Corona Diary / Bad Days

Donnerstag, Himmelfahrt. Am liebsten den ganzen Tag eingerollt irgendwo rumliegen und Löcher in die Luft starren. Irrelevante Filme schauen, ohne was mitzubekommen. Das große weiße Rauschen in mir und draußen sowieso. Die Coronakrise holt das Schlechteste aus mir heraus. Das nehme ich ihr übel. Ich habe eine Seite, von der ich bislang nichts wusste. Und die ich nicht mag. Fragt sich, was am Ende dabei rauskommt…

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Corona Diary / Einfache Lösungen

Donnerstag, B.N. Man lernt jeden Tag dazu. Ich auch. Hieß es anfangs, die Schutzmasken bringen nichts, ist inzwischen nachgewiesen, dass das Tragen von Masken das Infektionsrisiko deutlich minimiert. Hieß es anfangs, bei jungen, gesunden Leuten nehme die Viruserkrankung einen leichten Verlauf bis zur Symptomlosigkeit, sehen wir jetzt Bilder von schwerstkranken jungen Patienten ohne Vorerkrankung auf den Intensivstationen dahinsiechen. Das macht betroffen. Das Virus schlägt Haken, es treibt Virologen zur Weißglut, es verschlägt profilierungssüchtige Länderchefs auf unverantwortliche Individualwege, es ist nicht so, wie wir anfangs dachten. Das Wissen muss täglich neu justiert werden. Damit haben wir ein Problem, Menschen bevorzugen einfache, verlässliche Lösungen. Dass ein Virologe wie Christian Drosten laut nachdenkt und die Unzuverlässigkeit des Coronavirus an die Öffentlichkeit kommuniziert, weil er ein differenziert denkender Wissenschaftler und keine populistische Flachzange ist, macht ihn angreifbar. Täglich erreichen ihn Morddrohungen und der geballte Hass einer Menge, die es gern simpler hätte.
Die USA zahlen den höchsten Preis in der Corona-Pandemie. Laut Statistik sind mehr als 80.000 Amerikaner*innen an den Folgen der Infektion gestorben, weltweit ist jeder dritte Coronatote Amerikaner. 30 Millionen Menschen sind arbeitslos, jedes fünfte Kind unter zwölf Jahren bekommt einer Erhebung der „Brookings Institution” zufolge seit Beginn der Coronakrise nicht genügend zu essen. Während Trump sich öffentlich kaum mit Maske zeigt und statt dessen lieber schwadroniert, er habe die Lage im Griff, haben US-Stars 115 Millionen Dollar für Bedürftige gesammelt, um die allergrößte Not zu dämmen.
Die Leute scharren mit den Füßen, ich gebe zu, ich auch mitunter. Ich habe es so satt: Den Fernunterricht, das menschenlose Stadtbild, die mangelnde face-to-face-Kommunitation, die Vorsicht, die Angst. Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits freue ich mich über die neuen Lockerungen. Dass die Kneipen unter Auflage wieder öffnen dürfen, dass ich zum Friseur gehen konnte, dass Hotels wieder Gäste empfangen, Ferien geplant werden können.
Mit einem Schlag hat sich auch das Stadtbild geändert. Leute stehen wieder beisammen – dichter, als sie dürfen, kaum die Hälfte trägt in der Öffentlichkeit Masken, man hört wieder Lachen und spürt Hoffnung.
Und dann die Bilder in den Nachrichten. Die Statistik, die keinen Anlass zur Beruhigung gibt. Im Gegenteil ist der Reprofaktor wieder auf 1,2 gestiegen. Die neue Lockerheit hat etwas Zwanghaftes. Die Ministerpräsidenten überbieten sich, in NRW werden unter Laschet gar die Freibäder wieder geöffnet. Fragt sich, warum? Geht es hier um ein Beliebtheitsranking bzw. wer der nächste Bundeskanzler wird oder um die Gesundheit der Bevölkerung? Man traut der Sache nicht. Ich jedenfalls würde in kein Freibad gehen. Auf der anderen Seite bleiben die Kitas geschlossen, die Schulen mühen sich mit einem reduzierten und stark reglementierten Unterrichten ab, Hochzeiten, Konfirmationen etc dürfen nicht gefeiert werden. Wie passt das denn zusammen?
Merkel ermahnte Anfang der Woche die Bürger*innen aller Bundesländer, sich trotz der jüngsten Lockerungen an die Grundgebote der Coronakrise zu halten: Abstand halten, Atemschutz tragen!
So sachlich sie ihre Forderungen vorbringt, kann sie eine neue Bewegung nicht aufhalten: Die sog. Coronaskeptiker (wobei allein die Bezeichnung schon Unsinn ist) stellen eine bizarres Konglomerat aus Verschwörungstheoretikern, Lockdown-Gegnern, Reichsbürgern, Impfgegnern, Rechtsradikalen, vielleicht einfach chronisch Unzufriedenen. Natürlich mischt die AfD auch mit, bietet sog. „Coronaspaziergänge“ an, man begrüßt sich demonstrativ mit Handschlag & Umarmung, jeder habe schließlich das Recht auf Bewegungs-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit.
Anfangs rieb man sich noch die Augen, inzwischen schürt dieses aus dem Boden gestampfte Bündnis von Maßnahmengegnern mit seinem massiven Auftreten im gesamten Bundesgebiet zusätzlich Angst. Dank der AfD wabern totgeglaubte Schlagworte wie „Finanzjudentum“ und „Weltmacht“ durch die dumpfen Gehirne dumpfer Massen, die Coronakrise scheint irrationale Ideologien zu befeuern: „Corona ist Fake!“ oder „Die Pandemie wurde geplant!“ – von wem auch immer, da gehen die Meinungen nun ziemlich auseinander: Von China, von der Pharmaindustrie, vom Weltjudentum, von Bill Gates, von irgendwelchen NGOs.
Sogar eine Coronaskeptiker-Partei wurde gegründet: „Widerstand 2020“, unter anderem von dem Sinsheimer HNO-Arzt Bodo Schiffmann. In Stuttgart steckt der 45-jährige IT-Unternehmer Michael Ballweg mit der von ihm ins Leben gerufenen Initiative Querdenken 711 hinter der Bewegung. Sein vorgebliches Ziel: Die Verteidigung der Grundrechte. Ballweg macht Polizisten wie Landespolitikern das Leben schwer, indem er Demos für 5000, 50000 oder gar 5000000 Menschen anmeldet. Sie erhalten zunehmend Zulauf. Neue Anführer wie Schiffmann und Ballweg argumentieren sehr schlicht: „Wir für das Grundgesetz!“
Wer wollte da widersprechen?

