Intensive Zeiten

Sonntag. Sie kommen fast gleichzeitig, I. und G . und Dorle mit ihrer Schwester. Die Gemüseantipasti sind durchgezogen und angerichtet, die Schollenfilets schmoren noch im Ofen. PM hat vorher im Kaufland eingekauft, maximal schwieriger Supermarkt, den ich immer noch am liebsten meide. G. ist von der Chemo gezeichnet, ist aber guter Dinge und bei Kräften, wie man so sagt. Er und I. sind mit den Fahrrädern gekommen. Sie haben ein Buch mit grün-goldenem Einband – Die Krähe von Kader Abdolah -, zwei Flaschen Pinot Grigio und Herbstblumen aus dem Garten mitgebracht; und Hunger. Dorles Schwester lebt in Kanada, natürlich ist

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Inkompetenzkompensationskompetenz

Freitag. Wenn ich meine Zeit auf Fortbildungen vergeuden muss, auf denen irgendein Zampano seine Weisheiten schlecht verkauft, dafür aber einen großen Aufwand an bunten Zettelchen und Stiften und Magneten und wild bemalten Flipcharts und infantilen Worthülsen aus der Didaktik wie „Murmelrunde“, „Gruppenpuzzle“ oder „Experten-Rallye“ betreibt, dann fällt mir nur Marquards wunderbare Inkompetenzkompensationskompetenz ein.

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Aus S. wird J.

Mittwoch. T. hat eine neue Freundin. Jedenfalls als wir uns heute Abend in der Bavaria treffen, hat er eine dabei, die schon mal dabei war. Heißt das was? Schätze, ja. Er sagt nichts dazu. Sie heißt J., ist sehr hübsch und lustig, und wenn sie lacht, sieht sie aus wie eine Asiatin. Direkt als ich das denke, erzählt sie, dass sie im Nagelstudio mal von einem Manga-Mädchen auf japanisch angequatscht worden sei. Sie habe aber nichts verstanden. Was kein Wunder ist, da sie am Fuß der Wurmlinger Kapelle aufgewachsen ist und nie woanders gelebt hat. Es wird ein schöner Abend.

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Das Museum der Unschuld

Wie schade. Der Roman Das Museum der Unschuld von Orhan Pamuk ist das erste und wahrscheinlich auch letzte Buch, das ich von dem Autor lese. Oder sind seine anderen alle besser, und es war einfach nur ein schlechter Einstieg? Die Handlung zieht sich, und es entwickelt sich – nichts! Der dumpfbackige, den Traditionen verhaftete, sich nach außen westlich gebende, im Herzen gnadenlose Macho und Frauenverächter Kemal, Protagonist dieses Endloswerkes, bleibt Dumpfbacke bis zur letzten Seite. Mit jeder neuen Ungeheuerlichkeit wächst die Nervosität der Leserin ( hat das Buch auch Leser?). Zwei Fragen beschäftigen sie über die 570 Seiten: 1.) Wann kommt

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Den Arsch gepudert – Biermann vs. Snowden

Samstag. „Dichter findet klare Worte“, titeln die Dresdener Neue Nachrichten am 7. Oktober 2016 und können das – hoffentlich – nur ironisch gemeint haben. Denn der 79-jährige Liedermacher Biermann hat gegenüber dem RND (RedaktionsNetzwerk Deutschland) verlauten lassen, Snowden sei ein Feigling. „Ein Held wäre er, wenn er den Mut gehabt hätte, in der USA zu bleiben.“ Es sei tausend Mal besser, in der Demokratie im Gefängnis zu sitzen, „als sich in der Diktatur den Arsch pudern zu lassen“. Die unvollkommenste Demokratie sei tausend Mal besser als die vollkommenste Diktatur, meinte er in Anspielung auf Snowdens Exil in Russland. Dem RND sagte Biermann, dessen

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Schmerzen, Botoxlippen, NSU

Donnerstag. Mal wieder außer Gefecht gesetzt seit Montag, nach erneuter Zahn-OP: Nix sprechen, nix, lachen, nix essen. Nur mit dem Strohhälmchen Flüssiges schlürfen. Dass das so lange geht mit dem Heilen, du liebe Güte. Bedauerlicherweise ist der Kopf mit dem Schmerz dermaßen verdammt beschäftigt, dass auch nicht viel anderes geht. Dafür habe ich seit zwei Tagen Botoxlippen. Die Schwellung ist aus mir unbekannten Gründen von der Backe in den Mund gerutscht, ganz kostenfrei, das hatte ich jetzt also auch mal. Im Zug bloß niemanden ansehen, dass bloß niemand anfängt zu quatschen. Ahrweiler liegt im Dunkel, als ich ankomme. PM ist

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Das dicke Mädchen

Der Wald ist mir gar nicht geheuer. So dunkel, so schwarz und kein bisschen grün. Ist ja auch schon viel zu spät, um im Wald spazieren zu gehen. Ich gehe jetzt einfach nicht mehr weiter. Ich bleibe hier stehen. Hier an diesen dicken Baum gelehnt, an dem Harz herunterläuft und der so gut riecht. Sollen die mich mal schön suchen! Die suchen vielleicht schon. In der Tiefgarage. Auf der Straße. Hinter den Mülleimern. Dass ich so weit gelaufen bin, würden die gar nicht glauben. Nicht mal, wenn einer es ihnen sagen würde. Die wissen nichts. Die denken, ich bin zu

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Premiere

Sonntag. Das  Stück Party mit totem Neger (Zimmertheater Tübingen) hält leider nicht, was der reißerische Titel verspricht. Das Schlimmste, was im Theater, noch dazu auf einer Premiere, passieren kann: Der Zuschauer langweilt sich. Und hat den Gedanken: Genau so ein Stück habe ich schon drei oder vier Mal gesehen. Oder denkt: Ach ja, Kapitalismuskritik. Oder: Bei so viel Geschrei und Fotze-Ficken-Geschwurbel nichts als heiße Luft. Schade um die wirklich guten Schauspieler. Anschließend, beim Nachspülen im Ludwigs, haben wir das Stück schon komplett vergessen.

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An Eides Statt

Nie wieder einen, der mich klein macht und hält, der ignorant, arrogant, womöglich – igitt! – intrigant ist, der nicht loyal sein kann, der Intelligenz und Kreativität als Angriff auf seine eigenen Allmachtsfantasien begreift – mit solchen Typen bin ich für alle Ewigkeit durch!, spricht Susanne von meinem Balkon herunter in das Feuer der Abendsonne, und ich hol den Limoncello de Menton aus dem Schrank und, kling klong, bestätigen wir uns das jetzt mal gegenseitig, damit die Sache – the sun as our witness –  direkt eidmäßig rüberkommt. Und hier noch etwas Passendes von Marion Brasch: Eine Enttäuschung ist immer auch eine

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