Generationenschuld

Weihnachten ist ein Fest der familiären – der mütterlichen – Bilanz.
Gestern sagt meine Mutter mir am Telefon, sie sei als Kind immer überflüssig gewesen. Ihre Mutter habe sie nicht gebrauchen können. Ich frage, wieso, und ob ihre Mutter lieber malen wollte? Meine Oma war die Postkarten-, Portrait- und Porzellanmalerin Olga von Alt-Stutterheim, Schwester des Trickfilmers Wolfgang Kaskeline, der solche Sachen wie den Sarotti-Mohr und die Fleurop-Blume hervorgebracht hat. Auch ich sehe meine Oma immer malend vor mir, an ihrem Schreibtisch sitzend und vom Geruch nach Temperafarben und Lösungsmitteln umhüllt (als Enkelin fand ich das superaufregend).
Ja!, sagt meine Mutter nur. Da bekomme ich einen Schrecken. Ich wollte, ich will auch immer schreiben. Nur schreibend verstehe und bewältige ich das chaotische, überfordernde Leben. Vermutlich war es bei meiner Oma genauso, bloß dass die kreative Ausrichtung eine andere war. Meine Mutter sagt: Sie hatte ja schon zwei Söhne. Auf die war sie wohl mächtig stolz, hat sie mit Prinzenfrisuren portraitiert, den Kriegstod des einen hat sie nie verwunden (wie auch?). Er, der Ältere, war im Alter von zwölf Jahren in eine Kadettenschule gesteckt worden. Wahrscheinlich hatte sie Schuldgefühle ohne Ende. Meine Mutter hat ihr dabei assistiert, hat ihr mit ihrer Bewunderung und lebenslangen Verehrung die Schuldgefühle zu ertragen geholfen, bis über den Tod hinaus, bis auf den heutigen Tag.

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Weihnachtsangst

Montag. Irgendwie ist Weihnachten immer mit Ängsten verbunden, mit einem schweren Herzen (typisch deutsch?) und dazu diese penetrante innere Strichliste, die ständig kürzer und dann doch wieder länger wird, je näher das Fest rückt. Seit Wochen gehen die Vorbereitungen, meine Wohnung ist umgerüstet, die Generationen alten Dekorationen stehen, der Baum steht auch, mein lieber Freund und Nachbar W. ist extra dafür am Freitag mit mir zum Toom gefahren. Gestern haben Sediq und T. ihn geschmückt. Darauf hat sich Sediq schon die ganze Zeit gefreut. Sie ist gespannt auf ihr erstes deutsches Weihnachten, aufs Essen, auf L. und B., die sie noch nicht kennt. Mit T. versteht sie sich gut, er war in letzter Zeit ein paar Mal da zum Chillen, was – wie schön – bei Muttern bestens funktioniert.
Die Hauptgang ist vor allem dank PM fertig. Der Rieseneinkauf ist dank PM auch fertig. Heute stehen noch die Suppe und die Nachspeise an, Geschenke verpacken, Lisas Zimmer richten für die Kölner, letzte Einkäufe …
Lisa ist schon nach Hause gefahren, sie wird wohl nicht mehr lange hier wohnen. Sediq leider auch nicht. Im Februar kommt ihr Freund aus dem Iran und sie ziehen zusammen. Hier um die Ecke hat sie eine Wohnung gefunden, wir können uns also weiterhin sehen. Ich werde sie, ihre Warmherzigkeit, vermissen.
PM ist gestern wieder abgefahren, muss heute arbeiten, fährt morgen nach Eisenach und kommt dann erst abends wieder her. Scheißfahrerei, auch immer mit Ängsten verbunden. Am 2. Weihnachtsfeiertag fährt er wieder zurück, um mit seinen Kindern zu feiern. Ich bleibe hier – die Kölner bleiben dieses Jahr ein bisschen länger, und das ist es, worauf ich mich schon die ganze Zeit freue.