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Corona Diary / Spielregeln

Sonntag, B.N. Vernon Subutex von Viginie Despentes ist erst nach 50 Seiten zu ertragen, bis dahin stolpert und holpert man durch das Elend der Vorgeschichte, und ab S. 50 ist es zwar auch ein Elend, aber eins der literarischen Meisterklasse: Der soziale und finanzielle Crash eines aus der Gesellschaft Gefallenen, der Unterschlupf sucht und dabei den am Rand des Abgrunds vor sich hin agierenden und palavernden Kaputtnicks einer moralisch verkommenen, verlogenen, zutiefst verunsicherten Gesellschaft begegnet. Beziehungsweise ihnen auf die Nerven fällt, das Leben geht weiter und die Spielregeln haben sich unwiderruflich geändert.
Gestern in Eisenach gewesen. Den guten Beelitzer Spargel mitgebracht und auch sonst noch ein paar Sachen aus dem Regal mit den Thüringer Specials. Wir haben auch wieder ein Haus angeschaut, eins, das erst noch gebaut werden muss, und der Finanzexperte sitzt gleich dabei, alles ganz easy, no Problem. Später rücken Tini und Asse uns bei einem Glas Sekt auf ihrer Traumterrasse mit Blick über das Johannistal den Kopf gerade, und als wir wieder zuhause in B.N. sind, schmeißt PM die ganzen schönen Hochglanzprospekte ohne ein Wort in den Papierkorb. Wir haben keine Lust auf Bauen. Mir reicht ein Mal, und PM ist froh über alles, was er nicht machen muss. Er hat ja seine Klinik. Was wird nun? Erstmal Corona, danach sehen wir weiter.
Heute Besuch von PMs Kindern – man darf sich jetzt wieder versammeln: Mit direkten Verwandten, Geschwistern und deren Nachkommen und Lebenspartnern oder Angehörigen eines weiteren Haushalts oder zusätzlich vier Personen.
Es gibt nur ein Thema. Das Virus lässt sich nichts vormachen, es bestimmt die Spielregeln selbst an so einem doch eigentlich schönen Abend. Sehr beunruhigend: Bisher galten Ältere als besonders gefährdet, jetzt greift es, in einer etwas anderen Erscheinungsform, Kinder und Jugendliche an. Mit schwersten Verläufen, sehr oft tödlich. Etwas Apokalyptisches liegt in der Luft, Pandemie als Weltgericht und so weiter … kein Wunder, dass so viele darüber nachdenken, wie die Gesellschaft sich „nach Corona“ verändern wird.
Verändern soll?

