – alleine mit sehr viel Literatur
WeiterlesenDie Ironie des Lebens
Freitag. Abgesehen von der erstaunlichen Tatsache, dass Eisenach sich ein Cineplex-Kino mit fünf Sälen und feinster Ausstattung leistet, die wirklich keine Wünsche offenlässt (Liegesitze, Cocktails …), gibt es da die Arthouse-Reihe, in der gestern Abend ein ganz und gar erstaunlicher Film angelaufen ist: Die Ironie des Lebens, eine deutsche Produktion von Markus Goller und Oliver Ziegenbalg mit Uwe Ochsenknecht und Corinna Harfouch in den Hauptrollen. Mit dem wunderbaren Uwe Ochsenknecht und der wunderbaren Corinna Harfouch. Ein leiser Film, als Tragikomödie ausgezeichnet, und tatsächlich gibt es Momente, in denen mir der Hals eng geworden ist, und solche, die dich spontan rauslachen
WeiterlesenStandort
Donnerstag. Der Hamas-Überfall auf Israel war ein Radikalisierungsbeschleuniger, der nicht nur dem Land Israel, sondern auch der Bevölkerung in Deutschland zu schaffen macht. Wer Augen und Ohren offenhält, kann nicht umhin festzustellen, dass seit dem 7. Oktober ’23 eine Enthemmung der islamistischen Szene stattgefunden hat. Ihre Vertreter (in der Regel männlich) stellen sich viel vitaler und offen aggressiver dar als noch vor ein paar Monaten. So wird der Dreifachmord in Solingen von Sachverständigen als bisheriger Höhepunkt einer Entwicklung bewertet, die noch gar nicht absehbar sei. Darauf weist u.a. der gläubige Muslim und Islam-Experte Eren Güvercin am 28.08.24 bei Markus Lanz hin:
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