Mittwoch. 98 scheint ein Alter zu sein, das den Mitgliedern meiner Familie mütterlicherseits zum Sterben geeignet scheint. Mein Großvater schlief wie jeden Tag mittags auf dem Sofa, auf der „Chaiselongue“, ein und wachte nicht mehr auf – er war 98. Er war ein friedlicher Mensch, und friedlich war sein Sterben. Meine Oma, die deutlich jünger war als er, lebte noch viele muntere Jahre allein, bis sie in das obere Stockwerk im Haus meiner Eltern umzog. Sie ging uns allen mächtig auf die Nerven. Sie müsse noch über so vieles nachdenken, behauptete sie, aber in Wirklichkeit musste sie noch so viele
WeiterlesenAutor: Juliane Vieregge
Sex und Ohrfeigen
Samstag, B.N. Gestern stellte mein Kollege R. mir ein Bein, als ich ziemlich nah an ihm vorüberlief. Ich stolperte, spürte eine aufschießende Wut und knallte ihm eine. Das war ein Reflex. R. war ziemlich verblüfft, aber er lachte. Ein bisschen. Er musste Haltung bewahren. Wahrscheinlich wusste er plötzlich wieder, dass sich Erwachsene kein Bein stellen. Außerdem stand seine aktuelle Affäre daneben und guckte zu. Mein Kollege R. kann sehr nett sein. Meistens ist er ein Arschloch. Er hat noch eine 25 Jahre alte Rechnung mit mir offen. Die wird auch nie beglichen werden. Ich habe sein eindeutiges Angebot abgelehnt, wie
WeiterlesenVon Karten und Achsen (Heimat IV)
Mittwoch. Die Rheinebene also*, abergläubische Reflexe durchzucken mein Gehirn, kann kein Zufall, kann kein Zufall, und sogar Sankt Augustin, dieses Mininest, ist deutlich zu erkennen, daneben Siegburg, Troisdorf – Namen, die ich vor einem Jahr nicht mal kannte, jetzt fahre ich alle zwei Wochen daran vorbei. Hier erscheinen sie unter dem Stichwort Landschaftsplanung: Sogenannte Siedlungs-, Gewerbe- und Verkehrsflächen sind rosa, sie sind in der Überzahl, Grün weist die Erhaltung eines bestehenden, vielfältigen Landschaftsteiles aus, Gelb markiert die Wiederherstellung eines geschädigten, vernachlässigten Landschaftsteiles, u.s.w. Weiter südlich käme irgendwann Bad Neuenahr. Das sagte mir vor einem Jahr auch noch nichts, und jetzt bin ich fast
WeiterlesenVon hässlichen Dingen
Dienstag. Mit Dorle eine halbe Flasche Fernet Branca geleert, das Leben diskutiert und speziell ihren Umzug nach Berlin. Sie will es tatsächlich tun. Sie will hier weg. Ihr aktuelles Argument: Die neue, sehr hässliche Eingangstür ihres Hauses: weißer Kunststoff, asymmetrische Glaseinsätze im Achtzigerjahre-Design. Die Tür passe eher in eine Neubausiedlung auf der Schwäbischen Alb als zu dem dunklen Tuffsteingebäude in der Südstadt. Dorle empfindet eine abgrundtiefe Abscheu vor dieser Tür. Und vor Sonja Faber-Schrecklein. Die war ihr vorletztes Argument. Nomen est omen, sagt Dorle und sagt auch, wenn sie Frau Faber-Schreckleins grelles Schwäbisch im Fernsehen hört, dann weiß sie, dass sie
WeiterlesenSeismische Ereignisse
Sonntag. Es kommt vor, dass du dein Herz schlagen fühlst, und du wartest noch einige Augenblicke, aber das nützt dir nichts. Du weißt genau, dass etwas passiert ist, das nicht wiedergutzumachen ist. Von da an ist das Ereignis eine seismische Welle, die lautlos bis in die untersten Erdschichten deiner Existenz hineinwirkt. Es kommt aber auch vor, dass dein Herzschlag aussetzt und dein Bewusstsein auf höchstem Level arbeitet, und du starrst da hin und willst den Augenblick hinausziehen, weil du intuitiv erkennst, dass gerade etwas mit dir geschieht, das alles gutmachen wird, ein stetiger Wind, der die Asche wegfegt und Blüten