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Peinliches Deutschland

Samstag, B.N. Manchmal ist es peinlich, Deutsche zu sein.
Zum Beispiel jedes Jahr wieder am 8. Mai, dem „Tag der Befreiung“ oder „Tag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht“ oder „Tag der Beseitigung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ – der Tag hat bei uns nicht mal einen richtigen Namen. Und das, obwohl Richard von Weizsäcker schon 1985 dazu aufrief, ihn als „Tag der Befreiung“ in seiner historischen Bedeutung zu würdigen.
Während Russland den 9. Mai als Tag des Sieges feiert und seinem diesjährigen 75. Geburtstag eine coronabedingte Luftparade widmet, um der Befreiung der Welt vom Nationalsozialismus ein Denkmal zu setzen, legt Kanzlerin Merkel einen Kranz an der Zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft nieder. Und Bundespräsident Steinmeier hält eine Rede, in der er sich mit den üblichen Textbausteinen in der üblichen Betroffenheitsrhetorik übt, anstatt ein Zeichen zu setzen. Ganz im Gegenteil sogar: Die Einladung Moskaus, an ihrer Feier teilzunehmen, hat die Bundesregierung schlichtweg ignoriert. Und Präsident Putin damit einmal mehr vor den Kopf gestoßen.

„Mich hat empört, dass man auf die Einladung Russlands, an der Gedenkfeier teilzunehmen, überhaupt nicht reagiert hat. Man hat weder Ja noch Nein gesagt, offensichtlich auch bis zum Schluss nicht“, benennt der Historiker Götz Aly das geschichtsklitternde Verhalten der Berliner Politik: „Putin ist [schon] nicht zum D-Day eingeladen worden, er ist nicht eingeladen worden zur Befreiung von Auschwitz, sondern ausdrücklich ausgeladen worden. Das sind Akte, die sich nicht einfach gegen Putin richten, sondern gegen die gesamte russische Bevölkerung.“
Diese kann die ca 27 Millionen Toten, die sie nach dem zweiten weltweiten Wahnsinnskrieg zu betrauern hatte, ganz gewiss auch 75 Jahre danach nicht vergessen. Keine einzige Familie, die nicht davon betroffen war. Wir als Deutsche haben diese Toten mitverschuldet, auch wenn die 2. und 3. nachfolgende Generation sich durch die Gnade der späten Geburt (H. Kohl) vermeintlich rein gewaschen fühlt. Nicht zu vergessen, dass das Land von den Wehrmachtssoldaten im schwersten Raub- und Eroberungskrieg, den es in der Weltgeschichte gegen Osteuropa gegeben hat, ausgeplündert wurde.
Mit dem Begriff des „Untermenschen“ versuchte der Nazistaat seinen Einmarsch zu legitimieren: Als im Sommer 1941 die Wehrmacht in die Sowjetunion einfiel, veröffentlichte Heinrich Himmler eine Broschüre mit dem gleichnamigen Titel. Das Heft sollte Wehrmachtssoldaten wie die deutsche Bevölkerung zum Hass gegen die Völker der Sowjetunion aufstacheln. Es fand enormen Anklang und sorgte für eine Art Gehirnwäsche in den Köpfen der sich überlegen wähnenden Deutschen: Nicht nur Juden, Schwarze, Zigeuner, Homosexuelle und Asoziale galten demnach als minderwertige Lebewesen, die der deutschen Herrenrasse das Wasser nicht reichen konnte. Auch der „typische russische Bolschewist“ (so Alfred Rosenberg in: Der Mythus des 20. Jahrhunderts, 1930) wurde als Vertreter der Untermenschengattung abgestempelt.
Erinnere ich mich aus reinem Zufall gerade heute an die früher immer wieder kolportierte Geschichte von den Russen und der Klospülung? Demnach schraubten die Russen nach der Befreiung – in meiner Generation nur als Niederlage kommuniziert – die Klospülungen aus den von ihnen geräumten Häusern, um sie woanders wieder anzuschrauben. Und die Welt nicht mehr zu verstehen: Kein Wasser kam aus dem Kasten, da konnten sie noch so sehr an der Strippe ziehen! Diese Geschichte wurde uns von unseren feixenden Lehrern erzählt. Wir fanden sie damals schon grenzwertig – GSD! Die Historie hatte uns – die 2. Generation – bereits ein wenig klüger gemacht.
