Blickkontakt

Freitag. An der Kreuzung steht eine Frau mit total pinkfarbenen Haaren. Ihre Leggings sind türkis, und sie trägt einen bunten, bodenlangen Strickmantel. Ein Haarreif – ist er golden? – mit fingernagelgroßen Strasssteinen leuchtet wie eine Krone in der Sonne auf ihrem Haupt. Es ist noch früh am Morgen, als ich an ihr vorbeiradle, eine Arbeitstasche über der Schulter, eine weitere auf dem Gepäckträger. Sie sieht mich über die Schulter hinweg an. Sie trägt nichts bei sich. Sie bewegt sich nicht. Sie kneift ein Auge zu, während sie den Rauch ihrer Zigarette ausbläst. An ihrem Finger blinkt ein XXL-Ring. Hinter ihrem

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Sonnenallee

Samstag, B.N. Einen neuen Drink kreiert: Mezzomix (2/3) mit einem Doppelschuss Becherovka Original (1/3) auf Eis, Zitrone und Minze. Nicht direkt epochal, aber schmackhaft: Frisch, (nicht zu) süß und anregend. Ich taufe ihn „Sonnenallee“, weil er – eher zufällig – bei unserer Nostalgie-Häppchenparty mit PM’s Kindern und dem Film Sonnenallee entstanden ist.

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Im Himmel

Wirf deine Angst in die Luft (Rose Ausländer) Donnerstag. Ein Morgen wie flüssiges Gold. Draußen spielt das kalte Sonnenlicht mit der Wasseroberfläche des Pools. Hat den Liegestuhl noch nicht erreicht und lässt den lila Flieder beinahe weiß aussehen. Eine Fliege fällt unablässig herunter bei ihrem instinktgesteuerten Versuch, die Scheibe hinaufzukrabbeln, als gäbe es da oben was umsonst, dumpfes stumpfes Fliegenleben. Auf dem Küchenblock steht PM’s leere Tasse. Längst ist er bei seinen Patienten, doch zuvor hat er meine beiden Tassen mit meiner Spezialmischung aus Schokopulver, Honig und Nescafé gefüllt. Im Radio betreibt ein Theologe Gedankenwichserei über den Himmel und kommt

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Die Gärtnerin von Versailles

Sonntag. Den Abend gestern mit meinem Freund, Nachbarn und Kollegen W. verbracht. Zuerst die Karten im Kino Museum abgeholt, dann noch schnell ins Piccolo Sole d’Oro auf ein Glas sehr guten Weißwein. Langsam runtergekommen – „aah, schön hier, aaah, herrlich!“ – von der konzentrierten Arbeit tagsüber. Die Beine lang gemacht, ein bisschen Leute geguckt, auf dem Rückweg ins Kino die milde Luft genossen, die Beleuchtung im Zwielicht, und überall roch es so gut nach Essen und nach Parfum. Viele Menschen unterwegs. Mädchen in Dirndlkleidern, Jungs in Seppelhosen, das gesellschaftliche Rad scheint sich schwer zurückzudrehen (wie kann man so bescheuert rumlaufen!). Ein

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Guter Versuch

Freitag. Gestern Abend im LTT „Palmer – Zur Liebe verdammt fürs Schwabenland“ gesehen. Irres, völlig durchgeknalltes Stück über den Vater unseres Bürgermeisters Boris Palmer. Dargestellt wird er von gleich vier fastmenschengroßen Handpuppen. Hundert Minuten lang brüllen und toben alle Viere durcheinander und jedes zweite Wort ist Nazi! oder Arschloch! – eben wie der alte Palmer so war. Der könnte auch von fünf oder neun oder hundert Puppen dargestellt werden, weil er fünf- oder neun- oder hundertmal mehr Energie und Brüllvermögen gehabt hat als der Durchschnittsbürger. Die Figur des alten Palmer wird vom ersten Satz an von seiner jüdischen Abstammung her

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Einer meiner Vorgesetzten

Einer meiner Vorgesetzten kann nicht mit Leuten, die den Durchblick haben. Gestern hat er einen jungen, souveränen Typen, der obendrein gefährlich smart gekleidet war, gemobbt. Mit der vollkommen sinnfreien Anweisung, ein Formular noch einmal auszufüllen, weil der Andere über den Rand geschrieben habe (der Rand, die Vorgabe, die Grenze!), hat er ihn gedemütigt. Den handschriftlichen Text hat er anschließend sehr gründlich und mit verächtlich hochgezogenen Brauen nach Fehlern untersucht. Ausgerechnet er! Einer meiner Vorgesetzten hat seine Karriere auf dem zweiten Bildungsweg genommen. Das ist an sich nicht weiter erwähnenswert, doch er erwähnt es jedesmal, wenn er mit einem Fremdwort an seine

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Begegnung aus dem Nichts

Mittwoch. Eine K. Kaskeline hat sich bei mir gemeldet. Sie hat meinen Artikel „Auschwitz ist überall“ auf der Freitag-Seite gelesen, in dem ich den jüdischen Zweig meiner Familie recherchiert habe, die Kaskelines und ihre zum Teil recht prominenten Künstler-Mitglieder. In einem Kommentar zu meinem Artikel hat sie noch einige Ergänzungen hinzugefügt. U.a. behauptet sie, Friedrich Kaskeline sei auf dem jüdischen Friedhof in Weissensee begraben. Das glaube ich aber nicht. Nach familieninternen Informationen ist er „abgeholt worden“ und später im KZ umgebracht. Nach Quellenlage sind Todesursache und -ort unbekannt. Sie schreibt selbst, es sei lediglich eine These (Hoffnung?) ihrer Familie; man habe

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Freunde des Wortes

Montag. bin ich ein Rechtschreib-Nazi? Rechtschreibfehler, Kommafehler stechen mir ins Auge. Ich kann sie nicht nicht sehen. Steht da beispielsweise so ein wunderschöner, klarer Relativsatz, und dem fehlen vorn und hinten seine Kommata, dann stößt mir das auf, dann tut mir das weh, dann frage ich mich: Warum! Am schlimmsten ist es bei den sogenannten Freunden des Wortes: Schriftsteller*innen, Journalist*innen, Verlagsleute, diese Kategorie. Die Freunde des Wortes gehen nicht selten geringschätzig mit Wort und Syntax, mit Orthographie und Interpunktion um. Ich gebe zu, dass mich das wundert. Dass übrigens mit Doppel-S, und davor, vor dass mit Doppel-S, steht immer ein Komma, basta! Und bitte

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Bestimmung

Freitag. Auf den Rückenlehnen, den Sitzflächen wächst Moos. Da stehen sie im Regen und bringen Biotope auf kleinstem Raum hervor, auf Tropenraum, diese teuren Dinger aus meinem alten Leben, Tropenholz und Edelstahl, kein Rost, nirgends. Der Stahl hält, was er verspricht, doch das Holz ist unberechenbar, das wuchert und lebt, da tut sich was auf meinen Balkonmöbeln, die stehen im Regen und gedeihen. Weil niemand sie bürstet und schleift und lackiert und ihnen das wohl auch in Zukunft nicht vergönnt sein wird, fragt sich, was im Sommer wird, wenn die Sonne lockt und die Polster herausgeholt werden. Oder sind die

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