Chaos

Montag, Werne. Sehr früh am Morgen mit dem Zug von BN zu meiner Mutter gefahren. Mutter nicht da, ihr Zimmer leer, Mutter ist im Krankenhaus. Mit der Überraschung haut es also nicht ganz hin. Aber wo liegt sie? Lässt sich aus den Akten nicht so einfach erschließen. Da steht nämlich was von Marienhospital. Das ortsansässige Krankenhaus heißt aber nicht Marienhospital. Sondern das in Lünen. Was stimmt nun? Der junge Pfleger hängt sich freundlicherweise ans Telefon. Die Zustände im Altenheim scheinen heute, milde ausgedrückt, chaotisch. Die Leiterin ist selber krank, wohl schon länger, ihre Vertretung in Urlaub. Wer will es ihr

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Der Typ von der Tanke

Samstag, Heimfahrt. Wenn der Typ von der Tankstelle, ungefähr fünfzehn Jahre jünger als du, deine holprige Frage nach Acqua frizzante mit Komplimenten und flirtigen Ansagen unterbricht und dich nach deiner Handynummer fragt und dich fragt, ob du verheiratet bist und sein Bedauern über den vermeintlichen Ehemann dahinten bei der Zapfsäule so gestenreich und dramaturgisch überzeugend zum Ausdruck bringt, wie das nur die Italiener fertigbringen, dann macht dir das, Feminismus hin oder her, sehr, sehr gute Laune. Der Tag sieht gleich mal perfekt aus. Kleid sitzt, Frisur o.k., und selbst der Acht-Kilometer-Stau vorm Gotthardtunnel kann dir gar nichts. Dein Stern hat heute

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Religiöser Wahn

Samstag, Mailand. Was würdest du machen, wenn ich jetzt auf einmal einen religiösen Wahn kriegen würde?, fragt mich PM im Mailänder Dom, gerade als wir Kerzen für unsere Lieben anzünden. Ich denke an die Zeltmissionen, zu denen ich als Jugendliche mit der CVJM-Gruppe hingepilgert bin, weil ich auf Ulrich Parzany stand, weil der immer so offen über Sex geredet hat, wenn sich aus dem Publikum einer traute, ihn was zu fragen, und ich frage mich gerade, was der heute macht und ob der noch lebt, und denke an die Männer und Frauen im fortgeschrittenen Alter, also über zwanzig, die sich

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Mailand Superlativ

Freitag, Mailand. In Mailand ist alles BIG! Du kommst aus dem Staunen nicht mehr raus. Der schönste Dom der Welt direkt gegenüber der luxuriösesten Shoppingmall, der liebreizendste Hotelpool der Welt mit Blick auf die himmelhöchsten, filigransten Domdachspitzen, die längste Einkaufsstraße und das bedeutendste Opernhaus der Welt, die stylischsten Dachrestaurants mit den aggressivsten Stechmücken der Welt, die besterhaltene Renaissancekirche mit Rundumfreskenbemalung (San Maurizio al Monastero Maggiore, geheimster Geheimtipp!) und das bekannteste Fresko der Welt, da Vincis Letztes Abendmahl, für das wir die einzigen noch zu habenden Tickets des Tages dank dem hilfsbereitesten Hotelportier aller Hotelportiers ergattern, was in dem Moment zweifelsfrei

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Toskanisches

Donnerstag, Italien on the Road. Pinien, die wie dunkle Schirme in der Landschaft stehen, Zypressen wie schwarze Ausrufezeichen vor dem Himmel am Saum einer Allee oder manchmal auch eines Friedhofes, Sonnenblumenfelder, Olivenhaine, Mais- und Weinplantagen, Tomaten, die beim Anfahren und Bremsen aus Lastwagen kollern, am Straßenrand das verschwenderische Magentarot des Oleanders, der landeinwärts in meterhohes Schilf übergeht, unerreichbar und in weiter Ferne die Dörfer, geschachtelte Kompositionen an den Berghängen oder on the Top mit einer wehrhaften Burg und immer schön um den unhinterfragten Mittelpunkt, die Kirche, angeordnet, was wäre die Toskana, was Italien ohne Kirchen, wir fahren über fast ausgetrocknete