Jetzt sollen wir wieder dümmer werden. Russland als der Aggressor, der uns mit Trollen unterwandert, Kriege anzettelt – im Gegensatz zu den friedliebenden USA – und sogar – unerhört! – Italien seine Hilfe angeboten hat im Kampf gegen das Coronavirus! Warum, das weiß ja jeder: Aus Propagandazwecken.
Während Deutschland Anfang März zeitweise Exportstopps für Material wie Atemschutzmasken, Schutzanzüge und -brillen verhängt hatte, als Rom um Hilfe rief, schickten zuerst China, dann Russland und Kuba Flugzeuge mit medizinischen Geräten und Personal. Ende März, zur Zeit der Landung der ersten deutschen Rettungsflüge für Corona-Patienten in Italien, hatte sich das Klischee vom „hartherzigen Deutschen“ oder vom „deutschen Oberbuchhalter“ bereits über Wochen verfestigt. Ja, und das ist auch so eine Peinlichkeit.
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Corona Diary / Das Virus und der Kampf-Jet

Sonntag. Während ein Virus namens COVID 19 gerade die ganze Welt in eine globale Interessen- bzw. Leidensgemeinschaft verwandelt, ordert Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bei ihrem US-Amtskollegen Mark Esper 45 F-18-Jets des amerikanischen Herstellers Boing als Ersatz für die altersschwachen Tornado-Jets der Bundeswehr.
Offensichtlich hat sie die Gunst der Stunde genutzt. Alle Welt starrt auf die Coronakrise, AKK schafft Tatsachen.
Die US-Kampfbomber wären dann wie bisher die Tornado-Maschinen in der Lage, in Deutschland stationierte US-Nuklearwaffen zu tragen. Sie würden weiterhin – wie das im Fachbegriff heißt – die nukleare Teilhabe Deutschlands in der NATO gewährleisten. Konkret: Deutsche Pilotinnen und Piloten würden im Kriegsfall US-amerikanische Atomwaffen von deutschen Stützpunkten auf feindliche Ziele abwerfen.
AKK hat die Entscheidung wohl im Alleingang, am Koalitionspartner SPD vorbei, getroffen. Allen voran zeigt sich Jörg Mützenich, Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag, brüskiert. Er nämlich fordert den Abzug von US-Atomwaffen aus Deutschland. Warum er damit einen heftigen Koalitionsstreit auslöst, zeigt vor allem die Doppelbödigkeit politischer Vereinbarungen.
Hatte der Bundestag sich nicht schon 2010 für einen Abzug der amerikanischen Atomwaffen von deutschem Boden ausgesprochen? Offiziell setzt sich die Bundesregierung für eine atomwaffenfreie Welt ein. Deutschland ist Mitglied des nuklearen Nichtverbreitungsvertrages, der Deutschland den Besitz von Atomwaffen verbietet. Auch wenn die US-Atomwaffen nicht in deutschem Besitz sind, wäre doch jeder Einsatz ein Verstoß gegen diesen Vertrag.
Weshalb also die Anschaffung der 45 Mehrzweckkampfflugzeuge? Weshalb die Bedeutung von Nuklearwaffen stärken, entgegen den internationalen Vereinbarungen? Und weshalb ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Nationen zusammenrücken könnten im Kampf gegen einen gemeinsamen, natürlichen Feind, COVID 19?
Die Gelegenheit ist so günstig wie nie, über Sinn und Zweck von Atomwaffen im Allgemeinen und US-Atomwaffen in Deutschland im Besonderen nachzudenken. Nichts anderes will Mützenich:
„Es wird Zeit, dass Deutschland die Stationierung zukünftig ausschließt“, sagt der SPD-Politiker dem Tagesspiegel am Samstag. Dies würde auch ein Ende der Vereinbarung über die sogenannte nukleare Teilhabe Deutschlands in der NATO bedeuten. Doch deren Fortführung steht für die CDU/CSU-Fraktion außer Frage. Nukleare Abschreckung scheint für sie gleichbedeutend mit Sicherheit zu sein.