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Ex und hopp

Samstag. Boris Palmer handelt, während andere lamentieren. Manchmal bin ich sehr stolz auf unseren OB. Diesmal also Verpackungsmüll. Um den zu bekämpfen – zum Beispiel 320 000 Einwegbecher, die in Deutschland pro Stunde zu Müll werden – bereitet er die Wegwerfsteuer vor:
„Im Januar kommt sie wieder in den Gemeinderat. Wir haben zwischenzeitlich auf Antrag der SPD ein Rechtsgutachten eingeholt, das erfreulicherweise voll und ganz bestätigt, dass die Stadt eine Steuer auf To-Go-Verpackungen wie Kaffeebecher und Pappteller erheben kann.“ (fb, 20.12.19)
Die Handelsverbände Südwest, Edeka, Rewe und die Schwarz-Gruppe hat er schon mal ins Boot geholt, um weitere Initiativen gegen den Müll durch Verpackung auf den Weg zu bringen. 2020 soll die neue Steuer beschlossen und in Kraft gesetzt werden: „Wer künftig 50 Cent für jeden Wegwerfbecher zahlen muss, nutzt sicher lieber den Recup oder andere Mehrwegbecher.“

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Schnelles Bier

Freitag. PM schleppt eine Kühlbox hoch und eine pralle Tasche, da ist alles drin, was wir für das Weihnachtsessen brauchen: 14 Scheiben Rindfleisch, Mett, Sauerkraut, Thüringer Klöße. Dazwischen Eisbeutel und Kühlelemente. Morgen wird er sich ans Kochen machen. Heute ist er platt, von der Woche, von der Fahrt im Regen. Da ist nur noch ein schnelles Bier bzw. Ouzo im Meze drin.
Gabriel umarmt seinen Freund, wie er PM nennt. An unserem Stammtisch unter schöner Weihnachtsdeko fangen wir wie auf Kommando alle drei an zu lamentieren: die viele Arbeit und warum immer mehr und … irgendwann merken wir was und lachen. Gabriel ist ein leidenschaftlicher Gastronom, PM ein leidenschaftlicher Chirurg, ich schreibe (und unterrichte) mit Leidenschaft. Jeden Tag entwerfen wir neue Ideen und bringen sie gelegentlich sogar auf den Weg. Wir sind wahrhaftig nicht zu bedauern.

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Essen und Geschenke

Mittwoch. Pizza essen in der Alten Kunst mit Kollegin M und Herrn B., der unser gemeinsamer Steuerberater ist. Mit dem ich ja schon so einiges durchlebt habe. So wundervoll das ist, mit Essengehen reicht es mir dann aber erstmal. Das Auswärts-Essen ist eine vorweihnachtliche Tradition, mit der man vieles abdecken, in Ordnung bringen, anregen kann. Jetzt bin ich angeregt genug für die nächsten Wochen und Monate.
Morgen Abend steht noch ein gemeinsames Essen mit unserer Quasi-WG an, und ich hoffe, dass sich auch diese Sache in Ordnung bringen lässt (die eigenen Anteile erkennen, die eigenen Grenzen benennen … fällt mir auch nicht immer leicht).
Meine operierte Hand tut scheißweh, viel mehr als vor der OP, sie lässt sich offenbar nicht so leicht in Ordnung bringen. Außerdem machen mir meine Augen Stress. Den eigenen Körper gelegentlich als Störfaktor wahrzunehmen statt als das pure Leben und Quelle der Inspiration, ist eine neue Erfahrung, die ich, die wahrscheinlich jeder irgendwann in der zweiten Lebenshälfte erst erlernen muss.
Im „Amt“ soll ich nächstes Halbjahr noch mehr Stunden übernehmen. Mehrere KollegInnen mit Burn Out und anderen chronischen Leiden reißen Löcher ins System. Je älter ich werde, desto mehr arbeite ich. Das ist unlogisch. Da fragt sich, wo mein Burn Out bleibt … wo ich ja sozusagen zwei Berufe habe, die immerzu und jeden Tag aufs Neue miteinander harmonisiert werden müssen, was nur mit viel Kreativität und Planungen und Disziplin gelingt. Vielleicht, weil ich keine Beamtin bin, Burn Out kann ich mir als Angestellte finanziell nicht leisten … Böse, böse Gedanken, die nichts bringen, die mich nicht weiterführen an diesem frühen Morgen, nachdem ich schon eine Seite an meinem neuen Buchprojekt geschrieben habe, und bevor ich noch zwei Klausuren korrigieren muss, um danach den täglichen Abflug ins „Amt“, in den Broterwerb, in die Welt hinzulegen.
Man braucht wenigstens einen Menschen, der an einen glaubt. Wenn der dann auch noch einer ist, der dir gefällt, der dein Herz und deinen Geist beflügelt, dann ist das ein großes Geschenk.
Dann schaffst du – vielleicht nicht alles, aber sehr viel …

