Guten Morgen

Sonntag. PM schläft. Erschöpft von Arbeit und Verantwortung, kommt er hier an den Wochenenden zur Ruhe. Die strenge Wochenstruktur, an die ich mich inzwischen gewöhnt habe, tut mir auch gut. Gestern Abend Geburtstagsparty bei K. und H. mit Band im Wohnzimmer und Tanzen und Essen und freundlichen Menschen, die an PMs Schicksal teilnehmen und Zeit finden Fragen zu stellen. Fragen sind auf ganz unironische und unmittelbare Weise sexy. Uwe Bohm ist gestorben, der Darsteller mit den dunklen Augen im hellen Gesicht, die von abgründigen Verletzungen sprechen und nie von Fröhlichkeit, selbst wenn er lacht. 2009 habe ich ihn im Berliner

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Gewinnen

Donnerstag. Mit den Bildern von den Gräueltaten von Butscha sind die 27 Millionen durch die deutsche Wehrmacht getöteten Russen endgültig aus dem historischen Gedächtnis / Gewissen gelöscht. Ist ja auch schon verdammt lange her. Schluss mit der Zurückhaltung in der deutsch-russischen Beziehung, sie wird ab sofort als antiquiert gewertet. Entsprechende Uminterpretation erfährt das Konzept Wandel durch Annäherung, das von führenden Politikern plötzlich als fehlgeleitete Idee abgetan wird. Die völlig sinnlosen, brutalen Morde in Butscha beantwortet unsere Regierung mit noch mehr innenpolitischem Beschuss. Die meisten Deutschen befürworten das und haben ein gutes Gefühl dabei. Die neue Sehnsucht nach Aufrüstung ist auf

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Kehrseite

Montag. Der Krieg wird immer dreckiger. Grausame Bilder aus Butscha – einem Vorort von Kiew – gehen seit gestern um die Welt. Inzwischen sind 300.000 ukrainische Flüchtlinge in Deutschland angekommen. Auch im „Amt“ haben wir ab dieser Woche mehrere Kinder aus der Ukraine. Die Armen haben furchtbare Wochen hinter sich, kein Zuhause mehr, Ungewissheit über ihre im Krieg kämpfenden Väter und müssen noch dazu eine fremde Sprache lernen. Von ihren alten Schulen werden sie weiterhin im Fernunterricht beschult, wie lange noch, weiß niemand. Sie können sich sicher sein, dass hier alles für sie getan wird, damit sie und ihre Familien

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Zeitenwende interpretiert

Samstag. Mit seiner Zeitenwende-Rede hat Bundeskanzler Scholz dem alten Wort neue Bedeutung eingetrichtert: Zeitenwende heißt in seinem Kontext Aufrüstung. Pazifistische Modelle gelten als überholt in Zeiten, in denen unser Wirtschaftsminister einen tiefen Diener beim Emir von Katar hinlegt, dass man ihm an liebsten tröstend über den Kopf streicheln möchte ob dieses „realpolitisch notwendigen Schrittes“, und in denen unsere grüne Außenministerin die Lieferung von Kampfflugzeugen an eine Kriegspartei fordert. Selbige Außenministerin teilt am 18. März der staunenden deutschen Öffentlichkeit mit: Bei Fragen von Krieg und Frieden, bei Fragen von Recht und Unrecht kann kein Land, auch nicht Deutschland, neutral sein. Echt

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Depardieus Hintern

Mittwoch. Es langweilt mich, über die ab Montag geltenden Lockerungen der Corona-Regeln zu schreiben. Die Infektionen steigen weiterhin steil an, und Lockerungen zu diesem Zeitpunkt scheinen widersinnig. Andererseits sind die Erkrankungen längst nicht mehr so schlimm wie am Anfang, andere Länder wie die Schweiz oder Holland haben sämtliche C-Regelungen sogar komplett aufgehoben, ohne dass ihr Gesundheitssystem zusammenbricht. Die Menschen um mich herum sind in sehr gedrückter Stimmung. Es gibt zu viele schlechte Nachrichten und kaum gute. Mittlerweile suchen vier Millionen Geflüchtete aus der Ukraine eine Bleibe zum Überleben, die meisten davon Frauen mit ihren Kindern, während ihre Männer im Krieg

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GzP

Sonntag sehr früh. Ein besonderer Abend bei V. und U. im GzP / Gaststätte zum Pflug. Die beiden machen, dass ihre Gäste sich wohlfühlen. Das Ambiente: eine Mischung aus gutem Essen, guten Büchern (die überall rumstehen und -liegen), good feeling. U. von der Edition Epoca – ein Jammer, dass dieser besondere Verlag sich nicht halten konnte. Und V. kocht mit Liebe (ohne Kitsch und Schmus), so schmeckt es auch: einfach gut. Sie wechselt wöchentlich die Karte, sie macht alles selbst, die Lachsravioli … sogar das Pesto … Lange gequatscht, PM erzählt von seinem Buchprojekt und von der Flut, die ihm

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Regelwerk

Donnerstag. Die Sängerin Ronja Maltzahn darf bei einer Demo von Fridays for Future nicht auftreten: Wegen ihrer Frisur! Dreadlocks bei einer weißen Person seien Ausdruck von kultureller Aneignung, so die Begründung. Allerdings wenn sie sich die Haare abschneide, dürfe sie doch noch auftreten. Ja. Mein Opa wollte auch immer, dass mein Bruder sich die Haare abschneidet: Er sehe ja aus wie ein Gammler. Mit seiner Frise hat mein Bruder – und Millionen andere Männer auf der Welt – sich in den Augen meines Opas mit Outlaws verbrüdert, mit dem schmuddeligen Rand der Gesellschaft. Für einen Abiturienten mit Aussicht auf Studienplatz

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Widerstand

Mittwoch. „Wir sind einer der größten Waffenlieferer (sic!) in dieser Situation“, so die Außenministerin heute vor dem Bundestag, und: noch mehr Strela-Luftabwehrraketen seien auf dem Weg in die Ukraine. „Natürlich geht es mir auch bis an die Nieren“, gewährt Baerbock einen weiteren Einblick in ihre Deutsche-Sprache-schwere-Sprache-Abteilung mit Schwerpunkt Remix von zwei not mixable Redensarten. Wen nimmt sie mit auf ihre „grün feministische“ Waffenrasselreise? Mich als linke, umweltbewusste, feministische Bürgerin jedenfalls nicht. Zum Glück regt sich endlich Widerstand; 600 tolle Menschen aus Kultur, Kunst, Wissenschaft und Politik protestieren gegen die Aufrüstungspolitik der Bundesregierung, darunter auch die wunderbare Sarah-Lee Heinrich. Angeblich sind

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Pest oder Cholera

Montag. Wo können sich Visionen entwickeln, wenn Gedanken, Fragen nur noch hinter vorgehaltener Hand geflüstert werden? Natürlich ist es eine vollkommen berechtigte Frage, wieso Flüssiggas aus Katar besser als russisches Gas sein soll – besser im Sinne der Maßgaben einer wertebasierten Außenpolitik. Die Ölscheichtümer Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate sind für ihre schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen bekannt. Wie Amnesty International bekannt gab, wurden in Saudi Arabien allein in der vergangenen Woche bei der größten Massenhinrichtungsaktion seit Jahren 81 Menschen exekutiert – mehrere davon verurteilt wegen Teilnahme an regierungsfeindlichen Protesten. Nur im Februar 2022 flogen Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate

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