Klammheimlich

Donnerstag, Tübingen. Der Krieg bombt die Menschenrechte nicht in den Iran rein, und der Sohn des getöteten Ajatollah Chamenei wird sein Nachfolger. Ach du Scheiße, alles umsonst? Abends Schreibwerkstatt bei mir zuhause. Natürlich gehts hoch her wegen des Krieges im Iran. In Tübingen ist man sich einig, das Palituch hat Hochkonjunktur, und die Querfront Linke-Islamisten hat sich gemütlich eingerichtet. Trotzdem wird mich niemand dazu bringen, abfällig über Israel zu sprechen. Da halte ich es mit Ferdinand von Schirach und bin, aus historischen wie familiären Gründen, ganz einseitig und solidarisch. Denn seien wir ehrlich: Das „Nie wieder“ franst gerade ziemlich aus. Jüdische

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Freud und Leid

Donnerstag, Tübingen. Das Schönste sind die Stunden mit Baby Z. Baby Z. ist gar kein Baby mehr, sondern mittlerweile drei Jahre alt. Sie hat einen unerhörten Wortschatz und switcht mühelos von Deutsch zu Italienisch und zurück. Während mein lieber T. mit Bandscheibenvorfall flach liegt und die chronischen Schmerzen ihn zermürben, versuche ich zu helfen. Ich bin zu selten hier. Das muss ich ändern.

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Klarer Kurs

Mittwoch, Tübingen. Özi hat gewonnen, Hagel verloren. Womit, weshalb, warum? Özdemir „kann’s“, hält „Klaren Kurs in unruhigen Zeiten“, kennt sich mit Wirtschaft und Klima aus. Deshalb war er ja auch so ein großartiger Landwirtschaftsminister. Dass er für die Grünen steht, fällt in diesem rein strategischen Wahlkampf unter den Tisch. Bis auf die lemongrüne Schrift ist auf den Plakaten nichts grün. Ist wohl zu unbeliebt, seine Partei, aber Özdemir ist beliebt. Noch eine kleine Videoschnipsel-Schmutzkampagne gegen den unbedarften CDU-Kontrahenten in die Social-Media-Kanäle gespielt – Manuel Hagels Opa-Spruch vonwegen rehäugiger Schülerin, der fällt ihm jetzt, millionenfach geteilt, auf die Füße – und

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Zu Hause

Dienstag, Tübingen. Wer will denn in Wendlingen aussteigen? Der Mann vor mir, der hätte es fast verpennt und sprintet nach draußen. Wendlingens Kirchturm hat ein rotes Ziegeldach, das sieht man noch lange. Wer will in Nürtingen raus? Zwei Schülerinnen in schwarzem Kopftuch und schwarzen Mänteln laufen zum Ausgang, während sie telefonieren. Bempflingen, Metzingen … die meisten steigen gleich in Reutlingen aus. In Reutlingen konnte man früher einkaufen gehen, wenn man eine Hose brauchte, aber jetzt gibt es keine coolen Läden mehr. Jetzt ziehen Clans in langen Reihen durch die Innenstadt, sodass man ihnen ausweichen muss. Ich kenne niemanden, der noch

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Familie

Sonntag. Zwei Tage Bonn – Frühlingserwachen – Hochzeit – viele Tränen (komisch, ich habe noch nie auf einer Hochzeit geheult, mich bringen andere Sachen zum Weinen) – Glück – ein glückliches Paar – gute Wünsche und ganz viel Hoffnung – der Blick von außen – Splitter von familiären Abgründen (mehr will ich auch nicht sehen) – BussiHierUndBussiDa (Dankeschön, bin nicht dabei) – der eigenen Wahrnehmung trauen – Abgrenzung und Nähe – ganz schön anstrengend und anstrengend schön: Patchwork-Familiy. Ein gelungenes Fest und zwei überzeugende Protagonist*innen, die ich ins Herz geschlossen habe.

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Neuanfang

Dienstag. Noch eine neue Lerngruppe: Sie sind Ü20, möchten sich beruflich neu orientieren und kommen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. Und trotzdem erlebe ich wieder dieses Klima von Solidarität, von geschlossenem Raum, in dem jeder erzählen und schreiben und vorlesen kann, was ihn/sie umtreibt. Auf das kreative Schreibangebot reagieren sie überrascht und positiv. Zwei lassen in den sechs Vormittagsstunden geradezu göttliche Texte entstehen. Einer kommt nach vorn und sagt, er könne nicht schreiben. Warum nicht, frage ich, weil ich nicht gleich kapiere, dass er Schreiben nie gelernt hat, auch nicht die Schrift seiner Muttersprache. Die sechs Stunden sitzt er am Handy

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