Vor einem Monat hat UN-Generalsekretär Antonio Guterres zu einem globalen Waffenstillstand aufgerufen:

„Unsere Welt steht vor einem gemeinsamen Feind: COVID 19.
Das Virus macht keinen Unterschied zwischen Nationalität oder ethnischer Zugehörigkeit, Gruppierung oder Glauben. Es greift alle an, unerbittlich.
Währenddessen wüten bewaffnete Konflikte auf der ganzen Welt.
Die Schwächsten – Frauen und Kinder, Menschen mit Behinderungen, Marginalisierte und Vertriebene – zahlen den höchsten Preis.
Sie sind auch am stärksten gefährdet, verheerende Verluste durch COVID-19 zu erleiden.
Wir dürfen nicht vergessen, dass in den vom Krieg verwüsteten Ländern die Gesundheitssysteme zusammengebrochen sind.
Die ohnehin schon wenigen Gesundheitsfachkräfte sind häufig betroffen.
Flüchtlinge und andere durch gewaltsame Konflikte vertriebene Personen sind doppelt gefährdet.
Die Wut des Virus veranschaulicht den Irrsinn des Krieges.
Deshalb rufe ich heute zu einem sofortigen globalen Waffenstillstand in allen Teilen der Welt auf.
Es ist an der Zeit, bewaffnete Konflikte zu beenden und sich gemeinsam auf den wahren Kampf unseres Lebens zu konzentrieren.
Den Kriegsparteien sage ich:
Ziehen Sie sich aus den Feindseligkeiten zurück.
Legen Sie Misstrauen und Feindseligkeit beiseite.
Bringen Sie die Geschütze zum Schweigen; stoppen Sie die Artillerie; beenden Sie die Luftangriffe.
Das ist entscheidend:
Hilfe bei der Schaffung von Korridoren für lebensrettende Hilfe.
Um wertvolle Fenster für die Diplomatie zu öffnen.
Hoffnung an Orte zu bringen, die zu den am stärksten von COVID-19 bedrohten gehören.
Lassen wir uns von Koalitionen und Dialogen inspirieren, die sich langsam zwischen rivalisierenden Parteien bilden, um gemeinsame Ansätze gegen COVID-19 zu ermöglichen. Aber wir brauchen noch viel mehr.
Wir müssen die Krankheit des Krieges beenden und die Krankheit bekämpfen, die unsere Welt verwüstet.
Es beginnt damit, dass wir die Kämpfe überall stoppen. Und zwar sofort.
Das ist es, was unsere Menschheitsfamilie braucht, jetzt mehr denn je.“

Atomwaffen, Waffen überhaupt, tragen nichts zur Lösung der Menschheitsprobleme bei. Sie haben keine Bedeutung mehr. Sie gehören dem antiquierten Universum des alten weißen Mannes an. Sie sind oldschool, aus und vorbei. Dagegen wäre ein Verzicht auf die F-18-Kampfjets ein der Zeit angemessenes Signal für eine ernsthafte Debatte über weltweite atomare Abrüstung, über ein globales Miteinander, über Frieden auf der Welt.

