Geschichten

Dienstag, B.N. Die besten Geschichten liegen auf der Straße. Da warten sie manchmal sehr, sehr lange, bis jemand sie abholt. Ich hole mir gerade so eine ab. Und bin vollkommen geflasht. Die Person, die zu dieser Geschichte gehört, führt mich in die dunkelste deutsche Vergangenheit, in eine fremde, abgeschlossene Parallelwelt. Die Person, die zu dieser Geschichte gehört, schenkt mir ihre Geschichte. Wie eine überdimensionale, uralte Kirschbaumvitrine mit einer schweren Marmorplatte, tiefen, klemmenden Schubladen und vielen kleinen Geheimfächern.

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Geile, absurde Idee

Habe ich heute Morgen gedacht, alles bleibt beim Alten (mit so einer gewissen Müdigkeit/Melancholie)? Um 11.30 Uhr ändert sich das mit einer einzigen Idee. Wir sitzen beim Frühstück und quatschen über die Weltbühne und deren plötzliches Ende, über Tucholsky, über Antisemitismus, über jüdische Identität, und da steht sie plötzlich im Raum, die Idee. Mit den Händen greifbar. Ich sage zu PM: Ich mach das jetzt. Sofort. Solche Sachen musst du umsetzen, solange du brennst! (Mit du meine ich mich.) Und PM? Guckt erst verdutzt hinter mir her – ich bin schon auf dem Weg in die Küche -, sagt: Ausgerechnet

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Kurt Tucholsky feiert Silvester

Was fange ich Silvester an? Diese Frage bewegte schon Teobald Tiger alias Kurt Tucholsky. Seine Antwort darauf – Ratlosigkeit, gefasst in ein Gedicht, das am 30.12.1920 in der Weltbühne veröffentlicht wurde. Silvester Was fange ich Silvester an? Geh ich in Frack und meinen kessen Blausanen Strümpfen zu dem Essen, Das Herr Generaldirektor gibt? Wo man heut nur beim Tanzen schiebt? Die Hausfrau dehnt sich wild im Sessel – Der Hausherr tut das sonst bei Dressel -, Das junge Volk verdrückt sich bald. Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt – Prost Neujahr! Ach, ich armer Mann! Was fange ich Silvester

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Den Zeitgeist ficken

„Der Zeitgeist fickt dich, wenn du nicht aufpasst. Du musst ihn erkennen, aber du darfst ihm keinesfalls die Hand reichen. Um in einer visuell überfüllten Welt durchzudringen, muss eine Nicht-Verabredung mit dem Zeitgeist stattfinden.“   Wolfgang Joop im FAZ-Interview: http://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/interview-mit-wolfgang-joop-lachen-ist-laecherlich-14589899.html?GEPC=s2

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Fieber und Arbeit

Freitag, B.N. Die Grippe, die erst PM und dann mich seit den Weihnachtsfeiertagen im Griff hat, bevor sie sich jetzt auch mal wieder verpissen könnte (PM: „3 Tage kommt sie, 3 Tage bleibt sie, 3 Tage geht sie!“) führt dazu, dass ich mich zu lahm fühle, um irgendwas Sinnvolles auf die Beine zu stellen. Vielleicht war es wieder mal zu viel. Aber es war das, was ich wollte. Wenn dann alle weg sind und das Fest vorbei, ist die Stille kaum zu ertragen. Und dann merkt man plötzlich: Oh, ich werde krank. Dabei wartet so viel Arbeit. Wenigstens habe ich

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Trash und Traum

Donnerstag, B.N. Kann nicht glauben, was ich gerade für einen Scheißfilm angeschaut habe – Splice – ein Genexperiment mit Adrien Brody … handelt von einem Wesen, das heimlich von einem Forscherehepaar erschafft worden ist aus teils tierischem Erbgut, teils menschlicher DNA, das von der Forscherin selbst stammt. Erst verführt das Wesen den Forscher, dann, nachdem es eigentlich tot ist, ersteht es als Mann wieder auf und vergewaltigt die Forscherin, die ja eigentlich sowas wie ihre Mutter ist, und tötet den Forscher. Am Ende scheint es, hat das Wesen die Forscherin geschwängert, denn als sie sich vom Schreibtisch erhebt, sieht man ihren

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Heute

Mittwoch, 28. Dezember, B.N. – heute vor drei Jahren ist PM vom Himmel gefallen. Hat an meiner Wohnungstür geklingelt, nachdem er – ach nee, das bleibt geheim. Wenn ich jetzt so darüber nachdenken möchte, was sich seitdem verändert hat, könnte ich es gar nicht alles aufzählen, so unzählbar viel und verästelt ist es. ICH jedenfalls hab mich verändert, weshalb ich heute von Kopf bis Fuß genau das angezogen habe, was ich damals anhatte, und erstaunlicherweise ist es immer noch okay und farblich sogar ganz witzig, worüber ich mich nur wundern kann, denn mir war nicht witzig zumute heute vor drei

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Vom selben Verein

Montag, B.N.  Was habe ich eigentlich gegen diese Bilanzfotos, die manche Leute alljährlich im großen Stil zu Weihnachten oder Neujahr verschicken? So peinlich berühren sie mich, dass ich sie meistens sofort wegwerfe. Üblicherweise sind vielköpfige Familien darauf abgebildet, um den letztjährigen Weihnachtsbaum gruppiert oder auch mal auf der sommerlichen Gartenterrasse. Was soll das sein? Familienaufstellung à la Hellinger? Gruppenbild mit Entscheidungsträger? Vor mir liegen zwei brandaktuelle Exemplare: Das erste zeigt ein Baby in albernem, rotem Weihnachtsmannkostüm. Letztes Jahr, daran erinnere ich mich, trug die gesamte, drei Generationen umfassende Herkunftsfamilie genau die gleichen roten Kostüme plus Knollnase im Gesicht. Die Leute

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