WeiterlesenWirklichkeit kann einpacken
Samstag. In den alternativen Medien finden sich immer mehr Berichte von gefälschten Bildern, die in Nachrichtensendungen frechen Einsatz finden. (Und immer wieder dabei: ZDFs Heute-Journal.) Wie kann man diesen Dreck von sich fern halten? Alles abschalten – geht nicht, ich will ja Teil davon sein, will wissen! Ab sofort also immer nur noch mit hochkritisch eingeschaltetem Bewusstsein. Statt mit Vertauensvorschuss. BILD ist überall. Nur wenige Ausnahmen, die zuverlässig scheinen (die NachDenkSeiten. Das Blaue Bote Magazin. Telepolis/heise.de. Hintergrund.de. Netzfrauen. Die jüdische Allgemeine, Manchmal der Freitag). Das ist wahrlich ein deprimierendes Kapitel, Ende nicht absehbar. Im Gegenteil. Die Wirklichkeit kann mit Photoshop eigentlich einpacken.
WeiterlesenKontaminierte Bilder
Freitag. Wenn du ein ganzes und ein halbes Jahr lang betrogen wirst, und du erfährst es, dann sind alle Erinnerungen aus den Jahren davor vergiftet. Das ist so mit das Schlimmste daran. In meinem Fall sind es zwanzig Jahre meines Lebens. Ich weiß nicht, wie ich auf diese Jahre blicken soll. Ich weiß nicht, wie ich auf die blicken soll, die diese Jahre mit mit geteilt haben. Ich vermeide den Blick zurück. Die Bilder sind kontaminiert oder stehen in Flammen oder sind ausgelöscht. Der Protagonist meines alten Lebens hat das aus eigener, schlechter Erfahrung gewusst. Alles, was er in den eineinhalb
WeiterlesenFifty Shades of Grey – Experiment ohne Risiko
Mittwoch. Ist Sadomaso der Grund für den Erfolg von Fifty Shades of Grey? Der Erotikroman handelt von einem Sexperiment. Hat man sich erstmal auf das 600-Seiten-Brikett eingelassen, will man auch wissen, wie es ausgeht. Aber keine Sorge: Richtig gefährlich wird es nicht. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist die junge, unerfahrene Studentin Ana Steel richtig scharf auf einen Kerl. Ihren Mister Superman findet sie in dem reichen, universalkompetenten Sexexperten Christian Grey, und er bringt sie dazu, einen Vertrag zu unterschreiben: Drei Monate lang soll sie ihm als Sub, als Sexsklavin, zur Verfügung steht. E. L. James gibt sich wenig Mühe.
WeiterlesenGestern am Telefon
Dienstag. Ich unterstütze dich dabei, sagt PM.
WeiterlesenTast of Woodstock
Sonntag, B.N. Mit Tast of Woodstock gestern Abend in der Bonner Harmonie die guten alten Songs von Crosby, Still & Nash, Joni Mitchell u.v.a. genossen. Heute ist Recherchieren angesagt. PM kennt sich verdammt gut aus mit den alten Gruppen, Bandwechseln, Neugruppierungen und den gegenseitigen künstlerischen Beeinflussungen, die dann wieder zu neuen Bandgründungen geführt haben, bei einigen bis zum heutigen Tag. Es sind Leute wie CSN oder Mitchell oder Hendrix oder Farlow oder Joplin oder Cocker oder Jonny Winter oder Spencer Davis oder die Handvoll anderer anspruchsvoller und perfektionistischer Musiker, die wussten, wohin sie wollten. Die mit ihrer Musik und ihren
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