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Corona Diary / Rituale

Samstag. 1. Mai hieß für mich immer, man zieht jetzt bis zum 1. September keine Strümpfe mehr an, lackiert sich die Zehennägel im angesagten Rouge Noir von Chanel und holt die neu geshoppten Sandaletten aus dem Karton – zur Mai-Kundgebung auf dem Marktplatz, wo man sieht und gesehen wird. Das alles ist dieses Jahr ausgefallen. Keiner sieht keinen, und entsprechend sehen die Leute irgendwie nachlässig bis direkt verwahrlost aus. Die Friseure haben seit sechs Wochen geschlossen, daran hat man sich inzwischen gewöhnt. Der immer schnittig frisierte Boris Palmer hat seine Haare abrasiert und trägt seinen Stoppelschädel durch die Talkshows, bei den Frauen werden die grauen Haaransätze breiter und die Kurzhaarschnitte wachsen über die Ohren, hey!, hat einen das je, in einem anderen Äon, gestört? Die meisten Leute arbeiten im Home Office, für wen sich da groß aufpeppen? Vor die Tür geht man nur, um den Briefkasten zu leeren oder das Auto bzw. das Fahrrad aus der Garage zu holen oder zum Einkaufen bei Rewe. Die Nachbarn schlurfen in Jogginghosen und ausgewaschenen Shirts ums Haus, man selbst sieht auch nicht viel besser aus. Sogar im Schuhgeschäft tragen die sonst so aufgestylten Verkäuferinnen bequeme Latschen, sie wirken entspannt und runtergefahren. Ich hole nach, was ich zum 1. Mai nicht geschafft habe – rote Sandalen von Unisa. Wir quatschen und lachen ohne Mundschutz, eigentlich dürfte immer nur eine Kundin in den kleinen Laden, doch schließlich stehen wir zu viert beieinander, wofür wir Strafe zahlen müssten, wenn jetzt die Kontrolleure kämen, und tauschen unsere Corona-Erfahrungen aus.
Am Mittag kommt PM. Wir bestellen Essen bei Gabriel. Er hat auf Lieferservice umgestellt, das Meze liegt traurig und abgedunkelt da, wie alle anderen Gaststätten auch. Er reicht uns die Tüte mit Hähnchen-Pita und griechischem Salat über die Barriere im Eingang, für PM stellt er noch zwei Flaschen griechisches Bier dazu, wie immer das rote, das hat er sich gemerkt.
Alle Welt rätselt, wie sich die Welt nach Corona verändern wird. Nach Corona – allein daran zu denken tut gut.

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Corona Diary / … erkämpft das Menschenrecht

Freitag. Trübsinnigster 1. Mai meines Lebens. Keine Kundgebung, kein Marktplatz, keine Internationale. Nur am Abend Spaziergang mit Mecki als Tages-Highlight. Mecki ist tierisch erbost über die staatlichen Corona-Vorgaben, respektive Kontaktsperre und Versammlungsverbot, die sie als Eingriff in ihre bürgerliche Freiheit empfindet und durch die sie ihre Menschenwürde aufs Spiel gesetzt sieht.
Manchmal wäre sie froh, wenn sie sich infizieren würde, sagt sie. Dann könnte sie die Fesseln der behördlichen Maßnahmen endlich abwerfen. Sie mailt ununterbrochen Petitionen an Jens Spahn und Susanne Eisenmann. Sie beantragt die Öffnung aller Einrichtungen, insbesondere des „Amtes“. Aber auch noch vieles mehr. Kurzum: Sie beantragt die Wiederbelebung des öffentlichen Lebens.
Einer unserer Kollegen musste gestern unverzüglich das „Amt“ verlassen und darf es auch nicht mehr betreten – auf unbestimmte Zeit. Begründung: Als Herzkranker gehöre er zur Risikogruppe.
Da siehst du es, sagt Mecki, die dazugekommen war, als er gerade seinen Schrank ausräumte. Die totale Entmündigung! Als könnte er das Risiko nicht selbst abwägen.
Diskriminierung oder Schutz? Sehr schwer, sich eine Meinung zu bilden. Auf der einen Seite die persönliche Freiheit der Gesunden oder derer, die sich für gesund halten, auf der anderen Seite die furchtbaren Krankheitsverläufe mancher Infizierter mit Langzeitfolgen oder gar Tod –
Kann man Menschen zu ihrem Schutz zwingen? (Ich will doch nur dein Bestes …)
Habe heute viel gearbeitet. Morgen kommt PM. Manchmal kommt mir alles so weit weg vor. Nur ich und meine Bude und die Arbeit, schrumpeldipumpel, der Saft ist raus, das Leben ist wie Dörrobst.

