Mitverantwortung

Donnerstag. Dass sich der ukrainische und der russische Außenminister heute in der Türkei zu neuen Gesprächen treffen, macht mir doch ein wenig Hoffnung. Es bringt ja nichts, den einen zum hundertsten Mal als Schurken/Irren/Wahnsinnigen zu klassifizieren und den anderen als Helden. Die Menschen in der Ukraine leiden und sterben nun schon seit zwei Wochen, und nichts bewegt sich, im Gegenteil drehen beide Seiten unaufhörlich an der Spirale, was nur zu noch mehr menschlichem Leid führt. Die politische Riege in Berlin, Paris und London lenkt weiterhin von ihrer Mitverantwortung an diesem Krieg ab. Sie redet in rein militärischen Kategorien über Waffenlieferungen

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Pazifismus ade

Mittwoch. Ist der Pazifismus tot? War die deutsche Nazi-Vergangenheit uns immer nur ein Alibi, wieder in kriegerischen Kategorien zu denken / uns wieder militärisch zu engagieren? Darf man die militärische Aufrüstung befürworten, wenn man genau weiß, dass das eigene Leben nicht davon bedroht ist? Markiert der russische Krieg gegen die Ukraine einen Abschied von alten und vertrauten, gegenüber der Elterngeneration leidenschaftlich verteidigten – sprich, von internalisierten, persönlichkeitsbildenden – Werten? Ist Pazifismus nicht mehr zeitgemäß?  

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Keine Antworten

Dienstag. Russische Soldaten zerstören, wie man hört, ihre eigenen Waffen, weil sie diesen Krieg nicht führen wollen. Desperados aus der ganzen westlichen Welt ziehen als Söldner in die Ukraine. Offenbar ist der Widerstand viel größer erwartet. Das gesamte russische Militär soll sich jetzt in der Ukraine befinden, es gibt keine Reserven mehr. Die Verluste auf der russischen Seite sind zahlreicher als die der Ukraine. Wie groß ist der Kreis um Putin noch? Kann die Lösung bei der russischen Bevölkerung liegen? Die ist aber leider sehr schlecht informiert und steht angeblich zu großen Teilen hinter ihrer Regierung. Putin ist nicht mehr

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Russischer Zupfkuchen

Sonntag. Man hört viel von russischen Demonstrationen … und ihren brutalen Niederschlagungen … Vielleicht löst sich das Problem ja auf diese Weise von innen heraus … Die Antwort sind zunehmend diktatorische Maßnahmen gegenüber der russischen Bevölkerung: Demonstrant*innen werden verhaftet, soziale Plattformen gesperrt, Mediengesetze kurzfristig geändert und freie Rundfunksender geschlossen; auf der anderen Seite Selenskyjs Einheizen und unermüdliches Pochen auf Unterstützung von der NATO. Wir können wirklich froh sein, dass die NATO-Chefs klüger sind als so manche CDU-Politiker, die zum Glück in der Opposition sitzen. Das Feiern von Kriegshelden statt von Diplomaten … Keiner glaubt der anderen Seite mehr ein Wort.

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Nichts zu verlieren

Freitag. Russisches Militär zündelt an ukrainischem Atomkraftwerk. Auch Tschernobyl hat es schon eingenommen. Warum?, da lässt sich einiges ausmalen. Schlimmste Erinnerungen an 1986 werden wach. Ist das der Kriegsgang eines Präsidenten, der nichts mehr zu verlieren hat? Zu gewinnen sowieso nichts. Leider kann ich an den Erfolg von endlosen Sanktionen und internationaler Isolation ebenso wenig glauben wie an militärische Eskalation. Die Opfer sind schon zu zahlreich, für Verhandlungen scheint es zu spät. Momentan fehlt mir die Fantasie für ein irgendwie gutes Ende.

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Nächstes Kapitel

Donnerstag. Interview mit dem berühmten Wissenschaftsastronauten Ulf Merbold. Wunderbares Gespräch, auch abseits der Physik und Raumfahrt. Da er sich aus privaten Gründen sowieso in Tübingen aufhielt, fand das Treffen bei mir zuhause statt. In kürzester Zeit und ohne Navi fand er den Weg durch das Großbaustellenlabyrinth, das für die nächsten zwei Jahre ein Durchkommen durch unsere Stadt dramatisch verkompliziert. Aber wer in 90 Minuten um die Erde geflogen ist, lässt sich vom Tübinger Verkehrschaos nicht schrecken… Schlüsselbegriffe / Kernpunkt konnte ich schon während des Interviews ausmachen. Jetzt steht die spannende Arbeit am Text an. Danke, Danke, Danke, U.M.!

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Kriegsbeteiligung

Mittwoch. Ich habe das Gefühl, all die vormaligen Impf- und Virologieexpert*innen haben sich über Nacht zu Waffen- und Kriegsexpert*innen gewendet. Themawechsel, sozusagen. Aus ihren bequemen Sesseln geben sie Tipps für die Verteidigungslinie und jubeln den verzweifelten jungen Männern und Frauen zu, die vor laufender Kamera Molotowcocktails bauen, Tarnnetze knüpfen und Messer und Äxte vorzeigen, mit denen sie den russischen Soldaten die Hölle heiß zu machen gedenken. Lieber tot als rot, hat mein Opa gepredigt, ich fand das schon damals fragwürdig. Vielleicht leben diese jungen Held*innen nächste Woche nicht mehr, der Gedanke ist doch absolut unerträglich. Und erinnert fatal an die

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BeleidigteLeberwurstDemokratie

Es gibt wohl niemanden, der Putins Angriff auf die Ukraine rechtfertigt, niemanden, der nicht mit Bangen und Solidarität bei den Ukrainer*innen ist. Das ist so selbstverständlich, dass ich es nicht jedes Mal hören bzw. lesen muss. Es geht um die Art der Berichterstattung. Es geht, wie so oft bei wertebasierten Einschätzungen, um die Auswirkungen einer BeleidigteLeberwurstDemokratie als journalistische Grundhaltung: Wer falsch denkt, wird weggeschnitten. Russland, Aufrüstung … (um nur die aktuellsten Themen zu nennen) – Differenzierung unerwünscht, es existiert genau eine Meinung bei Tausenden von Journalist*innen. Augen zu, Finger in die Ohren – sie alle wissen, was sie zu sagen

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Auferstehung

Dienstag, Werne. Mama hat es sich anders überlegt. Nach fünf Tagen ohne Nahrung und Trinken ist sie wieder auferstanden. Zwei Gläser Apfelsaftschorle und eine Tasse Haferflockensuppe machen den Anfang. Achterbahn der Gefühle, vierte Runde … Ich fahre wieder nach Hause. Wie oft kann man zusammenkommen, um sich zu verabschieden, die wichtigen letzten Worte sagen und sich freuen, dass es wieder aufwärts geht? Manche Momente fast komisch.

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