Dienstag, B.N. Schon wieder eine tote Zeugin im NSU-Fall, das lässt einen doch bestürzt und mit erheblichen Zweifeln an unserem Rechtsstaat zurück. Mich jedenfalls. Gestern wurde in den Nachrichten bekannt, dass die 20-Jährige überraschend gestorben sei. Sie hatte vor dem Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss zum Tod der in Heilbronn ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter ausgesagt. Die Sitzung war nichtöffentlich, weil die Zeugin sich bedroht gefühlt hatte. Nun ist sie tot. Genau wie ihr Exfreund Florian H., der 2013 ebenfalls unter rätselhaften Umständen gestorben ist. Auch er sollte zum Fall Kieswetter aussagen. Nach dem vorläufigen Obduktionsergebnis, so Polizei und Staatsanwaltschaft, sei die junge Frau,
WeiterlesenAutor: Juliane Vieregge
Vom Schreiben und Essen
Montag, B.N. Im Alter von zwei Jahren verbrachte ich ein Vierteljahr im Kinderkrankenhaus Hamm. Wenn ich nicht ins Krankenhaus gekommen wäre, wäre ich verhungert. Ich hatte eine frühkindliche Anorexie. Das heißt, ich hatte zu Essen aufgehört. Ich wollte nichts mehr essen. Ich wollte kein Essen mehr annehmen unter den gegebenen Umständen. Ich wollte aussteigen aus diesem Leben, wie es sich mir darbot. Als ich eingeliefert wurde, trösteten die Ärzte meine Eltern: Sie hätten ja noch zwei andere Kinder. Ich war abgemagert und blau im Gesicht. Das weiß ich von meinen Eltern, die es mir viel später erzählt haben. Das Erbrochene,
WeiterlesenDie Banalität des Bösen
Samstag, B.N. Letzte Woche wieder so ein Begegnungstermin mit meinem alten Leben. Was für ein Galama. Und im Nachhinein: Ein Wölkchen. Die Dinge, gerade die Dramatischsten, sind ja oft so was von banal.
WeiterlesenWas wir suchen …
Mittwoch. Was wir in einer menschlichen Beziehung suchen, sind Rückkopplung, Verbindung, Anregung, Ergänzung und begeistertes Publikum, sagt Mike. „Ich habe den himmlischsten Ehemann von allen!“, sagt Deeda Blair über ihren Mann, mit dem sie seit 1961 verheiratet ist. „Er gab mir unglaubliche Unabhängigkeit, meine Ziele zu verfolgen. Unabhängigkeit mit Applaus.“
Weiterlesen– und die kürzesten Antworten
1) Wieso hätte? 2) Supi Idee. 3) Na, aber hallo! 4) Sehr, sehr viel. Lohnt sich richtig! 5) Die Frage ist so daneben, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Lassen wir’s einfach. 6) Kannst du mir deinen empfehlen? 7) Welcher? 8) Kriege ich das? 9) Nein. 10) Offensichtlich.
WeiterlesenDie häufigsten Kommentare –
WENN DU JEMANDEM ERZÄHLST, DASS DU SCHREIBST: 1) Dafür hätte ich keine Zeit! 2) Ich schreibe auch. Tagebuch. Könnte ich direkt mal an einen Verlag schicken. 3) Hast du das alles selbst erlebt? 4) Was verdient man mit einem Buch? 5) Findest du, dass du so gut schreibst, dass du deine Manuskripte einschickst? 6) Hast du keinen besseren Verlag gefunden? 7) Und wie kommt dein Mann damit klar? 8) Schreibst du, um dein Leben auf die Reihe zu kriegen? 9) Ist ein Buch schreiben wie ein Kind gebären? 10) Musst du unbedingt über Sex schreiben?
WeiterlesenDas Schreiben für die Liebe opfern?
Schriftstellerinnen leben wie Kerzen, die von beiden Seiten abbrennen. Das Vorwort zu Stefan Bollmanns Buch Frauen, die schreiben, leben gefährlich (Elisabeth Sandmann Verlag, 2006), hat mich erst jetzt, via Facebook, erreicht. Eigentlich handelt es sich dabei um ein Essay, und geschrieben hat es Elke Heidenreich. Der Text hat mich tief bewegt. Und erschüttert. Ja, es ist alles wahr. Auch wenn es so pathetisch klingt: Frauen, die schreiben, haben es bis heute schwer. Sie müssen für ihre Kunst wirklich und mit hohem Einsatz kämpfen. Nichts wird ihnen geschenkt. Im Gegenteil. Dass du schreibst, erzähle (als Frau!) besser niemandem. Niemand hat Verständnis dafür.
Weiterlesen„Kopftuchurteil“ des Bundesverfassungsgerichts
Montag. Dem Positionspapier von TERRE DES FEMMES zum Kopftuchverbot in staatlichen Einrichtungen (s.u.) von 2006 ist nichts hinzuzufügen. Das aktuelle Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Aufhebung des Verbotes halte ich für ein Fehlurteil. Das Argument, die muslimischen Frauen trügen das Kopftuch freiwillig, ist m.E. irrelevant. Vielleicht gibt es tatsächlich Frauen, die das Unterdrückungssymbol aus freien Stücken tragen, so wie es ja immer wieder Beispiele von Unterdrückten gibt, die ihre eigene Unterdrückung akzeptieren. Die Geschichte ist voll davon. Wer seine Unterdrückung hinnimmt, geht kurzfristig vielleicht den leichteren Weg, gibt langfristig aber die Verantwortung an den Unterdrücker ab. Wer hinnimmt, dass die Hälfte der Menschen
WeiterlesenVom Essen und Trinken
Sonntag. Mit I. und G. in der Kelter versackt. Zu viele Prosecco und Swimmingpools getrunken. Heute Übelkeit und Kopfschmerzen. PM findet, die Kelter sei schon so etwas wie sein zweites Zuhause. Am Donnerstag Abend war ich dort mit T. und S. essen, aber die beiden fanden einfach nichts auf der Speisekarte. Das „Scherzelstück von der Kalbsschulter 24 Stunden auf Niedrigtemperatur gegart in mediterranen Aromen mit Gerstengraupenrisotto und weißem Speckschaum“ war ihnen ebenso suspekt wie das „Rosa gebratene Striploinsteak vom Dry Aged Beef mit Rotwein-Pfefferzwiebeln, gerösteten Artischocken und gefüllter Maispolenta“. Gerne hätte T. Ente genommen, aber doch keine „Entenbrust mit Honig und Koriander mit Walnuss-Wirsinggemüse, knusprigem
Weiterlesen(Vor)freuden
Samstag. Aufwachen, aufstehen, Kaffee trinken, vom Balkon in den Himmel gucken, den Vögeln zuhören, Wäsche einwerfen, das Kleid, das ich mir gestern bei Marbello gekauft habe (bunt, knackig eng, mit einem roten Bolerojäckchen, beides von FOX) einräumen und mich auf die erste Gelegenheit es zu tragen freuen, das T-Shirt aus dem Second Hand waschen und aufhängen (heute Abend in der Kelter?), Texte für den Wettbewerb ausdrucken, Einkaufsliste machen (PM heute, T. und S. morgen da), ein Lied auf YouTube suchen (Parlami d’amore Mariù by Tino Rossi), vergammelte Orangen entsorgen (scheint so, ich kaufe Obst nur, um es wegzuwerfen), dafür eine
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