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Borderline

Dienstag, Follonica. 20 Jahre lang mit einem Borderliner zusammen, da driftest du zeitweise selber vom Weg des Gesunden, Normalen ab. Genau so. Weil dir die Maßstäbe abhanden kommen. Was ist schon normal?, war seine Lieblingsfrage. Die mich todsicher und jedesmal wieder zur Verzweiflung brachte. Ja, das weiß der Borderliner nicht. Mit einer totalen, totalitären Selbstsicherheit macht er sehr häufig und in vielfacher Hinsicht sehr viele seltsame/nicht normale Dinge. Die Realität ist dem Borderliner keine feste Größe, sondern Knetmasse, die er nach seinem momentanen Interesse auseinanderzieht, zusammendrückt oder platt haut. Es gilt kein ethisches System, keine Verlässlichkeit, kein Versprechen. Keine Moral.

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Ferragosto

Montag, Follonica. Heute ist Feiertag in Italien, Ferragosto, und alle am Strand scheinen verrückt geworden zu sein. Sie schreien, singen, lassen Ballons fliegen, verteilen Obststückchen, fordern uns zum Mitspielen auf, quietschen und schreien noch lauter, schwenken Fahnen und rennen in Klamotten in den Nationalfarben herum. Alle meine mitgebrachten Bücher hab ich durch – zuletzt So ist es gewesen von Natalia Ginsburg, für mich immer noch eine der Größten. Jetzt muss ich auf PMs Lektüre zurückgreifen: Nichts ist je vergessen von Wendy Walker, Lesetipp der Frankfurter Rundschau. Eigentlich mag ich keine Krimis. Sie langweilen mich schnell, zielen auf meine Stimmung (auf meine Fremdbestimmung) ab,

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Angelika Schrobsdorffs Mutter

Sonntag, Follonica. Die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff ist ja nun gestorben, vor zwei Wochen, als ich gerade in Berlin war. Komisch, ich kannte sie gar nicht, sah mit H. und K. abends die RBB-Nachrichten, und da wurde ihr Tod bekannt gegeben. Am nächsten Tag schenkte K. mir Du bist nicht so wie andere Mütter (A. Schrobsdorff). Zuerst dachte ich, noch eine, der nichts Besseres einfällt, als über ihre Eltern zu schreiben (am besten garniert mit einer Demenzerkrankung, Sujet mit hoher Bestselleraffinität), doch seit ich das Buch auf der Rückfahrt von Berlin angefangen habe, lässt es mich nicht mehr los. Nun im Urlaub, wo ich endlich

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Italienische Reise – Pasta und Paläste

Samstag, Follonica. Drei Tage Gardasee/Desenzano (7.-10. August) braucht es, um sich überhaupt erst in den Urlaubsmodus einzufinden. Per Schiff fahren wir verschiedene Städte an. Mit Abstand die schönste finde ich Lazise. Die Häuser sind bis in den See reingebaut, direkt am Hafen steht das alte venezianische Zollhaus und daneben eine kleine romanische Kirche mit Fresken aus dem 12. Jh. Den Boden des unverhältnismäßig großen Marktplatzes ziert ein dekoratives Schachbrettmuster. Schöne Läden. Flippiges, khakifarbenes T-Shirt gekauft. Abends in Desenzano innovativ biologischdynamischneoitalienisch gegessen und reichlich ProSecco getrunken. Vorwärts, und nicht vergessen, sagt PM irgendwann. Haben wir auch gesungen, sage ich. Zum 1. Mai auf

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OrtsWechsel

Freitag. Jetzt also wieder Tübingen. Und dabei sitzt mir die Hauptstadt noch ganz schön im Nacken. Lässt sich nicht einfach so abschütteln. An allen Ecken und Enden produziert sie Gefühlsaufwallungen und weckt Phantasien mit ihrem historischen Overkill, mit ihren architektonischen Sensationen, mit ihren Menschenmassen und ihrem babylonischen Sprachengewirr, mit ihrer gierigen Präsenz, die dich verschluckt und schmatzend verdaut, was du geschehen lässt, weil du high bist von der Inanspruchnahme, weil sie dich keine Sekunde aus den Augen lässt, weil sie deine Ruhe stört. (Das letzte Mal, als ich in Berlin war, hab ich eine Horde von Pubertierenden eine Woche lang

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