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Corona Diary / Gesammelte Worte

Donnerstag. Wer über Lockerungen der Corona-Maßnahmen nachdenkt, muss auch darüber nachdenken, wie viele Tote das kosten darf. (Prof. Lothar H. Wieler, Präsident Robert Koch-Institut). So einfach, so brutal ist die Rechnung.

Man hat kein Ewigkeitsgefühl mehr. Das brauchst du aber, um kreativ zu sein. Sagt Susanne.

Nichts macht mehr Spaß, sagt Tobi.

Ich kenne da einen, der hat dein Buch fast auswendig gelernt. Er will von dir wissen, warum es ihn so bewegt. Seinen Namen sag ich dir noch nicht, er ist ein Hidden Champion unseres Landes. Vielleicht sogar einer für dein nächstes Projekt? Sagt Christiane.

Wow! Da trifft man jemanden auf der Straße, und schon geht es weiter. Es gibt doch noch schöne Momente in dieser trüben Zeit, das sollte man nicht vergessen.

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Corona Diary / Masken und Müll

Dienstag. Niemand da. Im leergefegten „Amt“ hallen meine Schritte nach. Saubere Gänge, saubere Toiletten, nur ein paar Leute vom Leitungsteam hocken vereinzelt in ihren Büros hinter weit geöffneten Türen. Alles anders als sonst. Wir schielen uns über unsere Atemschutzmasken an – Woher hast du die? Wow, die nähen welche? Hätte auch gern eine davon – und freuen uns. Ah, ein Mensch, was für ein schöner Anblick. Hallo!, wie geht’s? Toller Rock! Kommst du klar? Na ja, geht so. Meine Unsicherheit in Sachen Arbeiten in Coronazeiten – deswegen bin ich hier – wird mir ganz schnell genommen. Ich mache alles richtig. Echt? Super! Das hört man ja gerne. Es gibt keine Regeln, alle eiern vor sich hin, vom Wunsch getrieben, helfen zu wollen, die Lage zu checken, den eigenen Standort zu checken. Eine Pädagogin vor einem leeren Klassenzimmer – das ist definitionsbedürftig. Die Tische sind weit auseinander gestellt, ab nächste Woche sitzen hier immer zwei halbe Klassen nebeneinander, man muss also hin- und herspringen, oh yeah, das wird lustig. Ausgedünnter Betrieb: nur die Kursstufe, nur die Hauptfächer. Der Rest wird weiterhin online vermittelt.
Anschließend habe ich das dringende Bedürfnis nach Stadt. Ich bummle durch halbleere Straßen, durch leere Geschäfte.
Alle reden davon, was die Krise mit der Gesellschaft macht und was sich danach ändern wird. Ich glaube, das einzige, was sich ändert, ist unser Konsumverhalten. Keiner braucht was, ich auch nicht. Wir haben alles. Im Gegenteil, die Leute misten aus und räumen auf. Vor vielen Hauseingängen stehen Kisten mit ausrangierten Sachen, man kann sich was mitnehmen oder feststellen, dass man ganz Ähnliches auch gerade rausgestellt hat.
Beim Wässern meiner Balkonpflanzen ärgere ich mich über das abgebrochene Verbindungsstück zw. Schlauch und Wasserhahn. Zum Glück habe ich vorhin Sekundenkleber gekauft und hoffe nun, dass die geleimte Stelle eine Weile hält. Das abgebrochene Stück ist mit dem Schlauch verschweißt, unter Umständen hätte man also das ganze Trumm weggeschmissen und einmal mehr dazu beigetragen, die Erde mit unserem Wohlstandsmüll zu überziehen. Wegen eines einzigen, kleinen Fehlers. Das ist der gewollte Unsinn unseres Systems, das sollte sich ändern.

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