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Vor Weihnachten

Samstag. Zwischen Korrekturen und Wohnungsputz heute ein Testessen eingeschoben. Fazit: PMs Rinderrouladen sind besser als meine. Er soll sie wieder machen, so wie letztes Jahr. Dafür ist meine Kürbissuppe gut geworden. Das meiste steht, tägliche Etappeneinkäufe, sich füllende Schränke … Geschenketechnisch weitgehend alles paletti. Bettentechnisch dieses Jahr erhöhnter Bedarf, weshalb Lisa ihr Zimmer über die Feiertage für die Kölner zur Verfügung stellen wird. Ich freue mich …
… auch über den schwarzen Grobstrick-Pullover mit Silberdruck von Patrizia Pepe, den ich schon mal vorweg trage …
Gerd Baltus ist gestorben. Gerne würde ich Nicht nur zur Weihnachtszeit mal wieder sehen … Der Film nach einer Erzählung von H. Böll und mit Baltus in der Hauptrolle hat mich als Kind einmal ziemlich verwirrt …
Anspannung allüberall: Atmosphärische Störungen zw. und mit meinen Mitbewohnerinnen … neue Erfahrung in Sachen Streitkultur …
Apropos: Der Deutschlandfunk hat mich für das Format „Streitkultur“ eingeladen. Spannendes Thema, das über die Thematik meines Buches hinausweist. Schöner Auftrag!

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Das Beste aus der Anstalt

Mittwoch. Jesus (Max Uthoff) sitzt beim Après-Ski, als ihn ein Anruf von Gott (Claus von Wagner) ereilt. Gott ist besorgt wegen der Berechnungen des Weltklimarats: „Die Menschen machen meine Schöpfung kaputt.“
Und schon ist „Jesus“ bei Thunberg, deren Mitstreitern er eifersüchtig „religiöse Züge“ – wieder einer der üblichen argumentationslosen Vorwürfe – unterstellt.
Solange es solche Formate im Öffentlich-Rechtlichen gibt, ist nichts zu spät …

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„Amts“-Geflüster

Ich habe die lustigste Schreibwerkstatt der Welt. Ich habe den besten JII-Kurs der Welt. Ich verstehe das Gejammer um die PISA-Studie nicht, nichts davon kann ich bestätigen. Es gibt so viele tolle Jugendliche, wach und sensibel und talentiert. Wie man die großartigen Klausurtexte (Korrekturmarathon letzte Nacht!) sammeln und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen könnte, damit sie nicht alle ungesehen, ungewürdigt in der Versenkung verschwinden?, darüber haben wir uns heute Gedanken gemacht. Schreibimpuls: „Stellt Gott sich den Menschen vor, oder stellen die Menschen sich ihren Gott vor?“ 22 Jungs und Mädels haben sich darauf eingelassen. Sie hatten Spaß, ihre Gedanken von der Leine zu lassen und einfach drauf los zu schreiben – wie eigentlich immer bei solchen freien und gleichzeitig fordernden Themen. Jetzt bin ich echt gespannt, welches Projekt sich daraus noch entwickelt …

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Tack Marie, tack för allt

Dienstag. Marie Fredriksson ist gestorben. Das macht mich sehr traurig. Die Roxette-Frontfrau war erst 61 Jahre alt. Seit 2002 ein Hirntumor bei ihr diagnostiziert wurde, war sie von der Krankheit gezeichnet, auch wenn sie sich zwischendurch erholte, Soloalben veröffentlichte und sogar noch zwei Alben mit ihrer Band machte.
Fredriksson war für mich eine Vorbildfrau. Sie hatte einen coolen Look, sah toll aus, zog ihr Ding durch. Ihre Lieder haben mir gute Laune gemacht, ich habe nach ihnen getanzt, sie auf CDs verschenkt und immer wieder gehört. Sie haben mich ein ganzes Stück meines Lebens begleitet. Ich schließe mich ihrem Bandkollegen Per Gessle  an: Danke, Marie. Danke für alles.

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Endlosschleife

Samstag. Die Schreibmaschine zu meiner Mutter gebracht. Mit unguten Gefühlen wieder zurückgefahren. Zum Glück war PM dabei … der dasselbe gerade in Eisenach hinter sich hat … 600 km in die eine, 400 km in die andere Richtung … wofür? Verbotene Fragen …

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